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Mittwoch, 06. Februar 2008
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Auszug aus: "Die Wohlgesinnten".
Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober.

Folge 4: Ich ahne, was ihr denkt

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Wir können auch eine Rechnung aufmachen, die das Zeitintervall zwischen jedem Toten bestimmt: Das ergibt für die gesamte Dauer des genannten Zeitraums im Durchschnitt einen deutschen Toten alle 40,8 Sekunden, einen jüdischen Toten alle 24 Sekunden, einen bolschewistischen Toten (die sowjetischen Juden eingerechnet) alle 6,12 Sekunden, insgesamt im Mittel einen Toten alle 4,6 Sekunden. Nun seid ihr in der Lage, euch anhand dieser Zahlen in konkreter Fantasie zu üben. Nehmt beispielsweise eine Uhr zur Hand und fangt an zu zählen: ein Toter, zwei Tote, drei Tote und so fort, alle 4,6 Sekunden (oder alle 6,12 Sekunden, 24 Sekunden, 40,8 Sekunden, falls ihr irgendeine besondere Vorliebe habt), wobei ihr versucht, euch diese Toten vorzustellen, wie sie dort aufgereiht vor euch liegen, eins, zwei, drei … Ihr werdet sehen, das ist eine gute Meditationsübung. Oder nehmt eine andere, aktuellere Katastrophe, die euch sehr nahegegangen ist, und zieht einen Vergleich. Wenn ihr Franzosen seid, dann betrachtet beispielsweise euer kleines algerisches Abenteuer, das eure Mitbürger so tief traumatisiert hat. Ihr habt dort, einschließlich der Unfälle, in sieben Jahren 25000 Mann verloren: Das entspricht den Toten von einem Tag und knapp dreizehn Stunden an der Ostfront; oder auch den jüdischen Toten von rund sieben Tagen. Die Toten auf algerischer Seite rechne ich natürlich nicht mit: Da sie in euren Büchern und Sendungen so gut wie nie vorkommen, dürften sie für euch wohl keine große Bedeutung haben. Trotzdem habt ihr für jeden eurer eigenen Toten zehn von ihnen getötet, eine beachtliche Leistung, sogar an der unseren gemessen. Ich lasse es damit gut sein, obwohl wir noch lange fortfahren könnten, lade euch aber ein, macht ruhig allein weiter, bis ihr den Boden unter den Füßen verliert. Ich brauche das nicht: Schon lange ist mir der Gedanke an den Tod näher als meine Halsschlagader, wie es so hübsch im Koran heißt. Sollte es euch jemals gelingen, mich zum Weinen zu bringen, werden euch meine Tränen das Gesicht verätzen.

Den Schluss aus alledem finden wir – wenn ihr mir ein weiteres Zitat gestattet, das letzte, ich verspreche es – in einer treffenden Wendung des Sophokles: Nicht geboren zu sein geht über alles. Schopenhauer schrieb übrigens ganz ähnlich, dass es besser wäre, wenn es nichts gäbe: Wer die Behauptung, daß, in der Welt, der Genuß den Schmerz überwiegt, oder wenigstens sie ineinander die Waage halten, in der Kürze prüfen will, vergleiche die Empfindung des Thieres, welches ein anderes frißt, mit der dieses andern. Ja, ich weiß, das sind zwei Zitate, aber es ist dieselbe Idee: In Wahrheit leben wir in der schlechtesten aller möglichen Welten. Gewiss, der Krieg ist vorbei. Wir haben unsere Lehren daraus gezogen, das passiert nie wieder. Doch seid ihr euch wirklich sicher, dass die Menschen daraus gelernt haben? Seid ihr sicher, dass das nie wieder passiert? Seid ihr überhaupt sicher, dass der Krieg vorbei ist? In gewisser Weise ist der Krieg nie vorbei, oder er ist erst vorbei, wenn das letzte Kind, das am letzten Tag des Krieges geboren wurde, wohlbehalten begraben ist, und auch danach lebt er in dessen Kindern und in deren Kindern fort, bis sich das Erbe allmählich verflüchtigt, die Erinnerungen verblassen und der Schmerz abklingt, auch wenn zu dem Zeitpunkt jeder ihn schon längst vergessen hat und all das zu den alten Geschichten zählt, die nicht einmal mehr dazu taugen, Kinder zu erschrecken, schon gar nicht die Kinder der Toten oder derer, die gerne tot wären.

Ich ahne, was ihr denkt: Was für ein schlechter, bösartiger Mensch, sagt ihr euch, kurzum ein in jeder Beziehung übler Typ, der lieber im Gefängnis schmoren sollte, als uns hier – halb unbelehrbarer Faschist, halb reuiger Sünder – seine unausgegorene Philosophie aufzutischen. Was den Faschismus anbelangt, wollen wir doch nicht alles durcheinanderbringen, und was meine strafrechtliche Verantwortung angeht, solltet ihr vorschnelle Urteile vermeiden, ich habe meine Geschichte noch nicht erzählt; zur Frage meiner moralischen Verantwortung schließlich gestattet mir einige Überlegungen. Die politischen Philosophen haben oft dargelegt, dass in Kriegszeiten der Bürger, zumindest wenn er männlichen Geschlechts ist, eines seiner elementarsten Rechte verliert, das auf Leben, und zwar seit der Französischen Revolution und der Einführung der Wehrpflicht, dieses mittlerweile universell oder nahezu universell anerkannten Prinzips. Allerdings haben sie nur selten darauf verwiesen, dass der Bürger gleichzeitig ein weiteres Recht verliert, das vielleicht ebenso elementar und für ihn vielleicht noch existenzieller ist, insoweit es sein Selbstbild als zivilisierter Mensch betrifft: das Recht, nicht zu töten. Niemand fragt euch nach eurer Meinung. Den Menschen, der oben am Rand des Massengrabs steht, hat es in den meisten Fällen ebenso wenig danach verlangt, dorthin zu kommen, wie denjenigen, der tot oder sterbend unten in dieser Grube liegt. Ihr werdet mir entgegenhalten, einen Soldaten im Kampf zu töten sei etwas anderes, als einen wehrlosen Zivilisten umzubringen; das Kriegsrecht erlaube das eine, aber nicht das andere; die allgemeine Moral desgleichen. Abstrakt betrachtet, ist das sicherlich ein gutes Argument, doch trägt es den Bedingungen dieses Krieges nicht im Entferntesten Rechnung. Die nach dem Krieg vollkommen willkürlich eingeführte Unterscheidung zwischen den »militärischen Operationen« einerseits, die denen jeder anderen kriegerischen Auseinandersetzung entsprachen, und andererseits den »Gräueltaten«, die von einer Minderheit sadistischer und kranker Täter verübt wurden, ist, wie ich zu zeigen hoffe, ein tröstliches Fantasiegebilde der Sieger – der westlichen Sieger, müsste ich hinzufügen, denn die Sowjets haben trotz aller Rhetorik immer gewusst, worauf es ankam: Stalin begegnete nach dem Mai 1945 und nach den ersten demonstrativen Betroffenheitsbekundungen der illusorischen »Gerechtigkeit« nur mit beißendem Spott, ihm ging es um die konkreten und praktischen Dinge, um Sklaven und Material für den Wiederaufbau, nicht um Gewissensbisse und Wehklagen, weil er so gut wie wir wusste, dass die Toten blind sind für Tränen und dass man sich für Gewissensbisse nichts kaufen kann. Ich berufe mich nicht auf den von unseren braven deutschen Anwälten so hoch geschätzten Befehlsnotstand. Was ich getan habe, geschah in klarer Erkenntnis der Sachlage, in der festen Überzeugung, es sei meine Pflicht, es sei unumgänglich, mochte es auch noch so unangenehm und betrüblich sein. Der totale Krieg bedeutet auch, dass es den Zivilisten nicht mehr gibt, und zwischen dem jüdischen Kind, das vergast oder erschossen wurde, und dem deutschen Kind, das den Brandbomben zum Opfer fiel, gibt es nur den Unterschied der Mittel; beide Tode waren gleich vergeblich, keiner hat den Krieg um eine einzige Sekunde abgekürzt; doch in beiden Fällen glaubten der Mann oder die Männer, die sie getötet haben, dass er gerecht und notwendig gewesen sei; wem ist ein Vorwurf daraus zu machen, wenn sie geirrt haben? Das gilt auch, wenn wir künstlich unterscheiden zwischen dem Krieg und dem, was der jüdische Rechtsanwalt Lempkin als Genozid bezeichnet hat, wobei anzumerken ist, dass es zumindest in unserem Jahrhundert noch nie einen Genozid ohne Krieg gegeben hat, dass der Genozid jenseits des Krieges nicht existiert und dass es sich bei ihm, wie beim Krieg, um ein kollektives Phänomen handelt: Der moderne Genozid ist ein Prozess, der den Massen für die Massen zugefügt wird. In unserem Fall ist er außerdem ein Prozess, der durch die Erfordernisse der industriellen Produktionsweise strukturiert wird. Wie der Arbeiter nach Marx dem Produkt seiner Arbeit entfremdet wird, so wird der Befehlsempfänger im Genozid oder im totalen Krieg moderner Prägung dem Produkt seines Handelns entfremdet. Das gilt selbst für den Fall, dass ein Mann einem anderen sein Gewehr an den Kopf hält und den Abzug betätigt. Denn das Opfer ist von anderen Männern dorthin geführt und sein Tod von wieder anderen beschlossen worden, und auch der Schütze weiß, dass er nur das letzte Glied in einer langen Kette ist und dass er nicht mehr Skrupel zu haben braucht als das Mitglied eines Erschießungskommandos, das im Zivilleben einen rechtskräftig Verurteilten hinrichtet. Wie der Schütze weiter weiß, ist ein Zufall dafür verantwortlich, dass er schießt, dass sein Kamerad für die Absperrung sorgt und ein dritter den Lastwagen fährt. Allenfalls könnte er versuchen, mit der Wache oder dem Fahrer zu tauschen. Ein anderes Beispiel, der Fülle der historischen Literatur und nicht meiner persönlichen Erfahrung entnommen: die Vernichtung Schwerbehinderter und psychisch Kranker deutscher Staatsangehörigkeit bei der so genannten »Aktion Gnadentod«, die zwei Jahre vor der »Endlösung« eingeleitet wurde. Hier wurden die im Rahmen einer Rechtsordnung ausgewählten Kranken in einem Gebäude von regulären Krankenschwestern in Empfang genommen, registriert und entkleidet; Ärzte untersuchten sie und führten sie in eine Kammer, die hermetisch verschlossen wurde; ein Arbeiter öffnete die Gaszufuhr, andere reinigten die Kammern; ein Polizist stellte die Sterbeurkunde aus. Nach dem Krieg befragt, antwortete ein jeder von ihnen: Ich, schuldig? Die Krankenschwester hat niemanden getötet, sie hat die Kranken lediglich entkleidet und beruhigt, die üblichen Handreichungen ihrer Zunft. Auch der Arzt hat nicht getötet, sondern lediglich eine Diagnose nach Kriterien bestätigt, die von anderen Instanzen vorgegeben waren. Der Hilfsarbeiter, der den Gashahn aufdreht, der Mann also, der in Zeit und Raum dem Mord am nächsten kommt, führt unter der Aufsicht seiner Vorgesetzten und der Ärzte eine bestimmte Verrichtung aus. Die Arbeiter, welche die Kammer säubern, genügen damit einer hygienischen Pflicht, einer höchst abstoßenden noch dazu. Der Polizist nimmt eine Amtshandlung vor, wenn er den Tod beurkundet und anmerkt, dass er ohne Verstoß gegen geltendes Recht eingetreten ist. Wer ist also schuldig? Alle oder niemand? Warum sollte der an den Gashahn gestellte Arbeiter größere Schuld auf sich laden als der Arbeiter, der für die Heizung, den Garten oder die Fahrzeuge zuständig ist? Das gilt für alle Aspekte dieses ungeheuren Unternehmens. Ist beispielsweise der Weichensteller bei der Eisenbahn schuld am Tod der Juden, die er über seine Weichen zum Lager geleitet hat? Dieser Weichensteller ist ein Bahnbeamter, seit zwanzig Jahren macht er die gleiche Arbeit, er stellt seine Weichen nach festen Plänen, er muss nicht wissen, was in den Zügen ist. Es ist nicht seine Schuld, wenn diese Juden durch sein Weichenstellen von einem Punkt A zu einem Punkt B befördert werden, wo man sie tötet. Trotzdem spielt dieser Weichensteller eine entscheidende Rolle im Vernichtungswerk. Ohne ihn könnte der Zug mit den Juden nicht zum Punkt B gelangen. Gleiches gilt für den Beamten, der die Aufgabe hat, Wohnungen für ausgebombte Volksgenossen zu requirieren, den Drucker, der die Deportationsbescheide druckt, den Lieferanten, der Beton oder Stacheldraht an die SS verkauft, den Unteroffizier von der Standortverwaltung, der ein Teilkommando der Sipo mit Benzin beliefert, und den lieben Gott dort droben, der das alles zulässt. Gewiss, man kann verschiedene Ebenen strafrechtlicher Verantwortung relativ exakt festlegen, sodass es möglich ist, einige zu verurteilen und alle anderen ihrem Gewissen zu überlassen, so sie denn eines haben; das ist umso leichter, wenn man, wie in Nürnberg, die Gesetze im Nachhinein macht. Doch selbst dort ist man mit einer gewissen Beliebigkeit vorgegangen. Warum hat man Streicher gehängt, diesen machtlosen Bauernlümmel, und nicht den elenden Lumpen Bach-Zelewski? Warum hat man meinen Vorgesetzten Rudolf Brandt gehängt und nicht dessen Vorgesetzten Wolff?

Fortsetzung folgt

Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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