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Auszug aus: "Die Wohlgesinnten".
Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober.
Folge 8: »Wie soll man unter solchen Bedingungen arbeiten?«
Am folgenden Vormittag blieb ich im AOK: Bei der Einnahme der Stadt waren Kisten mit Dokumenten sichergestellt worden; mit einem Übersetzer hatte ich diese Akten, insbesondere die des NKWD, durchzugehen und zu entscheiden, welche an das Sonderkommando weiterzuleiten waren, um dort vorrangig ausgewertet zu werden. Wir suchten insbesondere nach Mitgliedslisten der Kommunistischen Partei, des NKWD oder anderer Staatsorgane: Viele dieser Leute waren wahrscheinlich in der Stadt geblieben und hatten sich unter die Zivilbevölkerung gemischt, um Spionage- und Sabotageakte zu begehen; sie zu identifizieren war dringend geboten. Gegen Mittag ging ich zur Musikakademie zurück, um Dr. Kehrig zu Rate zu ziehen. Im Erdgeschoss herrschte eine gewisse Unruhe: Männer standen in Grüppchen zusammen und flüsterten aufgeregt. Ich packte einen Scharführer am Ärmel: »Was ist hier los?« – »Ich weiß nicht, Obersturmführer. Ich glaube, es gibt ein Problem mit dem Standartenführer.« – »Wo sind die Offiziere?« Er zeigte auf die Treppe, die zu unseren Unterkünften führte. Im Treppenhaus begegnete ich Kehrig, der gerade herunterkam und vor sich hin murmelte: »Unmöglich! Einfach unmöglich!« – »Was ist los?«, fragte ich ihn. Er warf mir einen finsteren Blick zu und stieß hervor: »Wie soll man unter solchen Bedingungen arbeiten?« Damit setzte er seinen Weg fort.
Ich stieg noch ein paar Stufen hoch und hörte einen Schuss, zerklirrendes Glas, Schreie. Auf dem Gang, vor der offenen Tür von Blobels Zimmer, standen zwei Wehrmachtsoffiziere unruhig neben Kurt Hans. »Was ist los?«, fragte ich Hans. Die Hände im Rücken verschränkt, deutete er mit einer Kinnbewegung auf das Zimmer. Ich trat ein. Blobel saß – gestiefelt, aber ohne Jacke – auf seinem Bett und fuchtelte mit einer Pistole herum; Callsen stand neben Blobel und versuchte, die Pistole auf die Wand zu richten, ohne seinen Vorgesetzten am Arm zu packen; eine Fensterscheibe war zersprungen; auf dem Boden lag eine Schnapsflasche. Blobel war aschfahl, er schrie zusammenhanglose Wörter und spuckte dabei. Häfner trat hinter mir ein: »Was geht hier vor?« – »Ich weiß nicht, anscheinend hat der Standartenführer einen Anfall.« – »Genau, er ist übergeschnappt.« Callsen wandte sich um: »Ach, Obersturmführer, bitten Sie doch die Herren von der Wehrmacht, uns zu entschuldigen und etwas später wiederzukommen, in Ordnung?« Ich trat zurück und stieß gegen Hans, der sich gerade entschlossen hatte einzutreten. »August, hol einen Arzt«, sagte Callsen zu Häfner. Blobel brüllte immer noch: »Unglaublich, einfach unglaublich, die sind doch krank, ich bring sie um!« Die beiden Wehrmachtsoffiziere standen etwas abseits auf dem Gang, steif und bleich. »Meine Herren …«, fing ich an. Häfner stieß mich zur Seite und stürzte die Treppe hinunter. Der Hauptmann rief mit sich überschlagender Stimme: »Ihr Kommandeur ist verrückt geworden! Er wollte auf uns schießen.« Ich brachte kein Wort heraus. Hans trat hinter mir auf den Flur: »Sie müssen entschuldigen, meine Herren. Der Standartenführer hat einen schweren Anfall. Wir haben einen Arzt rufen lassen. Wenn es Ihnen recht ist, setzen wir das Gespräch später fort.« Im Zimmer hörte man Blobel einen gellenden Schrei ausstoßen: »Ich bring sie um, diese Schweine, lasst mich los!« Der Hauptmann zuckte mit den Schultern: »Wenn das die höheren SS-Offiziere sind, verzichten wir auf die Zusammenarbeit.« Er wandte sich seinem Kameraden zu und breitete die Arme aus: »Unglaublich, als hätte man sie aus der Klapsmühle geholt.« Kurt Hans wurde blass: »Ich darf doch bitten, meine Herren! Sie beleidigen die SS …« Er brüllte jetzt ebenfalls. Da raffte ich mich endlich auf und fiel ihm ins Wort. »Hören Sie, ich weiß noch nicht genau, was hier vorgeht, aber offensichtlich handelt es sich um ein medizinisches Problem. Regen Sie sich nicht auf, Hans. Wie mein Kamerad gesagt hat, meine Herren, ist es wohl besser, Sie entschuldigen uns jetzt.« Der Hauptmann musterte mich: »Sie sind Dr. Aue, nicht wahr? Gut, gehen wir«, sagte er zu seinem Kameraden. Im Treppenhaus trafen sie auf Sperath, den Arzt des Sonderkommandos, der gerade mit Häfner hochkam: »Sind Sie der Arzt?« – »Ja.« – »Passen Sie auf, dass er nicht auch auf Sie schießt.« Ich trat zur Seite, um Sperath und Häfner vorbeizulassen, folgte ihnen dann ins Zimmer. Blobel hatte die Pistole auf den Nachttisch gelegt und sagte mit abgehackter Stimme zu Callsen: »Begreifen Sie doch, man kann unmöglich so viele Juden erschießen. Ein Pflug wäre nötig, ein Pflug, man müsste sie unterpflügen!« Callsen wandte sich an uns: »Würdest du dich bitte einen Augenblick um den Standartenführer kümmern, August?« Er packte Sperath am Arm, zog ihn zur Seite und begann aufgeregt zu flüstern. »Scheiße!«, brüllte Häfner. Ich drehte mich um, er rang mit Blobel, der wieder nach seiner Pistole griff. »So beruhigen Sie sich doch bitte, Standartenführer!«, rief ich. Callsen stellte sich neben ihn und redete besänftigend auf ihn ein. Sperath trat ebenfalls ans Bett und fühlte ihm den Puls. Wieder wollte Blobel die Hand nach der Pistole ausstrecken, doch Callsen hinderte ihn daran. Jetzt wandte sich Sperath an Blobel: »Hören Sie, Paul, Sie sind überanstrengt. Ich muss Ihnen eine Spritze geben.« – »Nein! Keine Spritze!« Blobels Arm fuhr durch die Luft und traf Callsen im Gesicht. Häfner hatte die Flasche aufgehoben, zeigte sie mir und zuckte mit den Schultern: Sie war fast leer. Kurt Hans war neben der Tür geblieben und sah wortlos zu. Blobel stieß wirre Ausrufe hervor: »Diese Dreckskerle … Wehrmacht … gehören erschossen! Alle!«, dann murmelte er wieder Unverständliches vor sich hin. »August, Obersturmführer, helfen Sie mir«, befahl Callsen. Zu dritt fassten wir Blobel an den Füßen und unter den Armen und legten ihn aufs Bett. Er wehrte sich nicht mehr. Callsen rollte seine Jacke zusammen und legte sie ihm unter den Kopf; Sperath schob ihm den Ärmel hoch und gab ihm eine Spritze. Blobel schien sich schon etwas beruhigt zu haben. Sperath zog Callsen und Häfner zur Tür, um sich mit ihnen zu beraten, ich blieb bei Blobel. Seine hervorquellenden Augen starrten zur Decke, ein bisschen blasiger Speichel stand ihm in den Mundwinkeln, er murmelte wieder: »Pflügen, die Juden unterpflügen.« Unauffällig ließ ich die Pistole in die Schublade gleiten: Niemand hatte daran gedacht. Blobel schien eingeschlafen zu sein. Callsen kam zum Bett zurück: »Wir bringen ihn nach Lublin.« – »Wieso nach Lublin?« – »Dort gibt es ein Krankenhaus für solche Fälle«, erklärte Sperath. »Eine Klapse oder was?«, fragte Häfner taktlos. »August, halt die Klappe«, wies ihn Callsen zurecht. Radetzky erschien in der Tür: »Was ist das hier für ein Sauhaufen?« Kurt Hans antwortete: »Der Standartenführer ist ausgefallen. Der Feldmarschall hat einen Befehl überbringen lassen, der ging Blobel gegen den Strich, da wollte er auf die Wehrmachtsoffiziere schießen.« – »Er hatte heute früh schon Fieber«, fügte Callsen beflissen hinzu. Rasch erklärte er ihm die Situation und Speraths Vorschlag. »Gut«, beschied Radetzky, »tun wir, was der Doktor sagt. Ich nehme ihn selbst mit.« Er schien etwas blass. »Was den Befehl des Generalfeldmarschalls angeht, haben Sie mit den Vorbereitungen angefangen?« – »Nein, noch nicht«, sagte Kurt Hans. »Gut. Callsen, bereiten Sie alles Nötige vor. Sie, Häfner, begleiten mich.« – »Warum ich?«, sagte Häfner mürrisch. »Darum«, fauchte Radetzky verärgert. »Lassen Sie den Opel vom Chef fertigmachen. Nehmen Sie für alle Fälle noch ein paar Kanister Benzin mit.« Häfner insistierte: »Kann Janssen nicht mitfahren?« – »Nein, Janssen wird Callsen und Hans helfen. Einverstanden, Hauptsturmführer?«, wandte er sich an Callsen. Der nickte zögernd: »Vielleicht wäre es besser, Sie blieben hier und ich würde ihn begleiten, Sturmbannführer. Sie haben jetzt das Kommando.« Radetzky schüttelte den Kopf: »Genau, daher halte ich es für besser, ihn selbst zu begleiten.« Zweifelnd wandte Callsen ein: »Meinen Sie nicht doch, dass Sie besser bleiben sollten?« – »Nein, keine Sorge: Obergruppenführer Jeckeln kommt nachher mit seinem Stab. Die meisten sind schon da, ich war gerade dort. Er wird sich um alles kümmern.« – »Gott sei Dank! Sie müssen nämlich wissen, ich habe noch nie eine Aktion diesen Ausmaßes …« Radetzky kräuselte die Lippen zu einem kleinen Lächeln: »Schon gut. Wenden Sie sich an den Obergruppenführer und treffen Sie alle Vorbereitungen: Da wird schon nichts schiefgehen, das garantiere ich Ihnen.«
Eine Stunde später versammelten sich die Offiziere im großen Saal. Radetzky und Häfner waren mit Blobel abgefahren; als man ihn in den Opel verfrachtete, hatte er wieder um sich getreten, sodass Sperath ihm noch einmal eine Spritze geben musste, während Häfner ihn mit beiden Armen hielt. Callsen ergriff das Wort: »Meine Herren, ich denke, Sie sind über die Lage alle mehr oder weniger informiert.« Vogt unterbrach ihn: »Könnten Sie sie noch einmal kurz zusammenfassen?« – »Wie Sie wollen. Heute früh hat der Generalfeldmarschall für die zehn deutschen Soldaten, die verstümmelt auf der Burg gefunden wurden, eine Vergeltungsaktion befohlen. Er hat angeordnet, dass für jede von den Bolschewisten ermordete Person ein Jude erschossen wird, das macht mehr als tausend Juden. Offenbar hat dieser Befehl den Anfall des Standartenführers ausgelöst.« – »Die Wehrmacht ist nicht ganz schuldlos daran«, schaltete sich Kurt Hans ein. »Man hätte jemanden mit mehr Takt schicken sollen, nicht diesen Hauptmann. Außerdem, einen so wichtigen Befehl von einem Hauptmann überbringen zu lassen grenzt schon an Beleidigung.« – »Trotzdem wirft die ganze Geschichte ein schlechtes Licht auf die SS«, meinte Vogt. »Hören Sie mal«, erwiderte Sperath scharf, »darum geht es hier nicht. Wie bereits gesagt, der Standartenführer war heute früh schon krank, er hatte hohes Fieber. Vermutlich Typhus im Anfangsstadium. Das hat den Anfall sicherlich ausgelöst.« – »Ja, aber er hat auch eine Menge getrunken«, sagte Kehrig. »Stimmt«, mischte ich mich ein, »in seinem Zimmer lag eine leere Flasche.« – »Er hatte Verdauungsprobleme«, erwiderte Sperath, »und dachte, das würde Abhilfe schaffen.« – »Wie dem auch sei«, schloss Vogt, »wir sind jetzt ohne Kommandeur. Und ohne den Stellvertretenden übrigens auch. Das geht nicht. Ich schlage vor, dass Hauptsturmführer Callsen das Sonderkommando führt, bis Sturmbannführer Radetzky wieder zurück ist.« – »Aber ich bin doch gar nicht der ranghöchste Offizier«, wandte Callsen ein. »Das sind Sie oder Sturmbannführer Kehrig.« – »Sicher, aber wir gehören nicht zur Einsatzgruppe. Von den Offizieren des Teilkommandos sind Sie der Dienstälteste.« – »Einverstanden«, sagte Kehrig. Angespannt ließ Callsen seine Augen von einem zum anderen wandern, dann sah er Janssen an, der den Blick abwandte, bevor er nickte. »Ich bin auch einverstanden«, erklärte Kurt Hans nachdrücklich. »Hauptsturmführer, bei Ihnen liegt jetzt das Kommando.« Callsen schwieg einen Augenblick und zuckte dann mit den Schultern: »Gut, wie Sie wollen.« – »Ich habe noch eine Frage«, Strahlke, unser Leiter II, meldete sich zu Wort. Er wandte sich an Sperath: »Doktor, was meinen Sie, wie steht es um Blobel? Ist mit seiner baldigen Rückkehr zu rechnen?« Sperath zog ein Gesicht: »Ich weiß nicht. Schwer zu sagen. Zum Teil ist sein Zustand sicherlich nervlich bedingt, er dürfte aber auch organische Ursachen haben. Mal sehen, wie es ihm geht, wenn das Fieber sinkt.« – »Wenn ich Sie recht verstehe«, sagte Vogt und räusperte sich, »kommt er nicht so bald zurück.« – »Ich denke nicht. Jedenfalls nicht in den nächsten Tagen.« – »Kann sein, dass er überhaupt nicht wiederkommt«, warf Kehrig ein. Es wurde still im Saal. Offenbar ging uns allen derselbe Gedanke durch den Kopf, wenn ihn auch keiner auszusprechen wagte: Es wäre möglicherweise kein großes Unglück, wenn Blobel nicht zurückkäme.
Fortsetzung folgt



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