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Auszug aus: "Die Wohlgesinnten".
Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober.
Folge 5: Und dann hätte ich gerne Klavier gespielt
Warum hat man Minister Frick gehängt und nicht seinen Untergebenen Stuckart, der die ganze Drecksarbeit für ihn erledigte? Glück hat er gehabt, dieser Stuckart, hat er sich die Hände doch nie mit Blut, sondern immer nur mit Tinte besudelt. Es sei noch einmal gesagt, der Klarheit wegen: Ich will hier nicht behaupten, ich sei an diesem oder jenem nicht schuldig. Ich bin schuldig, ihr seid es nicht, wie schön für euch. Trotzdem könntet ihr euch sagen, dass ihr das, was ich getan habe, genauso hättet tun können. Vielleicht mit weniger Eifer, dafür möglicherweise auch mit weniger Verzweiflung, jedenfalls aber auf die eine oder die andere Art. Die moderne Geschichte hat, denke ich, hinreichend bewiesen, dass jeder Mensch, oder fast jeder, unter gewissen Voraussetzungen das tut, was man ihm sagt; und, verzeiht mir, die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass ihr die Ausnahme seid – so wenig wie ich. Wenn ihr in einem Land und in einer Zeit geboren seid, wo nicht nur niemand kommt, um eure Frau und eure Kinder zu töten, sondern auch niemand, um von euch zu verlangen, dass ihr die Frauen und Kinder anderer tötet, dann danket Gott und ziehet hin in Frieden. Aber bedenkt immer das eine: Ihr habt vielleicht mehr Glück gehabt als ich, doch ihr seid nicht besser. Denn solltet ihr so vermessen sein, euch dafür zu halten, seid ihr bereits in Gefahr. Gern stellen wir dem Staat – ob er totalitär ist oder nicht – den gewöhnlichen Menschen gegenüber, die Laus oder das kleine Licht. Dabei vergessen wir jedoch, dass der Staat aus Menschen besteht, mehr oder weniger gewöhnlichen Menschen, ein jeder mit seinem Leben, seiner Geschichte, jeder mit seiner Verkettung von Zufällen, die dafür gesorgt haben, dass er sich eines Tages auf der richtigen Seite des Gewehrs oder Dokuments wiederfindet, während andere auf der falschen stehen. Dieser Gang der Ereignisse ist in den seltensten Fällen das Ergebnis einer Entscheidung oder gar einer charakterlichen Veranlagung. Und die Opfer sind in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle nicht deshalb gefoltert oder getötet worden, weil sie gut waren, ebenso wenig wie ihre Peiniger sie aus Bosheit gequält haben. Das zu glauben wäre reichlich naiv; man braucht sich nur in einer beliebigen Bürokratie umzusehen, und sei es die des Roten Kreuzes, um sich davon zu überzeugen. Stalin hat meine These übrigens auf bemerkenswerte Weise unterstrichen, indem er jede Generation von Henkern in Opfer der nachfolgenden Generation verwandelte, ohne dass ihm deshalb die Henker ausgegangen wären. Die Maschinerie des Staates nun ist aus dem gleichen Sand gebacken wie das, was sie Korn für Korn zu Staub zermahlt. Es gibt sie, weil alle damit einverstanden sind, dass es sie gibt, sogar – und häufig bis zum letzten Atemzug – ihre Opfer. Ohne die Höß, Eichmanns, Goglidzes, Wyschinskis, aber auch ohne die Weichensteller, die Betonfabrikanten und die Buchhalter in den Ministerien wäre ein Stalin oder ein Hitler nur einer jener von Hass und ohnmächtigen Gewaltfantasien aufgeblähten Säcke gewesen. Die Feststellung, dass die meisten leitenden Angestellten der Vernichtungsindustrie weder sadistisch noch verrückt waren, ist mittlerweile ein Gemeinplatz. Die Sadisten, die Psychopathen hat es natürlich, wie in jedem Krieg, gegeben, und sie haben unbeschreibliche Gräueltaten begangen, das ist wahr. Wahr ist auch, dass die SS größere Anstrengungen hätte unternehmen können, diesen Leuten auf die Finger zu sehen, obwohl sie es in höherem Maße tat, als gemeinhin angenommen wird; und das ist gar nicht so selbstverständlich: Fragt die französischen Generale, sie hatten ihre liebe Not mit ihren Alkoholikern, ihren Vergewaltigern und Offiziersmördern in Algerien. Doch das ist nicht das Problem. Verrückte gibt es immer und überall. In unseren friedlichen Vororten wimmelt es von Pädophilen und Psychopathen, in unseren Nachtasylen von durchgeknallten Megalomanen; einige werden zum echten Problem, sie bringen zwei, drei, zehn oder gar fünfzig Menschen um – dann zertritt sie derselbe Staat, der sich ihrer im Krieg bedenkenlos bedient, wie blutsaugende Insekten. Doch diese Kranken zählen nicht. Die wirkliche Gefahr – vor allem in unsicheren Zeiten – sind die gewöhnlichen Menschen, aus denen der Staat besteht. Die wirkliche Gefahr für den Menschen bin ich, seid ihr. Wenn ihr davon nicht überzeugt seid, braucht ihr nicht weiterzulesen. Ihr werdet nichts verstehen und euch nur ärgern, nutzlos für euch – wie für mich.
Wie die meisten Menschen habe ich nie zum Mörder werden wollen. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich mich, wie gesagt, der Literatur zugewandt. Geschrieben, wenn ich das Talent gehabt hätte, falls nicht, sie vielleicht gelehrt, jedenfalls mit diesen schönen und friedlichen Schöpfungen gelebt, den besten, die menschliches Streben je hervorgebracht hat. Wer würde sich denn aus freien Stücken – die Irren beiseitegelassen – für den Mord entscheiden? Und dann hätte ich gerne Klavier gespielt. Eines Tages, im Konzert, beugte sich eine Dame mittleren Alters zu mir herüber: »Sie sind bestimmt Pianist, nicht wahr?« – »Leider nicht, gnädige Frau«, musste ich bedauernd antworten. Der Gedanke, dass ich nicht Klavier spiele und nie spielen werde, schnürt mir noch heute die Brust zusammen, manchmal mehr als das Grauen, mehr als der schwarze Fluss meiner Vergangenheit, der mich durch die Jahre trägt. Ich werde diesen Gedanken einfach nicht los. Als ich klein war, hat meine Mutter mir ein Klavier gekauft. Es war zu meinem neunten Geburtstag, glaube ich. Oder zum achten. Auf jeden Fall bevor wir nach Frankreich gingen, um bei diesem Moreau zu leben. Monatelang hatte ich sie angefleht. Ich träumte von nichts anderem als davon, Pianist zu werden, ein berühmter Konzertpianist: unter meinen Fingern Kathedralen, schwerelos wie Seifenblasen. Aber wir hatten kein Geld. Mein Vater war seit einiger Zeit fort, seine Konten gesperrt (das begriff ich erst später), und meine Mutter musste sich irgendwie durchschlagen. Doch in diesem Fall hatte sie das Geld aufgetrieben, ich weiß nicht wie, vielleicht gespart oder geliehen, vielleicht hatte sie sich sogar prostituiert, ich weiß es nicht, es ist ohne Belang. Sicherlich hatte sie ehrgeizige Pläne mit mir, wollte meine Talente fördern. So wurde uns an meinem Geburtstag dieses Klavier gebracht, ein schönes Stück. Selbst gebraucht hatte es bestimmt eine hübsche Stange Geld gekostet. Anfangs war ich Feuer und Flamme. Ich nahm Stunden; doch als die Fortschritte ausblieben, war ich rasch ernüchtert und gab auf. Vom Tonleiterüben hatte ich nicht geträumt, ich war wie alle Kinder. Meine Mutter wagte nicht, mir meine Faulheit und mangelnde Ausdauer vorzuwerfen, aber mir war schon klar, dass sie der Gedanke an das viele vergeudete Geld ärgern musste. Auf dem Klavier sammelte sich der Staub; meine Schwester brachte nicht mehr Interesse auf als ich; und ich verschwendete keinen Gedanken mehr daran, ich bemerkte kaum, dass meine Mutter es, sicherlich mit Verlust, wieder verkaufte. Ich habe meine Mutter nie wirklich geliebt, ich habe sie sogar gehasst, aber in diesem Fall tat sie mir doch leid. Allerdings war sie nicht ganz schuldlos daran. Wenn sie konsequent gewesen wäre, Strenge gezeigt hätte, als es notwendig war, hätte es mit dem Klavierspiel vielleicht geklappt, und das hätte mich glücklich gemacht, mir eine sichere Zuflucht geboten. Nur für mich zu spielen, daheim, wäre mir mehr als genug gewesen. Gewiss, ich höre häufig Musik und finde lebhaftes Vergnügen daran, doch das ist nicht das Gleiche, lediglich Ersatz. Genau wie meine Liebesabenteuer mit Männern: In Wirklichkeit, ich bekenne es, ohne rot zu werden, wäre ich lieber eine Frau gewesen. Nicht unbedingt eine Frau, die in dieser Welt lebt und handelt, eine Ehefrau, eine Mutter; nein, eine nackte Frau, die auf dem Rücken liegt, die Beine spreizt, vom Gewicht eines Mannes erdrückt wird, sich an ihn klammert, von ihm durchbohrt wird, in ihm zerfließt und sich in den grenzenlosen Ozean verwandelt, in dem er ertrinkt, eine Lust ohne Ende und ohne Anfang. Es sollte nicht sein. Stattdessen wurde ich Jurist, Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, SS-Offizier, schließlich Direktor einer Spitzenfabrik. Das ist traurig, lässt sich aber nicht ändern.
Alles, was ich hier niedergeschrieben habe, ist wahr, wahr ist aber auch, dass ich eine Frau geliebt habe. Eine einzige, die aber mehr als alles in der Welt. Nun war aber sie ausgerechnet diejenige, die mir verboten war. Es ist durchaus denkbar, dass ich, als ich träumte, eine Frau zu sein, als ich mir den Körper einer Frau erträumte, immer noch nach ihr suchte, mich ihr nähern wollte, sein wollte wie sie, sie sein wollte. Das ist sehr gut möglich, ändert aber nichts. Von den Typen, mit denen ich geschlafen habe, habe ich nicht einen einzigen geliebt, ich habe mich ihrer bedient, ihren Körper benutzt, das ist alles. Die Liebe dieser Frau hätte mir für ein ganzes Leben genügt. Macht euch nicht lustig: Diese Liebe war vermutlich das einzig Gute, was ich in meinem Leben zustande gebracht habe. All das, so denkt ihr gewiss, klingt ein bisschen merkwürdig für einen Offizier der Schutzstaffel. Doch warum hätte nicht auch ein SS-Obersturmbannführer ein Innenleben haben sollen, Begierden und Leidenschaften wie alle anderen? Von meiner Sorte, die ihr immer noch für kriminell haltet, gab es Hunderttausende; unter ihnen natürlich, wie überall, ganz banale Menschen, aber auch ungewöhnliche: Künstler, hochgebildete Männer, Neurotiker, Homosexuelle, Männer, die ihre Mutter liebten, was weiß ich. Und warum auch nicht? Keiner war typischer als irgendein Mensch in irgendeinem Beruf. Es gibt Geschäftsleute, die guten Wein und Zigarren lieben, Geschäftsleute, die vom Geld besessen sind, und Geschäftsleute, die sich einen Dildo in den After schieben, wenn sie ins Büro gehen, und unter ihrem edlen Zwirn obszöne Tätowierungen verstecken: Derlei erscheint uns selbstverständlich, warum nicht auch bei Angehörigen der SS oder Wehrmacht? Weit häufiger, als man vermutet, stießen unsere Stabsärzte auf Damenunterwäsche, wenn sie die Uniformen der Verwundeten aufschnitten. Die Behauptung, ich sei nicht typisch gewesen, besagt gar nichts. Ich lebte, ich hatte eine Vergangenheit, eine Vergangenheit, die mich belastete und teuer zu stehen kam, aber das kann passieren, und ich lebte sie auf meine Weise. Dann ist der Krieg gekommen, ich diente, ich wurde in schreckliche Ereignisse, in Gräueltaten verstrickt. Ich hatte mich nicht verändert, ich war noch immer derselbe Mensch, meine Probleme waren nicht gelöst, obwohl der Krieg mich vor neue stellte, obwohl diese Schrecken nicht spurlos an mir vorübergingen. Es gibt Männer, für die der Krieg oder sogar das Morden eine Lösung ist, doch ich gehöre nicht zu ihnen, für mich, wie für die meisten anderen Menschen, sind Krieg und Mord eine Frage, eine Frage ohne Antwort, denn wenn wir in die Nacht hinausrufen, antwortet niemand. Außerdem zieht eines das andere nach sich: Ich habe im Rahmen des normalen Dienstes begonnen und dann, unter dem Druck der Ereignisse schließlich, diesen Rahmen überschritten; aber all das hängt zusammen, ist eng miteinander verknüpft: Ob ich ohne den Krieg bis zu diesem Äußersten gegangen wäre, kann man nicht wissen. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht, vielleicht hätte ich eine andere Lösung gefunden. Wir wissen es nicht. Meister Eckhart hat geschrieben, dass ein Engel in der Hölle auf seiner eigenen kleinen Paradieswolke schwebt. Mir war immer klar, dass auch die Umkehrung gilt, dass ein Dämon im Paradies auf seiner eigenen kleinen Höllenwolke schweben würde. Ich halte mich allerdings nicht für einen Dämon. Für das, was ich getan habe, gab es immer Gründe, ob gute oder schlechte, weiß ich nicht, auf jeden Fall aber menschliche Gründe. Die, die töten, sind Menschen wie die, die getötet werden, das ist die schreckliche Wahrheit. Ihr könnt niemals sagen: Ich werde nicht töten, das ist unmöglich, höchstens könnt ihr sagen: Ich hoffe, nicht zu töten.
Fortsetzung folgt



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