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Auszug aus: "Die Wohlgesinnten".
Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober.
Folge 2: Aue - ein Henker und Spitzenfabrikant
Doch wenn man die Arbeit, die banalen Verrichtungen, die alltägliche Hektik unterbricht, um sich ernsthaft einem Gedanken zu widmen, sieht alles ganz anders aus. Dann kommen die Dinge bald in schweren schwarzen Wellen hoch. Nachts zergehen die Träume, entfalten und vervielfältigen sich und lassen eine feine feuchtbittere Schicht im Kopf zurück, die nach dem Aufwachen lange braucht, bis sie sich auflöst. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Hier geht es nicht um Schuldgefühle oder Gewissensbisse. Die gibt es natürlich auch, das will ich nicht leugnen, aber mir scheint, die Dinge liegen viel komplizierter. Selbst ein Mensch, der nicht im Krieg war, der nicht töten musste, wird erlebt haben, wovon ich rede. Die Rückkehr der kleinen Bosheiten, Feigheiten, Falschheiten und Schäbigkeiten, die wir uns alle irgendwann haben zuschulden kommen lassen. Kein Wunder also, dass die Menschen die Arbeit erfunden haben, den Alkohol, das müßige Geschwätz. Kein Wunder, dass das Fernsehen solche Erfolge feiert. Kurzum, ich beendete meinen leidigen Urlaub schon bald, es war besser so. Für meine Schreiberei blieb mir trotzdem genügend Zeit, morgens beim Frühstück und abends, wenn die Sekretärinnen gegangen waren.
Eine kurze Pause, um mich zu übergeben, und ich fahre fort. Das ist eine weitere meiner vielen kleinen Beschwerden: Hin und wieder kommt mir das Essen hoch, manchmal sofort, manchmal später, ohne Grund, einfach so. Ich habe das schon lange, seit dem Krieg, begonnen hat es im Herbst 41, genauer gesagt, in der Ukraine, in Kiew, glaube ich, vielleicht auch in Shitomir. Davon später mehr. Jedenfalls habe ich mich seither daran gewöhnt: Ich putze mir die Zähne, trinke ein Schnäpschen und mache weiter, wo ich gerade aufgehört habe. Zurück zu meinen Erinnerungen. Ich habe mir mehrere Schulhefte gekauft, großformatig, aber mit kleinen Karos, die bewahre ich im Büro in einer abgeschlossenen Schreibtischschublade auf. Früher kritzelte ich meine Notizen auf kleine Karteikärtchen, auch mit kleinen Karos; jetzt habe ich beschlossen, das Ganze zusammenhängend aufzuschreiben. Wozu, weiß ich nicht so recht. Gewiss nicht zur Erbauung meiner Nachkommenschaft. Wenn ich in diesem Moment plötzlich stürbe, sagen wir, an einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall, und wenn meine Sekretärinnen dann diese Schublade aufschlössen, würden sie sicherlich einen Schock bekommen, die Bedauernswerten, und meine Frau ebenfalls: Die Karten würden schon genügen. Man wird alles rasch verbrennen müssen, um einen Skandal zu vermeiden. Mir ist das egal, ich bin dann tot. Schließlich schreibe ich nicht für euch, auch wenn ich mich an euch wende.
Mein Arbeitszimmer ist ein angenehmer Ort zum Schreiben, groß, nüchtern, ruhig. Weiße Wände, fast schmucklos, ein Glasschrank mit Warenmustern und im Hintergrund eine große Glaswand, durch die man von oben auf den Maschinensaal blickt. Trotz Doppelverglasung erfüllt das unablässige Klicken der Leavers-Maschinen das Büro. Wenn ich nachdenken möchte, stehe ich vom Schreibtisch auf und trete an das Fenster, betrachte die exakt aufgereihten Webstühle zu meinen Füßen, die sicheren und genauen Bewegungen der Weber; ich lasse mich einlullen. Gelegentlich gehe ich hinunter und schlendere zwischen den Maschinen umher. Der Saal ist dunkel, die schmutzigen Fensterscheiben sind blau gestrichen, weil die Spitzen empfindlich sind, sie vertragen kein Licht, und der bläuliche Dämmerschein beruhigt mein Gemüt. Ich gebe mich gern ein wenig dem monotonen und skandierten Geklapper hin, das den Saal beherrscht, diesem metallischen Klopfen mit seinem Zweierrhythmus, der mich in seinen Bann zieht. Die Webmaschinen beeindrucken mich immer wieder aufs Neue. Sie sind aus Gusseisen, grün gestrichen, jede von ihnen wiegt zehn Tonnen. Einige sind sehr alt. Sie werden schon lange nicht mehr hergestellt. Die Ersatzteile lasse ich extra anfertigen. Nach dem Krieg haben wir zwar von Dampf auf Strom umgestellt, aber die Maschinen selbst nicht angetastet. Ich halte Abstand, um mich nicht schmutzig zu machen. Die vielen beweglichen Teile müssen ständig geschmiert werden, allerdings würde Öl die Spitzen ruinieren, daher verwenden wir Grafit, zerstoßenen Bleigrafit, mit dem der Weber die beweglichen Maschinenelemente stäubt, mit Hilfe eines strumpfartigen Beutels, als schwenke er ein Weihrauchgefäß. Die Spitze kommt schwarz heraus, und der Grafit bedeckt die Wände, den Boden, die Maschinen und die Menschen, die sie überwachen. Auch wenn ich selten selbst mit Hand anlege, kenne ich diese großen Maschinen recht gut. Die ersten englischen Tüllmaschinen, ein ängstlich gehütetes Geheimnis, schmuggelten Arbeiter kurz nach den napoleonischen Kriegen in Frankreich ein, um die Zollgebühren zu umgehen. Es war ein Seidenweber aus Lyon, Jacquard, der sie so veränderte, dass sich Spitzen auf ihnen herstellen ließen, indem er Lochkarten zur Festlegung der Webmuster einführte. Rollen an der Unterseite liefern die Kettfäden. Im Inneren der Maschine befinden sich fünftausend Bobinen, die Seele, auf einem Schlitten. Ein Catch-Bar (einige englische Ausdrücke behalten wir sogar im Französischen bei) greift diesen Schlitten, balanciert ihn aus und führt ihn mit einem lauten, hypnotisch wirkenden Schnalzen vor und zurück, vor und zurück. Die Fäden, seitlich geführt, werden nach einer komplizierten Choreografie, die auf fünf- bis sechshundert Jacquard-Karten niedergelegt ist, von Combs, kupfernen Schützenlagern in Bleifassungen, verflochten. Ein Schwanenhals hebt das Schützenlager wieder an. Schließlich kommt die Spitze spinnwebartig hervor, betörend unter ihrer Grafitschicht, und rollt sich langsam auf einem Rohr auf, das oben an der Leavers-Maschine angebracht ist.
Bei der Arbeit in der Fabrik gilt strenge Geschlechtertrennung: Die Männer entwerfen die Motive, stanzen die Lochkarten, ziehen die Kettfäden auf, überwachen die Webmaschinen und den restlichen Maschinenpark; ihre Frauen und Töchter füllen noch heute die Bobinen, entfernen den Grafit, bessern die Spitzen aus, trennen und legen sie. Die Traditionen werden hochgehalten. Die Weber bilden hier eine Art proletarischer Aristokratie. Die Ausbildungszeit ist lang, die Arbeit schwierig; im vorigen Jahrhundert fuhren die Weber von Calais mit Kutsche und Zylinder zur Fabrik und duzten den Besitzer. Die Zeiten haben sich geändert. Der Krieg hat diesen Wirtschaftszweig zugrunde gerichtet, obwohl einige Webmaschinen für die Deutschen liefen. Alles musste wieder aus dem Nichts aufgebaut werden. Heute existieren in Nordfrankreich, wo vor dem Krieg viertausend Webmaschinen in Betrieb waren, nur noch etwa dreihundert. Und trotzdem haben sich die Weber mit dem wirtschaftlichen Aufschwung früher als manche Bürger ein Auto geleistet. Allerdings duzen meine Arbeiter mich nicht. Ich glaube nicht, dass sie mich mögen. Was nicht schlimm ist, ich verlange es nicht von ihnen. Schließlich mag ich sie auch nicht. Man arbeitet zusammen, das ist alles. Wenn ein Mitarbeiter gewissenhaft und fleißig ist, wenn die Spitzen, die seinen Webstuhl verlassen, keinen Grund zur Beanstandung geben, gewähre ich ihm zum Jahresende eine Prämie. Wer zu spät oder betrunken zur Arbeit erscheint, bekommt Abzüge. Auf dieser Basis verstehen wir uns ausgezeichnet.
Ihr fragt euch vielleicht, wie ich in der Spitzen-Industrie gelandet bin. Eigentlich lag mir nichts ferner als die Wirtschaft. Ich habe Jura und Volkswirtschaft studiert und meinen Dr. jur. gemacht, den ich in Deutschland im Namen führen darf. Allerdings haben mich die Verhältnisse nach 1945 ein bisschen daran gehindert, auf meinen akademischen Grad zu pochen. Wenn ihr’s wirklich wissen wollt, lag mir auch nichts ferner als Jura: Als junger Mann hätte ich am liebsten Literatur und Philosophie studiert. Das wurde mir verwehrt – ein weiteres trauriges Kapitel meines Familienromans, vielleicht komme ich darauf noch zurück. Doch muss ich zugeben, dass Jura mir im Spitzen-Gewerbe bessere Dienste leistet als die Literatur. So ungefähr ist es gewesen. Als endlich alles zu Ende war, ist es mir gelungen, nach Frankreich zu kommen und mich als Franzose auszugeben; was nicht allzu schwer war, wenn man die chaotischen Verhältnisse damals bedenkt. Ich kam mit den Deportierten zurück, man stellte mir nicht viele Fragen. Gewiss, ich sprach ein tadelloses Französisch. Meine Mutter war Französin, und ich habe zehn Jahre meiner Kindheit in Frankreich verbracht, die gymnasiale Unterstufe, die Oberstufe, die Vorbereitungsklassen für die Grandes Écoles besucht und sogar zwei Jahre an der ELDS* studiert. Und da ich im Süden aufgewachsen bin, konnte ich mir sogar einen leichten südfranzösischen Akzent zulegen, jedenfalls achtete niemand auf mich, es herrschte ein heilloses Durcheinander, ich wurde an der Gare d’Orsay mit einer Suppe empfangen, und ein paar Beschimpfungen gab es auch, ich muss erwähnen, dass ich nicht versucht hatte, mich als Deportierter auszugeben, sondern als Zwangsarbeiter beim STO, und das schmeckte den Gaullisten nicht, also beschimpften sie mich ein bisschen, wie auch die anderen armen Teufel, dann haben sie uns wieder laufen lassen, wir kamen nicht ins Hotel Lutétia, aber in die Freiheit. Ich bin nicht in Paris geblieben, da kannte ich zu viele Leute, zu viele, die ich besser nicht gekannt hätte, ich bin in die Provinz gegangen, habe mich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser gehalten, mal hier, mal dort. Dann hat sich die Aufregung gelegt. Rasch haben sie aufgehört, die Leute zu erschießen, bald sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht, sie ins Gefängnis zu stecken. Da habe ich Nachforschungen angestellt und schließlich einen Mann gefunden, den ich kannte. Er hatte sich geschickt aus der Affäre gezogen und eine Verwaltungsstelle nach der anderen unbeschadet überstanden; als vorausschauender Mann hatte er sich wohlweislich gehütet, die Dienste, die er uns erwiesen hatte, an die große Glocke zu hängen. Anfangs wollte er mich nicht empfangen, doch als er endlich begriff, wer ich war, sah er ein, dass er gar keine andere Wahl hatte. Ich kann nicht behaupten, dass es eine angenehme Unterhaltung war: Ein Gefühl der Befangenheit, des Zwanges war deutlich zu spüren. Aber er verstand sehr wohl, dass wir ein gemeinsames Interesse hatten: ich, eine Stellung zu bekommen, und er, die seine zu behalten. Er hatte einen Vetter in Nordfrankreich, einen ehemaligen Vertreter, der versuchte, ein kleines Unternehmen aufzuziehen, und zwar mit drei Leavers-Maschinen, die er von einer Witwe, die Konkurs gemacht hatte, gekauft hatte. Dieser Mann stellte mich als Reisenden ein, als Vertreter für seine Spitzen. Die Arbeit ging mir entsetzlich auf die Nerven; schließlich gelang es mir, ihn zu überzeugen, dass ich ihm auf organisatorischer Ebene weit nützlicher sein könnte. Immerhin hatte ich beträchtliche Erfahrung auf diesem Gebiet, auch wenn ich mich auf sie so wenig berufen konnte wie auf meinen Doktortitel. Die Firma wuchs, besonders seit den fünfziger Jahren, als ich wieder Kontakte in der Bundesrepublik aufnahm und es mir gelang, uns Zugang zum deutschen Markt zu verschaffen. Damals hätte ich leicht nach Deutschland zurückkehren können: Viele meiner alten Kollegen lebten dort in Ruhe und Frieden; einige hatten kleine Strafen verbüßt, andere waren nicht einmal belangt worden. Mit meinem Werdegang hätte ich meinen Namen wieder annehmen, meinen Titel wieder führen, eine Pension nach dem 131er Gesetz und eine Kriegsversehrtenrente beantragen können, niemand hätte etwas bemerkt. Arbeit hätte ich rasch gefunden.
Fortsetzung folgt



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