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Hubert Spiegel

Frage des Tages:

"Die Wohlgesinnten" - ein Holocaust-Roman unter vielen oder etwas ganz Neues?

Claude Lanzmann ("Shoa") hat erklärt, dass der erste Roman des vierzigjährigen Jonathan Littell die Diskussion um die Darstellung des Holocaust verändern werde. Warum? Sind "Die Wohlgesinnten" wirklich etwas ganz Neues, ohne Vorbild in der literarischen Tradition, oder doch nur ein Holocaust-Roman unter vielen? Wie ist Ihr erster Leseeindruck?

Beiträge

17.02.2008 | 22:40 Uhr

Tatjana Mezentzeva: Grässlich

Das Buch ist GANZ SCHLECHT... Viel zu viel: von dem Nazigetue drin... , und viel zu wenig von der Reue..., die so ziemlich angebracht wäre... Ich hoffe, es wird nicht viele Verkäufe in Deutschland geben und Literaturpreisverleihungen oder sonstwas.

Kommentare

13.03.2008 | 21:52 Uhr
Tatjana Mezentzeva schreibt: @Monika Hassa & Wolfgang Krust

Ich kann mich dieser Meinung nicht anschließen. Ich finde, der Roman ist nichts anderes, als ein Versuch, die Schuld an die anderen Menschen abzusprechen... Und zwar eine, die bei dem Protagonisten ja auch tatsächlich da ist!... Die Ambivalenz der von mir bereits früher geschilderten Aspekte rechtfertigt leider den - wohl wenig ruhmvollen - Charakterzug "Nazi", als dass eine einheitliche Identifikation der sich dem Buch Zugewidmeten mit der Sichtweise des "Ich"'s in dem Roman des Letzteren ernsthaftes Ziel darstellen könnte.


03.03.2008 | 15:42 Uhr
Wolfgang Krust schreibt: Reue

Ich stimm Frau Hassa zu: der Weg des Massenmörders beginnt nicht mit der Reue. Ich finde es gerade wichtig und interessant, die Denkweise Aues kennenzulernen, bevor er eventuell bereuen sollte.

Ich kann es nicht verstehen, dass man sich so wenig mit der Motivation und der subjetiven Seite der Täter beschäftigt. Ich hoffe der Roman wird von ganz vielen gelesen.


28.02.2008 | 20:00 Uhr
Monika Hassa schreibt: Reue ...

... hilft nichts zur Vermeidung. Denn es werden nicht die selben sein, die in künftiger Zeit Gleiches tun werden.



09.02.2008 | 19:15 Uhr

alexander remy: cui bono?

welche erkenntnis zu wessen nutzen?
das ganze erinnert an die unselige goldhagen-debatte.
dessen buch hat auch von der erkenntnis weggeführt, statt sie zu vergrößern.

wenn es auch etwas mühsam ist: man sollte sich schon der anstrengung unterziehen, sich mit den ergebnissen der forschung zu befassen.
ein roman - schon gar, wenn er mit allerlei kniffen seine "story" zum fluß bringen will - ist untauglich.
auch in dem falle, daß sein author sich mit vielerlei detailkenntnis gerüstet haben möge.

Kommentare

14.03.2008 | 22:28 Uhr
R Becker schreibt: Illustre Grausamkeiten

Wir haben jahrelang über Erschießungen gelesen, sie dokumentiert in Foto und Film uns angesehen. Das Thema, Jahr ein Jahr aus, bearbeitet. Niemals habe ich mir die Grausamkeiten so realistisch vorstellen können, niemals habe ich den "Schlamm" dieser Taten im wahren Lichte erfassen können. Niemals habe ich die wohlgeölte Maschinerie des Opportunismus besser verstehen können....

Und es wird behauptet dieses Buch würde von den Erkenntnissen wegführen statt sie zu vergrößern!? Welch hohn an den Opfern, derer man hier zu gedenken sucht.



05.02.2008 | 22:37 Uhr

LutzBrux: Im frz. Original ein Buch, das die Welt verändern wird

Ich habe die deutsche Ausgabe nicht gelesen, auch nicht die "Appetithäppchen" der FAZ. Ich stimme aber Lanzman zu: dieses Buch wird das Veständnis des 3.Reiches, der Massenmorde verändern. Es wird ohne Schuldzuweisung, ohne Leidenschaft, nüchtern erzählt.

Der Lesr wird gezwungen, sich selber ein Urteil zu bilden, es wird ihm nicht angedient, aufoktroiert, wie dies bisher immer geschehen ist.
Ich warte auf den ersten Deutschen der in Deutschland so ein Buch veröffentlichen kann, ohne deshalb gleich geteert und gefedert zu werden. Dann haben wir als Letzte auch gelernt, mit unserer Geschichte zu leben.

Kommentare

13.02.2008 | 19:45 Uhr
Niels Lierow schreibt: Relevant

Vielen Dank, Herr Brux, für diesen bislang wohl relevantesten Kommentar. Etwas zurückhaltender wäre ich lediglich mit dem "....ein Urteil bilden", da dies genau in die Sackgasse führen könnte, die Sie so verdienstvoll andeuten.

Man sollte sich eher bemühen, zu einem eigenen "Verständnis" zu kommen, denn mit blossen Schuldzuweisungen lässt sich Geschichte eben nicht verstehen.



04.02.2008 | 23:41 Uhr

ckley: Das Lied des Polyphem

Bislang sind die von Christian Berkel im Videostream in ausdrucksvoller Weise vorgetragenden ersten beiden Kapitel beindruckend. Ein zweifellos wichtiges Buch. Der Roman "Die Wohlgesinnten" erinnert mich an das 2004 im Parthas Verlag erschienene Buch "Das Lied des Polyphem-Bildnis eines Massenmörders" von Andreas von Klewitz.

Für mich erscheinen die Intention beider Bücher und ihr didaktscher Stil sehr ähnlich. In beiden Büchern erzählt ein SS-Täter sein Leben in der Ich-Form ohne Reue. Ich freue mich auf das Erscheinen des Gesamtromans Ende Februar, allerdings hoffe ich, daß auch der bereits 2004 erschienene Roman von Andreas von Klewitz in der Diskussion im Leser- und Expertenforum berücksichtigt wird, auch wenn ihm bislang keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Ich möchte nochmals darauf hinweisen: der Roman von Littell ist m.E. nicht der erste Roman, der sich in dieser literarischen Form mit dem Thema befasst, was allerdings die Aussagekraft des Romans nicht mindert.

Kommentare


04.02.2008 | 20:19 Uhr

IneGivar: Bitte um Erklärung

Mir ist bei all der Lobhudelei noch nicht einsichtig geworden, warum genau dieses Buch so wichtig ist. In mir regt sich ein Widerstand gegen dieses Buch bzw. seine Eventisierung, und zwar Folgender:

1) Es gibt viele Menschen, die Lust am Morden haben, oder bekamen, oder es aushielten oder sich daran gewöhnten. Überall, Früher in Zukunft. Die Beispiele sind Legion.

2) Daß der Nationalsozialismus in seiner Zeit für Intellektuelle anziehend war, ist ebensowenig neu.

Anders gesagt scheint mir, daß alles was in diesem Buch stehen soll, nur für den interessant ist, der den Nationalsozialismus nicht durchdrungen hat.

Ich bitte um Falsifizierung!
Anders:
Warum sollte ich dieses Buch lesen?

Kommentare

17.02.2008 | 12:10 Uhr
Tatjana Mezentzeva schreibt: Ich würde sagen,

das Buch ist an all die Nazis gerichtet, die es heutzutage noch so gibt in Deutschland. Damit sie ein Vergnügen daran finden, indem sie das lesen. Deshalb ist es ja vermutlich auch erschienen. SIE müssen sich keine Gedanken darüber machen. Genau so wenig wie ich. :)


06.02.2008 | 12:23 Uhr
LutzBrux schreibt: Deshalb ist es so wichtig

Dieses Buch liefert die moralische Entrüstung nicht mit. Der Leser muss sich selber dazu aufraffen, erkennen, dass der Massenmörder in diese Situation kam, nicht weil er böse geboren wurde, sondern weil er nicht beizeiten Stop! gesagt hat.

Diese fehlende Verurteilung, dieses Neutrale mag das Buch unmoralisch, flapsig wirken lassen, ist aber letztendlich genau das, was zu Vergangenheitsbewältigung nötig ist, und was bisher fehlte. Deshalb ist es so wichtig.



04.02.2008 | 18:22 Uhr

Sahe: Ein großartiges Buch

denke ich nach den ersten beiden Folgen. Es mag verblüffen, aber ich fühle mich sofort an Imre Kertesz' "Roman eines Schicksallosen" erinnert. Beide Erzähler geben einfach ihr Erlebtes wieder, ohne irgendetwas in Frage zu stellen.

Der Leser versteht auch so, was gemeint ist. Das Geschilderte wird durch diese Art der Darstellung, die das Brutale emotionslos wiedergibt, vielleicht noch schlimmer, als wenn es voller Emotionen ausgeschmückt würde. Ich freue mich auf das Lesen der weiteren Teile.

Kommentare

06.02.2008 | 12:58 Uhr
rolfjohann schreibt: rolfjohann

Ihre Antwort freut mich. Es wurde ihm vorgeworfen, dass er die zunächst naive sicht des Jungen schnörkellos übernommen hat, ohne das Ende vorweg zu nehmen. Das Buch suchte lange einen Verleger. Genauso ungeschminkt wird in diesem Buch nun die Sicht des Täters dargestellt. Ich dekne das sind die Parallelen, die uns zu unserer Ansicht brachten.
Grüße Rolf Johann


05.02.2008 | 18:50 Uhr
Sahe schreibt: rolfjohann

Es freut mich einen Mitstreiter zu haben, dessen Gedanken beim Lesen in dieselbe Richtung gingen. Welche Vorwürfe wurden Kertesz seinerzeit gemacht? Ich habe sein Buch erst vor ca. 1 Jahr gelesen.


04.02.2008 | 19:58 Uhr
rolfjohann schreibt: Wie Kertesz

Das ist sehr verblüffend, da es mir genauso ging! Es gibt ja auch bereits die gleichen Vorwürfe, die man Kertesz damals auch machte.



04.02.2008 | 18:16 Uhr

Karneades: Wuchernd

Fällt nach Enzensbergers "Hammerstein" doch sehr auf: Sprachlich und gedanklich von ähnlicher Konsistenz wie ein Kropf und ebenso überflüssig.

Kommentare

04.02.2008 | 23:19 Uhr
secusius schreibt: "Ähnliche Konsistenz"?

Was, Herr/Frau Karneades, meinen Sie, wenn Sie hier von "ähnlicher Konsistenz" mit Enzensbergers Familienbiografie sprechen. Ich denke, Sie könnten dem Anspruch an das Leser-Forum gerechter werden, wenn Sie Ihre vergleichende Kritik etwas konkretisieren, d.h. Ihre Wertung mit Argumenten unterlegen, damit ich (und andere) Sie besser, wenn überhaupt, verstehe(n).



04.02.2008 | 16:45 Uhr

Lukaskliem: schlecht recherchiert oder künstlerische Freiheit?

Darf man seinen Protagonisten nach 1945 an einem Bahnhof ankommen lassen, der 1939 geschlossen wurde? Oder wurde dieser kurzzeitig nach 1945 wieder geöffnet? Letzteres wäre eine interessante Information, die man erst recht in einem Werk mit tausend Details über Strickmaschinen gern erfahren hätte.

Einerseits haben die Buddenbrooks einen Nobelpreis bekommen, obwohl die Fleischer nachweislich nie dort standen, wo Thomas Mann sie hingestellt hat, andererseits möchte ich auch aus Romanen was lernen und wenn man schon genötigt wird, sich mit den Innereien von Webstühlen zu befassen, sollte man auch darauf vertrauen können, daß diese Mitteilungen stimmen. Genau daran kommen einem aber Zweifel, wenn man von der Ankunft am Orsay-Bahnhof liest.

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22.02.2008 | 18:00 Uhr
Horst Gothus schreibt: unwichtige Details

Die Situationen in Berliner Restaurants und Bars waren ebenfalls in der zweiten Kriegshälfte gewiss so nicht möglich. Aber das ist doch wirklich unwichtig.

Littell hat die historischen Zusammenhänge und ihre Akteure sehr exakt dargestellt, wie man sofort erkennt, wenn man die einschlägige Literatur kennt. Und darauf kommt es m.E. an.



04.02.2008 | 15:55 Uhr

secusius: eine pervertierte Odyssee?

Irgendwie hat mich der Roman(?)-Einstieg mit seiner Anrede an mich als "Menschenbruder" (Seid umschlungen Millionen...) an meinen alten Homer erinnert und die folgende Assoziation ausgelöst in der abwegigen Hoffnung, es werde sich doch wohl nur um eine phantastische Sage ohne wirklichen Realitätsbezug handeln:

Sage mir, Littell, die Taten des 'wohlgesonnenen' Mannes,
welcher so furchtbar geirrt mit der Menschenbrüder Zerstörung,
vieler Menschen Ermordung nicht nur gesehn sondern tätig betrieben
die aus dem Leben gerissen so viel' unnennbare Leiden erduldet...

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04.02.2008 | 13:20 Uhr

ReginaBerlinghof: Menschenbrüder

Ich wage zu bezweifeln, daß ein hartgesottener Nazi, der ja Max Aue zu sein scheint, seine Leser mit "Menschenbrüder" ansprechen würde. "Menschenbrüder" (gerade auch im Sinne Schillers "Ode an die Freude") würde Juden, Zigeuner (Sinti und Roma), Homosexuelle und alle sonst von den Nazis verachteten Gruppen einschließen.

Zu diesem Denken scheint sich aber der Protagonist nicht durchgerungen zu haben. Denn schon in der ersten Folge wird klar, daß er nichts bereut.
Von einem Altnazi würde ich "Volksgenossen" erwarten. Aber dann hätte man schon innere Barrieren beim Weiterlesen.

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04.02.2008 | 23:18 Uhr
ReginaBerlinghof schreibt: Menschenbrüder ?! aus der Sicht des Erzählers

Natürlich waren und sind SS-Leute, Stalins GPU-Schergen, PolPot Killer, Mörder überhaupt, alles Menschen. Es waren aber gerade Nazis, die anderen das Menschsein abgesprochen haben. Für sie waren eigentlich nur Deutsche "Menschen". Hitler sprach in seinen Reden von "Volksgenossen" und nicht von Menschenbrüdern.
Aus der Perspektive des Ich-Erzählers gehörten "Menschenbrüder" nicht zu seinem Vokabular.


04.02.2008 | 18:04 Uhr
E.Haerter schreibt: Doch, das passt...

Doch, doch, "Menschenbrüder", das passt zu dem Zyniker Aue. Der schwimmt wohlig mit in der grossen Menschengemeinschaft, ist kein Aussenseiter. Und ob man will oder nicht: alle diese Täter waren und sind Menschen.



04.02.2008 | 11:42 Uhr

mynona: Littells Widmung "Für die Toten" ?

Furchtbar neu ist vor allem Littells Widmung « Pour les morts », « Für die Toten », durch die (unbedacht?) ganz pauschal Opfer und Täter posthum zusammengebracht, im Gedächtnis zwangsvereinigt werden. Warum fehlt diese allererste Zeile im Vorabdruck?

Robert Merle hatte sein Buch aus der Täterperspektive des KZ-Kommandanten Rudolf Höß noch ganz dezidiert den Opfern der Nazi-Verbrecher gewidmet: « aux victimes de ceux pour qui la mort est mon métier ».

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04.02.2008 | 17:20 Uhr
pedro3 schreibt: das einheitliche künftige Schicksal

Interessante Beobachtung. Der Tod, sagt man, ist der große Gleichmacher. Wir Lebenden sollten differenzieren. Die Anrede an die "Menschenbrüder" bezieht sich dann womöglich auch nur auf das einheitliche künftige Schicksal. In der deutschen Buchausgabe, so der Berlin-Verlag, wird die Widmung enthalten sein. gruß, pedro



04.02.2008 | 10:26 Uhr

v.schlieffen: gewagt, nach zwei Folgen

Ich halte es gelinde gesagt für sehr gewagt, überhaupt einen Kommentar nach zwei Folgen dieses Mammutwerks abzugeben.

Kommentare

04.02.2008 | 12:13 Uhr
boernsen schreibt: AW: gewagt, nach zwei Folgen

wie wäre es dann mit einem Kommentar zu warten?



04.02.2008 | 10:16 Uhr

HerbertDebes: Ich will es wissen

Das französische Original kenne ich nicht. Ausgehend von den bislang gelesenen Texthappen traue ich mich zu sagen: Ich will es wissen, Ich will herausfinden, was dieses Buch, was Max Aue mit mir macht, womöglich anrichtet.

Ich erinnere mich an Robert Merles Roman 'Der Tod ist mein Beruf'. Danach war mir klar geworden: Ja, das hätte auch mir geschehen können. Dieser Höß ist ein Monster. Aber er ist es erst geworden. Er kam nicht als Monster auf die Welt. Alle sind es erst geworden. Ich will wissen, wie und warum sie es geworden sind. Es scheint, als schlummere die Möglichkeit, ein 'Höß' oder ein 'Elser' zu werden, als eine von vielen in uns. Was gibt den Ausschlag? Ich weiß es nicht. Ich fürchte allerdings, daß die Zellmembran zwischen 'gut' und 'böse' sehr dünn ist.
Herbert Debes

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04.02.2008 | 10:14 Uhr

janklaas: furchtbar weitschweifig

Ich empfinde das nach zwei Folgen vor allem als furchtbar weitschweifig... Man sehnt sich geradezu nach dem knappen "Mein Name ist Otto Dietrich zur Linde" in Borges' "Deutschem Requiem".

Was hat den Übersetzer bewogen, Aue seine Leser duzen zu lassen?

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04.02.2008 | 10:07 Uhr

msuesterhenn: Ein aktuelles Thema: Wer von uns ohne Schuld ist, der werfe...

Die wahren Bösen sind immer "gemischte Charaktere": sympathisch, gut und böse
(vgl. Friedrich Schillers Dramentheorie)

Eine kleine Analogie, wie man zum Massenmörder oder Mitläufer wird.

Eingeninteresse, moralisches Denken, oberflächliches Wissen, Ausmachen des Feindes:
Ich hatte Mäuse in der Garage; jeder weiß, Mäusekot führt bei Menschen zu Krankheiten – oder nicht? Mein Haus und meine Familie waren zu schützen.
Bequemlichkeit, Unterdrückung der Gefühle und Bedenken zugunsten des großen Zieles:
Ein Kollege meinte, ich solle mich nicht so anstellen, auf unpraktische Lebendfallen verzichten, und schenkte mir zwei Schlagfallen.
Wegschauen, Gewöhnung, Anerkennung:
Ergebnis: acht Mäuse in einer Woche. Ab der zweiten Maus war das Töten Routine. Die zerquetschten Köpfe waren auch nicht sichtbar. Meine Nachbarin fragte mich lobend, ob ich diese Tätigkeit nicht beruflich ausüben wolle; worauf ich dann nur lachend antwortete: "Ja, als Massenmörder."

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04.02.2008 | 12:16 Uhr
E.Haerter schreibt: Intellektuelle Spiesser - das Schlimmste was es gibt

Ganz böse, ganz gut, das wird es wohl kaum geben. Selbst Hitler, der böseste der Bösen hatte künstlerische Ambitionen, liebte Tiere und konnte sich auch im Chaos noch bei seiner Köchin für das gute Essen bedanken.

In Wahrheit war er aber ein intellektueller Spiesser kosmischen Ausmasses - eben kein Künstler. Das beweist auch sein Kunstgeschmack, seine bevorzugte Architektur usw. Kein wirklicher Dichter oder wahrer Künstler (Beispiel Thomas Mann) konnte es im 3. Reich aushalten. Das war auch der tragische Bruch in der Biographie Furtwänglers, dass er geblieben ist. Der Bruch ist nicht zu kitten gewesen. Man muss jetzt einfach mal abwarten, wie die Figur Aue angelegt ist, ob Littell es geschafft hat, diese Figur glaubhaft rüberzubringen. Aber spannend und entsetzlich wird der Roman allemal, für mich auch die verwaltungstechnischen Details.



04.02.2008 | 10:02 Uhr

E.Haerter: Brillanter Zyniker

Der Ich-Erzähler Aue ist ein Zyniker. Und billant. Das macht das Buch für mich von Anfang an faszinierend (so wie ich auch Mephisto faszinierender finde als Faust). Aue ist aber auch ein Dichter.

Das Buch ist Literatur, nicht nur tagebuchartige Aufzeichnung von Erinnerungen. Ob der Protagonist deshalb auf Dauer glaubhaft sein kann, bleibt abzuwarten. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass es in dieser Verwaltungsbürokratie des Grauens tatsächlich eine solche Person wie Aue gegeben haben könnte.

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04.02.2008 | 09:30 Uhr

Folks100: Der Vorleser

Ein erster Eindruck nach zwei abgedruckten Folgen: Irgendwie erinnert mich der Text an "Der Vorleser" von Bernhard Schlink.

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04.02.2008 | 08:45 Uhr

pedro3: Auf diese Frage ein klares: Ich weiß nicht.

Aber wenn ich einen Roman zu lesen beginne, entsteht schon auf den ersten Seiten ein emotionales Geflecht zwischen Sympathie und Antipathie. Bei unserem Ich-Erzähler ist es spontane Ablehnung mit einer Prise Mitleid. Letzteres scheint dem Erzähler zu fehlen. Er hat es weder mit sich noch mit anderen.

Falls er doch einen Gedanken an ihre Situation verschwendet, quittiert er es mit einem "selber schuld". Ist dieses "selber schuld" nicht auch einer der häufigsten Reflexe in unserem Alltags-Miteinander?

Meine Frage des Tages lautet eher: Will ich das wirklich lesen? Die Art der FAZ-Präsentation suggeriert: Wichtig! Aber Pierre Bayard (Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat) meint: "Lesen bedeutet in erster Linie nicht lesen." Es reicht, wenn man darüber reden kann. Daher werde ich die Entscheidung, ob ich mich diesem Wälzer aussetzen will, erst einmal von Tag zu Tag vertagen.

@Edda: Fasziniert vom Stil? Ja, aber auch ein bisschen erschrocken.

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04.02.2008 | 06:52 Uhr

EddaReichardt: Ein ganz anderer Holocaustroman

Nach zwei gelesenen ersten Folgen in der FAZ bin ich davon überzeugt, daß wir einen ganz anderen Holocaustroman vor uns haben.

Mein erster Leseeindruck: Ich bin fasziniert von Stil und Aussage.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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