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Freitag, 08. Februar 2008
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Auszug aus: "Die Wohlgesinnten".
Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober.

Folge 6: Ich bin wie ihr!

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Auch ich hoffte es, auch ich wollte ein gutes und nützliches Leben führen, Mensch unter Menschen sein wie alle anderen, auch ich wollte meinen Teil zum gemeinsamen Werk beitragen. Doch meine Hoffnungen sind getäuscht worden, man hat sich meiner ehrlichen Absichten bedient, um ein Werk zu verrichten, das sich als schlecht und verderblich erwies, und ich habe die dunklen Ufer überschritten, all dies Böse drang in mein Leben, und nichts von alldem kann wiedergutgemacht werden, niemals. Auch die Wörter nützen nichts mehr, sie versickern wie Wasser im Sand, und der Sand füllt mir den Mund. Ich lebe, ich tue, was mir möglich ist, so geht es jedem, ich bin ein Mensch wie jeder andere, ich bin ein Mensch wie ihr. Hört mal, wenn ich es euch doch sage: Ich bin wie ihr!


ALLEMANDE I UND II


An der Grenze war eine Pontonbrücke ausgelegt. Dicht daneben ragten noch, wie hingefläzt, aus den grauen Wassern des Bugs die verbogenen Joche der von den Sowjets gesprengten Stahlbrücke empor. Wie es hieß, hatten unsere Pioniere die neue Brücke in einer einzigen Nacht montiert, und gleichmütige Feldgendarmen, deren halbmondförmige Ringkragen im Sonnenlicht funkelten, regelten den Verkehr so selbstverständlich, als wären sie noch zu Hause. Die Wehrmacht hatte Vorfahrt; wir mussten warten. Ich blickte auf den gemächlich dahinfließenden Strom, die kleinen ruhigen Wälder auf der anderen Seite, das Gedränge auf der Brücke. Dann waren wir an der Reihe. Gleich nach der Brücke begann eine Art Allee aus den Skeletten des russischen Kriegsgeräts am Straßenrand: platt gewalzte und ausgebrannte Lastkraftwagen, wie Konservendosen aufgerissene Panzer, wüst ineinander verknäulte Geschütze – umgestürzt, weggeschleudert, verkeilt, in einer unabsehbaren verkohlten Masse aus unregelmäßig übereinandergeschobenen Lagen. Dahinter die Wälder in strahlendem Sommerlicht. Die ungepflasterte Straße war geräumt, doch die Spuren der Explosionen, große Ölflecken und verstreut herumliegende Trümmerreste, waren noch zu sehen. Dann kamen die ersten Häuser von Sokal. Im Stadtzentrum knisterte noch die Glut einiger verlöschender Brände. Staubbedeckte Leichen zwischen Schutt und Trümmern, meist in Zivil, versperrten einen Teil der Straße. Gegenüber in einem Park standen, säuberlich aufgereiht im Schatten der Bäume, weiße Kreuze mit seltsamen kleinen Dächern. Zwei deutsche Soldaten malten Namen darauf. Dort warteten wir, während Blobel in Begleitung unseres Versorgungsoffiziers Strehlke zum Hauptquartier ging. Ein süßlicher, leicht ekelerregender Geruch mischte sich in den beißenden Rauch. Blobel kam schon bald zurück. »Alles in Ordnung. Strehlke kümmert sich um die Unterkunft. Kommen Sie mit.«

Das AOK hatte uns in einer Schule untergebracht. »Tut mir leid«, entschuldigte sich ein kleiner Wehrmachtsbeamter in zerknittertem Feldgrau. »Wir sind noch dabei, uns hier einzurichten. Aber wir schicken Ihnen die Rationen hinüber.« Unser stellvertretender Kommandeur von Radetzky, ein eleganter Balte, wedelte lässig mit einer behandschuhten Hand und lächelte: »Macht nichts. Wir bleiben nicht lange.« Es gab keine Betten, aber wir hatten Decken mitgebracht; die Männer setzten sich auf die kleinen Stühle der Schüler. Wir waren wohl an die siebzig. Am Abend bekamen wir tatsächlich eine fast kalte Kohlsuppe mit Kartoffeleinlage, rohe Zwiebeln und ein paar Klumpen dunkles, klebriges Brot, das schon beim Schneiden trocken wurde. Ich hatte Hunger, tunkte das Brot in die Suppe, bevor ich es aß, und biss in die Zwiebeln. Radetzky organisierte eine Wache. Die Nacht verlief friedlich.

Am nächsten Morgen sammelte unser Kommandeur, Standartenführer Blobel, seine Leiter um sich und begab sich mit ihnen zum Hauptquartier. Leiter III, mein unmittelbarer Vorgesetzter, hatte einen Bericht zu tippen und schickte mich als Stellvertreter. Der Stab der 6. Armee, das AOK 6, dem wir unterstellt waren, hatte sich in einem weitläufigen österreichisch-ungarischen Gebäude einquartiert, mit einer in heiterem Orange gehaltenen, mit Säulen und Stuck verzierten und von kleinen Splittern durchlöcherten Fassade. Ein Oberst, anscheinend ein Vertrauter Blobels, empfing uns: »Der Generalfeldmarschall arbeitet draußen. Folgen Sie mir.« Er führte uns in einen ausgedehnten Park, der sich von dem Gebäude bis zu einer Schleife des Bugs weit unten erstreckte. In der Nähe eines einzeln stehenden Baumes ging ein Mann in Badehose mit ausgreifenden Schritten hin und her, umgeben von einem summenden Schwarm Offiziere in durchschwitzter Uniform. Mit einem »Oh, Blobel! Guten Tag, meine Herren« wandte er sich uns zu. Wir salutierten. Es war Generalfeldmarschall von Reichenau, Oberbefehlshaber der 6. Armee. Seine gewölbte und stark behaarte Brust strotzte vor Kraft. In Fettpolstern steckend, in denen sich – trotz seiner athletischen Schultern – die preußische Feinheit seiner Züge verlor, glänzte sein berühmtes Monokel in der Sonne, unpassend, fast lächerlich. Ohne seine peinlich genauen Anweisungen zu unterbrechen, marschierte er stechschrittartig auf und ab. Wohl oder übel mussten wir ihm folgen, was nicht ohne Durcheinander abging; ich stieß mit einem Major zusammen und begriff nicht viel. Endlich blieb Reichenau stehen und entließ uns. »Ach ja! Noch etwas. Für einen Juden sind fünf Gewehre zu viel, die Zahl der Männer reicht nicht aus. Zwei Gewehre pro Verurteilten genügen. Wie viele für die Bolschewisten – das werden wir noch sehen. Bei Frauen können Sie ein vollständiges Erschießungskommando nehmen.« Blobel salutierte: »Zu Befehl, Herr Generalfeldmarschall.« Von Reichenau schlug seine nackten Hacken zusammen und hob den Arm: »Heil Hitler!« – »Heil Hitler!«, antworteten wir im Chor, bevor wir den Rückzug antraten.

Der Sturmbannführer Dr. Kehrig, mein Vorgesetzter, nahm meinen Bericht ziemlich mürrisch auf. »Ist das alles?« – »Ich habe nicht alles mitbekommen, Sturmbannführer.« Er verzog das Gesicht und spielte dabei zerstreut mit seinen Papieren herum. »Ich verstehe nicht. Von wem bekommen wir eigentlich unsere Befehle? Von Reichenau oder von Jeckeln? Und wo steckt Brigadeführer Rasch?« – »Ich weiß nicht, Sturmbannführer.« – »Sie wissen nicht gerade viel, Obersturmführer. Wegtreten.«

Am nächsten Tag rief Blobel alle seine Offiziere zusammen. Etwa zwanzig Mann waren am frühen Morgen mit Callsen aufgebrochen. »Ich habe ihn mit einem Vorkommando nach Luzk geschickt. Das gesamte Kommando wird in ein, zwei Tagen folgen. Dort wird unser Stab vorerst Quartier beziehen. Das AOK wird ebenfalls nach Luzk verlegt. Unsere Divisionen kommen schnell voran. Wir müssen uns an die Arbeit machen. Ich erwarte Obergruppenführer Jeckeln mit den nötigen Befehlen.« Jeckeln, ein sechsundvierzigjähriger Parteigenosse und »Alter Kämpfer«, war höherer SS- und Polizeiführer für Südrussland; alle SS-Verbände des Gebiets, auch der unsere, waren ihm auf die eine oder andere Weise unterstellt. Doch die Frage des Befehlsstrangs ließ Kehrig keine Ruhe: »Also stehen wir unter dem Befehl des Obergruppenführers?« – »Organisatorisch sind wir der 6. Armee unterstellt. Taktische Befehle erhalten wir vom RSHA, über den Gruppenstab, und vom HSSPF. Ist das klar?« Kehrig wiegte den Kopf hin und her und seufzte: »Nicht ganz, aber ich könnte mir vorstellen, dass die Einzelheiten nach und nach klar werden.« Blobel wurde krebsrot: »Aber in Pretzsch wurde Ihnen doch alles erklärt, verflucht noch mal!« Kehrig bewahrte die Ruhe. »In Pretzsch, Standartenführer, hat man uns absolut gar nichts erklärt. Man hat uns mit Reden traktiert und Sport treiben lassen. Sonst nichts. Ich erinnere Sie daran, dass die Vertreter des SD letzte Woche nicht zur Besprechung mit Gruppenführer Heydrich eingeladen waren. Ich bin sicher, dass es dafür gute Gründe gibt, aber ich habe keine Ahnung, was ich zu tun habe, außer Berichte über die Moral und das Verhalten der Wehrmacht zu schreiben.« Er wandte sich an Vogt, den Leiter IV: »Sie waren doch bei dieser Besprechung zugegen. Im Grunde ist es ganz einfach: Wenn man uns erklärt, was wir zu tun haben, tun wir es auch.« Vogt schaute verlegen vor sich hin und klopfte mit seinem Füller auf den Tisch. Blobel kaute an den Innenseiten seiner Backen herum und fixierte mit finsterem Blick einen Punkt an der Wand. »Gut«, bellte er schließlich, »heute Abend kommt jedenfalls der Obergruppenführer. Morgen sehen wir weiter.«

Diese ziemlich ergebnislose Besprechung muss am 27. Juni stattgefunden haben, denn tags darauf wurden wir zu einer Rede von Obergruppenführer Jeckeln zusammengerufen, und nach meinen Aufzeichnungen wurde diese Rede am 28. gehalten. Jeckeln und Blobel hatten sich wahrscheinlich gesagt, dass die Männer vom Sonderkommando etwas Führung und Motivation brauchten; gegen Ende des Vormittags stellte sich das ganze Kommando im Schulhof auf, um die Rede des HSSPF zu hören. Jeckeln nahm kein Blatt vor den Mund. Unsere Aufgabe, so erklärte er uns, sei es, hinter unseren Linien jedes Element zu identifizieren und zu beseitigen, das die Sicherheit der Truppe bedrohen könne. Jeder Bolschewist, jeder Volkskommissar, jeder Jude und jeder Zigeuner könne jederzeit unsere Quartiere sprengen, unsere Männer ermorden, unsere Züge zum Entgleisen bringen oder dem Feind lebenswichtige Nachrichten übermitteln. Unsere Aufgabe sei es nicht, abzuwarten, bis er gehandelt habe, und ihn dann zu bestrafen, unsere Aufgabe sei es, ihn an der Tat zu hindern. Aufgrund unseres schnellen Vormarsches sei auch nicht daran zu denken, Lager einzurichten und sie mit Verdächtigen vollzustopfen: Jeder Verdächtige sei sofort zu erschießen. Den Juristen unter uns rief er ins Gedächtnis, dass die UdSSR es abgelehnt hatte, die Haager Konventionen anzuerkennen, sodass das Völkerrecht, das unsere Vorgehensweisen im Westen regele, hier im Osten keine Anwendung finde. Es würden Fehler vorkommen, sicher, es würde auch unschuldige Opfer geben, das sei der Krieg. Wenn man eine Stadt bombardiere, stürben auch Zivilisten. Er wisse wohl, dass uns das manchmal gegen den Strich gehe, dass das unserer Empfindsamkeit manchmal zu schaffen mache, dass wir als Menschen und als Deutsche darunter litten. Wir müssten uns folglich selbst besiegen. Er könne nur wiederholen, was er aus des Führers eigenem Mund vernommen habe: Die Verantwortlichen schulden Deutschland das Opfer ihrer Zweifel. Danke und Heil Hitler. Das hatte zumindest den Vorzug der Offenheit. Die Reden von Müller oder Streckenbach in Pretzsch strotzten vor schönen Phrasen über die Notwendigkeit von Mitleidlosigkeit und Unerbittlichkeit; doch abgesehen von der Bestätigung, dass wir tatsächlich nach Russland zogen, beschränkten sie sich auf Allgemeinheiten. Heydrich wäre in Düben bei der Abschiedsparade vielleicht deutlicher geworden; doch kaum hatte er das Wort ergriffen, ging ein heftiger Regen nieder: Er brach seine Rede ab und verschwand in Richtung Berlin. Kein Wunder, dass wir verwirrt waren, zumal kaum einer von uns Praxis-Erfahrung besaß. Ich selbst hatte, seit meinen Anfängen beim SD, praktisch nichts anderes gemacht, als juristische Akten zu ordnen, und ich war beileibe keine Ausnahme. Kehrig kümmerte sich um Verfassungsfragen; selbst Vogt, Leiter IV, kam aus der Registratur. Und Blobel war von der Düsseldorfer Staatspolizei abgezogen worden; er hatte bestimmt nie etwas anderes getan, als Asoziale oder Homosexuelle oder vielleicht von Zeit zu Zeit auch mal einen Kommunisten zu verhaften. In Pretzsch erzählte man sich, er sei Architekt gewesen. Offensichtlich erfolglos. Er war nicht gerade das, was man einen angenehmen Menschen nennt. Seinen Kameraden gegenüber verhielt er sich aggressiv, fast brutal.

Fortsetzung folgt

Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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