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Freitag, 22. Februar 2008
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Auszug aus: "Die Wohlgesinnten".
Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober.

Folge 18: »Das ist notwendig, verstehen Sie?«

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Unsere Karten erwiesen sich als vollkommen unbrauchbar: Die eingezeichneten Straßen existierten nicht oder endeten im Nirgendwo; umgekehrt entdeckten unsere Patrouillen dort, wo sich der Karte zufolge leere Steppe befand, Kolchose mit riesigen Baumwoll-, Melonen- und Rübenfeldern; aus winzigen Gemeinden waren hochentwickelte Industriezentren geworden. Doch während Galizien uns fast unversehrt in die Hände gefallen war, hatte die Rote Armee hier eine systematische Politik der verbrannten Erde praktiziert. Die Dörfer und Felder standen in Flammen, die Brunnen waren gesprengt oder zugeschüttet, die Straßen vermint, die Gebäude mit Sprengfallen versehen; in den Kolchosen trafen wir Vieh, Geflügel und Frauen an, aber keine Männer und Pferde; in Shitomir hatten sie alles in Brand gesetzt, was brennbar war: Glücklicherweise waren zwischen den rauchenden Ruinen noch zahlreiche Wohngebäude stehen geblieben. Die Stadt befand sich immer noch unter ungarischem Kommando, und Callsen kochte vor Wut: »Ihre Offiziere pflegen freundschaftlichen Umgang mit den Juden, sie essen sogar bei den Juden zu Abend!« Bohr, ein anderer Offizier, fügte hinzu: »Anscheinend sind einige ihrer Offiziere selber Juden.

Können Sie sich das vorstellen? Deutschlands Verbündete! Ich wage nicht mehr, ihnen die Hand zu geben.« Die Einheimischen hatten uns freundlich empfangen, beklagten sich aber über den Vormarsch der Honvéd auf ukrainisches Gebiet: »Die Deutschen sind von jeher unsere Freunde«, sagten sie. »Die Magyaren wollen uns einfach annektieren.« Täglich entluden sich diese Spannungen in kleineren Zusammenstößen. Eine Pionierkompanie hatte zwei Ungarn getötet; einer unserer Generale musste den Ungarn unsere Entschuldigung überbringen. Andererseits hinderten die Honvéd unsere örtliche Polizei an ihrer Arbeit, sodass sich das Vorkommando gezwungen sah, über den Gruppenstab beim Oberkommando der Heeresgruppe Süd zu protestieren. Am 15. Juli wurden die Ungarn endlich abgezogen, woraufhin sich das AOK 6 in Shitomir einrichtete, dicht gefolgt von unserem Kommando und dem Gruppenstab C. Unterdessen hatte man mich als Verbindungsoffizier nach Swjagel befohlen. Die Teilkommandos unter Callsen, Hans und Janssen hatten jeweils einen Sektor zugewiesen bekommen und schwärmten fächerartig aus, nachdem die Front vor Kiew zum Stillstand gekommen war; da unser Abschnitt im Süden an den des Ek 5 grenzte, mussten wir unsere Aktionen koordinieren, denn jedes Teilkommando operierte selbstständig. So kam es, dass ich mich mit Janssen zusammen in der Region zwischen Swjagel und Rowno, an der Grenze Galiziens, befand. Die kurzen Sommerunwetter schlugen immer häufiger in anhaltende Regengüsse um, die den Lössstaub, der fein wie Mehl war, in einen zähen, klebrig schwarzen Schlamm verwandelten, im Landserjargon »Buna« genannt. Endlose Sumpfflächen bildeten sich, in denen sich die Leichen und Pferdekadaver, die die vorrückende Front dort zurückgelassen hatte, langsam auflösten. Die Männer erlagen einem nicht enden wollenden Durchfall; Läuse tauchten auf; sogar die Lkws blieben im Schlamm stecken, und es wurde immer schwieriger, sich fortzubewegen. Zur Unterstützung der Sonderkommandos warben wir zahlreiche ukrainische Hilfswillige an, die von ehemaligen Angehörigen der afrikanischen Schutztruppe »Askaris« genannt wurden; ihren Sold bekamen sie von den örtlichen Gemeinden und aus dem beschlagnahmten jüdischen Vermögen. Viele von ihnen waren Bulbowizi, jene wolynischen Extremisten, von denen Oberländer gesprochen hatte (ihr Name leitete sich von Taras Bulba her): Nach der Auflösung der OUN-B hatte man sie vor die Wahl »deutsche Uniform« oder »Lager« gestellt; die meisten waren in der ukrainischen Bevölkerung untergetaucht, einige aber hatten sich bei uns gemeldet. Höher im Norden, zwischen Pinsk, Mosyr und Olewsk, hatte die Wehrmacht dafür eine »Ukrainische Republik Polesien« ausrufen lassen, die von einem gewissen Taras Borowez regiert wurde, vormals Besitzer eines von den Bolschewiken verstaatlichten Steinbruchs in Kostopol; er jagte versprengte Einheiten der Roten Armee und polnische Partisanen, was auf unserer Seite Truppen freisetzte – im Gegenzug ließen wir ihn unbehelligt; doch die Einsatzgruppe befürchtete, er könne feindselige Elemente der OUN-B schützen, wir nannten sie scherzhaft die »OUN-Bolschewiken« im Gegensatz zu den »Menschewiken« von Melnyk. Wir zogen auch die Volksdeutschen heran, die wir in den Ortschaften antrafen, um sie als Bürgermeister und Polizisten einzusetzen. Die Juden wurden fast überall zur Zwangsarbeit eingesetzt; und wir gingen dazu über, die Juden, die nicht arbeitsfähig waren, systematisch zu erschießen. Doch auf der ukrainischen Seite des Sbrutschs scheiterten unsere Bemühungen häufig an der Apathie der einheimischen Bevölkerung, die uns die Absetzbewegungen der Juden nicht meldete, was diese nutzten, um sich unerlaubt wegzubewegen und in den Wäldern des Nordens zu verstecken. Daraufhin gab Brigadeführer Rasch den Befehl, die Juden vor den Exekutionen öffentlich aufmarschieren zu lassen, um in den Augen der ukrainischen Landbevölkerung den Mythos von der politischen Macht der Juden zu zerstören. Allerdings schienen diese Maßnahmen recht wirkungslos zu verpuffen.

Eines Morgens schlug Janssen mir vor, an einer dieser Aktionen teilzunehmen. Früher oder später musste es dazu kommen, ich wusste es und hatte daran gedacht. Ich darf mit Fug und Recht behaupten, dass ich Zweifel an unseren Methoden hegte: Mir wollte ihre Logik nicht recht einleuchten. Ich hatte mit jüdischen Häftlingen gesprochen; die hatten mir versichert, für sie sei alles Schlechte von jeher aus dem Osten gekommen und alles Gute aus dem Westen. 1918 hätten sie unsere Truppen als Befreier und Retter empfangen; die hätten sich sehr human verhalten; nach dem Abzug der Deutschen seien Petljuras Ukrainer zurückgekehrt und hätten sie, die Juden, abgeschlachtet. Die bolschewistischen Machthaber wiederum hätten das Volk verhungern lassen. Und jetzt würden wir sie töten. Und es war nicht zu leugnen, wir töteten viele Menschen. Ich empfand das als Unglück, selbst wenn es unvermeidlich und notwendig war. Doch dem Unglück haben wir uns zu stellen; wir müssen stets bereit sein, dem Unvermeidlichen und Notwendigen ins Gesicht zu sehen und vor den Konsequenzen, die sich daraus ergeben, nicht die Augen zu verschließen; den Kopf in den Sand zu stecken ist niemals eine angemessene Reaktion. So nahm ich Janssens Angebot an. Die Aktion wurde von Untersturmführer Nagel, seinem Adjutanten, befehligt; ich brach mit ihm zusammen aus Swjagel auf. Tags zuvor hatte es geregnet, aber die Straße befand sich noch in gutem Zustand, wir fuhren langsam zwischen zwei hohen Mauern aus lichtüberflutetem Pflanzgrün dahin, die die Felder vor unserem Blick verbargen. Das Dorf, der Name ist mir entfallen, lag am Ufer eines breiten Flusses, einige Kilometer jenseits der früheren sowjetischen Grenze; es war ein größerer Flecken mit gemischter Einwohnerschaft, auf der einen Seite wohnten die galizischen Bauern, auf der anderen die Juden. Bei unserer Ankunft waren die Absperrungen schon gezogen worden. Nagel hatte mich auf einen Wald hinter dem Ort aufmerksam gemacht: »Da soll es stattfinden.« Er wirkte nervös, unsicher, offenbar hatte auch er bislang noch niemals getötet. Auf dem Dorfplatz brachten unsere Askaris die Juden zusammen, Männer fortgeschrittenen Alters und Jugendliche; sie führten sie durch die jüdischen Gassen heran, gelegentlich schlugen sie sie, auf dem Platz mussten sich die Juden hinhocken und wurden von Orpos bewacht. Auch einige Deutsche begleiteten diese Grüppchen, einer von ihnen, ein gewisser Gnauk, prügelte mit einer Reitpeitsche auf die Juden ein, um sie vorwärts zu treiben. Doch von den Schreien abgesehen ging alles relativ ruhig und geordnet vonstatten. Es gab keine Schaulustigen; von Zeit zu Zeit erschien ein Kind am Rande des Platzes, betrachtete die hockenden Juden und verschwand wieder. »Ich denke, es wird noch eine halbe Stunde dauern«, meinte Nagel. »Kann ich mich ein bisschen umschauen?«, fragte ich ihn. »Selbstverständlich, aber nehmen Sie Ihren Burschen mit.« Damit war Popp gemeint, der mir seit Lemberg nicht mehr von der Seite wich, sich um meine Unterkunft und den Kaffee kümmerte, meine Stiefel putzte und meine Uniformen in Schuss hielt; dabei hatte ich ihn nicht darum gebeten. Ich wandte mich in Richtung der kleinen galizischen Höfe, zum Fluss hin, Popp, das Gewehr umgehängt, folgte mir im Abstand von einigen Schritten. Die Häuser waren lang und niedrig, die Türen blieben fest verschlossen, ich sah niemanden in den Fenstern. Vor einem Holztor mit einem notdürftigen hellblauen Anstrich schnatterten laut etwa dreißig Gänse, sie warteten darauf, wieder reingelassen zu werden.

Ich ließ die letzten Häuser hinter mir und ging zum Fluss hinab, doch das Ufer wurde sumpfig, ich stieg wieder ein bisschen höher hinauf; in einiger Entfernung erblickte ich den Wald. Die Luft war erfüllt vom durchdringenden, quälenden Gequake liebeskranker Frösche. Weiter oben, zwischen durchweichten Äckern, in deren Wasserpfützen sich das Sonnenlicht spiegelte, marschierte ein Dutzend weißer Gänse, fett und stolz, hintereinander vorbei, gefolgt von einem verschreckten Kalb. Ich hatte schon einige ukrainische Dörfer gesehen: Sie waren mir alle erheblich ärmer und bedürftiger erschienen als dieses hier, und ich befürchtete, Oberländers Theorien würden ins Wanken geraten. Ich trat den Rückweg an. Vor dem blauen Tor warteten noch immer die Gänse und beäugten eine Kuh, deren Augen tränten und von wimmelnden Fliegen förmlich verklebt waren. Auf dem Dorfplatz ließen die Askaris die Juden mit Gebrüll und Stockschlägen auf die Lastwagen steigen; dabei leisteten die Juden überhaupt keinen Widerstand. Unmittelbar vor mir schleiften zwei Ukrainer einen alten Mann mit Holzbein über den Boden, seine Prothese löste sich, rücksichtslos warfen sie ihn auf den Lastwagen. Nagel war fortgegangen, ich packte einen der Askaris am Arm und wies auf das Holzbein: »Leg das zu ihm auf den Lastwagen.« Der Ukrainer zuckte die Achseln, hob das Bein auf und warf es dem Alten hinterher. Auf jedem Lastwagen pferchte man ungefähr dreißig Juden zusammen; insgesamt mochten es hundertfünfzig sein, doch uns standen nur drei Lkws zur Verfügung, wir mussten also zweimal fahren. Als die Wagen beladen waren, bedeutete mir Nagel, in den Opel zu steigen, und fuhr in Richtung Wald, gefolgt von den Lastwagen. Man hatte die Lichtung bereits abgesperrt. Wir ließen absitzen, dann befahl Nagel, die Juden zu bestimmen, die graben sollten; die anderen hatten an Ort und Stelle zu warten. Ein Hauptscharführer nahm die Selektion vor, Schaufeln wurden verteilt; Nagel stellte eine Eskorte zusammen, und die Gruppe verschwand im Wald. Die Lastwagen waren wieder abgefahren. Ich betrachtete die Juden: Die in meiner Nähe erschienen blass, aber ruhig. Nagel trat zu mir und erklärte nachdrücklich, indem er auf die Juden wies: »Das ist notwendig, verstehen Sie? Bei alledem darf das menschliche Leid überhaupt keine Rolle spielen.« – »Sicher, aber trotzdem zählt es irgendwie.« Genau das war es, was mir unbegreiflich blieb: die Kluft, die absolute Unverhältnismäßigkeit zwischen der Leichtigkeit, mit der es sich tötet, und der unendlichen Schwierigkeit, mit der gestorben wird. Für uns war es ein schmutziges Tagewerk unter vielen, für sie das Ende von allem.

Ende des Vorabdrucks

Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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