Home
Nominiert für den Grimme-Online-Award 2008
Lesesaal
FAZ.NET
Donnerstag, 14. Februar 2008
Seite weiterempfehlen

Empfehlen Sie den Lesesaal Freunden und Bekannten!

Bitte geben Sie den Sicherheitscode ein

absenden

Auszug aus: "Die Wohlgesinnten".
Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober.

Folge 11: »Und die Toten?«

Audio herunterladen zum Video

Sein Freund und er schickten sich an, einen anderen Juden fortzutragen, der leise stöhnte. Das Blut der Juden rann langsam über die Steinplatten des abschüssigen Hofes zum Säulengang hinab. Unter den Bögen sah ich Grabsteine mit rätselhaften Schriftzeichen, sicher auf Armenisch, die in die Mauer oder in den Boden eingelassen waren. Ich trat näher: Die eingemeißelten Zeichen der Grabplatten füllten sich mit Blut. Ich wandte mich rasch ab. Ich fühlte mich beklommen und hilflos und zündete mir eine Zigarette an. Im Säulengang war es kühl. Im Hof schien die Sonne auf die frischen Blutlachen und die Kalksteinplatten, auf die schlaffen Leiber der Juden, auf ihre Anzüge aus grobem, blutgetränktem schwarzem oder braunem Tuch. Fliegen kreisten um ihre Köpfe und ließen sich auf ihren Wunden nieder. Der Priester kehrte zurück und blieb neben ihnen stehen. »Und die Toten?«, wandte er sich an mich. »Die können wir doch nicht hierlassen.« Doch ich hatte nicht die geringste Lust, ihm zu helfen; ich ekelte mich bei der Vorstellung, einen dieser leblosen Körper zu berühren. Ich ging um sie herum auf das Portal zu und trat auf die Straße hinaus. Sie war leer, aufs Geratewohl wandte ich mich nach links. Die Straße endete in einer Sackgasse; doch rechts kam ich auf einen Platz, der beherrscht wurde von einer gewaltigen Barockkirche mit Rokoko-Ornamenten, einem hohen Säulenportal und gekrönt von einer kupfernen Kuppel. Ich stieg die Stufen hinauf und betrat sie. Das weitgespannte Gewölbe des Kirchenschiffes hoch oben ruhte leicht auf schmalen gedrehten Säulen, das Tageslicht flutete durch die Fenster, glänzte auf den mit Blattgold belegten Holzskulpturen. Die dunklen Bankreihen zogen sich, blank und leer, durch den ganzen Innenraum. In der Seitenwand einer kleinen weiß gekalkten Halle entdeckte ich eine niedrige Tür aus altem eisenbeschlagenem Holz: Ich stieß sie auf; einige Steinstufen führten in einen niedrigen breiten Gang, der von einigen Fensteröffnungen erhellt wurde. An der gegenüberliegenden Wand standen Glasschränke, angefüllt mit Kultgegenständen; einige schienen mir alt und wunderbar gearbeitet. Zu meiner Überraschung waren in einer der Vitrinen jüdische Kultgegenstände ausgestellt: hebräische Schriftrollen, Gebetsmäntel, alte Stiche, die Juden in der Synagoge darstellten. Einige hebräische Bücher wiesen deutsche Druckvermerke auf: Lemberg 1884; Lublin 1853, bei Schmuel Bernstein. Ich hörte Schritte und hob den Kopf: Ein Mönch mit Tonsur kam auf mich zu. Er trug das weiße Gewand der Dominikaner. Er blieb neben mir stehen: »Guten Tag«, sagte er auf Deutsch. »Kann ich Ihnen helfen?« – »Was ist das hier?« – »Sie sind in einem Kloster.« Ich wies auf die Regale: »Nein, ich meine all diese Dinge.« – »Das da? Das ist unser Religionsmuseum. Alle Gegenstände stammen aus unserer Region. Schauen Sie sich in Ruhe um, wenn Sie möchten. Normalerweise bitten wir um eine kleine Spende, aber heute kostet es nichts.« Er setzte seinen Weg fort und verschwand wortlos durch die eisenbeschlagene Tür. Dort, wo er aufgetaucht war, bildete der Gang einen rechten Winkel; ich stand in einem von einer kleinen Mauer eingefassten Kreuzgang, der von verriegelten Fenstern, die zwischen den Säulen angebracht waren, abgeschlossen war. Eine lange niedrige Vitrine zog meine Aufmerksamkeit auf sich. An der Wand hing ein kleiner Scheinwerfer und beleuchtete das Innere; ich beugte mich darüber: Zwei Skelette lagen ineinander verschlungen, noch halb von einer Schicht trockener Erde bedeckt. Das größere, trotz der breiten Kupferohrringe, die an seinem Schädel lehnten, sicherlich der Mann, lag auf dem Rücken; das andere, offensichtlich eine Frau, lag zusammengekauert auf der Seite, in seine Arme geschmiegt, beide Beine über eines seiner Beine gelegt. Es war großartig, noch nie hatte ich dergleichen gesehen. Vergeblich versuchte ich, das Schild zu entziffern. Seit wie vielen Jahrhunderten ruhten sie so ineinander verschlungen? Diese Skelette waren bestimmt sehr alt, vermutlich stammten sie aus frühester Zeit; sicherlich war die Frau geopfert und zusammen mit ihrem toten Gebieter ins Grab gelegt worden. Ich wusste, dass dergleichen in primitiven Epochen üblich war. Der Gedanke änderte nichts daran: Es war die Ruheposition nach dem Liebesakt, beseligt und voll rührender Zärtlichkeit. Ich dachte an meine Schwester, und es schnürte mir die Kehle zu: Sie hätte bei diesem Anblick geweint. Ich verließ das Kloster, ohne jemandem zu begegnen. Draußen ging ich geradeaus weiter zum anderen Ende des Platzes. Dahinter öffnete sich ein weiterer großer Platz mit einem weitläufigen Gebäude in der Mitte, das an einen Turm angebaut und von einigen Bäumen eingefasst war. Um diesen Platz drängten sich schmale Häuser, fantasievoll verziert, jedes in einem anderen Stil. Hinter dem zentralen Gebäude versammelte sich eine erregte Menschenmenge. Um ihr auszuweichen, wandte ich mich nach links, ging dann um eine große Kathedrale herum, unter einem Steinkreuz hindurch, das ein Engel liebevoll in seinen Armen hielt, auf einer Seite flankiert von einem melancholischen Moses mit Gesetzestafeln, auf der anderen von einem nachdenklichen, in Lumpen gehüllt Heiligen, wobei die ganze Gruppe auf einem Totenkopf mit gekreuzten Beinknochen ruhte – fast das gleiche Symbol wie auf meiner Mütze. Dahinter, in einer kleinen Gasse, hatte man ein paar Tische und Stühle herausgestellt. Mir war heiß, ich war müde, die Kneipe schien leer, ich nahm Platz. Eine junge Kellnerin kam heraus und sprach mich auf Ukrainisch an. »Haben Sie Bier? Bier?«, fragte ich auf Deutsch. Sie schüttelte den Kopf: »Piwa njetu.« Das verstand ich. »Kaffee? Kawa?« – »Da.« – »Woda?« – »Da.« Sie ging hinein und kam mit einem Glas Wasser zurück, das ich in einem Zug leerte. Dann brachte sie mir den Kaffee. Er war schon gezuckert, ich ließ ihn stehen. Ich zündete mir eine Zigarette an. Die Kellnerin erschien wieder und sah den Kaffee: »Kaffee? Nicht gut?«, fragte sie auf Deutsch. »Zucker. Njet.« – »Ach so.« Sie lächelte, nahm den Kaffee und brachte mir einen neuen. Er war stark, ohne Zucker, ich trank ihn zur Zigarette. Zu meiner Rechten, am Fuße der Kathedrale, versperrte mir eine Kapelle, deren Flachreliefs sie wie ein dunkles Band umliefen, die Sicht auf den Hauptplatz. Ein Mann in deutscher Uniform ging langsam an ihr entlang und schaute sich die verschlungenen Skulpturen eingehend an. Er bemerkte mich und kam auf mich zu; ich sah seine Schulterstücke, stand rasch auf und grüßte. Er erwiderte meinen Gruß. »Guten Tag! Sie sind Deutscher?« – »Ja, Herr Hauptmann.« Er holte ein Taschentuch hervor und fuhr sich damit über die Stirn. »Sehr schön. Erlauben Sie, dass ich Platz nehme?« – »Selbstverständlich, Herr Hauptmann.« Die Kellnerin tauchte wieder auf. »Trinken Sie den Kaffee mit oder ohne Zucker? Sonst gibt es hier nichts.« – »Mit Zucker bitte.« Ich gab ihr zu verstehen, dass wir noch zwei Tassen Kaffee wünschten, den Zucker aber separat. Dann setzten wir uns. Der Hauptmann reichte mir die Hand: »Hans Koch. Ich bin bei der Abwehr.« Ich stellte mich ebenfalls vor. »Oh, Sie sind beim SD? Stimmt, ich habe gar nicht auf Ihr Ärmelabzeichen geachtet. Umso besser, umso besser.« Der Hauptmann wirkte recht sympathisch: Er mochte knapp über fünfzig sein, trug eine Brille mit runden Gläsern und hatte einen Bauchansatz. Er sprach mit österreichischer Färbung, aber kein Wienerisch. »Kommen Sie aus der Ostmark, Herr Hauptmann?« – »Ja, aus der Steiermark. Und Sie?« – »Mein Vater stammt eigentlich aus Pommern. Doch ich bin im Elsass geboren. Dann haben wir mal hier, mal dort gewohnt.« – »Verstehe, verstehe. Machen Sie gerade einen Spaziergang?« – »Gewissermaßen, ja.« Er nickte: »Ich bin wegen einer Besprechung hier. Da nebenan, nachher.« – »Eine Besprechung, Herr Hauptmann?« – »In der Einladung hieß es, es sei eine kulturelle Veranstaltung, doch ich glaube, es wird eher um politische Dinge gehen.« Er beugte sich vor, als wolle er mich in ein Geheimnis einweihen: »Mich haben sie ausgeguckt, weil sie mich für einen Fachmann in ukrainischen Fragen halten.« – »Sind Sie es denn nicht?« Er fuhr heftig zurück: »Überhaupt nicht! Ich bin Theologieprofessor. Ich kenne mich ein wenig in der Frage der unierten Kirche aus, aber das ist alles. Man hat mich wohl eingeladen, weil ich schon im kaiserlichen Heer gedient habe. Während des Weltkriegs war ich Leutnant, verstehen Sie, da hat man sich wahrscheinlich gedacht, dass ich mich mit dem Nationalitätenproblem auskenne; aber ich war damals an der italienischen Front, und auch da nur bei der Verwaltung. Immerhin hatte ich kroatische Kameraden …« – »Sprechen Sie Ukrainisch?« – »Kein Sterbenswörtchen. Ich habe jedoch einen Übersetzer bei mir. Er trinkt gerade mit den Leuten von der OUN, da auf dem Platz.« – »Der OUN?« – »Ja. Wissen Sie nicht, dass die heute früh die Macht ergriffen hat? Jedenfalls haben sie den Rundfunk besetzt. Und eine Proklamation zur Erneuerung des ukrainischen Staates aufgesetzt, falls ich das recht verstanden habe. Deshalb muss ich nachher zu dieser Versammlung. Der Metropolit soll den neuen Staat gesegnet haben. Offenbar haben wir ihn darum gebeten, doch ich bin nicht auf dem Laufenden.« – »Welcher Metropolit?« – »Der unierte natürlich. Die Orthodoxen hassen uns. Sie hassen auch Stalin, aber uns hassen sie ganz besonders.« Ich wollte noch eine Frage stellen, wurde aber abrupt unterbrochen: Eine etwas fette Frau, fast nackt, mit zerrissenen Strümpfen, kam schreiend hinter der Kirche hervorgestürmt; sie stürzte sich zwischen die Tische, stolperte, warf einen um und fiel kreischend der Länge nach vor uns auf den Boden. Ihre weiße Haut war mit blauen Flecken übersät, aber sie blutete kaum. Gemächlich folgten ihr zwei große Kerle mit Armbinden. Einer von ihnen wandte sich in gebrochenem Deutsch an uns: »Entschuldigen, Offizieren. Kein Problem.« Der andere zog die Frau an den Haaren hoch und versetzte ihr einen Faustschlag in den Bauch. Sie schluchzte auf und verstummte, mit Speichel auf den Lippen. Der erste versetzte ihr einen Fußtritt in den Hintern, und sie lief wieder los. Sie trabten lachend hinter ihr her und verschwanden hinter der Kapelle. Koch zog seine Mütze vom Kopf und wischte sich wieder mit dem Taschentuch über die Stirn, während ich den umgestürzten Tisch aufrichtete. »Was für Barbaren sind das hier!«, sagte ich. »Oh ja, das finde ich auch. Aber ich dachte, ihr hättet sie dazu angestiftet?« – »Das würde mich wundern, Herr Hauptmann. Allerdings bin ich gerade erst angekommen und nicht im Bilde.« Koch fuhr fort: »Beim AOK heißt es, der Sicherheitsdienst habe Plakate drucken lassen und wiegele diese Leute auf. Aktion Petljura sollen sie die Operation getauft haben. Nach dem Anführer des ukrainischen Widerstands gegen die Bolschewisten. Haben Sie von ihm gehört? Ein Jude hat ihn umgebracht, glaube ich, 1926 oder 27.« – »Sehen Sie, Sie sind doch vom Fach.« – »Ach was, ich habe nur ein paar Berichte gelesen.« Die Kellnerin war aus dem Lokal gekommen. Sie lächelte und signalisierte mir, dass der Kaffee aufs Haus gehe. In Landeswährung hätte ich sowieso nicht zahlen können. Ich sah auf die Uhr: »Entschuldigen Sie mich, Herr Hauptmann. Ich muss gehen.« – »Aber bitte.« Er reichte mir die Hand: »Lassen Sie sich nicht unterkriegen.«

Ich verließ die Altstadt auf dem kürzesten Weg und bahnte mir einen Weg durch die jubelnde Menge. Beim Gruppenstab herrschte reges Treiben. Ich wurde vom selben Offizier wie vorher empfangen: »Ah, Sie schon wieder.« Schließlich ließ man mich zu Brigadeführer Dr. Rasch vor. Er drückte mir herzlich die Hand, doch sein fleischiges Gesicht blieb ernst.

Fortsetzung folgt

Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2008