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Mittwoch, 20. Februar 2008
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Hubert Spiegel

Frage des Tages:

Der morbide Reiz des Terrors - Warum wird der Nationalsozialismus in der Kunst so oft sexualisiert?

Max Aue beschreibt ausführlich seine homosexuellen Aktivitäten, auch die inzestuöse Beziehung zu seiner Zwillingsschwester. Der "schwule Nazi" – ein Gemeinplatz in der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus? Oder muss man noch weitergehen, etwa an Pasolinis Film "Salo oder die 120 Tage von Sodom" denken, und fragen: Gibt es überhaupt eine künstlerische Darstellung von Nationalsozialismus und Faschismus, die ohne krasse Sexualisierung auskommt?

Beiträge

21.02.2008 | 20:25 Uhr

Hajo Stork: Scheinbare Sexualisierung

In Wirklichkeit ist die angebliche Sexualisierung des Nationalsozialismus ein Schritt in Richtung Realismus – nichts anderes als der Versuch, die übliche Entsexualisierung zu konterkarieren.

Die Mischung aus Gewalt und Sexualität, die im Nationalsozialismus auf vielen Ebenen sichtbar wird, wird allzugern verdrängt. Selbst der schlimmste verbrecherische Schmutz ist für manche isoliert immer noch leichter zu ertragen als bestimmte Formen der Sexualität. Wenn jedoch beides zusammenkommt ...

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21.02.2008 | 05:23 Uhr

Jana Pagana: Nur Maenner koennen diese Frage beantworten

Zum Glueck ist es der FAZ ja gelungen, ein rein maennliches Expertenforum einzuberufen. Da besteht vielleicht Hoffnung, dass wir eine Antwort finden werden auf die Frage nach der "krassen Sexualisierung" des Nationalsozialismus "in der Kunst":

Littell haelt seinem Leser einen Spiegel vor eben diese: Was wir darin sehen, zumal wenn wir Experten sind, ist das eigentlich Interessante. Denn Sie wollen doch, im Ernst, nicht sagen, es gaebe in Deutschland zu diesem Thema keine Expertinnen. Falls Ihnen keine einfaellt, geben wir Leser gern Empfehlungen, welche Frauen Ihnen auf die Spruenge helfen koennten.

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20.02.2008 | 21:57 Uhr

Ralf Wewerke: Zufall oder dem Publikum geschuldet?

Es ist doch erstaunlich, dass das Schwulsein so gerne in irgend welche Ecken gestellt wird. So auch in diesem literarischen Stück von einigem Gewicht, schließlich umfasst es sogar mehr als tausend Seiten. Wie interessant, ein schwuler SS-Mann.

Und anstatt über das Schwulsein an sich zu diskutieren, wird gern darüber fabuliert, warum der Protagonist schwul ist. Vielleicht war es ein schreiberischer Zufall? Schließlich gibt und gab es Schwule in allen Lebensbereichen. Die sexuelle Orientierung entscheidet grausamerweise nicht über das, was einen Menschen im Übrigen ausmacht. Warum auch? Also ein schreiberischer Zufall? Oder doch dem Publikum geschuldet, welches einem schwulen Nazi lieber nachspürt als einen anders orientierten, wobei das Anders dann das so genannte Normale wäre? Vielleicht sollte der Roman als das genommen werden, als das er erscheint, als eine Versuchsanordnung. Es wird nicht das Leben eines Aue nacherzählt, es wird versucht, den Nationalsozialismus zu verstehen.

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23.02.2008 | 17:17 Uhr
Horst Gothus schreibt: Homosexualität ist hier eine Nebensache

"Der homosexuelle SS-Mann Dr. Aue .." ist fast schon eine allgemein benutzte Schablone.
Dass Aue homosexuell ist, wird auf den 1000 Seiten des Buches aber nur in höchstens fünf Szenen deutlich und - mit Ausnahme der Tiergarten-Szene - in jeweils höchsten fünf Sätzen ausgebreitet.

Für den Gesamtzusammenhang spielt das an keiner Stelle irgend eine Rolle. Dass ausgerechnet dies so vielen Rezensenten und Lesern als wichtig erscheint, lässt eher auf diese als auf das Buch schließen.


22.02.2008 | 21:06 Uhr
Franziska Müller schreibt: Ein Paradox

Es geht doch bei der Homosexualität des Protagonisten nicht um das tatsächliche Schwulsein und schon gar nicht darum, dass ein schwuler Mann grausamer ist oder sein kann als ein heterosexueller.

Das Schwulsein markiert Max Aue als einen Außenseiter in einer Gesellschaft, die vor Homophobie geradezu schreit. Das heißt, die Homosexualität eröffnet ein Paradox: der, der selbst zu den Geächteten (bekennende Homosexuelle wurden schließlich auch in Kzs deportiert) gehört, arbeitet in und für ein menschenverachtendes System. Alles, was Aue tut, wird somit nicht nur vom menschlichen Standpunkt aus nicht nachvollziehbar, sondern auch noch von seinem ganz persönlichen.



20.02.2008 | 20:56 Uhr

Hein Osenberg: Es geht auch ohne Sex

Es gibt eine ganze Reihe von Autoren, die ohne krasse Darstellung von Sex auskommen. Dazu fallen mir für die Opferperspektive George Semprun (der immerhin eine sehr eindrucksvolle Brücke zu Goethe schlägt), Louis Begley, Imre Kertesz, Siegfried Lenz, Ernst von Salomon ein.

Für die Täter fallen mir Kipphardt und Hochhuth ein.
Für beide Sichten gibt es viel mehr, die ich nicht kenne. Die Stärke ist, dass sie versuchen, ohne das Hilfsmittel Sexualtität zu einer Darstellung der Situation zu kommen, die letztlich authentischer ist.

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22.02.2008 | 21:08 Uhr
Franziska Müller schreibt: Siehe Nietzsche:

Sex und Gewalt, Demütigung und Sadismus gehören zusammen, weil sie eine besondere Form der Machtausübung demonstrieren. Daher die Sexualisierung des Nationalsozialismus.


21.02.2008 | 20:26 Uhr
Hajo Stork schreibt: Warum

Was ist so schlimm am Sex? Mir wäre lieber, es ginge auch ohne Gewalt.



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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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