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Lorenz Jäger

Frage des Tages:

Hilters Opfer, Stalins Opfer - Relativiert Littell deutsche Täterschuld?

Max Aue wird in Lemberg Zeuge eines Pogroms ukrainischer Nationalisten an der jüdischen Bevölkerung. Vorhergegangen war die Entdeckung von mehreren hundert Opfern der sowjetischen Staatsorgane, hingemordet und im Stadtgefängnis zurückgelassen. Später, weiter im Osten, stößt eine Einsatzgruppe, die Massengräber für Juden ausheben lassen will, auf frische Massengräber von NKWD-Opfern. Relativiert Littell damit deutsche Täterschuld?

Beiträge

23.02.2008 | 17:48 Uhr

peter drews: Was denn nun: Enzigartig oder wiederholbar?

"Ihr könnt euch einfach nicht entscheiden! Das ist es, was oft so nervt. Einerseits legt ihr stets Wert darauf, wie einzigartig und unvergleichlich die Verbrechen damals waren, aber entwertet sie gleichzeitig mit eurer Scheißangst, es könnte jederzeit wieder passieren. Das ist Verharmlosung, das relativiert alles. Denn entweder war es einzigartig oder es kann jederzeit wieder passieren. Beides geht nicht. Und wenn du mich fragst: Dann lieber einzigartig." Hans Waal, Die Nachhut

Kommentare

29.02.2008 | 07:34 Uhr
Hajo Stork schreibt: Keine Verharmlosung

Einzigartig heißt nicht, dass etwas nicht wiederholbar wäre. Einzigartig ist ein retrospektiv verwendeter Begriff und bedeutet: In der Geschichte gab es bisher kein durch radikale Umsetzung von Ideologie in die Praxis erzeugtes Verbrechen, das diesem in Perfidie, Ausmaß, bösartiger Motivation, fabrikmäßiger Organisationsstruktur und maschinenmäßiger Konsequenz gleichkommt.

Alles Einzigartige ist nur so lange einzigartig, bis es sich wiederholt. Leider habe ich keinen Zweifel, dass es auf dieser Welt Menschen gibt, die genügend kriminelle Energie besitzen, das bisher Einzigartige wiederholen oder gar noch übertreffen zu wollen. Glücklicherweise fehlen ihnen bisher die Mittel dazu.





18.02.2008 | 19:35 Uhr

Manfred Lubitz: Gut, dass die Frage gestellt wird

Sobald Fragen des Holocaust diskutiert werden und der Hinweis kommt, andere hätten auch Juden umgebracht, wird in Deutschland die Diskussion unsachlich. Man verweist sofort auf eine unzulässige Relativierung.

Dabei kann bei diesen Massenmorden nie eine Relativierung möglich sein. Wie soll ein begangener Mord durch einen anderen Mord relativiert oder sogar entschuldigt werden können. Mord bleibt Mord und meistens gibt es für verschiedene Morde auch ganz unterschiedliche Motive.
Lasst uns sachlich sein und dieses Relativierungsargument vergessen. Wichtig ist es, jeder Propaganda oder Gehirnwäsche durch die Politik zu widerstehen und sie frühzeitig im Keim zu ersticken.

Kommentare

24.02.2008 | 10:03 Uhr
Hajo Stork schreibt: Besondere Schwere der Schuld

Ist das "Mord gleich Mord" nicht gerade ein Relativierungsargument? Wäre Mord tatsächlich gleich Mord, dann machte solch ein gerichtliches Instrument wie die "Feststellung der Schwere der Schuld" keinen Sinn.

Bei der Relativierung geht es doch gerade darum, daß auch "die anderen" gemordet haben oder morden. Dieser Hinweis dient dazu, die eigenen Verbrechen als habituelles menschliches Verhalten darzustellen und damit weniger schlimm aussehen zu lassen und von der besonderen Schwere der eigenen Schuld abzulenken.
Aber es ist nun mal ein Unterschied zwischen den Verantwortlichen und den Ausführenden eines Systems ausgeklügelter Fließbandmorde und mehr oder weniger affektiven Mördern. Die besondere Schwere der deutschen Schuld läßt sich nicht wegdiskutieren. Man sollte das gar nicht erst versuchen.


19.02.2008 | 14:46 Uhr
Joachim Noack schreibt: Bravo, Herr Lubitz,

bin ganz Ihrer Meinung. Sehr oft bin auch ich schon dieser "unzulässigen Relativierung" begegnet.

Nur, - in diesem Forum erreicht man längst nicht alle, die gegen den Holocaust die Verbrechen "der Anderen" auf-, bzw. gegenrechnen wollen.
Eigentlich müßte ich Ihnen die (leider unrealistische) Bitte stellen, Sie mögen doch Ihren Kommentar in der Bild-Zeitung, oder ("gängigeren") Tageszeitungen abdrucken lassen.....



18.02.2008 | 16:32 Uhr

Thomas Berger: Um Walther Rathenau zu zitieren:

"Nur vergleichende Urteile haben einen Wahrheitswert. Denken heißt vergleichen."
Aus: Auf dem Fechtboden des Geistes, hrsg. v. Karl. G. Walther, Wiesbaden 1953, S. 32.

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18.02.2008 | 21:11 Uhr
volker m. rollfink schreibt: Katyn und Auschwitz

Die Ausführungen von F.-R. Hausmann, Katyn sei nicht mitt Auschwitz aufzurechnen, erscheinen wenig hilfreich. Dass die beiden unsäglichen Verbrechen einen Zusammenhang haben, kann nicht bestritten werden.

Auschwitz wird dadurch nicht relativiert. Bei Hinweisen auf diesen Zusammenhang erscheint allerdings Sorgfalt angebracht. Die lässt Herr Hausmann vermissen, wenn er Goebbels in diesem Zusammenhang einen "Ansatz von Schuldbewusstsein" unterstellt. Denn Goebbels hatte wie die SS-Führung und Max Aue nicht nur einen "Ansatz"von Schuldbewusstsein", sondern volles, uneingeschränktes Verantwortungs- und Schuldbewusstsein. Die wussten genau was sie taten.



18.02.2008 | 15:15 Uhr

Heinz Dieter Chiba: Die Zeugen der anderen auch lesen, aus Respekt

Jahrgang 42 lernte ich, die ersten 10, sogar 20 Jahre von dt. Schuld u. Verbrechen, besonderrs seitens dt. Medien, so wie die des Auslandes. Später las ich Joachim Hoffmann, alles von Solschenitzyn u. letztes Jahr W. Schalamows "Durch den Schnee" (M&Seitz,Berlin).

Man muss suchen über Kriegverbrechen anderswo zu lernen, denn auch beim Holocaust werden Schattenseiten betont, andere weniger. Deutschland, ohne Zweifel, schreibt über eigene Schuld ausführlich, seit 1945. Andere Länder, besonders, die unter (bis vor kurzem) dem totalitären Kommunismus, haben Schuld seit 1945 verheimlicht.

Littell, kein Deutscher, kein Kommunist, kennt keine nationalen o. politi. Schuldgrenzen - Betroffene dieser Länder auch nicht, sondern die polit. Machtpole o. beauftragten Propaganisten, die Schuld u. Verbrechen über Jahrzehnte deformierten u. verschwinden liessen. Beste Zeugen dieser Verheimlichungen: Solschenitzyn u. Schalamow, deren Geschichte Massenmorde ohne Hitler u. ohne SS detaillieren...

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18.02.2008 | 15:09 Uhr

Andreas Reimer: Dessavouierende Frage

Aus meiner persönlichen Sicht gibt es eine Lehre aus der totalitären Zeit: Wenig trennt den Menschen von der Mordmaschine. Diese Frage der FAZ-Redax zeigt zweierlei auf:
- Ein Mangel an Diskussionsstoff zum Buch
- Den Mangel an Faschismusdurchdringung [von wem auch immer]

Jeder, der den Faschismus verstanden hat, braucht weder Littels Buch zu lesen, noch sich über die Relativierung aufregen.

Natürlich[!] kann das überall und jederzeit durch jedes Volk an jeder Gruppe wieder geschehen. Natürlich ist nichts Besonderes an den Nazi-Verbrechen. Das ist, was wir anderen Völkern voraus haben sollten: Verstanden zu haben, warum und wie ganze Gesellschaften jederzeit zu Mordmaschinen werden können.

Wer Nazis [oder wen auch immer] zu irrationalen Monstren stilisiert, der hat nichts verstanden, der kann nie ein weiteres Auftreten der Ereignisse verhindern.

Ich bin über viele Wortmeldungen hier sehr enttäuscht, sie zeigen, daß die Mechnismen nicht verstanden wurden.

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18.02.2008 | 17:10 Uhr
Sacha Jung schreibt: Was ist "Faschismusdurchdringung"?

Sehr geehrter Herr Reimer,
ich verstehe den Begriff "Faschismusdurchdringung" nicht.
Warum so harte Worte, wenn man Interesse an dem Thema hat? Fängt das abgedroschene "währet den Anfängen" hier schon im FAZ-Leserforum an?

Wieso soll den immer alles gleich Faschismus sein?
Ich zum Beispiel will doch wo ganz anders hin; der Roman soll ein Katalysator sein, neue Diskussionen anregen.
Was ist denn so schlimm daran, daß Littell auf einer halben Seite die damalige kulturelle Vielfalt Lembergs darstellt?
Natürlich weiß jeder von uns, dass sie zerstört wurde; aber warum das nicht nochmal "anders" erzählen?
Sind Sie immer noch komplett "zu", was das Thema betrifft? Oder habe ich Ihren Beitrag falsch verstanden?
Sacha Jung



18.02.2008 | 11:24 Uhr

Sacha Jung: Relativierte Täterschuld

Wenn Ihre Frage als Textbearbeitung zu verstehen ist, sage ich: Soll er doch ruhig relativieren, es handelt sich ja schliesslich "nur" um eine Figur in einem Roman. Der Autor hat hier seine Freiheit.

Die Motivation der jeweiligen Massenmorde war völlig verschieden - auch wenn bei den "Bolschewisten" neben den politischen, sicher ethnische, religöse und auch persönliche Komponenten eine Rolle gespielt haben - ist der Massenmord der Nazis sicher "einige Level fieser".

Mit den Begriffen wie "Untermensch" wurde das Morden ja noch sogar entmenschlicht.

Ich löse mich vom Relativieren und "ackere" seit etwa einem Jahr den Rußlandfeldzug durch und bin bisher gerade mal bis Rostow gekommen und habe mich noch nicht mal im Detail mit Greuel und SS-Einsatzgruppen auseinander gesetzt!
Ich bin jung, ich darf es zum Glück sagen: Man kann Nemmersdorf, Katyn oder die Exzesse des NKDW erwähnen, aber es irgendwie in Relation zu diskutieren ist abstrus.







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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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