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Montag, 25. Februar 2008
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Hubert Spiegel

Frage des Tages:

Warum sollte man Jonathan Littells Roman lesen?

Drei Wochen lang haben unsere Experten und unsere Leser über "Die Wohlgesinnten" diskutiert und gestritten.
Der Abschluss unseres täglichen Vorabdrucks in der F.A.Z. soll aber nicht das Ende unseres Reading Rooms bedeuten. Deshalb ziehen unsere Experten mit ihren heutigen Resümees nur die vorläufige Bilanz einer Debatte, die jetzt in eine zweite Phase tritt. In den nächsten Wochen werden immer mehr Leser sich ein eigenes Bild von Littells Roman machen - ihnen allen will der Reading Room weiterhin ein Ort des Gesprächs und der Begegnung sein.

Beiträge

13.03.2008 | 19:32 Uhr

antonín andert: "professionell" mutet von nun an gestrig

Das dicke nie langweilige Buch zeigt mit aller Deutlichkeit, dass der Drang in den Osten und dessen völkische Bereinigung darauf beruhte, dass die Akteure so handelten, wie es ihre Pflicht war, wie es sich in ihrer jeweiligen Position gehörte, was nichts anderes heißt, als eben der angestrebten Sache derart gemäß, dass alles andere beiseite zu schieben war.

Diese ihre Professionalität ist der Schlüsselbegriff, der das damals möglichsbrutale Wüten sowohl der einordnenden und damit letztlich relativierenden Wissenschaft, wie aber auch den Gesängen über das Böse im Menschen im allgemeinen, wirksam entreißt.

Versteht man die Geschichte mit Schiller universalgeschichtlich als eine Sondierung der Vergangenheit, inwieweit und wo sie heute wirksam ist, dann dürfte ab Littell der Professionalität mit einer Mischung aus Skepsis und Despekt begegnet werden.

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29.02.2008 | 23:31 Uhr

Uwe Förstmann: Fréres humaines qui aprés nous vivez

Bereits der Eingang erinnert an Francois Villons Epitaph. N´ayez le coeur contre nous endurcis. Littell dagegen: laissez moi raconter comment ca s´est passé. Vous verrez bien ca vous concerne.

Die Täterperspektive kennen wir Deutschen sehr gut aus den Abenteuern des Simplicissimus des Christoph von Grimmelshausen, aus Ansichten eines Clowns oder aus Oskar Matzeraths Sicht der Welt.
Richtig. Es handelt sich um einen Schelmenroman. Der Schelmenroman schildert aus der Perspektive seines Helden, wie sich dieser in einer Reihe von Abenteuern durch das Leben schlägt. Traditionellerweise Schelmenroman als Autobiographie. Sie beginnt oft mit einer Desillusionierung des Helden, der die Schlechtigkeit der Welt erkennt. Er begibt sich freiwillig, sei es unfreiwillig auf Reisen. Das Ende ist meist eine Bekehrung des Schelms, nach der er zu einem geregelten Leben findet. Es besteht auch die Möglichkeit zu einer Flucht aus der Welt also aus der Realität. Uwe F.

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29.02.2008 | 12:00 Uhr

Stephanie Reyntjes: Internatserfahrungen

Aue schreibt über Homosexualität und homophobe Verfolgungszwänge:
"Jeder Deliktstufe war eine Strafe von zunehmender Strenge zugeordnet. Zweifellos war Klare ein ehemaliger Internatszögling; doch Höhn versicherte, der Innenminister und die Sicherheitspolizei nähmen seine Ideen durchaus ernst. Ich fand sie eher komisch."
Das ist zwar komisch; aber auch wahr; d. h. also grotesk-real. Ja, da wird auch viel Aggressives und Verdrängtes aus dem religiösen Heiligen-, d. h. 'auch' Wahn- und Dunkelfeld aufbereitet.

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25.02.2008 | 16:51 Uhr

Alfredo di Stefano: Verstörend, bedrückend... notwendig

Selten hat mich ein literarischer Text so verstört und aus der Fassung gebracht wie Littells Roman über den SS-Offiziers und deutschen Intellektuellen Aue. Dabei ist dieser Text aus der Perspektive der Täter notwendig und längst überfällig.

Wo die echten Mit-wisser/Mit-täter(?), in jedem Fall aber Mitbeteiligten, wie der Waffen-SS-Mann Günter Grass oder das NSDAP-Mitglied Walter Jens sich einer schonungslosen Offenlegung Ihrer NS-Befindlichkeit zu entziehen suchen, redet der französische Amerikaner jüdischer Abstammung Jonathan Littell grausigen Klartext. Ja dieser Roman war notwendig und sollte von möglichst vielen Deutschen gelesen werden, denn ein Deutscher hätte ihn so nie schreiben können/wollen(?).

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28.03.2008 | 15:19 Uhr
Gaston Bosch schreibt: Sehr geehrter Herr di Stefano

Es überrascht mich, dass Sie meinen, ein Deutscher hätte den "grausigen Klartext" nicht schreiben können. Ich habe den Roman bei seiner Ersterscheinung auf französisch gelesen und tue mir das gleiche gerade nochmal auf deutsch an. Mich hat als Deutschfranzose schockiert, wie ignorant meine französischen Altersgenossen (Jahrgang 1978) waren und ich wartete gespannt auf die sicherlich sehr unterschiedlichen Reaktionen von deutschen Lesern meiner Generation, die sich sehr viel mehr mit dem Thema Judenvernichtung beschäftigt haben.

Tatsache ist jedoch, dass es nicht auf die Nationalität des Autors ankommt - er ist ohnehin ein Mischling - sondern darauf, dass JL jahrelang in Bosnien und Tschetschenien die Mörder und Opfer der sich austragenden Konflikte beobachtet hat.
Fand ich das Buch unheimlich wichtig für Frankreich weil es das breite Publikum endlich mit dem Grauen konfrintierte, so begrüsse ich es als Deutscher weil es zeigt, das das Böse menschlich, nicht rein deutsch ist.



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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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