Karsten Garscha: Die Frage läßt sich nicht beantworten
Abstrakt lässt sich diese Frage nicht beantworten. Auch Semprún weiß nicht, ob irgendwer in 50 Jahren Littells Roman noch kennt.
Geschichtsschreibung und Erzählung rivalisieren und interferieren seit den Unterscheidungen, die Aristoteles im 9. Kapitel seiner Poetik trifft. Hayden White hat darauf aufmerksam gemacht, dass auch Historiker Erzähler sind. Abgesehen von einer Thematik, die Leser zu fesseln vermag, kommt es bei Historikern wie bei Romanciers darauf an, dass sie ihren Text überzeugend strukturieren und ihm eine adäquate sprachliche Form geben. Dabei spielt sicherlich auch das alte Postulat der Wahrscheinlichkeit eine nicht geringe Rolle.
Littell ist zu sehr von seinen Obsessionen getrieben, als dass er einen so ungeheuren Stoff bewältigen könnte. Ein totaler Roman über den Holocaust und den zweiten Weltkrieg als lineare Ich-Erzählung ist nach meiner Überzeugung zum Scheitern verurteilt. Und Littells Roman liefert dafür den besten Beweis.



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Hajo Stork schreibt: Mosaik des Verstehens
Geschichtsschreibung und Erzählung rivalisieren und interferieren nicht seit den Unterscheidungen, die Aristoteles wo auch immer trifft, sondern sie tun das, seit sie es tun. Und gerade das ist eines der Hauptprobleme: dass sich beide nicht immer an aristotelische Vorgaben halten.
Aristoteles' Postulat der Wahrscheinlichkeit wird angewendet auf Dramatiker und Romanciers, der Anspruch an Geschichtsschreibung ist ein weniger weicher. Wäre es anders, könnten sie sich nicht sinnvoll ergänzen, sondern würden ineinander überfließen.
Die meisten bedeutenden Schriftsteller waren oder sind von Obsessionen getrieben. Man denke nur an Thomas Mann, dem das in aller Regel jedoch auf die Haben-Seite geschrieben wird.
Ein "totaler Roman über den Holocaust" ... Wollt ihr den totalen Roman? Nein, wir sind realistischer und bescheidener: Wir wollen ein weiteres Stück für unser Mosaik des Verstehens.