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Samstag, 09. Februar 2008
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Auszug aus: "Die Wohlgesinnten".
Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober.

Folge 7: »Sie werden sich dran gewöhnen«

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Sein rundes Gesicht mit dem platten Kinn und den abstehenden Ohren saß auf dem Uniformkragen wie der Kopf eines Geiers – eine Ähnlichkeit, die von seiner schnabelförmig vorspringenden Nase noch unterstrichen wurde. Jedes Mal, wenn ich an ihm vorbeiging, stank er nach Alkohol. Häfner behauptete, Blobel versuche damit, seine Ruhr zu behandeln. Ich war froh, dass ich nicht unmittelbar mit ihm zu tun hatte, und Kehrig, der dazu verpflichtet war, schien darunter zu leiden. Er selbst wirkte hier etwas fehl am Platze. Thomas erklärte mir in Pretzsch, die meisten Offiziere seien aus Behörden abgezogen worden, wenn sie abkömmlich waren. Man hatte ihnen von Amts wegen SS-Dienstgrade verliehen (so fand ich mich als SS-Obersturmführer wieder; das entspricht eurem Titel »Oberleutnant«). Kehrig, kaum einen Monat vorher noch Oberregierungsrat, kam seine hohe Stellung in der Beamtenhierarchie zugute; er wurde zum Sturmbannführer befördert. Es fiel ihm sichtlich schwer, sich an die neuen Schulterstücke und Funktionen zu gewöhnen. Bei den Unteroffizieren und Mannschaften handelte es sich meist um kleine Ladenbesitzer, Buchhalter, Handlungsgehilfen – Menschen, die während der Depression in der Hoffnung auf Arbeit in die SS ein- und nie wieder ausgetreten waren. Unter ihnen gab es eine Anzahl Volksdeutscher aus dem Baltikum oder der Ukraine, düstere, farblose Menschen, die sich in ihren Uniformen unbehaglich fühlten und deren einzige Qualifikation ihre Russischkenntnisse waren. Manche konnten sich nicht einmal auf Deutsch verständigen. Radetzky unterschied sich allerdings von ihnen: Er rühmte sich, den Jargon der Bordelle von Moskau, wo er geboren war, ebenso zu beherrschen wie den von Berlin, und er machte immer den Eindruck, genau zu wissen, was er tat, selbst dann, wenn er nichts tat. Er sprach auch etwas Ukrainisch, anscheinend hatte er im Import-Export-Geschäft gearbeitet; wie ich kam er aus dem Sicherheitsdienst der SS. Dass er dem Südabschnitt zugeteilt worden war, trieb ihn zur Verzweiflung; er hatte davon geträumt, er werde der Heeresgruppe Mitte angehören, als Eroberer in Moskau einziehen und mit seinen Stiefeln auf den Teppichen des Kremls herumtrampeln. Vogt tröstete ihn, man werde sich auch in Kiew schon amüsieren, aber Radetzky verzog das Gesicht: »Die Lawra ist herrlich, das stimmt, doch sonst ist es ein trauriges Nest.« Am Tag der Rede von Jeckeln gab man uns abends den Befehl, unsere Sachen zu packen und uns am nächsten Tag marschbereit zu halten: Callsen könne uns jetzt in Empfang nehmen.

Luzk brannte bei unserer Ankunft noch. Ein Trupp Feldgendarmerie nahm sich unserer an und brachte uns in die Unterkunft. Wir mussten die Altstadt und die Burg umgehen; es war ein umständlicher Weg. Kuno Callsen hatte die Musikakademie requiriert, ein schönes schlichtes Gebäude aus dem 17. Jahrhundert neben dem großen Platz am Fuße des Schlosses, ein ehemaliges Kloster, das im letzten Jahrhundert auch als Gefängnis gedient hatte. Callsen erwartete uns mit einigen Männern auf der Freitreppe. »Sehr praktisch hier«, erklärte er mir, während das Material und unsere Sachen abgeladen wurden. »Im Keller sind noch Zellen, man braucht nur die Schlösser auszuwechseln, ich habe schon damit angefangen.« Ich hielt mich statt an den Kerker lieber an die Bibliothek, doch sämtliche Bände waren auf Russisch oder Ukrainisch geschrieben. Auch Radetzky führte dort seine Knollennase spazieren, mit leerem Blick, ihn interessierten die Zierleisten. Als er an mir vorbeikam, wies ich ihn darauf hin, dass in der Bibliothek kein polnisches Buch zu finden war. »Seltsam, Sturmbannführer, vor noch nicht allzu langer Zeit war dies hier doch noch Polen!« Radetzky zuckte mit den Schultern: »Wie Sie sich denken können, haben die Bolschewisten alles gesäubert.« – »In zwei Jahren?« – »Zwei Jahre reichen. Besonders für eine Musikakademie.«

Das Vorkommando war bereits überlastet. Die Wehrmacht hatte Hunderte von Juden und Plünderern festgenommen und verlangte, dass wir uns um sie kümmerten. Die Brände loderten weiter, Saboteure schienen sie zu schüren. Und dann gab es noch das Problem der alten Burg. Dr. Kehrig hatte beim Ordnen von Akten seinen Baedeker wiedergefunden und reichte ihn mir über die aufgerissenen Kisten hinweg, um mir den Eintrag zu zeigen: »Das Schloss von Lubart, sehen Sie, ein litauischer Fürst hat es bauen lassen.« Der Schlosshof quoll über von Leichen, vom NKWD vor dessen Rückzug erschossene Gefangene, hieß es. Kehrig bat mich, mir das anzusehen. Das Schloss hatte massive Backsteinmauern, die auf Erdwällen errichtet waren und von drei Türmen überragt wurden; am Tor hatte die Wehrmacht Wachen aufgestellt; man ließ mich erst hinein, nachdem sich ein Abwehroffizier, ein Hauptmann, eingeschaltet hatte. »Entschuldigen Sie. Der Generalfeldmarschall hat befohlen, den Ort zu sichern.« – »Natürlich, verstehe.« Als ich den Fuß über die Schwelle setzte, schlug mir ein entsetzlicher Gestank entgegen. Da ich kein Taschentuch bei mir hatte, presste ich einen meiner Handschuhe auf die Nase, um atmen zu können. »Nehmen Sie dies«, schlug der Hauptmann vor und reichte mir ein feuchtes Tuch, »es hilft etwas.« Es half tatsächlich ein bisschen, aber nicht genug. Ich atmete durch den Mund – umsonst, der Geruch drang mir in die Nase, süßlich, schwer, ekelhaft. Ich schluckte krampfhaft, um mich nicht übergeben zu müssen. »Ist es das erste Mal?«, fragte der Hauptmann leise. Ich nickte. »Sie werden sich dran gewöhnen«, fuhr er fort, »aber vielleicht nie so ganz.« Er wurde selber blass, bedeckte aber seinen Mund nicht. Wir waren durch einen langen Gewölbegang gekommen und dann über einen kleinen Hof. »Da lang.«

Die Leichen lagen in einem großen gepflasterten Hof, ohne jede Ordnung hier und da zu unregelmäßigen Haufen aufgeschichtet. Ein durchdringendes unaufhörliches Summen erfüllte die Luft: Tausende von dicken blauen Fliegen kreisten um die Kadaver, die Blutlachen, die Fäkalien. Meine Stiefel blieben am Pflaster kleben. Die toten Leiber waren schon aufgedunsen. Ich betrachtete ihre gelblich grüne Haut, ihre unförmigen Gesichter – als hätte man auf sie eingeprügelt. Der Gestank war abscheulich; und dieser Gestank, das wusste ich, war der Anfang und das Ende von allem, der wahre Sinn unserer Existenz. Der Gedanke wühlte mich auf. Kleine Gruppen von Wehrmachtssoldaten mit Gasmasken versuchten, die Haufen zu entwirren und die Leichen nebeneinanderzulegen. Einer von ihnen zog an einem Arm; der löste sich und blieb ihm in der Hand hängen; der Mann warf ihn mit einer Geste des Überdrusses auf einen anderen Haufen. »Es sind über tausend«, sagte der Hauptmann zu mir, fast im Flüsterton. »Sämtliche Ukrainer und Polen, die sie seit ihrer Invasion gefangen gehalten haben. Wir haben Frauen und sogar Kinder gefunden.« Ich wollte die Augen schließen oder mir die Hand vor die Augen halten; zugleich aber wollte ich hinsehen, immer wieder hinsehen, um durch den Blick dieses Unbegreifliche da vor mir, diese Leere für das menschliche Denken zu begreifen. Verstört wandte ich mich an den Hauptmann: »Haben Sie Platon gelesen?« Er sah mich verdutzt an. »Was?« – »Schon gut.« Ich machte kehrt und verließ den Platz. Im ersten kleinen Hof sah ich hinten links eine Tür; ich stieß sie auf; Treppenstufen führten nach oben. Ich irrte durch leere Gänge und entdeckte in einem der Türme eine Wendeltreppe. Die Treppe ging auf einen Holzsteg, der am Mauerwerk befestigt war. Aus der Stadt stieg Brandgeruch auf, der immer noch angenehmer war, und ich atmete tief durch; dann zog ich eine Zigarette aus meinem Etui und zündete sie an. Es war, als ob mir der Gestank verwester Leichen noch in der Nase haftete, ich versuchte, ihn zu vertreiben, indem ich den Rauch durch die Nase ausstieß, bekam aber nur einen Hustenanfall. Ich betrachtete die Aussicht. Hinter der Burg zeichneten sich Gärten ab, kleine Gemüsegärten mit einigen Obstbäumen; jenseits der Mauer sah ich die Stadt und die Schleife des Styrs; aus dieser Richtung kam kein Rauch, das Land lag in strahlendem Sonnenschein. Ich rauchte in aller Ruhe. Dann stieg ich wieder hinab und kehrte in den großen Hof zurück. Der Hauptmann stand immer noch da. Sein Blick war voller Neugier, aber ohne Häme: »Geht’s besser?« – »Danke, ja.« Ich gab mir alle Mühe, einen dienstlichen Ton anzuschlagen: »Haben Sie genaue Zahlen? Ich brauche sie für meine Meldung.« – »Noch nicht. Morgen, denke ich.« – »Und die Nationalitäten?« – »Wie gesagt, wahrscheinlich Ukrainer und Polen. Genau wissen wir es nicht, die meisten hatten keine Papiere. Sie sind gruppenweise erschossen worden, man hatte es offensichtlich eilig.« – »Sind Juden dabei?« Er sah mich erstaunt an: »Natürlich nicht. Die Juden haben es doch getan.« Ich verzog das Gesicht: »Ach ja, natürlich.« Er drehte sich zu den Leichen um und schwieg einen Augenblick. »So eine Scheiße«, murmelte er schließlich. Ich grüßte. Draußen rotteten sich Kinder zusammen; eines von ihnen fragte mich etwas, doch ich verstand seine Sprache nicht; ich ging wortlos vorbei und kehrte zur Musikakademie zurück, um Kehrig Meldung zu machen.

Am nächsten Tag machte sich das Sonderkommando endlich an die Arbeit. Unter dem Befehl von Callsen und von Kurt Hans exekutierte es in den Burggärten dreihundert Juden und zwanzig Plünderer. In Begleitung von Dr. Kehrig und Sturmbannführer Vogt verbrachte ich den Tag mit Besprechungen, an denen Niemeyer, Ic der 6. Armee, sowie mehrere seiner Kameraden als Vertreter des militärischen Abwehrdienstes teilnahmen – darunter Hauptmann Luley, dem ich am Vortag in der Burg begegnet war und der bei der Spionageabwehr war. Blobel war der Meinung, die Zahl unserer Männer reiche nicht aus, die Wehrmacht solle uns aushelfen; doch Niemeyer war kategorisch: Diese Art Fragen hätten der Generalfeldmarschall und sein Stabschef, Oberst Heim, zu entscheiden. Auf einer weiteren Besprechung am Nachmittag verkündete uns Luley sichtlich betroffen, man habe unter den Toten der Burg auch zehn deutsche Soldaten gefunden, grässlich verstümmelt. »Sie waren gefesselt, sie haben ihnen Nase, Ohren, Zunge und Geschlechtsteile abgeschnitten.« Vogt stieg mit ihm zur Burg hinauf und kam totenbleich zurück: »Stimmt, es ist grauenhaft, was für Bestien!« Die Nachricht löste große Aufregung aus; Blobel fluchte auf dem Flur herum, dann kam er zurück, um mit Heim zu reden. Am Abend verkündete er: »Der Generalfeldmarschall will eine Strafaktion durchführen, ein Exempel statuieren, damit diese Schweinebande ein für alle Mal Bescheid weiß.« Callsen berichtete von den Erschießungen des Tages. Es war zwar alles reibungslos abgelaufen, doch die Methode, die Reichenau eingeführt hatte – nur zwei Gewehre pro Delinquent –, hatte Nachteile: Um sicherzugehen, war es besser, auf den Kopf zu zielen als auf die Brust, dabei wurden die Männer jedoch mit Blut und Hirnmasse bespritzt, worüber sie sich beklagten. Eine erregte Diskussion war die Folge. Häfner warf ein: »Sie werden sehen, das läuft noch auf Genickschuss hinaus wie bei den Bolschewisten.« Blobel wurde rot im Gesicht und schlug wütend auf den Tisch: »Ich muss doch bitten, meine Herren! Passen Sie auf, was Sie sagen! Wir sind keine Bolschewisten! … Wir sind deutsche Soldaten. Im Dienst für Führer, Volk und Vaterland! Himmel Herrgott nochmal!« Er wandte sich an Callsen: »Wenn Ihre Männer zu zimperlich sind, dann trichtern Sie ihnen von mir aus Schnaps ein!« Und dann, an Häfner gewandt: »Schüsse ins Genick kommen nicht in Frage. Die Männer sollen nicht das Gefühl persönlicher Verantwortung haben. Die Erschießungen gehen militärisch vonstatten. Und damit basta!«

Fortsetzung folgt

Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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