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Hubert Spiegel

Frage des Tages:

Fakten und Fiktionen - Ist der Roman der Geschichtsschreibung überlegen?

Jorge Semprun vermutet, dass die kollektive Erinnerung an den Holocaust in fünfzig Jahren eher von Littells Roman geprägt sein wird als von den Werken der Historiker. Ohne die Literatur, so Semprun, stirbt die Erinnerung. Gilt dies auch für eine Epoche, aus der zahllose Bild- und Tondokumente überliefert sind? Und wo verlaufen die Grenzen, die der Geschichtsschreibung gesetzt sind, die der Roman aber zu überwinden vermag?

Beiträge

22.02.2008 | 19:39 Uhr

Karsten Garscha: Die Frage läßt sich nicht beantworten

Abstrakt lässt sich diese Frage nicht beantworten. Auch Semprún weiß nicht, ob irgendwer in 50 Jahren Littells Roman noch kennt.

Geschichtsschreibung und Erzählung rivalisieren und interferieren seit den Unterscheidungen, die Aristoteles im 9. Kapitel seiner Poetik trifft. Hayden White hat darauf aufmerksam gemacht, dass auch Historiker Erzähler sind. Abgesehen von einer Thematik, die Leser zu fesseln vermag, kommt es bei Historikern wie bei Romanciers darauf an, dass sie ihren Text überzeugend strukturieren und ihm eine adäquate sprachliche Form geben. Dabei spielt sicherlich auch das alte Postulat der Wahrscheinlichkeit eine nicht geringe Rolle.
Littell ist zu sehr von seinen Obsessionen getrieben, als dass er einen so ungeheuren Stoff bewältigen könnte. Ein totaler Roman über den Holocaust und den zweiten Weltkrieg als lineare Ich-Erzählung ist nach meiner Überzeugung zum Scheitern verurteilt. Und Littells Roman liefert dafür den besten Beweis.

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23.02.2008 | 10:45 Uhr
Hajo Stork schreibt: Mosaik des Verstehens

Geschichtsschreibung und Erzählung rivalisieren und interferieren nicht seit den Unterscheidungen, die Aristoteles wo auch immer trifft, sondern sie tun das, seit sie es tun. Und gerade das ist eines der Hauptprobleme: dass sich beide nicht immer an aristotelische Vorgaben halten.

Aristoteles' Postulat der Wahrscheinlichkeit wird angewendet auf Dramatiker und Romanciers, der Anspruch an Geschichtsschreibung ist ein weniger weicher. Wäre es anders, könnten sie sich nicht sinnvoll ergänzen, sondern würden ineinander überfließen.
Die meisten bedeutenden Schriftsteller waren oder sind von Obsessionen getrieben. Man denke nur an Thomas Mann, dem das in aller Regel jedoch auf die Haben-Seite geschrieben wird.
Ein "totaler Roman über den Holocaust" ... Wollt ihr den totalen Roman? Nein, wir sind realistischer und bescheidener: Wir wollen ein weiteres Stück für unser Mosaik des Verstehens.



22.02.2008 | 13:41 Uhr

Christian Mehr: Die kalte Region des Gedächtnisses

Die Frage, ob der Roman der Geschichtsschreibung überlegen sei, provoziert eine weitere Frage: überlegen worin? Für den Historiker Schiller gab es zwei Wahrheiten: die poetische und die geschichtliche.

Sie können einander nicht ersetzen, noch ist die eine Form der anderen überlegen. Ob tatsächlich SS Männer in Frankreich untergetaucht sind, wie die Täter sich selbst wahrgenommen haben etc. ist nur historisch - auf der Grundlage von Quellen und ihrer kritischen, methodischen Auswertung - beantwortbar. Das Erkenntnisinteresse der Poesie ist ein anderes. Sie will nicht zeigen, wie "es eigentlich gewesen" ist - und ist dieser Erkenntnis auch nicht als regulativer Idee verpflichtet, sie will "das Herz treffen, weil sie aus dem Herzen floß, und nicht auf den Staatsbürger in dem Menschen, sondern auf den Menschen in dem Staatsbürger zielen." (Schiller: Über das Pathetische). Die Poesie fragt nach den anthropologischen Konstanten des Menschen, wie Leid, Freude, Niedertracht...

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23.02.2008 | 13:27 Uhr
Christian Mehr schreibt: Literarische Geschichtsschreibung

Freilich hat Schiller zur Literarisierung der deutschen Geschichtsschreibung beigetragen. Er lieferte damit einen wichtigen Beitrag zum Anschluß an den europäischen Standard. Gleichwohl sind Schillers poetische und historische Werke doch grundlegend anders konstruiert.

Die Narrativität der Geschichtsschreibung ist genauso wie der Blick ins Innere der Protagonisten in seinen historischen Werken nicht fiktional, sondern eine methodisch gewonnene Mutmaßung, über die Schiller einerseits Rechenschaft durch Quellen ablegt und deren hypothetischen Charakter er andererseits nicht leugnet. Zahlreiche Mittel der Distanzierung und Einschränkung bezeugen dies auf der Ebene der Erzählinstanz. Davon kann in seinen poetischen Werken, wie bei Littell, keine Rede sein. Schiller ist sich der unterschiedlichen Erkennnisinteressen bewusst.
Vgl. Johannes Süssmann: Geschichtsschreibung oder Roman? Zur Konstitutionslogik von Geschichtserzählungen zwischen Schiller und Ranke (1780-1824). Stuttgart 2000


22.02.2008 | 20:07 Uhr
antonín andert schreibt: Schiller untergräbt die übliche Unterscheidung

Schiller selbst setzte einen Maßstab, an dem sich die 'geschichtliche Wahrheit' messen, orientieren kann. Seine "Geschichte des Dreißigjährigen Krieges" untergräbt die übliche Unterscheidung der Texte in fiction & non-fiction und ist dadurch wahr, weil er in der Sprache den historischen Geschehnissen ihren Charakter als Energien, die von Menschen ausgehen und unter ihnen wirksam sind, zurückgab.





22.02.2008 | 12:10 Uhr

Hein Osenberg: Die Antwort ist wie immer ein klares Jein...

Für beide Seiten gibt es gute Beispiele. Die Romane, die mich bisher am meisten beeindruckt haben, waren die, in den die Autoren ihre eigene Biographie verarbeitet haben z.B. Semprun selbst, Begley, Kertesz etc.

Auf der anderen Seite gibt es sehr lesbare und eindrucksvolle historische Darstellungen, wie die Best-Biographie von Herbert oder die Hitler-Biographie von Kershaw. Littells Roman hat aus meiner Sicht schon einen exzellenten Ansatz, macht aber viel durch den ziemlich zusammengeschusterten Max Aue zunichte.
Am Ende tun sich in Goebbels Tagebüchern viel tiefere Abgründe auf, nur ist das nicht so lesbar.

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22.02.2008 | 10:10 Uhr

Hajo Stork: Roman

Ein Roman wirkt, wenn er gut geschrieben ist, tiefer und breiter, weil jeder, der des einfachen Lesens kundig ist, Zugang zu ihm hat. Und wenn die Paradigmen der Literaturwissenschaft sich auch ändern mögen und die Literaturwissenschaftler die gleichen selbstverliebten Spiele treiben wie die Historiker:

Der Roman bleibt, wie er ist, und jeder kann jederzeit darauf zugreifen und sich ein eigenes Urteil bilden über Inhalt, Aussage, Form.
Und über jene, die dem Text mit feinsinnigem hermeneutischem Verstand oder auch nur mit grobem Werkzeug zu Leibe rücken.

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22.02.2008 | 10:03 Uhr

Hajo Stork: Geschichtsschreibung

Die Geschichtsschreibung ist Ausdruck politischer Kultur und gesellschaftlicher Machtverhältnisse, und es ist eine Illusion, dass es in der offiziellen Historiographie des Nationalsozialismus so etwas gäbe wie eine lineare Annäherung an die geschichtliche Wahrheit.

In Wirklichkeit findet ein ständiges Umschreiben statt und ein Interpretieren von Interpretationen, das letztlich nur noch dazu dient, die Quisquilienverliebtheit einiger weniger zu befriedigen. So wendet man sich vom Beschriebenen ab und verliert sich in Debatten über Beschreibung und Beschreiber. Am Ende dann das Mündungsdelta, wo die Informationen in unterirdische Fußnotenfriedhöfe fließen, zu denen nur noch "ausgewiesene" Fachleute Zugang haben.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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