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Dienstag, 19. Februar 2008
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Auszug aus: "Die Wohlgesinnten".
Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober.

Folge 15: »Ach, Aue, Sie sind’s«

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Wie sich herausstellte, hatte ihm Mandelbrod, zu dem er in Beziehung stand, bereits von mir erzählt. Ziemlich unverblümt legte er mir den Sicherheitsdienst ans Herz und warb mich auf der Stelle als V-Mann an. Die Arbeit war einfach: Ich musste Berichte anfertigen über das, was man sich erzählte, über die Gerüchte, über die Witze und die Reaktionen auf die Ausbreitung des Nationalsozialismus.

In Berlin, so hatte mir Ohlendorf erklärt, würden die Berichte Tausender V-Leute zusammengetragen und in geraffter Form vom SD an verschiedene Parteiinstanzen verteilt, damit diese sich ein Bild von der Stimmung im Volk machen und ihre Politik entsprechend ausrichten könnten. Das ersetzte in gewisser Weise die Wahlen. Ohlendorf gehörte zu den Vätern des Systems, auf das er sichtlich stolz war. Anfangs fand ich das faszinierend, Ohlendorfs Vortrag hatte mich tief beeindruckt, und ich war glücklich, so zum Aufbau des Nationalsozialismus beitragen zu können. Doch in Berlin wurde ich von meinem Lehrer Höhn auf behutsame Art ein wenig ernüchtert. Beim SD war er der Fürsprecher von Ohlendorf und vielen anderen gewesen. Doch inzwischen hatte er sich mit dem Reichsführer überworfen und den Dienst quittiert. Rasch gelang es ihm, mich davon zu überzeugen, dass der Wunsch, für einen Nachrichten- oder Spionagedienst zu arbeiten, romantische Schwärmerei sei und dass ich meinem Volk weit nützlichere Dienste erweisen könne. Zwar blieb ich mit Ohlendorf in Verbindung, doch er redete nicht mehr oft mit mir über den SD; wie ich später erfuhr, hatte auch er seine Schwierigkeiten mit dem Reichsführer. Ich zahlte zwar weiterhin meine Beiträge als Angehöriger der SS und nahm an den Übungen teil, schickte aber keine Berichte mehr und hatte die ganze Angelegenheit bald völlig vergessen. Stattdessen konzentrierte ich mich vorrangig auf meine – ziemlich spröde – Dissertation; außerdem hatte mich die Liebe zu Kant gepackt, und gewissenhaft büffelte ich Hegel und die idealistische Philosophie; von Höhn ermutigt, beabsichtigte ich, mich um einen Posten in einem Ministerium zu bewerben. Aber ich muss zugeben, dass ich mich auch aus anderen, privaten Gründen zurückhielt. In meinem Plutarch hatte ich eines Abends die folgenden Sätze über Alkibiades unterstrichen: So hätte man dem äußeren Anschein nach sagen können: »Nicht des Achilleus Sohn, er selber bist du ja«, wie ihn Lykurgos erzogen hat. Aber auf sein wahres Tun und Lassen hätte besser das Wort gepaßt: »Es ist die Frau wie einst.« Das ringt euch vielleicht nur ein Lächeln ab, oder ihr verzieht das Gesicht vor Abscheu; heute ist mir das egal. In Berlin gab es damals in dieser Hinsicht, trotz Gestapo, noch alles, was das Herz begehrte. Einschlägige Kneipen wie Kleist-Kasino oder Silhouette blieben geöffnet, und Razzien waren selten, offenbar weil jemand die Hand darüberhielt. Ansonsten gab es auch bestimmte Gegenden im Tiergarten, in der Nähe des Neuen Sees vor dem Zoologischen Garten, wohin sich nachts nur selten ein Schupo verirrte; dort warteten hinter Bäumen Strichjungen oder junge, kräftige Arbeiter aus dem roten Wedding. An der Universität hatte ich ein oder zwei Beziehungen gehabt, notgedrungen diskret und ohnehin kurz; doch ich zog die proletarischen Liebhaber vor, ich unterhielt mich nicht gern.

Trotz aller Diskretion bekam ich schließlich Ärger. Ich hätte besser aufpassen sollen; schließlich gab es genug Fingerzeige. Höhn hatte mich – in aller Unschuld – gebeten, das Buch Homosexualität und Strafrecht des Rechtsanwalts Rudolf Klare zu rezensieren. Dieser bemerkenswert gut unterrichtete Mann hatte eine überraschend exakte Typologie homosexueller Praktiken aufgestellt und eine entsprechende Klassifikation der Delikte vorgelegt, ausgehend von dem bloßen Anschauen des geliebten Objekts (ideeller Koitus) (Stufe 1) über das Anpressen des (entblößten) Gliedes an irgendeinen Körperteil des Partners (Stufe 4) und Stoßbewegungen zwischen den Knien, Schenkeln oder in der Achselhöhle (Stufe 6), um mit der Berührung des Penis mit der Zunge, der Einführung des Penis in den Mund oder in den Anus (Stufen 7, 8 und 9) abzuschließen. Jeder Deliktstufe war eine Strafe von zunehmender Strenge zugeordnet. Zweifellos war Klare ein ehemaliger Internatszögling; doch Höhn versicherte, der Innenminister und die Sicherheitspolizei nähmen seine Ideen durchaus ernst. Ich fand sie eher komisch. Eines Frühlingsabends – es war das Jahr 1937 – machte ich wieder einmal einen Spaziergang hinter dem Neuen See. Ich beobachtete die Schatten der Bäume, bis mein Blick dem eines jungen Mannes begegnete; ich nahm eine Zigarette heraus, bat ihn um Feuer, und als er mir das Feuerzeug hinhielt, beugte ich mich nicht über seine Hand, sondern schob sie beiseite, warf die Zigarette fort, fasste ihn am Nacken und küsste ihn auf die Lippen, wobei ich genüsslich seinen Atem kostete. Ich folgte ihm unter die Bäume, wir entfernten uns von den Wegen, wie jedes Mal pochte mir das Blut heftig in Hals und Schläfen, ein trockener Schleier hatte sich mir auf den Atem gelegt, ich knöpfte ihm die Hose auf, vergrub mein Gesicht in dem herben Geruch von Schweiß, männlicher Haut, Urin und Kölnischwasser, rieb es an seiner Haut, seinem Geschlecht und dort, wo der Haarwuchs dichter wird, leckte ihn, nahm ihn in den Mund und stieß ihn, als ich nicht mehr an mich halten konnte, gegen einen Baum, drehte mich, ohne ihn loszulassen, um und führte ihn in mich ein, bis sich die Zeit und der Schmerz auflösten. Als es vorbei war, entfernte er sich rasch, ohne ein Wort. Noch immer aufs Äußerste erregt, lehnte ich mich gegen den Baum, ordnete meine Kleidung, zündete eine Zigarette an und versuchte, das Zittern in den Beinen zu beherrschen. Als ich wieder gehen konnte, schlug ich die Richtung Landwehrkanal ein, überquerte ihn und ging wieder zur S-Bahn am Bahnhof Zoo. Ein grenzenloser Jubel beflügelte meine Schritte. Auf der Lichtensteinbrücke lehnte ein Mann am Geländer: Ich kannte ihn, wir hatten gemeinsame Bekannte, sein Name war Hans P. Er wirkte sehr blass und mitgenommen, er trug keine Krawatte; feiner Schweiß glänzte unter dem trostlosen Licht der Straßenlaternen auf seinem fast grünlichen Gesicht. Meine euphorische Stimmung verflog jäh. »Was machen Sie hier?«, rief ich unwirsch, wenig freundschaftlich. »Ach, Aue, Sie sind’s.« In seinem Lachen klang eine Spur von Hysterie mit. »Wollen Sie das wirklich wissen?« Die Begegnung nahm eine höchst ungewöhnliche Wendung; ich stand wie versteinert, schüttelte den Kopf. »Ich wollte springen«, erläuterte er und biss sich auf die Oberlippe, »aber ich habe mich nicht getraut. Ich habe sogar«, fuhr er fort, und dabei schlug er seine Jacke zurück und zeigte mir den Griff einer Pistole, »das hier mitgebracht.« – »Wo zum Teufel haben Sie die denn her?«, fragte ich mit gedämpfter Stimme. »Mein Vater ist Offizier. Ich habe sie ihm geklaut. Sie ist geladen.« Unruhig schaute er mich an. »Sie würden mir nicht helfen?« Ich blickte mich um: niemand, so weit ich den Kanal überblicken konnte. Langsam streckte ich den Arm aus und zog ihm die Waffe aus dem Gürtel. Gebannt und schreckensstarr verfolgte er meine Bewegungen. Ich untersuchte das Magazin: Es schien voll zu sein, mit einem trockenen Klicken ließ ich es wieder in den Griff schnappen. Dann packte ich ihn mit der linken Hand brutal am Hals, stieß ihn gegen das Geländer und schob ihm den Pistolenlauf gewaltsam zwischen die Lippen. »Los, mach ihn auf!«, bellte ich. »Mach den Mund auf!« Mein Herz klopfte zum Zerspringen, ich hatte das Gefühl zu schreien, während ich mich anstrengte, die Stimme zu senken. »Mach ihn auf!« Ich schob ihm den Lauf zwischen die Zähne. »Ist es das, was du willst? Na los, lutschen!« Hans P. verging vor Angst, ich roch plötzlich den scharfen Geruch von Urin, ich senkte den Blick: Er hatte sich in die Hosen gemacht. Augenblicklich verflüchtigte sich meine Wut so rätselhaft, wie sie gekommen war. Ich schob ihm die Pistole in den Gürtel zurück und tätschelte seine Wange. »Wird schon wieder. Geh nach Hause.« Damit ließ ich ihn stehen, überquerte die Brücke und wandte mich nach rechts, am Kanal entlang. Ein paar Meter weiter tauchten drei Schupos aus dem Nichts auf. »He, du da! Was tust du hier? Deine Papiere!« – »Ich bin Student. Ich gehe spazieren.« – »Klar doch, die Spaziergänge kennen wir. Und der da auf der Brücke? Ist er deine Freundin?« Ich zuckte die Achseln: »Ich kenne ihn nicht. Er machte einen seltsamen Eindruck und hat versucht, mich zu bedrohen.« Sie wechselten einen Blick, woraufhin zwei von ihnen in Richtung Brücke trabten. Ich versuchte, mich zu verdrücken, aber der dritte packte mich am Arm. Auf der Brücke gab es Getümmel, Schreie, dann Schüsse. Die beiden Schupos kamen zurück, einer von ihnen war leichenblass und hielt sich die Schulter, Blut lief zwischen seinen Fingern hindurch. »Verdammt, dieser Dreckskerl hat auf mich geschossen. Aber wir haben ihn erwischt.« Sein Kamerad warf mir einen bösartigen Blick zu: »Und du, du kommst mit!«

Sie brachten mich auf das Polizeirevier Derfflingerstraße, Ecke Kurfürstenstraße; dort nahm mir ein Polizist, schon halb im Schlaf, die Papiere ab, stellte mir ein paar Fragen und notierte die Antworten auf einem Formular; dann musste ich mich auf eine Bank setzen. Zwei Stunden später brachte man mich in das Abschnittskommando Tiergarten auf der anderen Straßenseite. Ich wurde in ein Zimmer geführt, wo, zusammengesunken hinter einem Tisch, ein schlecht rasierter Mann in einem tadellos gebügelten Anzug saß. Er war von der Kripo. »Sie sitzen ja schön in der Scheiße, junger Mann. Ein Mann hat auf einen Polizeibeamten geschossen und ist getötet worden. Wer war er? Kannten Sie ihn? Man hat Sie mit ihm auf der Brücke gesehen. Was haben Sie dort gemacht?« Auf meiner Bank hatte ich Zeit zum Nachdenken gehabt, ich hielt mich an eine einfache Version: Ich war Doktorand, vertrat mir gern nachts ein wenig die Beine, um über meine Dissertation nachzudenken, war von zu Hause, auf dem Prenzlauer Berg, losgegangen, um Unter den Linden und dann durch den Tiergarten spazieren zu gehen, wollte zur S-Bahn, um nach Hause zu fahren; auf der Brücke war ich von diesem Mann angesprochen worden, er hatte etwas gesagt, was ich nicht verstanden hatte, sein seltsames Aussehen hatte mir Angst gemacht, ich hatte geglaubt, er wolle mich bedrohen, hatte meinen Weg fortgesetzt, dann die Schupos getroffen, das war alles. Der Kripobeamte stellte mir die gleichen Fragen wie die Schupos: »Die Gegend ist ein bekannter Treff. Sind Sie sicher, dass es nicht doch Ihr Freund war? Ein Streit unter Liebesleuten? Die Beamten behaupten, dass Sie mit ihm gesprochen haben.« Ich bestritt es und wiederholte meine Geschichte: war Doktorand und so fort. So ging es eine ganze Weile weiter: Er stellte seine Fragen barsch, unerbittlich; mehrfach versuchte er, mich zu provozieren, aber ich ließ mich nicht einschüchtern, ich wusste, dass ich am besten fuhr, wenn ich Ruhe bewahrte. Ich begann, mich von einem Bedürfnis belästigt zu fühlen, und bat, auf die Toilette gehen zu dürfen. Er lachte: »Nein, erst danach«, und fuhr fort. Schließlich wedelte er mit der Hand. »Na gut, Herr Jurist. Setzen Sie sich draußen in den Flur. Wir machen später weiter.« Ich verließ das Büro und setzte mich in den Korridor. Abgesehen von zwei Schupos und einem Betrunkenen, der auf seiner Bank eingeschlafen war, war ich allein. Von Zeit zu Zeit flackerte eine Glühbirne. Alles war ordentlich, sauber, ruhig. Ich wartete.

Fortsetzung folgt

Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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