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Frage des Tages:

Gibt es Gründe, warum die literarische Gestaltung der SS-Greuel gerade jetzt ein Erfolg ist?

Hätte dieses Buch auch vor zehn Jahren in Deutschland erscheinen können? Was ist passiert, dass der salopp-fiktive Umgang mit SS-Verbrechen, Hitler usw. ausgerechnet jetzt solch eine Konjunktur erfährt in der Literatur? Eine Leserfrage von Hannes Meix.

Beiträge

15.02.2008 | 14:13 Uhr

Adrien Rist:

Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass die Tätergeneration sozusagen "ausgestorben" ist. Eine ganze Lesergeneration, die mit den Verbrechen der Nazi-Zeit nur in Geschichtsbüchern konfrontiert wurde, sehnt sich nach einer realistischen, dennoch lebendigen Darstellung eines Geschehens, dass sie sich nicht erklären kann.

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14.02.2008 | 12:01 Uhr

Manfred Lubitz: Der Möglichkeit der Veröffentlichung

des Buches von Littell in Deutschland beruht darauf, dass dieses Buch zuerst in Frankreich erschien, von einem in Frankreich lebenden Amerikaner jüdischer Abstammung geschrieben wurde und in Frankreich Erfolg hatte.

Hätte ein deutscher Autor versucht diesen Inhalt bei einem deutschen Verlag anzubringen, wäre er wohl abgelehnt worden. Ich denke auch, dass die Veröffentlichung richtig ist. Wir in Deutschland haben schon einen eingeengten Blick auf den Zweiten Weltkrieg mit seinen Gräueltaten. Ich erfahre aus dem Roman doch einiges, was mir bisher so nicht bekannt war, und denke, dass es vielen so geht wie mir. Ich finde sehr übel, die Aufhetzungen anderer zur Judenverfolgung.

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14.02.2008 | 07:03 Uhr

Jens Siebke: falsche Frage

Eine Frage, welche eine seltsame Prämisse voraussetzt: womöglich verkaufte sich das Buch in Frankreich einfach wegen seines reißerischen Inhaltes, nicht aber wegen "literarischer Gestaltung" so gut?

Ob sich der Schinken in Deutschland ebenfalls hoher Zahlen erfreuen wird, dürfte noch unklar sein - meiner Meinung nach spielt dann aber auch hier die literarische Qualität keine erhebliche Rolle: das Gros der Zuschriften hier im Forum erschöpft sich in Betroffenheit hinsichtlich der Inhalte, kaum jedoch wird der Blick auf die Sprache und/oder die Form gelenkt.
Zum Sprachlichen tritt naturgemäß das Problem der Übersetzung hinzu: diese scheint kein großer Wurf zu sein; evtl. liegen die vielen Unbeholfenheiten aber schon im Original vor? Anreden, wörtliche Rede überhaupt, massenweise Konstrukte mit "fast" (dieses fällt geradezu schmerzhaft ins Auge) - alles dies ist schwach.
Die Form - Zeichennot!
- Ich lese nur den Vorabdruck nur noch von Littell angeödet weiter, das Buch will ich nicht!

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14.02.2008 | 22:30 Uhr
Heinz Dieter Chiba schreibt: Form wie Musik, einer so, der andere so

Lieber Herr Siebke, danke für Ihre Einschätzung zur Form o. Stilistik i. Littells Sprache u. i. d. dt. Übersetzung. Ich gestehe, Sie haben schon Recht Form zu schätzen, nur finde ich es bleibt ewig ein Streitpunkt.

Schon vor 40 Jahren an der Uni sprachen wir über Form u. Form. Hat nichts gebracht. Mann schreibt so, Luther so, Bernhard so. Fast (hier mein Satz mit "fast") jeder 2. Bürger schätzt "Form" anders.
Was Littell betrifft, werde ich es auf frz. u. auf dt. lesen. Das Englische wird die trockenste Lektüre werden u. anyway, not translated as of yet. Was ich bis jetzt Dank FAZ hier lese, gefällt mir u. fasziniert. Das Thema ist mir so viel mehr wert als das Medium, dieses Mal schon. Littell hat sich bemüht. Er schreibt auf frz. als Amerikaner in Barcelona. Ich bin auch froh, dass "Les Bienveillantes" schon auf dt. existieren. Es wird uns allen helfen, ein wenig zu lernen. Und es gibt zu lernen, viel ...



13.02.2008 | 23:52 Uhr

Vanessa de Senarclens: Das Böse ist keine Abstraktion

Schon der erste Satz des Epos, "Ihr Menschenbrüder…", trifft den Nerv der Diskussion in Frankreich und jetzt in Deutschland: Das Böse ist in uns Deutschen, Franzosen, uns "zivilisierten" Europäern.

Das Böse ist weder eine Abstraktion noch wird es verübt von ausserirdischen, a priori unverständlichen Personen. Vielmehr entsteht und entwickelt es sich in Kontexten, die man verstehen kann. Dieses Verstehen ist nicht allein das Feld der Historiker sondern auch das der Schriftsteller. Und Littell hat hier sein grosses Verdienst: Wenngleich die Figur des Maximilian Aue mit seiner Omnipräsenz auf allen Schauplätzen selbst historisch unwahrscheinlich ist, ist sie literarisch gelungen.
Manche Kritiker haben versucht, das Fesselnde des Buches zu diskreditieren; es bereite vor allem Gaffern und Sensationslustigen grosse Freude. Bezeichnungen wie "Naziporno" sind gefallen. Ich glaube hingegen, dass das Buch gelesen wird, um zu verstehen "wie es geschehen ist".

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13.02.2008 | 15:42 Uhr

Heinz Dieter Chiba: kommunzieren ohne Notar u. Rechtsanwaltdeutsch

Bestimmt wird Littells Roman einen Durchbruch erreichen. Genau wie Spielbergs Film u. die Shoah Serie im Fernsehen ein sehr breites Publikum erreichten. Auch diese Filme waren fiktive Dokumente. Die Schauspieler u. Zeugen in den Filmen lernten u. sprachen ihre Texte, die vielleicht nie gesprochen waren.

Trotzdem, man braucht nicht immer nur sterile Akten u. verstaubte Dokumente von der puren Perspektive des eingefrorenen Rechtsanwalts u. sein typisches Bürokratendeutsch studieren, um Kriegsverbrechen zu beschreiben.
Littells Roman lässt uns noch einmal darüber nachdenken, wie hätte es anders sein können. Z.B., wie hätte die Wehrmacht Massenmorde (Lemberg, Kap. 10 Video) der Bolschewiken u. Kommunisten aufhalten sollen? Da Littell 5 Jahre selber für seinen Roman geforscht hat, werden wir auch sicherlich von seiner Perspektive Neues erfahren.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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