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Auszug aus: "Die Wohlgesinnten".
Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober.
Folge 17: »Seien Sie froh, dass Sie nicht hier waren«
Nachdem er mich begrüßt hatte, sprach er kaum mit mir. Die Menschen auf der Straße wirkten noch erregter als am Vortag, Gruppen bewaffneter Nationalisten patrouillierten, der Verkehr stockte. Man sah auch mehr deutsche Soldaten. »Ich muss am Bahnhof vorbeifahren und ein Paket abholen«, sagte Beck. »Das würde Sie nicht stören?« Sein Fahrer kannte sich schon gut aus; um der Menschenmenge auszuweichen, nahm er eine Abkürzung durch eine Querstraße; ein Stück weiter schlängelte sie sich einen kleinen Hang empor, an gutbürgerlichen Häusern eines ruhigen und begüterten Viertels entlang. »Eine schöne Stadt«, sagte ich. »Natürlich«, erwiderte Beck, »im Grunde ist es eine deutsche Stadt.« Ich schwieg. Am Bahnhof ließ er mich im Wagen warten und verschwand in der Menge. Straßenbahnen spuckten ihre Fahrgäste aus, nahmen neue auf, fuhren wieder ab.
Unter den Bäumen eines kleinen Parks linker Hand hatten sich, gleichgültig gegenüber dem Getümmel auf den Straßen, einige Zigeunerfamilien niedergelassen, schmutzig, dunkelhäutig, in bunte Lumpen gekleidet. Andere hielten sich in der Nähe des Bahnhofs auf, ohne zu betteln; selbst die Kinder spielten nicht. Beck kam mit einem kleinen Paket zurück. Er folgte meinem Blick und bemerkte die Zigeuner. »Statt unsere Zeit mit den Juden zu vergeuden, sollten wir uns lieber mit denen da befassen«, stieß er zornig hervor. »Die sind viel gefährlicher. Wussten Sie, dass sie für die Roten arbeiten? Aber wir werden es ihnen schon heimzahlen.« Als wir die lange Straße entlangfuhren, die hinter dem Bahnhof wieder anstieg, ergriff er erneut das Wort: »Die Synagoge liegt hier gleich nebenan. Ich würde sie mir gern ansehen. Danach fahren wir zum Gefängnis.« Die Synagoge befand sich etwas zurückgesetzt in einer Seitengasse, links von der breiten Zufahrtsstraße, die ins Stadtzentrum führte. Vor dem Eingangstor standen zwei deutsche Soldaten Wache. Die baufällige Fassade sah nicht sehr vertrauenerweckend aus; nur ein Davidstern auf dem Giebeldreieck verriet die Bestimmung des Gebäudes; kein Jude war zu sehen. Ich folgte Beck durch die kleine Tür. Der große Innenraum war zwei Stockwerke hoch und oben von einer Galerie umgeben, vermutlich für die Frauen; schöne Malereien in lebhaften Farben schmückten die Wände, naiv, aber kraftvoll in ihrem Stil, ein Löwe von Juda, groß, von Judensternen, Papageien und Schwalben umgeben und teilweise von Einschüssen zernarbt. Statt Bänken gab es kleine Stühle, die fest mit Schulpulten verbunden waren. Lange betrachtete Beck die Malereien, dann ging er wieder hinaus. Auf der Straße vor dem Gefängnis herrschte dichtes Gedränge, ein ungeheurer Auflauf. Die Menschen schrien und kreischten, Frauen zerrissen hysterisch ihre Kleider und wälzten sich auf dem Boden; Juden, von Feldgendarmen bewacht, rutschten auf Knien und schrubbten den Gehsteig; von Zeit zu Zeit versetzte ihnen jemand aus der aufgebrachten Menge einen Fußtritt, ein Feldwebel brüllte mit hochrotem Kopf: »Juden kaputt!«, woraufhin ihm die Ukrainer bewundernd Beifall spendeten. Am Gefängnistor musste ich einer Kolonne Juden Platz machen, die, im Hemd oder mit nacktem Oberkörper und größtenteils blutüberströmt, unter Aufsicht deutscher Soldaten verwesende Leichen herausschleppten und auf Karren luden. Schwarz gekleidete alte Frauen warfen sich laut aufschreiend auf die Leichname, um sich anschließend auf die Juden zu stürzen und sie zu zerkratzen, bis ein Soldat versuchte, sie zurückzustoßen. Währenddessen hatte ich Beck aus den Augen verloren, ich betrat den Gefängnishof, wo mich das gleiche Schauspiel erwartete: Zu Tode geängstigte Juden sortierten Leichen, während andere unter den Flüchen der Soldaten das Pflaster schrubbten; diese sprangen von Zeit zu Zeit vor und schlugen die Juden mit der bloßen Faust oder dem Gewehrkolben, die Juden heulten auf, brachen zusammen, mühten sich, wieder hochzukommen und die Arbeit fortzusetzen, andere Soldaten fotografierten die Szene, wieder andere krakeelten fröhlich Beleidigungen oder Anfeuerungsrufe, gelegentlich auch kam einer der Juden nicht mehr hoch, dann bearbeiteten ihn mehrere Uniformierte mit ihren Stiefeln, ein oder zwei Juden mussten die Leiche an den Füßen zur Seite ziehen, andere wurden wieder zum Schrubben eingesetzt. Endlich stieß ich auf einen SS-Mann: »Wissen Sie, wo ich Brigadeführer Rasch finde?« – »Ich glaube, er ist im Gefängnisbüro, dort entlang, ich habe ihn eben die Treppe hochgehen sehen.« Obwohl auf dem langen Korridor ein ständiges Kommen und Gehen von Soldaten herrschte, war es ruhiger hier, allerdings waren die schmutzig grünen glänzenden Wände mit mehr oder weniger frischen Blutflecken bespritzt, darauf klebten Fetzen von Hirnmasse, mit Haaren und Knochensplittern vermengt; auf dem Boden, wo man die Leichen entlanggezogen hatte, waren breite Spuren geblieben, in die man hineinplatschte. Am Ende des Korridors kam Rasch mit einem großen pausbäckigen Oberführer und mehreren anderen Offizieren der Einsatzgruppe die Treppe herunter. Ich grüßte. »Ah, Sie sind es. Sehr schön. Ich habe einen Bericht von Radetzky erhalten; bitten Sie ihn herzukommen, sobald es ihm möglich ist. Und Sie machen Obergruppenführer Jeckeln persönlich Meldung über die Aktion hier. Heben Sie hervor, dass die Initiative von den Nationalisten und dem Volk ausgegangen ist. Das NKWD und die Juden haben in Lemberg dreitausend Menschen ermordet. Jetzt rächt sich das Volk, das ist normal. Wir haben das AOK gebeten, ihnen ein paar Tage Zeit zu lassen.« – »Zu Befehl, Brigadeführer.« Ich trat hinter ihnen ins Freie. Rasch und der Oberführer diskutierten lebhaft. Im Hof wurde der Leichengestank deutlich von dem schweren, widerlichen Geruch frischen Blutes überlagert. Beim Hinausgehen begegnete ich zwei Juden, die unter Bewachung von der Straße zurückkehrten; einer von ihnen, ein sehr junger Mann, blutete heftig, gab aber keinen Laut von sich. Beck wartete am Wagen, und wir kehrten zum Gruppenstab zurück. Ich befahl Höfler, den Opel fertig zu machen und Popp zu suchen, dann machte ich mich auf den Weg, die Depeschen und den Brief bei Leiter III abzuholen. Ich erkundigte mich auch nach Thomas’ Verbleib, ich wollte ihm vor der Abfahrt guten Tag sagen. »Sie finden ihn in der Nähe des Boulevards«, sagte man mir. »Schauen Sie ins Café Metropolis, in der Sykstuska.« Unten standen Popp und Höfler schon abfahrbereit. »Kann’s losgehen, Obersturmführer?« – »Ja, aber wir halten unterwegs noch mal. Nehmen Sie den Boulevard.« Das Metropolis war rasch entdeckt. Drinnen standen die Männer in Grüppchen beisammen und diskutierten lärmend, einige, schon betrunken, grölten; an der Theke tranken durchreisende Frontoffiziere Bier und erörterten die Ereignisse. Ich traf Thomas weiter hinten in Gesellschaft eines jungen blonden Mannes mit aufgeschwemmtem, missmutigem Gesicht und in Zivil an. Sie tranken Kaffee. »Grüß dich, Max! Darf ich dich mit Oleg bekannt machen. Er ist sehr gebildet, sehr intelligent.« Oleg erhob sich und schüttelte mir beflissen die Hand; er schien eher ein ziemlicher Trottel zu sein. »Hör mal, ich fahr jetzt zurück.« Thomas antwortete mir auf Französisch: »In Ordnung. Wir sehen uns sowieso bald wieder: Wenn alles nach Plan geht, wird euer Kommandostab mit uns in Shitomir stationiert.« – »Ausgezeichnet.« Auf Deutsch fuhr er fort: »Mach’s gut! Halt die Ohren steif.« Ich nickte Oleg zu und verließ das Café. Unsere Truppen waren noch weit von Shitomir entfernt, aber Thomas schien sehr zuversichtlich, offenbar hatte er Informationen aus erster Hand. Während der Rückfahrt genoss ich wieder die Lieblichkeit der galizischen Landschaft; im Staub der Lkw-Kolonnen und des Geräts, die auf dem Weg an die Front waren, kamen wir nur langsam voran; vereinzelt durchbrach die Sonne die weißen Wolken, die in langen Reihen am Himmel aufmarschierten, in einer riesigen Schattenkuppel, heiter und still.
Nachmittags traf ich in Luzk ein. Laut von Radetzky wurde Blobel nicht so bald zurückerwartet; Häfner teilte uns vertraulich mit, dass man den Standartenführer schließlich in die geschlossene Abteilung eines Wehrmachtslazaretts eingewiesen habe. Die Vergeltungsaktion war reibungslos über die Bühne gegangen, doch schien niemand besondere Lust zu haben, darüber zu sprechen: »Seien Sie froh, dass Sie nicht hier waren«, ließ mich Zorn wissen. Am 6. Juli verlegte das Sonderkommando, immer der vorrückenden 6. Armee dicht auf den Fersen, seinen Sitz nach Rowno, kurz darauf nach Swjagel, das die Sowjets Nowograd-Wolynski nennen. Jedes Mal wurden Teilkommandos abkommandiert, die den Befehl hatten, potenzielle Gegner aufzuspüren, festzunehmen und zu exekutieren. Größtenteils waren es zwar Juden, aber wir erschossen auch Kommissare oder Funktionäre der bolschewistischen Partei, wenn wir sie erwischten, Diebe, Plünderer, Bauern, die ihr Getreide versteckten, auch Zigeuner – Beck war sicherlich zufrieden. Radetzky hatte uns erläutert, dass wir in den Kategorien objektiver Bedrohung denken müssten: Da es faktisch unmöglich sei, jeden einzelnen Schuldigen zu entlarven, müsse man anhand soziopolitischer Kriterien bestimmen, wer uns am ehesten schaden könnte, und entsprechend handeln. In Lemberg war es General Rentz, dem neuen Ortskommandanten, nach und nach gelungen, die Ordnung wiederherzustellen und die Ausschreitungen einzudämmen; trotzdem hatte das Einsatzkommando 6, später das Kommando 5, das jenes ersetzt hatte, auch weiterhin Hunderte von Menschen vor der Stadt exekutiert. Allmählich bekamen wir auch Ärger mit den Ukrainern. Am 9. Juni fand der kurze Flirt mit der Unabhängigkeit ein jähes Ende: Die Sipo verhaftete Bandera und Stezko, schickte sie unter Bewachung nach Krakau und entwaffnete ihre Männer. Doch andernorts lehnte sich die OUN-B auf; in Drohobytsch eröffneten sie das Feuer auf unsere Truppen, mehrere Deutsche wurden getötet. Von da an begann man Banderas Parteigänger ebenfalls als objektive Bedrohung zu behandeln; begeistert halfen uns die Melnykisten, sie zu identifizieren, und übernahmen die lokalen Verwaltungen. Am 11. Juli tauschte unser Gruppenstab, dem wir untergeordnet waren, die Bezeichnung mit jenem Stab, welcher der Heeresgruppe Mitte zugeordnet war: Fortan waren wir die »Einsatzgruppe C«; am selben Tag fuhr eines unserer Vorkommandos mit den Panzern der 6. Armee in Shitomir ein. Einige Tage darauf wurde ich zu dessen Verstärkung abkommandiert, bis der restliche Führungsstab zu uns aufgeschlossen hätte.
Ab Swjagel veränderte sich die Landschaft vollständig. Jetzt fuhren wir durch die ukrainische Ebene, eine endlos wogende Prärie, die landwirtschaftlich intensiv genutzt wurde. Auf den Getreidefeldern war der Klatschmohn verblüht, doch Roggen und Gerste reiften gerade, und kilometerweit richteten Sonnenblumen ihre goldenen Blütenkränze himmelwärts und folgten dem Lauf der Sonne. Hier und da, wie zufällig hingeworfen, unterbrach eine langgezogene Reihe von Isbas im Schatten von Robinien oder Eichen-, Ahorn- und Eschenwäldchen die eintönige Perspektive. Die Feldwege waren mit Linden gesäumt, die Flüsse mit Espen und Weiden; in den Städten hatte man entlang den Boulevards Kastanien gepflanzt.
Fortsetzung folgt



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