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Mittwoch, 20. Februar 2008
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Auszug aus: "Die Wohlgesinnten".
Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober.

Folge 16: »Mich hat einfach der Kameradschaftsgeist hergeführt«

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Einige Stunden vergingen, ich muss eingenickt gewesen sein, das Morgengrauen ließ die Flurfenster allmählich hell werden, ein Mann trat ein. Er war geschmackvoll gekleidet, mit gestreiftem Anzug von elegantem Schnitt, gestärktem Hemdkragen, perlgrauer Strickkrawatte; am Revers trug er das Parteiabzeichen, unter den Arm eine schwarze Ledertasche gepresst, das pechschwarze dichte Haar hatte er straff und pomadeglänzend nach hinten gekämmt; und obwohl sein Gesicht verschlossen blieb, schienen seine Augen zu lächeln, als er mich ansah. Er flüsterte den wachhabenden Schupos ein paar Worte zu; einer von ihnen ging dem Besucher im Flur voraus, und sie verschwanden. Ein paar Minuten darauf kehrte der Schupo zurück und winkte mir mit seinem dicken Finger: »Du da. Mitkommen!« Ich stand auf, reckte mich und folgte ihm, mein Bedürfnis nur mühsam unterdrückend. Der Schupo führte mich wieder in das Zimmer, wo ich verhört worden war. Der Kripobeamte war verschwunden; auf seinem Platz saß jetzt der gut gekleidete junge Mann, einen Arm mit gestärkter Manschette auf den Tisch gestützt, den anderen lässig über die Rückenlehne gehängt. Die schwarze Tasche lag neben seinem Ellenbogen. »Treten Sie ein!«, sagte er höflich, aber bestimmt. Er wies auf den Stuhl vor dem Tisch: »Nehmen Sie bitte Platz!« Der Schupo schloss die Tür hinter mir, und ich setzte mich. Ich hörte die Nagelstiefel des Mannes im Flur klacken, während er sich entfernte. Die Stimme des eleganten jungen Mannes war leise und höflich, kaschierte aber ihre Schärfe nur notdürftig. »Herr Halbey, mein Kollege von der Kriminalpolizei, hält Sie für einen Hundertfünfundsiebziger. Sind Sie einer?« Das schien mir eine echte Frage zu sein, daher beantwortete ich sie mit einem klaren »Nein«. – »Das glaube ich auch«, sagte er. Er blickte mich an und reichte mir über den Schreibtisch hinweg die Hand: »Mein Name ist Thomas Hauser. Erfreut, Sie kennenzulernen.« Ich beugte mich vor und schüttelte sie. Sein Händedruck war fest, die Haut trocken und glatt, die Nägel sehr gepflegt. »Aue. Maximilian Aue.« – »Ja, ich weiß. Sie haben Glück, Herr Aue. Kriminalkommissar Halbey hat bereits einen vorläufigen Bericht über den unglücklichen Zwischenfall an die Staatspolizei geschickt, in dem von einer angeblich schuldhaften Verstrickung Ihrerseits die Rede ist. Eine Kopie ging an Kriminalrat Meisinger. Wissen Sie, wer Kriminalrat Meisinger ist?« – »Nein, das weiß ich nicht.« – »Kriminalrat Meisinger leitet die Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung. Er ist also für die Hundertfünfundsiebziger zuständig. Ein sehr unangenehmer Mensch. Ein Bayer.« Er machte ein Pause. »Zu Ihrem Glück ist der Bericht von Kriminalkommissar Halbey zuerst an meine Dienststelle gegangen. Ich hatte heute Abend Dienst. Daher konnte ich die für Kriminalrat Meisinger bestimmte Kopie vorerst zurückhalten.« – »Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen.« – »Ja, das kann man wohl sagen. Sehen Sie, unser Freund, der Kriminalkommissar Halbey, hat einen bestimmten Verdacht in Bezug auf Ihre Person gefasst. Doch Kriminalrat Meisinger hält sich nicht lange mit Verdächtigungen auf, er will Tatsachen. Und die verschafft er sich mit Methoden, die zwar nicht die einhellige Zustimmung der Staatspolizei finden, die sich aber im Allgemeinen als sehr wirksam erweisen.« Ich schüttelte den Kopf: »Hören Sie … Ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie sprechen. Es handelt sich um ein Missverständnis.« Thomas schnalzte leise. »Vorläufig haben Sie Recht«, sagte er. »Es scheint sich um ein Missverständnis zu handeln. Oder um ein unglückliches Zusammentreffen, wenn Ihnen das lieber ist, das von dem übereifrigen Kriminalkommissar Halbey falsch interpretiert wurde.« Ich beugte mich vor und hob die Hände: »Hören Sie, das alles ist völlig idiotisch. Ich bin Student, Mitglied der Partei, der SS …« Er fiel mir ins Wort: »Ich weiß, dass Sie Pg sind und der SS angehören. Professor Höhn ist ein guter Bekannter von mir. Ich weiß sehr gut, wer Sie sind.« Da begriff ich: »Ach, Sie gehören zum SD.« Thomas lächelte freundlich: »In gewissem Sinne, ja. Normalerweise arbeite ich für Dr. Six: Er ist der Nachfolger Ihres Professors Höhn. Aber im Augenblick bin ich zur Staatspolizei abkommandiert, als Assistent von Dr. Best, der dem Chef hilft, den juristischen Rahmen für die Sipo zu entwickeln.« Selbst unter den gegebenen Umständen bemerkte ich, mit welchem Nachdruck er das Wort Chef aussprach. »Dann haben Sie also alle den Doktortitel beim Sicherheitsdienst?«, fragte ich. Er lächelte von Neuem, ein breites und offenes Lächeln: »Fast alle.« – »Dann wurden Sie auch promoviert?« Er nickte: »In Jura.« – »Verstehe.« – »Der Chef dagegen, der hat keinen Titel. Aber er ist viel intelligenter als wir. Er bedient sich unserer Talente, um seine Ziele zu erreichen.« – »Und was sind das für Ziele?« Thomas runzelte die Stirn: »Was studieren Sie bei Höhn? Den Schutz des Staates natürlich.« Er schwieg. Auch ich sagte nichts, wir sahen uns an. Offenbar wartete er auf etwas. Er beugte sich vor und stützte das Kinn in die eine Hand, während er mit den manikürten Nägeln der anderen auf den Tisch trommelte. Schließlich fragte er etwas verstimmt: »Staatsschutz interessiert Sie nicht, Herr Aue?« Ich zögerte: »Ich bin doch gar nicht promoviert …« – »Sie werden es aber bald sein.« Wieder einige Sekunden Schweigen. »Ich weiß nicht recht, worauf Sie hinauswollen«, sagte ich schließlich. »Ich will auf gar nichts hinaus, es sei denn darauf, Ihnen unnötigen Ärger zu ersparen. Wissen Sie, die Berichte, die Sie damals für den SD verfasst haben, sind sofort positiv aufgefallen. Sehr gut geschrieben, auf das Wesentliche konzentriert, von einer vorbildlichen weltanschaulichen Haltung durchdrungen. Schade, dass Sie nicht weitergemacht haben, aber gut, das ist Ihre Entscheidung. Trotzdem, als ich den Bericht von Kommissar Halbey las, habe ich mir gesagt, dass das ein Verlust für den Nationalsozialismus wäre. Ich habe mit Dr. Best telefoniert, übrigens habe ich ihn geweckt, und er sah die Sache genauso und hat mich ermächtigt, hierherzufahren und Kommissar Halbey zu veranlassen, diese peinliche Untersuchung einzugrenzen. Sie wissen, dass polizeiliche Ermittlungen aufgenommen werden müssen, da ein Mensch ums Leben gekommen ist. Außerdem ist ein Polizist verwundet worden. Eigentlich müssten Sie zumindest als Zeuge vorgeladen und gehört werden. Berücksichtigt man den Schauplatz des Verbrechens, einen stadtbekannten Homosexuellentreff, wird die Affäre, selbst wenn ich Kommissar Halbey dazu bringen kann, seinen Eifer zu mäßigen, über kurz oder lang automatisch zur Kenntnisnahme an die Dienststelle von Kriminalrat Meisinger weitergeleitet. Von Stund an wird sich Kriminalrat Meisinger für Sie interessieren. Wie ein Schwein wird er herumwühlen. Egal, welche Ergebnisse er zutage fördert, sie werden bleibende Spuren in Ihrer Personalakte hinterlassen. Nun ist es aber so, dass der Reichsführer SS die Homosexualität mit besonderer Besessenheit verfolgt. Die Homosexuellen machen ihm Angst, er hasst sie. Er glaubt, ein Mann mit homosexueller Erbanlage könne mit seiner Krankheit Dutzende junger Männer anstecken und all diese jungen Leute seien dann für die Rasse verloren. Er denkt ferner, dass die Perversen geborene Lügner seien, die an ihre eigenen Lügen glaubten. Daraus ergibt sich nach seiner Meinung eine unverantwortliche Geisteshaltung, die sie unfähig zur Treue macht, sie veranlasst, über alles und jeden zu tratschen, und die letztlich zum Verrat führt. Diese potenzielle Gefahr, die vom Homosexuellen ausgeht, bedeutet für den Reichsführer, dass es keine medizinische Frage ist, nichts, was Ärzte heilen könnten, sondern eine politische Frage, um die sich die Sipo kümmern muss. Vor Kurzem hat er sich sogar begeistert über einen Vorschlag von SS-Untersturmführer Professor Eckhardt geäußert, einem unserer besten Rechtshistoriker, der Ihnen vermutlich bekannt ist. Eckhardt hat angeregt, den alten germanischen Brauch wiedereinzuführen, der darin bestand, die warmen Brüder in einem Torfmoor zu ertränken. Ich wäre der Erste, der zugäbe, dass das ein eher extremer – wenn auch unleugbar logischer – Standpunkt ist und dass nicht alle die Welt so schwarzweiß sehen. Der Führer selbst scheint dieser Frage eher gleichgültig gegenüberzustehen. Aber gerade weil er so wenig Interesse daran zeigt, hat der Reichsführer mit seinen ganz eigenen Ideen freie Hand, die aktuelle Politik zu bestimmen. Sollte sich Kriminalrat Meisinger also eine ungünstige Meinung von Ihnen bilden, könnten Sie eine Menge Unannehmlichkeiten bekommen, selbst wenn es ihm nicht gelänge, eine Verurteilung nach §§ 175 oder 175a StGB durchzusetzen. Sollte Kriminalrat Meisinger darauf bestehen, könnte man Sie sogar in U-Haft nehmen. Das täte mir sehr leid und Dr. Best ebenfalls.« Ich hörte ihm nur mit halbem Ohr zu, weil sich mein Bedürfnis wieder bemerkbar machte, heftiger als je zuvor, trotzdem reagierte ich schließlich: »Ich verstehe nicht recht, worauf Sie hinauswollen. Sind Sie im Begriff, mir ein Angebot zu machen?« – »Ein Angebot?« Thomas zog die Augenbrauen hoch. »Hören Sie, für wen halten Sie mich? Meinen Sie wirklich, der SD hätte es nötig, die Leute zu erpressen, um sie anzuwerben? Das kann nicht Ihr Ernst sein. Nein«, fuhr er fort, und ein liebenswürdiges Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, »mich hat einfach der Kameradschaftsgeist hergeführt, um Ihnen zu helfen, von Nationalsozialist zu Nationalsozialist. Natürlich können wir uns denken«, fügte er mit einem spöttischen Blick hinzu, »dass Professor Höhn seine Studenten vor dem SD warnt, daher wird er Sie auch nicht eben ermutigt haben, und das ist schade. Wissen Sie, dass er es war, der mich angeworben hat? Er ist undankbar geworden. Sollten Sie Ihre Meinung irgendwann ändern, würde uns das freuen. Falls Sie einmal einen positiveren Eindruck von unserer Arbeit gewinnen sollten, denke ich, dass Dr. Best sehr gern mit Ihnen darüber reden würde. Denken Sie darüber nach. Aber das hat nichts mit meinem Vorgehen heute Abend zu tun.« Ich muss gestehen, dass mir diese offene und direkte Haltung gefiel. Ich war sehr beeindruckt von der Geradlinigkeit, Tatkraft und ruhigen Überzeugung, die sich in Thomas’ Verhalten ausdrückte. Das passte überhaupt nicht in das Bild, das ich vom SD hatte. Doch er erhob sich bereits. »Sie verlassen das Kommissariat mit mir. Es wird keine Einwände geben. Ich teile Kommissar Halbey mit, Sie seien dort im Auftrag des SD gewesen, und damit ist es gut. Zu gegebener Zeit machen Sie eine entsprechende Aussage. Auf diese Weise geht alles seinen geordneten Gang.« Ich konnte nur noch an die Toilette denken; Thomas wartete nach beendeter Unterredung auf dem Korridor, während ich mich endlich erleichterte. Dabei hatte ich Zeit, ein wenig nachzudenken: Als ich wieder auf den Flur trat, war meine Entscheidung wohl schon gefallen. Draußen war es bereits hell. Auf der Kurfürstenstraße verabschiedete sich Thomas mit einem kräftigen Händedruck von mir. »Ich bin sicher, dass wir uns bald wiedersehen. Tschüs!« Und so entschloss ich mich, den Arsch noch voller Sperma, in den Sicherheitsdienst einzutreten.



Am Tag nach dem Abendessen mit Oberländer ging ich, sobald ich aufgewacht war, zu Hennicke, dem Chef des Gruppenstabs. »Ah, Obersturmführer Aue. Die Depeschen für Luzk sind fast fertig. Melden Sie sich beim Brigadeführer. Er hält sich im Gefängnis Brygidki auf. Untersturmführer Beck bringt Sie hin.« Dieser Beck war noch sehr jung, eine stattliche Erscheinung, schien aber irgendwie verstimmt, als unterdrücke er einen geheimen Zorn.

Fortsetzung folgt

Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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