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Auszug aus: "Die Wohlgesinnten".
Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober.
Folge 13: »Wen schert es, was kommt?«
Er selbst hatte eher Kontakte zu Wirtschaftskreisen geknüpft; während ich mit begeisterten jungen Leuten in Dachwohnungen saß, die aus allen Nähten platzten, und mich mit billigem Wein und Pasta begnügte, gönnte er sich Gänseleberpastete in den besten Brasserien der Stadt. »Taubert zahlt«, er lachte. »Warum also darben?«
Wieder in Berlin, tippte ich meinen Bericht. Meine Schlussfolgerungen waren pessimistisch, aber schlüssig: Die französische Rechte war entschieden gegen den Krieg, hatte aber nur geringes politisches Gewicht. Die Regierung, beeinflusst von den Juden und den britischen Plutokraten, war davon überzeugt, dass die Expansion Deutschlands – und sei es nur in den Grenzen seines natürlichen Großraums – eine Bedrohung der vitalen Interessen Frankreichs darstelle; sie würde in den Krieg eintreten, nicht wegen Polen, sondern wegen der Garantien, die sie Polen gegeben hatte. Ich übermittelte Heydrich den Bericht; auf sein Verlangen hin ließ ich Werner Best einen Durchschlag zukommen. »Sie haben sicherlich Recht«, sagte dieser. »Aber es ist nicht das, was man hören möchte.« Mit Thomas hatte ich meinen Bericht nicht durchgesprochen; als ich ihm den Inhalt kurz schilderte, verzog er widerwillig das Gesicht. »Du kapierst wohl überhaupt nichts. Man könnte meinen, du kämst aus der finstersten Provinz.« Er hatte genau das Gegenteil geschrieben: dass die französischen Industriellen wegen ihrer Exporte gegen den Krieg waren – und die Streitkräfte nicht minder – und dass die französische Regierung, vor vollendete Tatsachen gestellt, einmal mehr klein beigeben würde. »Aber du weißt doch genau, dass es ganz anders kommen wird«, wandte ich ein. »Wen schert es, was kommt? Was geht das dich und mich an? Der Reichsführer will nur eins: den Führer beruhigen, damit der sich ungestört mit Polen befassen kann. Um alles andere kümmern wir uns später.« Er schüttelte den Kopf: »Der Reichsführer wird deinen Bericht nicht einmal zur Kenntnis nehmen.«
Natürlich hatte er Recht. Heydrich reagierte nicht auf meine Vorlage. Als die Wehrmacht einen Monat später in Polen einmarschierte und Großbritannien und Frankreich uns den Krieg erklärten, wurde Thomas zu den neuen Einsatzgruppen von Heydrich versetzt, während man mich in Berlin verkümmern ließ. Ich begann bald zu verstehen, dass ich mich in den komplizierten nationalsozialistischen Zirkusspielen hoffnungslos verheddert, die vieldeutigen Zeichen von oben falsch interpretiert und den Willen des Führers nicht richtig gedeutet hatte. Meine Analysen waren zutreffend, die von Thomas falsch; er war mit einem beneidenswerten Posten mit Aufstiegschancen belohnt worden, ich auf ein Abstellgleis geschoben: Das gab zu denken. Anhand sicherer Indizien merkte ich in den folgenden Monaten, dass der Einfluss Bests im RSHA, das aus der halbamtlichen Fusion von Sipo und SD neu gebildet worden war, im Schwinden war, obwohl man ihn an die Spitze zweier Behörden berufen hatte, wohingegen Schellenbergs Stern von Tag zu Tag stieg. Nun hatte Thomas wie durch Zufall zu Beginn des Jahres begonnen, mit Schellenberg zu verkehren; mein Freund hatte eine unfehlbare Begabung, nicht nur zur rechten Zeit, sondern schon etwas früher am rechten Ort zu sein; so hatte es jedes Mal den Anschein, er wäre schon immer dort gewesen und der bürokratische Machtwechsel hätte ihn lediglich eingeholt. Mit etwas mehr Aufmerksamkeit hätte ich das früher erkennen können. Jetzt würde mein Name, so befürchtete ich, mit dem Bests verknüpft bleiben und Bezeichnungen wie Bürokrat, engstirniger Jurist, nicht aktiv genug, nicht hart genug an mir hängen bleiben. Ich könnte weiter juristische Berichte verfassen, auch dafür würden Leute gebraucht, aber das wäre alles. Tatsächlich schied Werner Best im Juni des folgenden Jahres aus dem RSHA aus, an dessen Gründung er doch wie kaum ein anderer mitgewirkt hatte. Damals bewarb ich mich um einen Posten in Frankreich, erhielt aber den Bescheid, man habe im Justizministerium bessere Verwendung für mich. Best war ein schlauer Fuchs; er hatte überall Freunde und Gönner; seit einigen Jahren schon befasste er sich in seinen Veröffentlichungen weniger mit Straf- und Verfassungsrecht als mit Völkerrecht und der Theorie des Großraums, die er zusammen mit meinem ehemaligen Lehrer Reinhard Höhn und einigen anderen Intellektuellen in Abgrenzung zu Carl Schmitt entwickelte. Durch geschicktes Ausspielen seiner Karten ergatterte er einen hohen Posten in der Militärverwaltung Frankreichs. Mich dagegen ließ man noch nicht einmal publizieren.
Als Thomas auf Urlaub kam, bestätigte er meine Einschätzung: »Ich habe dir gesagt, dass es eine Dummheit war. Wer zählt, ist heute in Polen.« Im Moment könne er nicht viel für mich tun, fügte er hinzu. Schellenberg stehe hoch im Kurs, sei Heydrichs Protegé, und Schellenberg möge mich nicht, halte mich für verklemmt. Und Ohlendorf, mein anderer Förderer, war so damit beschäftigt, seine eigene Stellung abzusichern, dass ihm keine Zeit blieb, auch noch an mich zu denken. Vielleicht hätte ich mich an die ehemaligen Vorgesetzten meines Vaters wenden sollen. Doch damals hatten alle reichlich zu tun.
Schließlich war es Thomas, der die Dinge für mich wieder in Bewegung brachte. Nach Polen war er in Jugoslawien und Griechenland gewesen, von wo er als mehrfach dekorierter Hauptsturmführer zurückkehrte. Er trug nur noch Uniform, die genauso elegant geschneidert war wie früher seine Anzüge. Im Mai 1941 lud er mich zum Abendessen im Horcher ein, einem sehr gefragten Restaurant in der Martin-Luther-Straße. »Das geht auf mich«, verkündete er strahlend. Er ließ Champagner kommen, und wir stießen auf den Sieg an. »Sieg Heil!« – »Auf die vergangenen und die kommenden Siege«, fuhr er fort. Ob ich über Russland Bescheid wisse. »Nur gerüchtweise«, sagte ich. »Nichts Genaues.« Er lächelte: »Wir greifen an. Nächsten Monat.« Er machte eine Pause, um die Neuigkeit wirken zu lassen. »Mein Gott«, war alles, was ich schließlich herausbrachte. »Es gibt keinen Gott. Es gibt nur Adolf Hitler, unseren Führer, und die unbesiegbare Macht des Großdeutschen Reichs. Wir sind dabei, das größte Heer der Menschheitsgeschichte aufmarschieren zu lassen. In ein paar Wochen haben wir sie vernichtet.« Wir tranken. »Hör zu«, sagte er schließlich, »der Chef stellt gerade mehrere Einsatzgruppen zusammen, die der Wehrmacht folgen sollen. Sondereinheiten wie in Polen. Ich habe Gründe anzunehmen, dass er jedem vielversprechenden jungen SS-Offizier, der sich freiwillig zu diesen Einsätzen meldet, freundlich begegnen würde.« – »Ich habe mich schon einmal freiwillig gemeldet. Für Frankreich. Man hat mich abgelehnt.« – »Dieses Mal wird man dich nicht ablehnen.« – »Und du, gehst du auch hin?« Er ließ den Champagner in seinem Glas leicht kreisen. »Sicher. Ich bin zu einem der Gruppenstäbe abkommandiert. Jeder Gruppe sind mehrere Kommandos unterstellt. Ich kann dich sicher in einem der Kommandostäbe unterbringen.« – »Und was für Aufgaben haben diese Gruppen im Einzelnen?« Er lächelte: »Hab ich doch gesagt: Sonderaktionen, Sipo- und SD-Arbeit, die Sicherheit der Truppe in der Etappe, Nachrichtenbeschaffung, solche Dinge. Auch die Wehrmacht im Auge behalten. In Polen war sie ein bisschen schwierig, ein bisschen altmodisch, das soll nicht noch mal passieren.
Brauchst du Bedenkzeit?« Wundert es euch, dass ich keine Sekunde gezögert habe? Was Thomas mir vorschlug, musste mir einfach vernünftig, ja verlockend erscheinen. Versetzt euch in meine Lage. Hätte sich irgendjemand, der bei Verstand war, jemals vorstellen können, dass man ausgerechnet Juristen auswählen würde, um Menschen ohne Prozess umzubringen? Für mich war die Sache vollkommen klar, und ich brauchte kaum zu überlegen, bevor ich antwortete: »Nicht nötig. Hier in Berlin komme ich um vor Langeweile. Wenn du mich unterbringen kannst, bin ich mit von der Partie.« Er lächelte erneut: »Ich habe immer gesagt, dass du schwer in Ordnung bist, dass auf dich Verlass ist. Du wirst sehen, es wird lustig.« Ich lachte vergnügt, und wir tranken noch mehr Champagner. So vergrößert der Teufel sein Reich, so und nicht anders.
Doch das konnte ich in Lemberg noch nicht wissen. Es wurde schon Abend, als Thomas kam und mich aus meinen Gedanken riss. Vom Boulevard her ertönten noch vereinzelte Schüsse, doch insgesamt hatte sich die Situation weitgehend beruhigt. »Kommst du? Oder willst du noch ein wenig bleiben und Maulaffen feilhalten?« – »Was hat es eigentlich mit der Aktion Petljura auf sich?«, fragte ich. »Was du auf der Straße gesehen hast. Wer hat dir denn davon erzählt?« Ich ging nicht auf seine Frage ein. »Habt tatsächlich ihr das Pogrom veranlasst?« – »Sagen wir mal so: Wir haben nicht versucht, es zu verhindern. Wir haben nur ein paar Plakate vorbereitet. Aber ich glaube nicht, dass die Ukrainer uns gebraucht haben, um auf die Idee zu kommen. Hast du nicht die Anschläge der OUN gesehen? Ihr habt Stalin mit Blumen empfangen, wir werden Hitler zur Begrüßung eure Köpfe überreichen. Darauf sind sie ganz von allein gekommen.« – »Verstehe. Gehen wir zu Fuß?« – »Es ist ganz in der Nähe.« Das Restaurant lag in einer kleinen Seitenstraße hinter dem großen Boulevard. Die Tür war verschlossen; als Thomas klopfte, öffnete sie sich erst einen Spalt und wurde gleich darauf weit aufgerissen, sodass wir in einen halbdunklen, von Kerzenlicht erhellten Innenraum blicken konnten. »Nur für Deutsche«, sagte Thomas lächelnd. »Ah, Professor, guten Abend.« Die Abwehroffiziere waren bereits anwesend, sonst jedoch niemand. Den größeren der beiden – den, den Thomas begrüßt hatte – erkannte ich sofort, einen noch jugendlichen, sehr kultiviert aussehenden Herrn, dessen kleine braune Augen in dem runden glatten Mondgesicht funkelten. Er trug sein Haar etwas zu lang und seitwärts zu einer höchst unmilitärischen Tolle gelegt. Ich gab ihm meinerseits die Hand: »Wie schön, Sie wiederzusehen, Professor Oberländer.« Er betrachtete mich prüfend. »Kennen wir uns?« – »Ich bin Ihnen vor einigen Jahren nach Ihren Vorlesungen an der Universität Berlin vorgestellt worden. Durch Reinhard Höhn, meinen Professor.« – »Ah, Sie haben bei Höhn studiert? Ausgezeichnet.« – »Mein Freund Dr. Aue ist einer der aufgehenden Sterne am SD-Himmel«, ließ Thomas maliziös einfließen. »Wenn er ein Schüler von Höhn ist, wundert mich das nicht. Man könnte meinen, der ganze SD sei durch seine Hände gegangen.« Er wies auf seinen Kameraden: »Aber ich habe Ihnen meinen Stellvertreter Hauptmann Weber noch nicht vorgestellt.« Mir fiel die blau-gelbe Paspelierung ihrer Schulterstücke auf, die ich schon nachmittags bei einigen Soldaten bemerkt hatte. »Entschuldigen Sie meine Unwissenheit«, sagte ich, während wir uns setzten, »aber was bedeutet diese Paspelierung?« – »Das ist das Abzeichen des Bataillons Nachtigall, einer Sondereinheit der Abwehr, die von ukrainischen Nationalisten aus Westgalizien gestellt wird.« – »Professor Oberländer ist der Kommandeur der Nachtigallen. So gesehen, sind wir Konkurrenten«, erläuterte Thomas. »Sie übertreiben, Hauptsturmführer.« – »Durchaus nicht. Sie setzen auf Bandera, wir auf Melnyk und das Berliner Komitee.« Sofort belebte sich die Diskussion. Es wurde Wein eingeschenkt. »Bandera kann uns nützlich sein«, bestätigte Oberländer. »Inwiefern?«, entgegnete Thomas. »Die Typen sind doch außer Rand und Band. Nach Belieben und ohne Absprache verbreiten sie alle möglichen Proklamationen. Unabhängigkeit! Lachhaft.« – »Und Sie glauben, mit Melnyk ginge es besser?« – »Melnyk ist ein vernünftiger Mann.
Fortsetzung folgt



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