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Auszug aus: "Die Wohlgesinnten".
Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober.
Folge 12: »Ich habe einen Auftrag für Sie, Dr. Aue«
»Setzen Sie sich. Was ist mit Standartenführer Blobel passiert?« Er trug keine Mütze, und seine hohe gewölbte Stirn glänzte unter der Glühbirne. Kurz schilderte ich ihm Blobels Zusammenbruch: »Nach Auskunft des Arztes sind Fieber und Erschöpfung die Ursache.« Seine dicken Lippen verzogen sich. Er blätterte in den Papieren auf seinem Schreibtisch und zog ein Blatt hervor. »Der Ic des AOK 6 hat mir geschrieben und sich über seine Äußerungen beschwert. Er soll Wehrmachtsoffiziere bedroht haben?« – »Das ist übertrieben, Brigadeführer. Gewiss, er delirierte, redete zusammenhangloses Zeug. Doch damit hat er niemanden im Besonderen gemeint, das war die Krankheit.« – »Gut.« Er stellte mir noch ein paar Fragen zu anderen Punkten, dann bedeutete er mir, dass das Gespräch beendet sei. »Sturmbannführer von Radetzky ist schon zurück in Luzk, er wird den Standartenführer vertreten, bis der wiederhergestellt ist. Wir werden die Befehle und sonstigen Papiere ausfertigen. Was den heutigen Abend betrifft, so gehen Sie zu Hartl in die Verwaltung, der wird sich um Ihre Unterbringung kümmern.« Ich ging zum Büro des Leiters I; einer seiner Adjutanten überreichte mir die Gutscheine. Dann stieg ich hinunter, um Höfler und Popp ausfindig zu machen. In der Halle stieß ich auf Thomas. »Max!« Er schlug mir auf die Schulter, ein jähes Gefühl der Freude durchströmte mich. »Wie schön, dich zu sehen. Was tust du hier?« Ich erklärte es ihm. »Und du bleibst bis morgen? Ausgezeichnet! Ich esse mit den Abwehrleuten in einem kleinen Restaurant zu Abend, es soll sehr gut sein. Komm doch mit! Hast du schon eine Unterkunft? Es ist nicht luxuriös, aber zumindest gibt es sauberes Bettzeug. Gut, dass du gestern noch nicht hier warst: der reinste Saustall. Die Roten haben vor ihrer Flucht alles geplündert, den Rest haben sich die Ukrainer unter den Nagel gerissen, bevor wir eintrafen. Wir haben uns zwar ein paar Juden gegriffen, die alles säubern mussten, doch das hat Stunden gedauert, erst gegen Morgen sind wir ins Bett gekommen.« Ich verabredete mich mit ihm im Garten hinter dem Gebäude und verabschiedete mich. Popp schnarchte im Opel, Höfler spielte mit Polizisten Karten; ich informierte ihn kurz, dann ging ich in den Garten und rauchte, während ich auf Thomas wartete.
Thomas war ein guter Kamerad, ich freute mich aufrichtig, ihn wiederzusehen. Wir waren seit einigen Jahren befreundet; in Berlin aßen wir häufig gemeinsam zu Abend; manchmal nahm er mich in Nachtlokale oder berühmte Konzertsäle mit. Er war ein Lebemann und kannte sich aus. Übrigens hatte ich es vor allem ihm zu verdanken, dass ich mich jetzt in Russland befand; zumindest war der Vorschlag von ihm gekommen. Doch die Geschichte reichte weiter zurück. Im Frühjahr 1939 – ich hatte gerade meinen Doktor in Jura gemacht und im SD angefangen – war viel vom Krieg die Rede. Nach Böhmen und Mähren hatte der Führer jetzt ein Auge auf Danzig geworfen; es kam nur darauf an, die Reaktion Frankreichs und Großbritanniens richtig einzuschätzen. Allgemein war man der Ansicht, sie würden wegen Danzig ebenso wenig einen Krieg riskieren, wie sie es wegen Prag getan hatten; doch beide Länder hatten die Westgrenze Polens garantiert und rüsteten fieberhaft auf. Immer wieder diskutierte ich die Frage mit meinem Vorgesetzten Dr. Best, der für mich auch so etwas wie ein Mentor beim SD war. Theoretisch brauchten wir uns vor dem Krieg nicht zu fürchten, versicherte er; der Krieg ergebe sich logisch aus der Weltanschauung. Er zitierte Hegel und Jünger, argumentierte, der Staat könne seine ideale Einheit nur im Krieg und durch ihn gewinnen: »Wenn das Individuum die Negation des Staates ist, so ist der Krieg die Negation dieser Negation. Der Krieg ist das Ereignis, das ein für alle Mal die kollektive Existenz des Volkes konstituiert.« Doch höheren Orts hatte man prosaischere Sorgen. In Ribbentrops Ministerium, in der Abwehr, in unserer eigenen auswärtigen Abteilung schätzte jeder die Lage auf seine Weise ein. Eines Tages wurde ich zum Chef, das heißt zu Reinhard Heydrich, befohlen. Es war das erste Mal, und ich empfand Erregung und Beklommenheit zugleich, als ich in sein Arbeitszimmer trat. Hochkonzentriert war er in einen Stapel Berichte vertieft, und ich blieb mehrere Minuten in Habachtstellung stehen, bevor er mir ein Zeichen gab, mich zu setzen. Ich hatte genug Zeit, ihn aus der Nähe zu betrachten. Natürlich hatte ich ihn schon mehrfach bei Dienstbesprechungen oder in den Gängen des Prinz-Albrecht-Palais gesehen; doch während er aus der Ferne geradezu als ideale Verkörperung des nordischen Übermenschen erschien, wirkten seine Züge aus der Nähe merkwürdig verschwommen. Schließlich gelangte ich zu der Überzeugung, dass es an den Proportionen liegen müsse: Unter der außergewöhnlich hohen und gewölbten Stirn waren der Mund zu breit und die Lippen zu voll für das schmale Gesicht; die Hände wirkten zu lang, wie unruhige, an seinen Armen befestigte Algen. Als er schließlich den Kopf hob, um mich aus seinen allzu eng stehenden kleinen Augen anzusehen, bewegten die sich hin und her; und als er endlich das Wort an mich richtete, schien mir seine Stimme viel zu hoch für einen Mann von so mächtiger Statur. Er machte auf mich einen verwirrend effeminierten Eindruck, was ihn nur noch unheimlicher wirken ließ. Seine Sätze kamen rasch, knapp, bestimmt; er beendete sie fast nie, doch blieb ihr Sinn stets klar und deutlich. »Ich habe einen Auftrag für Sie, Dr. Aue.« Der Reichsführer sei mit den Berichten unzufrieden, die er über die Absichten der Westmächte erhalte. Er verlange eine weitere Lagebeurteilung, unabhängig von der des Auswärtigen Amts. Alle Welt wisse, dass es in jenen Ländern eine starke pazifistische Strömung gebe, vor allem in nationalistischen und mit dem Faschismus sympathisierenden Kreisen; schwer einzuschätzen blieb jedoch deren Einfluss auf die Regierungen. »Offenbar kennen Sie sich in Paris gut aus. Aus Ihrer Personalakte geht hervor, dass Sie in Kreisen verkehrt haben, die der Action Française nahestanden. Diese Leute haben inzwischen an Bedeutung gewonnen.« Ich versuchte etwas einzuwerfen, doch Heydrich ließ mich nicht zu Wort kommen: »Es geht um Folgendes.« Er wollte, dass ich nach Paris ging und zu meinen alten Bekannten wieder Kontakt aufnahm, um mir ein Bild vom tatsächlichen politischen Gewicht der pazifistischen Zirkel zu machen. Ich sollte vorgeben, nach Beendigung meiner Studien Urlaub zu machen. Natürlich sollte ich jedem, der es hören wollte, versichern, dass das nationalsozialistische Deutschland gegenüber Frankreich nur die friedlichsten Absichten hege. »Dr. Hauser wird Sie begleiten. Doch Sie werden gesondert Bericht erstatten. Standartenführer Taubert wird Ihnen Devisen und die nötigen Papiere aushändigen. Noch Fragen?« Eigentlich fühlte ich mich der Sache überhaupt nicht gewachsen, doch er hatte mich überrumpelt. »Zu Befehl, Gruppenführer«, war alles, was ich herausbrachte. »Gut. Ende Juli sind Sie zurück. Wegtreten.«
Ich hatte Thomas aufgesucht, froh, dass er mit von der Partie war: Als Student hatte er mehrere Jahre in Frankreich verbracht, sein Französisch war ausgezeichnet. »He, was machst du denn für ein Gesicht?«, rief er aus, als er mich sah. »Du solltest froh sein. Immerhin hast du einen Auftrag bekommen, das ist doch was.« Plötzlich wurde mir bewusst, dass es sich wirklich um einen unverhofften Glücksfall handelte. »Du wirst sehen. Wenn wir Erfolg haben, öffnen sich viele Türen. Die Dinge werden bald in Bewegung geraten, und wer seine Chance zu nutzen weiß, dem werden alle Möglichkeiten offenstehen.« Er war bei Schellenberg gewesen, der in auswärtigen Angelegenheiten als einflussreichster Berater Heydrichs galt; Schellenberg hatte ihm auseinandergesetzt, was man von uns erwartete. »Es genügt, die Zeitungen zu lesen, um herauszufinden, wer Krieg will und wer nicht. Schwieriger ist es, den tatsächlichen Einfluss der verschiedenen Gruppierungen einzuschätzen. Und vor allem den Einfluss der Juden. Der Führer ist anscheinend davon überzeugt, dass sie Deutschland in einen weiteren Krieg treiben wollen; aber werden die Franzosen sich das gefallen lassen? Das ist die Frage.« Er lachte frei heraus: »Und dann isst man gut in Paris! Und die Mädchen sind hübsch.« Der Auftrag ließ sich gut an. Ich sah die alten Freunde wieder, Robert Brasillach, der mit seiner Schwester Suzanne und seinem Schwager Bardèche eine Spanienreise im Wohnwagen plante, ferner Blond, Rebatet und einige flüchtigere Bekannte, alles alte Kameraden aus der Zeit der Vorbereitungsklassen und der Studienjahre an der ELSP. In den Nächten schleppte mich Rebatet, schon halb betrunken, durch das Quartier Latin und gab gelehrte Kommentare zu den frisch an die Wände der Sorbonne gepinselten Parolen: MENE MENE TEKEL UFARSIN; am Tag nahm er mich manchmal zu Céline mit, der jetzt unglaublich berühmt war und gerade ein zweites ätzendes Pamphlet veröffentlicht hatte. In der Metro trug mir Poulain, ein Freund von Brasillach, ganze Passagen daraus vor: Es gibt keinen grundsätzlichen, unversöhnlichen Hass zwischen Franzosen und Deutschen, nur ein fortwährendes, unbarmherziges Ränkespiel der jüdisch-britischen Kriegstreiber, die unter allen Umständen verhindern wollen, dass Europa sich wieder, wie vor 843, zu einem einzigen Block, einer französisch-deutschen Einheit, zusammenschließt. Die ganze Begabung Judäo-Britanniens erschöpft sich darin, uns von einem Konflikt in den anderen, einem Blutbad ins andere zu stürzen – Aderlasse, aus denen wir, Franzosen wie Deutsche, regelmäßig und immer aufs Neue in schrecklicher Verfassung hervorgehen, ausgeblutet und den Juden der City auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Was Gaxotte und Robert anging, von denen L’Humanité behauptete, sie säßen im Gefängnis, so erklärten sie all denen, die es hören wollten, die französische Politik beziehe ihre ganze Weisheit aus den Astrologiebüchern von Trarieux d’Egmont, der durch einen Glückstreffer das Datum von München genau vorausgesagt habe. Die französische Regierung hatte gerade – kein gutes Omen – Abetz und andere offizielle Vertreter Deutschlands ausgewiesen. Jeder wollte meine Meinung hören: »Seit Versailles auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet ist, gibt es für uns keine französische Frage mehr. Kein Mensch in Deutschland erhebt Ansprüche auf das Elsass oder Lothringen. Doch mit Polen ist nichts verbindlich geregelt. Wir begreifen nicht, wieso Frankreich sich da einmischen muss.« Tatsache war aber, dass die französische Regierung sich einmischen wollte. Wer der jüdischen These keinen Glauben schenken mochte, gab England die Schuld: »Es will sein Empire schützen. Das ist seine Politik seit Napoleon: keine geeinte Macht auf dem Kontinent.« Andere waren der Meinung, dass, ganz anders als England, das in der Frage der Intervention eher zurückhaltend bleibe, zögerlicher, der französische Generalstab vielmehr von einer Allianz mit Russland träume, um Deutschland niederzuwerfen, bevor es zu spät sei. Trotz ihrer Begeisterung waren meine Freunde pessimistisch. »Die französische Rechte schwimmt gegen den Strom«, meinte Rebatet eines Abends zu mir. »Wegen der Ehre.« Alle schienen, wenn auch widerwillig, zu akzeptieren, dass es früher oder später doch zum Krieg kommen würde. Die Rechte gab der Linken und den Juden, die Linke und die Juden natürlich Deutschland die Schuld. Thomas sah ich kaum. Einmal nahm ich ihn in das Bistro mit, in dem ich die Mitarbeiter von Je Suis Partout wiedertraf. Ich stellte ihn als einen Kommilitonen vor. »Ist er dein Pylades?«, fragte mich Brasillach boshaft auf Griechisch. »Genau«, erwiderte Thomas in derselben Sprache, jedoch mit seinem weichen Wiener Akzent. »Und er ist mein Orest. Hüte dich vor der Macht einer Freundschaft in Waffen.«
Fortsetzung folgt



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