13.02.2008 | 23:52 Uhr
Vanessa de Senarclens: Das Böse ist keine Abstraktion
Schon der erste Satz des Epos, "Ihr Menschenbrüder…", trifft den Nerv der Diskussion in Frankreich und jetzt in Deutschland: Das Böse ist in uns Deutschen, Franzosen, uns "zivilisierten" Europäern.
Das Böse ist weder eine Abstraktion noch wird es verübt von ausserirdischen, a priori unverständlichen Personen. Vielmehr entsteht und entwickelt es sich in Kontexten, die man verstehen kann. Dieses Verstehen ist nicht allein das Feld der Historiker sondern auch das der Schriftsteller. Und Littell hat hier sein grosses Verdienst: Wenngleich die Figur des Maximilian Aue mit seiner Omnipräsenz auf allen Schauplätzen selbst historisch unwahrscheinlich ist, ist sie literarisch gelungen.
Manche Kritiker haben versucht, das Fesselnde des Buches zu diskreditieren; es bereite vor allem Gaffern und Sensationslustigen grosse Freude. Bezeichnungen wie "Naziporno" sind gefallen. Ich glaube hingegen, dass das Buch gelesen wird, um zu verstehen "wie es geschehen ist".