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Auszug aus: "Die Wohlgesinnten".
Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober.
Folge 14: »Der gerechte Volkszorn. Ich bitte Sie, Herr Hauptsturmführer.«
Ihm geht es um europäische Hilfe, nicht um Terror. Er ist Politiker und bereit, langfristig mit uns zusammenzuarbeiten. Das lässt uns mehr Möglichkeiten.« – »Vielleicht, aber die Straße hört nicht auf ihn.« – »Tollwütige Tiere! Wenn die nicht von selbst zur Vernunft kommen, werden wir sie bändigen.« Wir hoben die Gläser. Der Wein war gut, ein bisschen herb, aber mit viel Körper. »Wo kommt der her?«, fragte Weber und klopfte mit dem Fingernagel gegen sein Glas. »Der? Aus den Karpaten, glaube ich«, erwiderte Thomas. »Wissen Sie«, fuhr Oberländer fort, ohne sich vom Thema abbringen zu lassen, »die OUN leistet den Sowjets seit zwei Jahren erfolgreich Widerstand. Es wird nicht so leicht sein, sie auszuschalten. Besser, wir versuchen, sie für unsere Ziele einzuspannen und ihre Energien entsprechend zu kanalisieren. Auf Bandera werden sie wenigstens hören. Er hatte heute einen Termin bei Stezko, und das Gespräch ist sehr gut verlaufen.« – »Wer ist Stezko?«, fragte ich. Thomas antwortete in einem ironischen Ton: »Jaroslaw Stezko ist der neue Ministerpräsident einer angeblich unabhängigen Ukraine, die wir nicht autorisiert haben.« – »Wenn wir unsere Trümpfe richtig ausspielen«, fuhr Oberländer fort, »werden sie ihre Ansprüche rasch zurückschrauben.« Thomas fuhr auf: »Wer? Dieser Bandera? Der ist und bleibt ein Terrorist. Das ist ihm in die Wiege gelegt. Deshalb bewundern ihn übrigens auch all diese Fanatiker.« Er wandte sich an mich: »Weißt du, wo die Abwehr diesen Bandera aufgegabelt hat? Im Kittchen!« – »In Warschau«, präzisierte Oberländer lächelnd. »Da saß er tatsächlich eine Strafe ab, weil er 1934 einen polnischen Minister umgebracht hatte. Aber darin kann ich nichts Schlimmes sehen.« Thomas wandte sich wieder ihm zu: »Ich sage ja nur, dass er völlig unberechenbar ist. Sie werden sehen. Fanatisch, wie er ist, träumt er von einer Groß-Ukraine, die von den Karpaten bis zum Don reicht. Er hält sich für einen zweiten Dmitri Donskoi. Melnyk ist wenigstens Realist. Und auch er genießt eine Menge Unterstützung. Alle bekannten Mitkämpfer berufen sich auf ihn.« – »Ja, aber eben nicht die jungen. Und dann müssen Sie zugeben, dass er sich in der Judenfrage nicht eben durch Eifer auszeichnet.« Thomas zuckte die Achseln: »Dazu brauchen wir ihn nicht. Schließlich ist die OUN in der Vergangenheit nie antisemitisch gewesen. Sie sind erst dank Stalin ein wenig in die Richtung gegangen.« – »Das mag ja stimmen«, warf Weber ruhig ein. »Aber es gibt auch andere Gründe, etwa die enge Verbindung der Juden mit den polnischen Großgrundbesitzern.« Das Essen kam: gebratene Ente, gefüllt mit Äpfeln, dazu Kartoffelpüree und geschmorte Rote Rüben. Thomas tat uns auf. »Ganz vorzüglich«, meinte Weber. »Ja, ausgezeichnet«, pflichtete ihm Oberländer bei. »Eine Spezialität der Gegend?« – »Ja«, bestätigte Thomas zwischen zwei Bissen. »Die Ente wird mit Majoran und Knoblauch zubereitet. Normalerweise wird vorher Schwarzsaures gereicht, eine Suppe aus dem Blut der Ente, aber das ging heute nicht.« – »Entschuldigung«, unterbrach ich ihn. »Aber wie fügt sich Ihr Bataillon Nachtigall in dieses Bild?« Oberländer kaute bedächtig zu Ende und tupfte sich die Lippen ab, bevor er antwortete. »Bei denen liegt die Sache etwas anders. Da herrscht noch der ruthenische Geist, wenn Sie so wollen. Weltanschaulich – und sogar personell, soweit es die ältesten unter ihnen betrifft – sind sie aus einem nationalen Verband innerhalb der alten kaiserlich russischen Armee hervorgegangen, den Ukrainski sitschowi strilzi, übersetzt etwa: ›Ukrainische Füsiliere von der Insel Sitsch‹, eine Anspielung auf die Kosakenvergangenheit. Nach dem Krieg sind sie hiergeblieben. Viele von ihnen haben unter Petljura gegen die Roten gekämpft, 1918 auch ein bisschen gegen uns. Die OUN mag sie nicht besonders. In gewisser Weise streben sie eher Autonomie als Unabhängigkeit an.« – »Wie die Bulbowizi übrigens«, fügte Weber hinzu. Er blickte mich an: »Haben die sich in Luzk noch nicht sehen lassen?« – »Meines Wissens nicht. Sind das auch Ukrainer?« – »Wolynier«, stellte Oberländer richtig. »Eine Selbstschutzgruppe, die zunächst Widerstand gegen die Polen leistete. Seit 39 kämpfen sie gegen die Sowjets, es könnte also von Vorteil für uns sein, uns mit ihnen zu verständigen. Aber ich glaube, sie halten sich eher in der Nähe von Rowno auf und weiter in den Pripjetsümpfen.« Alle hatten sich wieder dem Essen zugewandt. »Eines verstehe ich allerdings nicht«, Oberländer nahm den Faden wieder auf und richtete seine Gabel gegen uns, »warum haben die Bolschewiken die Polen unterdrückt, die Juden jedoch nicht? Wie Weber gesagt hat, sie stecken doch von jeher unter einer Decke.« – »Ich denke, die Antwort liegt auf der Hand«, sagte Thomas. »In Stalins Machtbereich haben die Juden sowieso das Sagen. Als die Bolschewiken das Gebiet besetzten, haben sie zwar den Platz der polnischen Pans eingenommen, erhielten aber dasselbe Muster aufrecht, das heißt, um die ukrainischen Kleinbauern auszubeuten, griffen auch sie auf die Juden zurück. Daher der gerechte Volkszorn, den wir heute beobachten konnten.« Weber prustete in sein Glas; Oberländer gluckste. »Der gerechte Volkszorn. Ich bitte Sie, Herr Hauptsturmführer.« Er hatte sich im Stuhl zurückgelehnt und klopfte mit dem Messer auf die Tischkante. »Das ist doch was fürs Publikum. Für unsere Verbündeten, für die Amerikaner vielleicht. Sie aber wissen doch so gut wie ich, wie man diesen gerechten Zorn organisiert.« Thomas lächelte liebenswürdig: »Zumindest hat er den Vorzug, lieber Professor, die Bevölkerung psychologisch einzubeziehen. Hinterher können die Leute nicht anders, als die Einführung unserer Maßnahmen gutzuheißen.« – »Richtig. Das lässt sich nicht leugnen.« Die Kellnerin räumte ab. »Kaffee?«, erkundigte sich Thomas. – »Sehr gern. Aber bitte rasch. Wir haben heute Abend noch Arbeit vor uns.« Thomas bot Zigaretten an, der Kaffee wurde gebracht. »Wie dem auch sei«, meinte Oberländer, während er sich über das Feuerzeug beugte, das Thomas ihm hinhielt, »ich bin sehr gespannt, was uns erwartet, wenn wir den Sbrutsch überqueren.« – »Warum denn das?«, fragte Thomas und gab Weber Feuer. »Haben Sie mein Buch gelesen? Zur Überbevölkerung der ländlichen Gebiete in Polen?« – »Leider nicht. Bedaure.« Oberländer wandte sich an mich: »Aber Sie doch sicherlich, bei Höhn.« – »Natürlich.« – »Gut. Nun, wenn meine Theorien zutreffen, werden wir, sobald wir in das Kerngebiet der Ukraine gelangen, auf eine wohlhabende Landbevölkerung stoßen.« – »Wieso?«, fragte Thomas. »Dank Stalins Politik. In etwas mehr als einem Jahrzehnt sind fünfundzwanzig Millionen Familienhöfe in zweihundertfünfzigtausend landwirtschaftliche Großbetriebe umgewandelt worden. Nach meinem Dafürhalten waren die ›Entkulakisierung‹ und vor allem die vorsätzlich inszenierte Hungersnot von 1932 gezielte Versuche, das Gleichgewicht wiederherzustellen – das Gleichgewicht zwischen den Anbauflächen, die für die Nahrungsmittelerzeugung zur Verfügung stehen, und der Bevölkerung, die von diesen Nahrungsmitteln lebt. Ich habe Grund zu der Annahme, dass es ihnen gelungen ist.« – »Und wenn sie gescheitert sind?« – »Dann ist es an uns, Erfolg zu haben.« Weber machte ihm ein Zeichen, und er trank seinen Kaffee aus. »Nun, meine Herren«, sagte er, erhob sich und schlug die Hacken zusammen, »wir danken Ihnen für den angenehmen Abend. Was schulden wir Ihnen?« – »Ich bitte Sie«, sagte Thomas, sich seinerseits erhebend. »Sie waren unsere Gäste.« – »Gut, vorausgesetzt, Sie geben uns Gelegenheit zur Revanche.« – »Mit Vergnügen. In Kiew oder in Moskau?« Allgemeines Gelächter und Händeschütteln. »Grüßen Sie Dr. Rasch von mir«, sagte Oberländer. »In Königsberg haben wir uns oft gesehen. Ich hoffe, er findet Zeit, an einem unserer Abende teilzunehmen.« Die beiden Männer gingen hinaus, und Thomas setzte sich wieder: »Möchtest du einen Kognak? Die Einsatzgruppe zahlt.« – »Sehr gern.« Thomas bestellte. »Hör mal, du sprichst aber gut Ukrainisch«, sagte ich. »Nun, in Polen habe ich ein wenig Polnisch gelernt, das ist fast das Gleiche.« Der Kognak kam, und wir stießen an. »Was hat er eigentlich gemeint, als wir über das Pogrom sprachen?« Thomas schwieg eine Weile. Schließlich entschloss er sich zu antworten: »Das bleibt aber unter uns. Du weißt, dass wir in Polen ziemliche Probleme mit der Wehrmacht gehabt haben. Vor allem was unsere Sonderaktionen anging. Die Herren hatten moralische Bedenken. Sie glaubten, sie könnten hobeln, ohne dass Späne fallen. Dieses Mal haben wir Vorkehrungen getroffen, um Missverständnisse zu vermeiden. Der Chef und Schellenberg haben exakte Vereinbarungen mit der Wehrmacht ausgehandelt. Ist euch das in Pretzsch erklärt worden?« Ich nickte, woraufhin er fortfuhr: »Trotzdem wollen wir vermeiden, dass sie wieder anderen Sinnes werden. Daher haben die Pogrome einen großen Vorteil: Sie zeigen der Wehrmacht, dass in der Etappe das Chaos ausbricht, wenn der SS und der Sicherheitspolizei die Hände gebunden sind. Außerdem: Wenn es eines gibt, was der Soldat noch mehr verabscheut als Unehrenhaftigkeit, wie sie es nennen, dann ist das Unordnung. Lass das Ganze noch drei Tage andauern, und sie flehen uns an, dass wir unsere Arbeit tun: ordentlich, diskret, effizient, unauffällig.« – »Und Oberländer ahnt das alles?« – »Ach, den stört das überhaupt nicht. Der will nur sichergehen, dass man ihm bei seinen kleinen politischen Intrigen nicht in die Quere kommt. Aber«, fügte er lächelnd hinzu, »zu gegebener Zeit werden wir auch ihm auf die Finger sehen.«
Irgendwie ein merkwürdiger Bursche, dachte ich beim Schlafengehen. Gelegentlich verletzte mich sein Zynismus, auch wenn ich ihn häufig erfrischend fand. Gleichzeitig wusste ich, dass ich sein Verhalten nicht nach seinen Worten beurteilen durfte. Ich hatte uneingeschränktes Vertrauen zu ihm: Im SD hatte er mir immer loyal geholfen, ohne dass ich ihn darum gebeten hatte, und selbst dann, wenn ich ihm in erkennbarer Weise nicht von Nutzen sein konnte. Einmal hatte ich ihn ganz offen danach gefragt, und er hatte schallend gelacht: »Was soll ich dir sagen? Dass du Teil eines langfristigen finsteren Plans bist? Ich kann dich gut leiden, das ist alles.« Diese Worte erfüllten mich mit tiefer Freude, und er beeilte sich hinzuzufügen: »Auf jeden Fall weiß ich, dass du, gewitzt, wie du bist, nie zur Gefahr für mich werden kannst. Das ist schon was.« Er hatte maßgeblich auf meinen Eintritt in den SD hingewirkt, und übrigens hatte ich ihn auch auf diese Weise kennengelernt. Das geschah zwar unter recht seltsamen Umständen, aber man kann es sich nicht immer aussuchen. Seit einigen Jahren hatte ich zum Netzwerk der Vertrauensleute des SD gehört, die in allen deutschen Lebensbereichen tätig waren – in Industrie, Landwirtschaft, Bürokratie, Universität. Als ich 1934 nach Kiel kam, waren meine Mittel begrenzt, und auf den Rat Dr. Mandelbrods, eines ehemaligen Vorgesetzten meines Vaters, hatte ich mich bei der SS beworben, wodurch mir die Studiengebühren erspart blieben. Dank seiner Unterstützung wurde ich rasch aufgenommen. Zwei Jahre später hatte ich eine außerordentliche Vorlesung Otto Ohlendorfs über Abweichungen vom rechten Weg des Nationalsozialismus gehört; hinterher wurde ich ihm von Dr. Jessen, meinem Wirtschaftsprofessor, vorgestellt, bei dem einige Jahre zuvor auch Ohlendorf studiert hatte.
Fortsetzung folgt



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