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Dienstag, 12. Februar 2008
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Patrick Bahners

Frage des Tages:

"Die Wohlgesinnten" - Wie ist der Titel von Jonathan Littells Roman zu verstehen?

Warum beschwört der Romantitel die Eumeniden, die Rachegöttinnen der griechischen Mythologie? Um sie zu verhöhnen? Soll die Machtlosigkeit aller Instanzen demonstriert werden, die nach dem Holocaust noch für Gerechtigkeit auf Erden sorgen wollen? Der Kult der Eumeniden geht auf einen Akt der Umbenennung zurück: Gerade weil sie es böse mit den Übeltätern meinen, werden sie unter dem Namen der Wohlmeinenden angerufen. Ist mit diesem Abwehrzauber das Verfahren des Romans charakterisiert? Oder gewinnt der Titel im Verlauf der Romanerzählung eine Wahrheit jenseits des Euphemismus? So deutete Hegel die Eumeniden des Aischylos: "Unsere gewöhnliche Vorstellung von Furien, zu denen wir sie umwandeln, ist roh und barbarisch."

Beiträge

20.02.2008 | 11:56 Uhr

Horst Gothus: Der Tod der Mutter - Rache der Eumeniden?

Aue besucht seine Mutter in Antibes. Er hasst sie und wirft ihr vor, seinen Vater verlassen und zu einem Franzosen gezogen zu sein. In der zweiten Nacht des zweitägigen Besuches werden seine Mutter und sein Stiefvater ermordet.

Die Umstände dieses Mordes bleiben ungeklärt. Auch die wiederholten Vernehmungen durch zwei Kriminalbeamte führen zu keinem Beweis, sind aber für Aue dramatisch.
Ich fragte mich immer wieder vergeblich nach den Umständen dieses Todes und durchforschte dazu mehrfach den Abschnitt über die kritische Nacht. Ganz am Ende des Buches tötet Aue seinen einzigen Freund und mehrfachen Retter - scheinbar ohne jeglichen Grund. Und dann ist er sehr traurig.
Erst jetzt begann ich zu begreifen, dass Aue auch in Antibes der Rache der Eumeniden zum Opfer fiel. Oder habe ich das falsch verstanden?

Kommentare


12.02.2008 | 23:08 Uhr

Sacha Jung: Meinung

Hallo Herr Beckmann,
ich möchte mich für Ihre "historische Fürsorge" bedanken.
Da ich 1970 geboren bin, wäre es kaum zu verzeihen, wenn ich erst durch diesen Roman an das Thema gelangen würde.

Wir brauchen Sie, um uns an das Thema zu führen; wir möchten aber für uns auch die Freiheit beanspruchen, es verantwortungsvoll und in einer gewissen Distanz erarbeiten zu dürfen.
Ich bin der Meinung, daß ich mir zum Bespiel die Frage stellen dürfte, ob die Panzerkolonne, die im heutigen Auszug an Aue vorbeifuhr aus Panzern Typ III bestand, ohne gleich als faschistoid zu gelten.
Als eine Freundin vor Jahren einmal die Runen auf dem Buchrücken von Egon Kogon "SS-Staat" in meinem Bücherregal entdeckte und mich daraufhin als Faschist bezeichnete; wurde mir bewusst, wie blockiert wir jungen Leute in diesem Thema sein können.
Sacha (m.) Jung

Kommentare

13.02.2008 | 10:46 Uhr
Jörg Beckmann schreibt: Lieber Sacha (m) Jung,

in "historischer Fürsorge" möchte ich nun gerade nicht ausarten. Mir ging es nur um meinen eigenen Ausstieg einerseits und einer Erklärung für Ihre andere Haltung.

Im übrigen habe ich für Ihr Interesse am Panzer Typ III schon deshalb großes Verständnis, weil ich - mals als Pimpf - wie fast alle meiner Altersgenossen - kleiner Experten in Sachen Militär war.
Ich habe mich sogar jahrelang dafür rechtfertigen müssen, dass ich sehr genau wusste, wer Mölders, Guderian, Rommel, ja auch wer Rudel war. Ob allerdings ausgerechnet dieser Roman von Littel für das Verhalten dieser Herren wirklich Erklärungen bietet, wage ich zu bezweifeln, der Romanheld Aue ist eben doch ein - meinetwegen intelligenter - Massenmörder, meine "Helden" damals waren Soldaten.



12.02.2008 | 22:13 Uhr

Heinz Dieter Chiba: Littell stellt die richtige Frage

Er fragt, inwieweit wir alle mitmachen würden? Da gab es kein ausweichen, wenn man 1.9.39 gerade erwachsen wurde. statt Studium kam ein Staatsbrief, der uns in die Wehrmacht brachte. 10 Millionen graue Uniformen, 1 Millionen SS nach 6 Jahren Krieg.

Ich werde es mir nicht so leicht machen, sagen, ich hätte alles ganz anders gemacht. Der Zeitgeist hat damals in ganz Europa bestimmt. Man kann nur ausweichen, wenn die Lage es einen erlaubt. Wie soll man ausweichen, wenn man schon vor der Grube steht, wo die Toten liegen?

Kommentare


12.02.2008 | 14:51 Uhr

Joachim Noack: Lieber Herr Brandstädter:

sehr einverstanden mit Ihrem 3. Absatz. Richtig(!), und es ist was dran an der These von der "Gnade der späten Geburt". Bitte sehen Sie hierzu auch meinen Kommentar zu den Expertenkommentaren (Kiesel) vom 11.02.08.

Vielleicht können Sie freundlicherweise hier auf meine Frage eingehen, denn sie bezieht sich genau auf den von Ihnen angemerkten Gedanken. Über eine Antwort würde ich mich freuen
Gruß J. Noack

Kommentare

12.02.2008 | 18:40 Uhr
David Brandstädter schreibt: Hallo Herr Noack,

vielen Dank für ihre Antwort und den Verweis auf die Gedanken von Herrn Kiesel. Auch ich kannte die Biographie von Professor Schwerte/Schneider nicht und war ergriffen.
Nun habe ich mir kurze Gedanken zu unserer These der "Gnade der späten Geburt" gemacht.

Wenn man den Gedanken konsequent weiterführt, kommt man schnell auf eine "historische Austauschbarkeit". Wir wissen es eben heute lediglich besser als ein Max Aue - worin sollten denn unsere Argumente überhaupt gründen, nicht genau so gehandelt zu haben?
Es ist doch aber irgendwie auch versöhnlich, dass diese "Austauschbarkeit" existiert! Im Fall Max Aue zwar im Negativbeispiel, aber zeigt nicht selbst dieser Fall die Gemeinsamkeiten und Verknüpfungen der Menschen, unabhängig vom Zeitpunkt ihrer Existenz?
Zurück zu Ihrer Frage: Man muss, denke ich, sehr weit gehen um Einen zu finden, der NICHT so gehandelt hätte wie Aue. Weit im Sinne, eine Moral zu finden, die solches Handeln auch ohne Vorwissen verurteilen würde.



12.02.2008 | 14:16 Uhr

alfred anders: gesinnt gesonnen meinend oder wollend

"Les Bienveillantes"... Eumeniden... Französisch, Griechisch, Deutsch - welches auch immer...
Bevor zu dieser Titelübersetzung Äußerungen auf Holzwege führen, sollte erst einmal die Gewissenhaftigkeit der Übersetzung beleuchtet werden. Wohlgesinnt - Wohlgesonnen, Wohlmeinend oder Wohlwollend: jedenfalls liegen auch beim Übersetzen, Lesen, Kommentieren zwischen Gutgemeint und gut gekonnt Abgründe, in denen die Rachegöttinen zuhause sind.

Kommentare


12.02.2008 | 09:02 Uhr

David Brandstädter: Weshalb in die Mythologie flüchten?

Sind "Die Wohlgesinnten" nicht auch wir, die Leser, die Verurteiler Charaktere wie Aue?

"Ihr habt vielleicht mehr Glück gehabt als ich, doch ihr seid nicht besser. Denn solltet ihr so vermessen sein, euch dafür zu halten, seid ihr bereits in Gefahr."

Nach der Lektüre der bisher veröffentlichten Seiten überkommt schleichend das Gefühl der Akzeptanz für Aue; schlichtweg dadurch, dass das einzige, was uns von ihm Unterscheidet, jenes Glück ist in einem Land und in einer Zeit geboren zu sein, wo niemand kommt, um unsere Frau und unsere Kinder zu töten.
Die Steigerung der Akzeptanz wäre das Wohlsinnen - wir werden sehen, wohin der Roman führen wird.

Kommentare

12.02.2008 | 22:19 Uhr
Jörg Beckmann schreibt: Meinung überprüfen

Liebe Sascha Jung,
wenn ich hier vom Aussteigen schreibe, dann meine ich natürlich "nur" einen Austieg aus Littels Buch, nicht jedoch aus dem Thema.

Wenn Sie andrerseits gerade durch dieses Buch erst zum Thema kommen, begrüße ich das selbstverständlich sehr.
Ich finde Ihr Argument - gerade für eine junge Generation - jedenfalls so interessant, dass ich meine Meinung auch nochmal überprüfen werde.


12.02.2008 | 21:16 Uhr
Sacha Jung schreibt: Wir dürfen nicht aussteigen!

Sehr geehrter Herr Beckmann,
besonders wir jüngeren Leser dürfen uns nicht mit den historischen "K.O. Begriffen" wie Ausschwitz, Eichmann, Stalingrad " bremsen lassen.

Die jüngere Generation erliegt leider zu gerne einem "verknoppten" Geschichtsbild, daß sich aus sonntagabendlichen TV-Dokumentationen speist.
Wenn bei Ausschwitz, Eichmann und Stalingrad schon Schluß sein soll; dann werden wir nie von Wanniza, der Heeresgruppe Mitte und den Trawniki erfahren.
Ich bin gespannt

Sacha Jung










12.02.2008 | 21:15 Uhr
Jörg Beckmann schreibt: Nein! Nein! Nein!

Das ist es ja gerade, David Brandtstätter, was ich befürchte: Dass wir allmählich, weil wir Glück gehabt haben nun diesen Aue auch noch bemitleiden: Welch ein grausames Schicksal, an der Ermordung Wehrloser beteiligt gewesen zu sein....Das hätte auch uns passieren können!

Wirklich?
Ich habe als Sohn eines Polizeioffiziers 1940/41 sozusagen als Besatzungskind in Polen gelebt. Meine erste große Liebe (als kleiner Junge) war ein blonde, liebe, blauäugige Jüdin, die beim Polizeichef als Dienstmädchen arbeitete.
Meine Eltern haben mir erst Jahrzehnte später mitgeteilt, dass auch sie "abtransportiert" worden sei.
Was ich sagen will: Auch meinen Eltern, die, soweit ich weiß, kein Täter waren, gebührt das Mitleid, in dieser Zeit dabeigewesen zu sein, doch was ist anschließende grausame Flucht und Vertreibung (die auch ich mitmachte ) gegen das, was die Juden erlitten.
Und jetzt soll ich etwa Mitleid mit diesem Romanhelden und Massenmörder Aue empfinden...? Nein, Nein, Nein!


12.02.2008 | 16:25 Uhr
Joachim Noack schreibt: Hinweis für Herrn Brandstädter

mein Kommentar zu Ihrem hiesigen Beitrag ist hier in die linke Spalte (über Ihrem Beitrag) gerutscht. Bitte sehen Sie dort. Er war für Sie gedacht.


12.02.2008 | 15:06 Uhr
Jörg Beckmann schreibt: Ich steige auch aus!

Gerade die Verbindung dieses Titels: "Die 'Wohlgesinnten" in Verbindung mit dem, was ich bisher gelesen habe bringt auch mich dazu:
"Ich steige aus!"

Ist ja lehrreich, dass der Titel aus der griechichsen Mythologie kommt, ich befürchte jedoch, ja bin mir fast gewiss, dass hier ein neuer Helden-Mythos für alle jene Schreibtischtäter der SS entsteht, die ja nur das Beste gewollt haben: "Die Wohlgesinnten".
Hinzu kommt eine - aus meiner Sicht - papierne Sprache, der man auf Strich und Zeile anmerkt, dass hier einer versucht aus bitterer, grausamer Historie
einen Roman zu fabrizieren.
Vielleicht sind wir älteren Deutschen auch zu sehr, falls es uns je berührt hat, mit diesem Thema beschäftigt gewesen, um da noch Neues zu erfahren.
Spätestens seit Eichman wissen wir doch, was das für Typen waren, die bei Littel zu den "Wohlgesinnten" umfabuliert werden.


12.02.2008 | 11:01 Uhr
Eckart Haerter schreibt: Ich steige aus

Die ersten beiden Folgen fand ich sehr gut und vielversprechend. Seit heute glaube ich nicht, dass ich den Roman weiterlesen werde. Ich bezweifle auch immer mehr, dass die Romanform, besonders die des Trivialromans, dem Thema angemessen ist.

Das, was geschehen ist, war kein Roman. Ich habe Originalbriefe von einem Häftling in Auschwitz gesehen und in der Hand gehabt. Mit amtlichem Aufdruck: "Der Schutzhäftling darf...", mit Poststempel auf der Hitler-Briefmarke, Zensurstempel vom "K.L. Auschwitz". Alles ganz normal, Verwaltungsroutine. Unaufgeregt, professionell. Jeder Briefträger konnte das sehen. Irgendwann erhielt dann die Ehefrau des Häftlings die schriftliche Nachricht, dass ihr Ehemann "hier unbekannt" sei, sie möge sich an die Zentralstelle der Juden in Berlin wenden. Diese Dokumente deutscher Behördennormalität im 3. Reich sind elementar erschütternd. Sie befinden sich heute im Jüdischen Museum zu Berlin.



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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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