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Mittwoch, 13. Februar 2008
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Auszug aus: "Die Wohlgesinnten".
Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober.

Folge 10: »NKWD kaput!«

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In Lemberg herrschte Chaos. Keiner der Kontrollposten konnte uns sagen, wo sich die Kommandantur der Sicherheitspolizei und des SD befand. Obwohl die Stadt zwei Tage zuvor eingenommen worden war, hatte sich anscheinend niemand die Mühe gemacht, Hinweisschilder anzubringen. Mehr oder minder aufs Geratewohl folgten wir einer breiten Straße; sie mündete in einen langen Boulevard, der durch einen parkähnlichen Mittelstreifen geteilt und von pastellfarbenen Häuserfassaden mit hübschem weißem Ziergesims gesäumt wurde. Auf den Straßen herrschte lebhaftes Treiben. Zwischen den deutschen Militärfahrzeugen fuhren offene Wagen und Lastwagen umher, geschmückt mit Spruchbändern und blau-gelben Fahnen, vollbesetzt mit Männern in Zivil oder in unterschiedlichsten Uniformstücken, die mit Gewehren und Pistolen bewaffnet waren; sie schrien, sangen, schossen in die Luft; auf den Bürgersteigen und im Park jubelten ihnen andere bewaffnete oder unbewaffnete Männer zu, inmitten von deutschen Soldaten mit unbeteiligten Gesichtern. Schließlich konnte mir ein Leutnant der Luftwaffe den Weg zum Gefechtsstand einer Division beschreiben; von dort schickte man uns zum AOK 17. Offiziere rannten die Treppen auf und ab, betraten die Büros, kamen wieder heraus und knallten die Türen zu; die Gänge waren übersät mit zerfledderten und zertretenen sowjetischen Akten; in der Eingangshalle stand eine Gruppe Zivilisten in Anzügen mit blau-gelben Armbinden und Gewehren; sie diskutierten heftig, ich weiß nicht, ob auf Ukrainisch oder Polnisch, mit Soldaten, die deutsche Uniformen mit blau-gelber Paspelierung auf den Schulterklappen trugen. Endlich erwischte ich einen jungen Major von der Abwehr: »Einsatzgruppe B? Die ist gestern hier angekommen. Sie hat sich in den Büros des NKWD eingerichtet.« – »Und wo finde ich die?« Er blickte mich aus leeren erschöpften Augen an: »Keine Ahnung.« Schließlich fand er jemanden, der schon einmal dort gewesen war, er sollte mich führen.

Auf dem Boulevard kam der Verkehr nur im Schritttempo voran, dann brachte ein Menschenauflauf ihn vollends zum Erliegen. Ich stieg aus dem Opel, um zu sehen, was los war. Die Leute schrien sich die Lunge aus dem Hals und klatschten; einige hatten aus einem Café Stühle oder Kisten geholt und sich daraufgestellt, um besser zu sehen; andere trugen Kinder auf den Schultern. Mühsam bahnte ich mir einen Weg. Inmitten der Menge stolzierten auf einer großen freien Fläche Männer in Kostümen, die aus irgendeinem Theaterfundus oder Museum entwendet waren: extravagante Kleidungsstücke, eine Perücke im Régencestil mit einem Husarendolman von 1812, eine Amtsrobe mit Hermelinbesatz, mongolische Rüstungen und schottische Plaids, ein Operettenkostüm, halb Römerzeit, halb Renaissance, mit einer Halskrause; ein Mann trug eine Uniform von Budjonnys Roter Reiterarmee, aber mit Zylinder und Pelzkragen, und fuchtelte mit einer Mauser-Pistole herum; alle waren mit Knüppeln oder Gewehren bewaffnet. Zu ihren Füßen knieten mehrere Männer und leckten den Boden ab; ab und zu versetzte ihnen einer der Kostümierten einen Fußtritt oder einen Schlag mit dem Gewehrkolben; die meisten bluteten stark; die Menge grölte noch lauter. Hinter mir stimmte ein Akkordeonspieler eine flotte Melodie an; sofort fielen Dutzende Stimmen ein, während ein Mann im Kilt eine Geige hervorholte, deren Saiten er in Ermangelung eines Bogens wie bei einer Gitarre zupfte. Ein Zuschauer zog mich am Ärmel und schrie mir wie rasend zu: »Jid, Jid, kaput!« Das hatte ich jedoch schon begriffen. Ich befreite mich mit einem heftigen Ruck und drängte mich wieder durch die Menge; Höfler hatte den Wagen inzwischen gewendet. »Ich glaube, wir können dort langfahren«, meinte der Mann von der Abwehr und zeigte auf eine Seitenstraße. Im Nu hatten wir uns verfahren. Höfler hatte schließlich die Idee, einem Passanten zuzurufen: »NKWD? NKWD?« – »NKWD kaput!«, rief der Mann fröhlich. Er zeigte uns den Weg: Tatsächlich lag es nur zweihundert Meter vom AOK entfernt, wir waren in die falsche Richtung gefahren. Ich entließ unseren Führer und ging nach oben, um mich vorzustellen. Man teilte mir mit, dass sich Rasch gerade in einer Besprechung mit all seinen Leitern und Offizieren vom AOK befand; niemand wusste, wann er Zeit für mich fände.

Schließlich kam mir ein Hauptsturmführer zu Hilfe: »Sie kommen aus Luzk? Wir sind schon auf dem Laufenden, der Brigadeführer hat mit Obergruppenführer Jeckeln telefoniert. Doch ich bin sicher, dass Ihr Bericht ihn interessieren wird.« – »Gut. Ich warte.« – »Nicht nötig, zwei Stunden wird es mindestens noch dauern. Sie sollten sich die Stadt ansehen. Vor allem die Altstadt, es lohnt sich.« – »Die Leute scheinen mir sehr erregt«, meinte ich. »Oh ja, allerdings! Das NKWD hat in den Gefängnissen noch dreitausend Menschen ermordet, bevor es sich aus dem Staub machte. Und dann sind alle ukrainischen und galizischen Nationalisten aus den Wäldern – oder Gott weiß, wo sie sich versteckt hielten – hervorgekrochen, und die haben eine ziemliche Wut im Bauch. Werden es den Juden gehörig heimzahlen.« – »Und die Wehrmacht schaut untätig zu?« Er zwinkerte mir vielsagend zu: »Befehl von oben, Obersturmführer. Der Volkszorn rechnet mit den Verrätern und Kollaborateuren ab. Eine innere Angelegenheit, die uns nichts angeht. Also, bis später.« Er verschwand in einem Büro, und ich verließ das Gebäude. Die Schießereien im Zentrum hörten sich an wie das Krachen von Knallfröschen auf einer Kirmes. Ich ließ Höfler und Popp beim Opel zurück und ging zu Fuß zum Boulevard in der Stadtmitte. Unter den Kolonnaden herrschte Ausgelassenheit, die Türen und Fenster der Cafés standen weit offen, die Leute tranken und johlten, Hände streckten sich mir entgegen, die ich im Vorbeigehen schüttelte, fröhlich reichte ein Mann mir ein Glas Champagner, ich leerte es, und bevor ich es ihm zurückgeben konnte, war er verschwunden. Als wäre Karneval, stolzierten in der Menge immer noch Männer in Theaterkostümen umher, einige trugen sogar Masken, spaßige, grausige oder groteske. Ich durchquerte den Park; auf der anderen Seite begann die Altstadt, die einen gänzlich anderen Eindruck machte als der österreichisch-ungarische Boulevard. Hier drängten sich schmale hohe Häuser aus der Spätrenaissance mit spitzen Dächern und einstmals bunten, jetzt aber verblassenden Fassaden, an denen barocke Schmuckelemente aus Stein prangten. In diesen Gassen waren viel weniger Menschen. Im Schaufenster eines geschlossenen Ladens hing ein makabres Plakat mit einem vergrößerten Foto von Leichen und einer kyrillischen Aufschrift; mehr als die Wörter »Ukraine« und »Jidden« konnte ich nicht entziffern. Ich kam an einer schönen großen Kirche vorbei, vermutlich katholisch; sie war geschlossen, und niemand reagierte, als ich klopfte. Aus einer offenen Tür weiter unten in der Straße drang das Geräusch von zerbrechendem Glas, Schlägen, Schreien; ein Stück weiter lag die Leiche eines Juden, mit dem Gesicht im Rinnstein. Kleine Gruppen Bewaffneter mit blau-gelben Armbinden palaverten mit Zivilisten; ab und zu betraten sie ein Haus, dann ertönte wieder Lärm, manchmal Schüsse. Vor mir brach plötzlich ein Mann durch das geschlossene Fenster eines der oberen Stockwerke und landete fast vor meinen Füßen, inmitten eines Scherbenregens; ich musste zurückspringen, um nicht von Glassplittern getroffen zu werden. Ganz deutlich hörte ich den heftigen Aufschlag seines Nackens beim Aufprall auf das Pflaster. Ein Mann, in Hemdsärmeln und mit Mütze, lehnte sich aus dem zertrümmerten Fenster; als er mich sah, rief er mir in gebrochenem Deutsch fröhlich zu: »Entschuldigung, Herr deutschen Offizier! Ich Sie nicht gesehen.« Ich bekam es mit der Angst zu tun, ging um die Leiche herum und setzte meinen Weg schweigend fort. Ein kleines Stück weiter tauchte in einem Portal am Fuße eines hohen alten Turms ein bärtiger Mann im Priestergewand auf; als er mich bemerkte, lief er auf mich zu: »Herr Offizier! Herr Offizier! Kommen Sie, kommen Sie, ich bitte Sie.« Sein Deutsch war besser als das des Mannes am Fenster, doch hatte er einen wunderlichen Akzent. Fast mit Gewalt zog er mich zum Portal.
Ich hörte Schreie, ein wildes Gebrüll und Geheul; im Hof der Kirche schlug eine Gruppe von Männern erbarmungslos mit Knüppeln und Eisenstangen auf am Boden liegende Juden ein.

Einige Körper rührten sich nicht mehr unter den Schlägen, andere zuckten noch. »Herr Offizier«, rief der Priester, »so tun Sie doch etwas, ich bitte Sie! Das hier ist eine Kirche.« Unschlüssig blieb ich am Portal stehen; der Priester versuchte mich am Arm zu ziehen. Ich weiß nicht mehr, was ich dachte. Einer der Ukrainer bemerkte mich und sagte etwas zu seinen Kumpanen, wobei er mit dem Kopf in meine Richtung deutete; sie zögerten, hörten auf zu schlagen; der Priester überschüttete sie mit einem Wortschwall, den ich nicht verstand, dann wandte er sich an mich: »Ich habe ihnen gesagt, dass Sie ihnen befohlen haben aufzuhören. Ich habe ihnen gesagt, dass Kirchen heilig sind und dass sie Lumpen sind und dass Kirchen unter dem Schutz der Wehrmacht stehen und dass sie verhaftet werden, wenn sie nicht weggehen.« – »Ich bin ganz allein«, sagte ich. »Das macht nichts«, erwiderte der Priester. Er brüllte noch ein paar Sätze auf Ukrainisch. Langsam senkten die Männer ihre Knüppel. Einer von ihnen richtete eine leidenschaftliche Ansprache an mich, von der ich nur die Wörter »Stalin«, »Galizien« und »Juden« verstand. Ein anderer spuckte auf die Leiber. Es folgte ein langer Augenblick der Ungewissheit und des Zögerns; der Priester brüllte noch einige Wörter; da ließen die Männer von den Juden ab, gingen hintereinander zur Straße hoch, ohne ein Wort zu sagen, und verschwanden in ihr. »Danke«, sagte der Priester zu mir, »danke.« Er lief zu den Juden, um nach ihnen zu sehen. Der Hof hatte ein leichtes Gefälle: Im tiefer gelegenen Teil war ein schöner schattiger Säulengang mit grünem Kupferdach an die Kirche angebaut. »Helfen Sie mir«, sagte der Priester. »Der hier lebt noch.« Er hob ihn unter den Achseln an, und ich nahm ihn bei den Füßen; ich sah, dass es ein junger Mann war, noch fast bartlos. Sein Kopf fiel nach hinten, ein Blutrinnsal lief an seinen Schläfenlocken entlang und hinterließ auf den Steinplatten eine Linie von großen glänzenden Tropfen. Ich hatte heftiges Herzklopfen: Auf diese Weise hatte ich noch nie einen Sterbenden getragen. Wir mussten um die Kirche herumgehen, der Priester ging rückwärts und schimpfte dabei auf Deutsch: »Zuerst die Bolschewisten, jetzt die verrückten Ukrainer. Warum tut eure Armee nichts?« Hinten öffnete sich ein großer Torbogen auf einen Hof und dann auf das Kirchenportal. Ich half dem Priester, den Juden in die Vorhalle zu bringen und ihn auf eine Bank zu legen. Er rief etwas; zwei Männer, düster und bärtig wie der Geistliche, aber in Anzügen, tauchten aus dem Kirchenschiff auf. In einer fremden Sprache, die in nichts der ukrainischen, russischen oder polnischen ähnelte, richtete er das Wort an sie. Die drei gingen zusammen wieder in den Eingangshof hinaus; einer von ihnen entfernte sich durch eine Allee, während die beiden anderen zu den Juden zurückkehrten. »Ich habe ihn gebeten, einen Arzt zu holen«, sagte der Priester. »Was ist das hier?«, fragte ich ihn. Er blieb stehen und blickte mich an: »Das ist die armenische Kathedrale.« – »In Lemberg gibt es Armenier?«, fragte ich erstaunt. Er zuckte die Achseln. »Schon viel länger als Deutsche oder Österreicher.«

Fortsetzung folgt

Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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