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Dienstag, 05. Februar 2008
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Auszug aus: "Die Wohlgesinnten".
Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober.

Folge 3: Nun zur Mathematik

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Aber, so sagte ich mir, was hätte ich davon gehabt? Die Rechtswissenschaft ließ mich im Grunde ebenso kalt wie das Geschäftsleben, und dann hatte ich am Ende doch noch Gefallen an den Spitzen gefunden, diesen entzückenden und geschmackvollen Schöpfungen des Menschen. Als wir genügend Webmaschinen zusammengekauft hatten, beschloss mein Chef, eine zweite Fabrik zu eröffnen und mir die Leitung anzuvertrauen. Seither bekleide ich diesen Posten und warte auf den Ruhestand. In der Zwischenzeit hatte ich geheiratet, zwar mit einem gewissen Widerwillen, aber hier in dieser nördlichen Region ließ sich das kaum vermeiden, es war nötig, um meine gesellschaftliche Stellung zu festigen. Ich habe eine Frau aus gutem Haus gewählt, sie ist ganz hübsch, repräsentabel, und ihr gleich ein Kind gemacht, um sie zu beschäftigen. Leider bekam sie Zwillinge, das muss in der Familie liegen, will sagen, in meiner Familie, ein Balg wäre für meinen Geschmack mehr als genug gewesen. Mein Chef hat mir Geld vorgestreckt, ich habe mir ein stattliches Haus gekauft, nicht allzu weit vom Meer entfernt. So habe ich mich in bürgerlichen Verhältnissen wiedergefunden. Und das war auch besser so. Nach allem, was geschehen war, hatte ich in erster Linie das Bedürfnis nach Ruhe und Regelmäßigkeit. Das Leben hatte den Träumen meiner Jugend die Flügel gestutzt, und meine Ängste hatten sich auf dem Weg vom einen Ende des deutschen Europas zum anderen allmählich verflüchtigt. Ich bin aus dem Krieg wie ausgeleert zurückgekehrt, nur Bitterkeit und Scham waren geblieben, wie Sand, der zwischen den Zähnen knirscht. Daher kam mir ein Leben, das allen gesellschaftlichen Konventionen Rechnung trug, gerade recht: eine bequeme Gangart, auch wenn ich sie oft mit Ironie und manchmal sogar mit Hass betrachte. Ich hoffe, auf diese Weise eines Tages in Jeromino Nadals Zustand der Gnade zu gelangen und keine Neigung zu irgendetwas zu verspüren, es sei denn dazu, keine Neigung zu irgendetwas zu verspüren. Aber ich werde literarisch; einer meiner Fehler. Um heiliggesprochen zu werden, habe ich mich noch nicht von meinen Bedürfnissen befreit. Von Zeit zu Zeit beehre ich meine Frau, gewissenhaft, mit wenig Lust, aber auch ohne übermäßigen Ekel, um den häuslichen Frieden aufrechtzuerhalten. Und ab und an, auf Geschäftsreisen, gebe ich mir Mühe, an alte Gewohnheiten anzuknüpfen; aber sozusagen nur noch aus hygienischen Gründen. All das hat für mich viel von seinem Reiz verloren. Der Körper eines schönen Jünglings, eine Skulptur von Michelangelo, das macht keinen Unterschied: Der Atem stockt mir nicht mehr. Es ist wie nach einer langen Krankheit, wenn einem nichts mehr schmeckt, wenn es egal ist, ob man Rind oder Huhn isst. Man muss Nahrung zu sich nehmen, das ist alles. Ehrlich gesagt, gibt es nicht viel, woran ich Interesse finde. Möglicherweise an der Literatur, aber auch da weiß ich nicht so recht, ob es nicht reine Gewohnheit ist. Vielleicht schreibe ich deshalb meine Erinnerungen auf: um mein Blut in Wallung zu bringen, um zu sehen, ob ich noch etwas empfinde, ob ich noch ein bisschen leiden kann. Seltsame Übung.

Dabei müsste ich das Leid doch eigentlich kennen. Keinem Europäer meiner Generation ist es erspart geblieben, ich darf jedoch ohne falsche Bescheidenheit von mir behaupten, dass ich mehr davon zu Gesicht bekommen habe als die meisten. Und außerdem vergessen die Menschen schnell, wie ich Tag für Tag feststellen kann. Sogar die, die dabei gewesen sind, erzählen fast nie anders davon als in abgegriffenen Gedanken und Wendungen. Man nehme nur die erbärmliche Prosa der deutschen Autoren, die den Krieg im Osten behandeln – die triefende Sentimentalität, die tote, grauenhafte Sprache. Die Prosa eines Herrn Paul Carell zum Beispiel, eines Autors, der es in den letzten Jahren zu einigem Erfolg gebracht hat. Zufällig habe ich diesen Herrn Carell in Ungarn kennengelernt, als er noch Paul Carl Schmidt hieß und unter der Schirmherrschaft seines Ministers von Ribbentrop schrieb, was er wirklich dachte, in einer kräftigen Prosa mit schönster Wirkung: Die Judenfrage ist keine Frage der Humanität, keine der Religion, sie ist einzig und allein eine der politischen Hygiene. Nun ist dem ehrenwerten Herrn Carell-Schmidt das bemerkenswerte Kunststück gelungen, zwei sterbenslangweilige Bände über den Krieg gegen die Sowjetunion zu veröffentlichen, ohne ein einziges Mal das Wort Jude zu erwähnen. Ich weiß es, denn ich habe sie gelesen: Es war mühsam, aber ich habe Ausdauer. Unsere französischen Autoren, die Mabires und Landemers, sind keinen Deut besser. So wenig wie die Kommunisten, nur dass deren Standpunkt entgegengesetzt ist. Wo sind sie hin, die gesungen haben: Brüder, ergreift die Gewehre, auf zur entscheidenden Schlacht? Sie schweigen oder sind tot. Man schwatzt, redet alles schön und verhaspelt sich im faden Brei aus Wörtern wie Ruhm, Ehre, Heldentum, das ist geisttötend, niemand hat etwas zu sagen. Vielleicht bin ich ungerecht, aber ich wage zu hoffen, dass ihr mich versteht. Das Fernsehen überschüttet uns mit Zahlen, mit eindrucksvollen Zahlen, die nicht mit den Nullen geizen. Aber wer von euch hält einmal inne, um sich diese Zahlen wirklich zu vergegenwärtigen? Wer von euch hat jemals versucht, alle Menschen, die er kennt oder in seinem Leben gekannt hat, zusammenzuzählen und diese lächerliche Zahl mit denen zu vergleichen, von denen er im Fernsehen hört, den berühmten sechs Millionen oder zwanzig Millionen? Rechnen wir ein bisschen. Die Mathematik ist nützlich, eröffnet Perspektiven, lüftet den Kopf. Sie ist ein manchmal äußerst lehrreiches Unterfangen. Übt euch also ein bisschen in Geduld und schenkt mir eure Aufmerksamkeit. Ich werde nur die beiden Schauplätze berücksichtigen, auf denen ich eine Rolle gespielt habe, mag sie auch noch so unbedeutend gewesen sein: den Krieg gegen die Sowjetunion und das Vernichtungsprogramm, das in unseren Dokumenten offiziell als Endlösung der Judenfrage bezeichnet wurde, um diesen hübschen Euphemismus zu zitieren. An der Westfront sind die Verluste auf jeden Fall relativ gering geblieben. Meine Ausgangszahlen sind ein wenig willkürlich: Ich habe keine Wahl, die Quellen sind widersprüchlich. Bei den sowjetischen Gesamtverlusten halte ich mich an die übliche, 1956 von Chruschtschow genannte Zahl von zwanzig Millionen, wohl wissend, dass der namhafte englische Autor Reitlinger nur auf zwölf Millionen kommt und Erickson, ein schottischer Historiker, der genauso, wenn nicht noch renommierter ist, zu einer Zahl von mindestens sechsundzwanzig Millionen gelangt: Damit liegt die offizielle sowjetische Zahl, fast auf die Million genau, in der Mitte. Was die deutschen Verluste angeht – nur die in der UdSSR selbstverständlich –, können wir von der noch offizielleren und mit deutscher Gründlichkeit ermittelten Zahl von 6172373 Soldaten ausgehen, die zwischen dem 22. Juni 1941 und dem 31. März 1945 im Osten als solche registriert wurden; sie wird in einem nach dem Krieg aufgefundenen internen Bericht des OKH (Oberkommandos des Heeres) genannt, umfasst allerdings neben den Gefallenen (mehr als eine Million) auch die Verwundeten (fast vier Millionen) und Vermissten (das heißt Gefallenen, Kriegsgefangenen und in der Gefangenschaft Gestorbenen, rund 1288000). Sagen wir, um es kurz zu machen, zwei Millionen Tote, die Verwundeten interessieren uns hier nicht, darunter die gut fünfzigtausend zusätzlichen Toten, die in dem Zeitraum zwischen dem 1. April und dem 8. Mai 1945 umgekommen sind, vor allem in Berlin, zuzüglich jener Million, auf die man die Opfer unter der Zivilbevölkerung im Zuge der Invasion Ostdeutschlands und der anschließenden Vertreibungen schätzt, womit wir insgesamt auf eine Zahl von ungefähr drei Millionen kommen. Bei den Juden haben wir die Wahl: Die übliche Zahl ist sechs Millionen, obwohl nur wenige Menschen wissen, woher sie stammt. (Höttl hat in Nürnberg ausgesagt, Eichmann habe sie ihm genannt; doch Wisliceny behauptet, Eichmann habe gegenüber seinen Kollegen von fünf Millionen gesprochen; und Eichmann selbst hat, als die Juden ihm die Frage endlich persönlich stellen konnten, erklärt, zwischen fünf und sechs Millionen, aber auf jeden Fall fünf.) Dr. Koherr, der für den Reichsführer SS Heinrich Himmler die Statistik zusammenstellte, kam bis zum 31. Dezember 1942 auf etwas unter zwei Millionen, räumte aber ein, als ich 1943 Gelegenheit hatte, das Thema mit ihm zu erörtern, dass seine Ausgangszahlen wenig zuverlässig seien. Professor Hilberg schließlich, ein sehr angesehener Spezialist auf diesem Gebiet und kaum der Parteilichkeit, jedenfalls nicht der prodeutschen, verdächtig, kommt nach einer sehr strengen Beweisführung von neunzehn Seiten auf die Zahl von 5100000, was sich im Großen und Ganzen mit der Auffassung des verstorbenen Obersturmbannführers Eichmann deckt. Halten wir uns also an die Zahl von Professor Hilberg, womit sich insgesamt folgendes Bild ergibt:
Tote sowjetischer Nationalität 20 Millionen
Tote deutscher Nationalität 3 Millionen
Zwischensumme (Krieg im Osten) 23 Millionen
Endlösung 5,1 Millionen
Insgesamt 26,6 Millionen, wohl wissend, dass 1,5 Millionen Juden auch unter den Toten sowjetischer Nationalität aufgeführt sind (»Sowjetische Bürger, die von den deutsch-faschistischen Invasoren getötet wurden«, wie es so diskret auf dem ungewöhnlichen Denkmal in Kiew heißt).

Nun zur Mathematik. Die militärische Auseinandersetzung mit der UdSSR hat offiziell vom 22. Juni 1941 um drei Uhr morgens bis zum 8. Mai 1945 um 23.01 Uhr gedauert, was drei Jahre, zehn Monate, sechzehn Tage, zwanzig Stunden und eine Minute ergibt, abgerundet sind das 46,5 Monate, 202,42 Wochen, 1417 Tage, 34004 Stunden oder 2040241 Minuten (die überzählige Minute mitgerechnet). Für das als »Endlösung« bezeichnete Programm legen wir den gleichen Zeitraum zugrunde: Vorher, als noch nichts entschieden oder systematisiert war, sind die jüdischen Verluste eher zufälliger Natur. Setzen wir unser Zahlenspiel fort: Auf die Deutschen entfallen 64516 Tote pro Monat oder 14821 Tote pro Woche oder 2117 Tote pro Tag oder 88 Tote pro Stunde oder 1,47 Tote pro Minute – dies der Durchschnitt für jede Minute jeder Stunde jeden Tages jeder Woche jeden Monats jeden Jahres für die Dauer von drei Jahren, zehn Monaten, sechzehn Tagen, zwanzig Stunden und einer Minute. Für die Juden, die sowjetischen eingerechnet, erhalten wir rund 109677 Tote pro Monat oder 25195 Tote pro Woche oder 3599 Tote pro Tag oder 150 Tote pro Stunde oder 2,5 Tote pro Minute für den gleichen Zeitraum. Auf sowjetischer Seite schließlich ergeben sich ungefähr 430108 Tote pro Monat, 98804 Tote pro Woche, 14114 Tote pro Tag, 588 Tote pro Stunde beziehungsweise 9,8 Tote pro Minute, gleicher Zeitraum. Das ergibt unter dem Strich für meinen Tätigkeitsbereich einen Durchschnittswert von 572043 Toten pro Monat, 131410 Toten pro Woche, 18722 Toten pro Tag, 782 Toten pro Stunde und 13,04 Toten pro Minute, und das für alle Minuten aller Stunden aller Tage aller Wochen aller Monate jeden Jahres des gegebenen Zeitraums, der, erinnern wir uns, drei Jahre, zehn Monate, sechzehn Tage, zwanzig Stunden und eine Minute umfasst. Diejenigen, die sich über die überzählige und in der Tat etwas pedantisch wirkende Minute lustig gemacht haben, mögen sich vor Augen halten, dass sie immerhin einen Mittelwert von 13,04 zusätzlichen Toten bedeutet, und sich, wenn sie denn dazu fähig sind, dreizehn Menschen aus ihrem Umfeld vorstellen, die in einer Minute getötet werden.

Fortsetzung folgt

Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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