Home
Nominiert für den Grimme-Online-Award 2008
Lesesaal
FAZ.NET
Freitag, 08. Februar 2008
Seite weiterempfehlen

Empfehlen Sie den Lesesaal Freunden und Bekannten!

Bitte geben Sie den Sicherheitscode ein

absenden

Jürg Altwegg

Frage des Tages:

Handelt es sich bei Littells Buch noch um einen Roman oder eher um eine Montage von zeitgeschichtlichem Material?

Claude Lanzmann ("Shoa") hat Jonathan Littells historische Authentizität gelobt, aber das literarische Projekt mit einem Fragezeichen versehen: Henker sprechen nicht. Jorge Semprun sieht das anders: Littell habe seine Dokumentation zu einem "Roman aus Fleisch und Blut" verarbeitet. Sind "Die Wohlgesinnten" eine raffinierte Montage von zeitgeschichtlichem Material oder ein Roman? Oder ist beides möglich – und gibt es dafür in der Literaturgeschichte Vorbilder?

Beiträge

13.03.2008 | 11:15 Uhr

Rainer Schelkle: Originalität

Brecht schreibt in seiner Keunergeschichte von der "Originalität", wirklich originell seien nur die Schreiber, deren Bücher zu neun Zehnteln aus Zitaten bestehen. Littells Buch ist in vielen Teilen ein gelungener Beleg für diese These, so in der sich über zig Seiten hinziehenden Auseinandersetzung um die kaukasischen Bergjuden gegen Ende des zweiten Kapitels.

Exakter und gleichzeitig kunstvoller lassen sich die Absurdität, die Logik, die Kälte, die Beamtenkleinlichkeit, die Wirklichkeitsfeindlichkeit der Mörder kaum beschreiben als mit dieser Montage von "wissenschaftlichen" "Untersuchungen", denen der Autor uns seitenweise aussetzt.

Kommentare


08.02.2008 | 17:33 Uhr

Manfred Lubitz: Eindeutig ein Roman

Jeder Autor verarbeitet mehr oder weniger seine Recherchen zu einem Roman. Davon zu unterscheiden ist die Dokumentation, mit der wir es hier sicherlich nicht zu tun haben. Eine schöne Frage zu dem heutigen Text wäre vielleicht gewesen, inwieweit der einzelne Betroffene den Ansprachen seiner Vorgesetzten hätte entgegentreten oder sogar entgegen handeln müssen.

Oder ob die Involvierung der Wehrmacht in die Erschießungen wirklich so beiläufig abgelaufen ist, wie im Text dargestellt, " für Juden reichen zwei Gewehre". Der Autor versteht es gut, das langsame Hineinwachsen der Täter aus ihrem Kriegsdienst in das Morden von Zivilisten verständlich zu machen. Es wurden Partisanen im Hinterland durch Hinrichten gehindert, bevor sie ihre Taten gegen die Wehrmacht ausführen konnten. Den Juden wird einfach unterstellt, dass sie sabotieren wollen. Gefährlich!

Kommentare

09.02.2008 | 10:16 Uhr
Joachim Noack schreibt: Lieber Herr Lubitz

ganz unabhängig von dem uns alle beschäftigenden Thema, bitte erklären Sie mir eines:
Als ich Ihren Beitrag (positiv übrigens) kommentierte, war Ihr User-Name "Sahe", und unter diesem Namen sprach ich Sie an. Jetzt steht da plötzlich "Manfred Lubitz" - und derselbe Text.

Wie kann man in einem abgeschickten Beitrag im nachhinein den User-Namen ändern? Das ist ja fast Hokuspokus.
P. S. Ich bin sowiso der Meinung, man sollte hier mit seinem vollen Namen diskutieren und nicht mit Decknamen!

(Anm. der Redaktion: gemäß den FAZ.NET-Richtlinien wurde im Forum zur besseren Ansprache eine Umstellung auf die Real-Namen vorgenommen)


08.02.2008 | 18:18 Uhr
Joachim Noack schreibt: Lieber Herr oder Frau Sahe, oder, wie heißen Sie wirklich?

Sehr einverstanden mit Ihrem 2. Absatz! Mir gefällt besonders Ihre Bemerkung: "Der Autor versteht es gut, das langsame Hineinwachsen der Täter aus ihrem Kriegsdienst in das Morden von Zivilisten verständlich zu machen".

Bitte sehen Sie dazu auch meinen heutigen Beitrag. Wir sind auf die gleiche Textstelle gestoßen.



08.02.2008 | 15:29 Uhr

Jens Siebke: Fleisch und Blut ist nicht erkennbar,

bisher. Für mich hat die Erzählerfigur keine Konturen gewonnen und die Darstellung als Lebensbeichte wird mir von Folge zu Folge unglaubhafter, weil künstlicher (im Sinne von unnatürlich) wirkend.

Littell "häuft" noch nicht einmal Fakten an, er baut einige ein (und gewiß werden noch viele folgen,bei solchem Wälzer), aber - um ihn einmal mit einer unendlich dichten Montage, die schon wieder höchsten künstlerischen Rang besitzt, zu vergleichen: Kempowskis Echolot bietet mir erheblich mehr an Aufklärung, Teilnahme an zeitgenössischen Störmungen und Auseinandersetzung mit den Einflüssen von und auf die Mitmenschen. Zugleich aus Täter- und Opfersicht - das ganze Spektrum zwischen "Führer"rede und Schulaufsatz!

Und selbstredend gibt es Vorbilder für gelungene Verknüpfung von Dokumentation und Fiktion: ich sage nur Döblin (Wallenstein) und Uwe Johnson (Jahrestage); an deren Sprachvermögen kommt der Herr Littell (auch wenn wir ihn hier nur übersetzt vorfinden) auch nicht annähernd heran.

Kommentare


08.02.2008 | 14:47 Uhr

Joachim Noack: Zur Frage des heutigen Tages:

Beides, möchte ich sagen. Das hängt auch mit der kürzlich gestellten Frage zusammen, ob es sich hier um Dichtung oder Wahrheit handelt. Da kommt mir zu meiner Unterstützung das Gespräch mit Jorge Semprun, auch heute im Feulleton, gerade recht. Er sagt, Zitat: "Littell ERFINDET die Wahrheit. Und die Art und Weise, wie er es tut, ist großartig".

Ich greife ein kleines Detail aus der heutigen Lesefolge heraus: Generalfeldmarschall v. Reichenau bemerkt ganz kurz nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion zu der Einsatztruppe (zu der auch M. Aue gehört), Zitat: "Für einen Juden sind fünf Gewehre zu viel. ... Bei Frauen können Sie ein vollständiges Erschießungskommando nehmen". Ob v. Reichenau das nun wörtlich wirklich so gesagt hat, ist nicht wichtig. Wichtig ist, daß es damals Menschen (Nazis) gab (ist das Imperfekt hier richrig??), die über andere Menschen (Juden) so (!) dachten. DAS ist die furchtbare "Wahrheit".

Kommentare

09.02.2008 | 10:36 Uhr
Joachim Noack schreibt: Lieber Herr Ordonez

ich bin Naturwissenschaftler. Ihr erster Absatz stimmt nicht. Der Satz des Pythagoras beispielsweise ist keine Erfindung des Betrachters, den kann man beweisen. (Das konnten schon die alten Griechen.)

Ihrem 2. Absatz ist grundsätzlich nicht zu widersprechen, - nur, um bei unserem Roman-Thema zu bleiben, habe ich die (damaligen?) Nazis gemeint. Und das war/ist das Furchtbare. (Obwohl ich damals noch ein Kind war, ganz unbewußt habe ich das als Junge irgendwie mitbekommen.)


08.02.2008 | 22:33 Uhr
Hugo Ordonez schreibt: Solche Menschen gibt es immer noch

Das, was wir "Warheit" nennen, ist immer eine Erfindung des Betrachters, selbst in der Naturwissenschaften. Daß es damals Menschen gab, die über andere Menschen so dachten ist keine Erfindung. Solche Menschen gibt es immer noch und wird immer noch geben.

Das wirklich furchtbare ist, daß diese Menschen immer wieder an die Macht gelangen, und sich in der Lage versetzen, eigene ideologischen Vorurteilen gegenüber anderen Menschen durchzusetzen. Ein Überblick der heutigen Weltlage liefert die Beweise dafür!



08.02.2008 | 13:03 Uhr

Gregor Keuschnig: Lieber Herr Altwegg,

Natürlich gibt es für die Vermischung von Zeitgeschichte und Fiktion -zig Beispiele (mir fallen sofort die Geschichtsdramen von Schiller ein und Tolstoij). Problematisch wird das immer dann, wenn so getan wird, als haben diese fiktiven Personen einen Einfluss gehabt auf diese real existierenden Personen.

Weil in der heutigen Zeit das Vermögen zur Differenzierung bei vielen nicht mehr unbedingt ausgeprägt ist.
Die Sprache erinnert in seiner teilnahmslosen Kälte an Figuren aus Aleksandar Tismas Prosa (speziell "Kapo").
Ich habe den Eindruck, dem Buch soll eine gewisse Singularität zugesprochen werden, um von eventuellen stilitischen, literarischen oder gar historischen Fehlern abzulenken.

Kommentare


08.02.2008 | 12:09 Uhr

Philipp Lohse: Was ist Kunst?

Stellt man eine solche Frage, sollte man sich zuerst einmal klar werden darüber, was Literatur und hier ein Roman eigentlich ist und ausmacht. Literatur ist Kunst, keine Wissenschaft. Was ist nun hierbei unter dem Begriff Kunst zu verstehen?

Kunst ist immer fiktiv, kann keine Wahrheit sein (folgt man Popper, was ich auch tue, gibt es auch keine Wahrheiten - zumindest nicht für uns, wir können uns Ihnen nur annähern). Kunst ist Ästhetik, ist der Inhalt nicht schön, dann auf jeden Fall die Sprache. Verstehen wir einen Roman - welcher Art auch immer - nun als Kunst, kann die Rede von Montage nur noch im Bereich der Stilmittel geführt werden. Genau wie eine Collage ein Stilmittel eines grafischen Künstlers sein kann. Dies kann ich, soweit ich den Roman bisher lesen konnte, wahrlich nicht abstreiten, dieses Stilmittels bedient sich der Autor (was ist eigentlich ein Autor?) gewiss. Er passt eine fiktive Figur, eine fiktive Biographie in eine Annäherung zeitgeschichtlicher Wahrheiten.

Kommentare


Beitrag schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Registrieren Sie sich hier.

Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2008