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Dienstag, 12. Februar 2008
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Auszug aus: "Die Wohlgesinnten".
Aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober.

Folge 9: »Aber Befehl ist Befehl«

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Noch vor einem Monat hatte ihn keiner von uns gekannt, und obwohl wir kaum eine Woche unter seinem Kommando standen, hatten wir begriffen, wie schwierig, ja, unangenehm sich die Zusammenarbeit mit ihm gestalten könnte. Callsen brach das Schweigen: »Hören Sie, wir sind noch nicht fertig, wir müssen die Strafaktion vorbereiten.« – »Ach, die ganze Geschichte ist doch grotesk«, entgegnete Kehrig heftig, »ohne Sinn und Verstand.« – »Was ist grotesk?«, fragte Vogt. »Diese Vergeltungsmaßnahmen natürlich! Als ob wir im Dreißigjährigen Krieg wären! Und überhaupt – wie wollen Sie tausend Juden ausfindig machen? In einer Nacht?« Er tippte sich mit dem Finger an die Nase. »Nach dem Aussehen? Wollen Sie die Nasen kontrollieren? Sie nachmessen?« – »Stimmt«, räumte Janssen ein, der bis dahin geschwiegen hatte. »Es wird nicht leicht sein.« – »Häfner hatte eine gute Idee«, meinte Kurt Hans trocken. »Man muss sie nur auffordern, die Hosen runterzulassen.« Kehrig explodierte: »Das ist doch absolut lächerlich! Haben Sie denn alle den Verstand verloren? … Callsen, sagen Sie doch mal was dazu!« Callsens Miene war finster, aber er blieb ruhig: »Sturmbannführer, wir werden eine Lösung finden, ich werde nachher mit dem Obergruppenführer sprechen. Was die Sache selbst angeht, so gefällt sie mir ebenso wenig wie Ihnen. Aber Befehl ist Befehl.« Kehrig biss sich auf die Lippen und starrte ihn an, sichtlich um Haltung bemüht. »Und Brigadeführer Rasch«, er rülpste es schließlich heraus, »was meint der dazu? Er ist immerhin unser direkter Vorgesetzter.« – »Genau, das ist ein weiteres Problem. Ich habe bereits versucht, mich mit ihm in Verbindung zu setzen, doch der Gruppenstab ist anscheinend noch unterwegs. Ich möchte einen Offizier nach Lemberg schicken, der ihm Meldung macht und ihn nach seinen Befehlen fragt.« – »An wen haben Sie gedacht?« – »An Obersturmführer Aue. Können Sie ihn ein oder zwei Tage entbehren?« Kehrig wandte sich an mich: »Wie weit sind Sie mit den Akten, Obersturmführer?« – »Einen großen Teil habe ich bereits gesichtet. Ich brauche vermutlich noch ein paar Stunden.« Callsen blickte zur Uhr: »Auf jeden Fall ist es jetzt zu spät, Sie schaffen es nicht mehr vor Einbruch der Nacht.« – »Gut«, entschied Kehrig. »Machen Sie’s heute Abend fertig und brechen Sie bei Tagesanbruch auf.« – »Jawohl, Sturmbannführer … Hauptsturmführer«, ich wandte mich dann an Callsen, »wie lauten Ihre Befehle?« – »Erläutern Sie dem Brigadeführer die Situation und den Zustand des Kommandeurs. Informieren Sie ihn über unsere Entscheidungen und sagen Sie ihm, dass wir auf seine Befehle warten.« – »Und wenn Sie schon dabei sind, erkunden Sie an Ort und Stelle die Lage«, fügte Kehrig hinzu. »Sie scheint ziemlich unübersichtlich zu sein, ich würde gern wissen, was los ist.« – »Zu Befehl.«

Am Abend brauchte ich vier Männer, um die Kisten mit dem ausgewählten Archivmaterial ins Büro des SD schaffen zu lassen. Kehrig hatte miserable Laune. »Was soll denn das, Obersturmführer?«, schrie er, als er meine Kisten sah. »Nennen Sie das aussortieren?« – »Sie sollten sehen, was ich unten gelassen habe, Sturmbannführer.« – »Na, gut. Dann brauchen wir aber mehr Übersetzer. Ihr Wagen steht übrigens bereit, fragen Sie nach Höfler. Sie müssen in aller Frühe aufbrechen. Melden Sie sich jetzt bei Callsen.« Im Gang stieß ich auf Untersturmführer Zorn, einen weiteren Offizier, der Häfner ständig unterstellt war. »Ah, Dr. Aue, Sie haben ein Glück.« – »Wieso?« – »Na, weil Sie wegfahren. Üble Geschichte, das mit morgen.« Ich nickte: »Stimmt. Ist denn alles vorbereitet?« – »Keine Ahnung. Ich brauche mich nur um die Absperrung zu kümmern.« – »Zorn muss ständig jammern«, meinte Janssen, der zu uns getreten war. »Haben Sie das Problem gelöst?«, fragte ich. »Welches?« – »Na, das Problem mit den Juden. Wie man sie erkennt.« Er lachte trocken: »Ach das! Ganz einfach. Das AOK lässt Plakate drucken: Sämtliche Juden haben sich morgen früh auf dem großen Platz zum Arbeitseinsatz einzufinden. Wir nehmen einfach die, die da sind.« – »Glauben Sie, es werden genug sein?« – »Der Obergruppenführer sagt ja, es funktioniere immer. Sonst verhaften wir die jüdischen Wortführer und drohen ihnen mit Erschießung.« – »Verstehe.« – »Was für eine verdammte Sauererei ist das«, schimpfte Zorn. »Ein Glück, dass ich mich nur um die Absperrung kümmern muss.« – »Immerhin sind Sie dabei«, sagte Janssen knurrend. »Nicht wie dieses Schwein Häfner.« – »Er kann doch nichts dafür«, wandte ich ein. »Er wollte bleiben. Der Sturmbannführer hat darauf bestanden, dass er ihn begleitet.« – »Eben. Und warum ist der nicht da?« Mürrisch blickte er mich an. »Ich hätte auch nichts dagegen, mich in Lublin oder Lemberg zu ergehen.« Ich zuckte mit den Schultern und suchte Callsen auf. Der beugte sich gerade mit Vogt und Kurt Hans über einen Stadtplan. »Ja bitte, Obersturmführer?« – »Sie wollten mich sprechen.« Callsen schien sich viel besser im Griff zu haben als am Nachmittag, wirkte fast entspannt. »Melden Sie Brigadeführer Dr. Rasch, dass Obergruppenführer Jeckeln die Befehle der Armee zur Kenntnis genommen hat und die Aktion persönlich befehligen wird.« Sein Blick war ruhig und gelassen; offensichtlich war ihm durch Jeckelns Entscheidung eine Last von den Schultern genommen. »Er soll mich bis zur Rückkehr von Sturmbannführer von Radetzky als kommissarischen Kommandeur bestätigen«, fuhr er fort, »es sei denn, der Brigadeführer wünscht jemand anders an meiner Stelle. Außerdem brauchen wir für die Aktion ukrainische Hilfswillige und eine Kompanie des Polizei-Reservebataillons 9. Das ist alles.« Ich grüßte und ging wortlos hinaus. In der Nacht lag ich noch lange wach: Ich dachte an die Juden, die sich am nächsten Morgen einfinden würden. Ich fand die Methode, auf die sie gekommen waren, höchst ungerecht: Die Juden guten Willens würden bestraft werden, diejenigen, die den Worten des Deutschen Reichs glaubten; die anderen dagegen, die Feiglinge, die Verräter, die Bolschewisten würden in ihrem Versteck bleiben und nicht gefunden werden. Wie Zorn sagte, eine schöne Schweinerei. Ich war glücklich, nach Lemberg zu fahren, es würde eine interessante Reise werden; aber ich fand es unbefriedigend, auf diese Weise der Aktion aus dem Weg zu gehen; schließlich handelte es sich um ein schwieriges Problem, dem man sich stellen, das man lösen musste, zumindest für sich persönlich, statt ihm auszuweichen. Callsen, Zorn und all die anderen wollten sich drücken, jedenfalls keine Verantwortung übernehmen: Ich fand das nicht in Ordnung. Wenn wir Unrecht auf uns nahmen, mussten wir uns darüber klar werden, ob es notwendig und unausweichlich war oder aber bloß eine Folge von Leichtfertigkeit, Trägheit und Gedankenlosigkeit. Das war eine Frage, der wir uns stellen mussten. Ich wusste, dass solche Entscheidungen auf viel höheren Ebenen getroffen wurden; nichtsdestoweniger waren wir keine Automaten, es ging nicht nur darum, Befehlen zu gehorchen, sondern sie mitzutragen; ich hatte jedoch meine Zweifel, und das beunruhigte mich. Schließlich las ich ein bisschen und schlief ein paar Stunden.

Um vier Uhr zog ich mich an. Höfler, der Fahrer, wartete bereits in der Kantine mit schlechtem Kaffee auf mich. »Wenn Sie mögen, ich habe auch Brot und Käse, Obersturmführer.« – »Nein danke, ich habe keinen Hunger.« Schweigend trank ich meinen Kaffee. Höfler döste vor sich hin. Draußen war es totenstill. Popp, der mich als Bursche begleiten sollte, traf ein und begann laut schmatzend zu essen. Ich stand auf und ging auf den Hof, um zu rauchen. Der Himmel war klar, die Sterne funkelten über den hohen Fassaden des ehemaligen Klosters, die in dem weichen weißen Licht abweisend und unzugänglich wirkten. Den Mond konnte ich nicht sehen. Jetzt kam auch Höfler heraus und salutierte. »Wagen ist vorgefahren, Obersturmführer.« – »Haben Sie die Benzinkanister dabei?« – »Jawohl. Stücker drei.« Popp stand mit seinem Gewehr neben dem Schlag des »Admirals«, unbeholfen und zufrieden. Ich bedeutete ihm, hinten einzusteigen. »Gewöhnlich sitzt die Begleitung vorn, Obersturmführer.« – »Ich weiß, aber mir ist lieber, wenn Sie hinten sitzen.«

Jenseits des Styrs bog Höfler auf die Straße ein, die südwärts führte. Schilder markierten den Weg; der Landkarte zufolge hatten wir einige Stunden Fahrt vor uns. Es war ein schöner Montagmorgen, ruhig und friedlich. Die schlafenden Dörfer wirkten fast unberührt vom Krieg; die Kontrollposten ließen uns anstandslos durch. Zu unserer Linken wurde der Himmel schon heller. Kurz darauf kam die Sonne, noch rötlich, zwischen den Bäumen hervor. Dünne Nebelschwaden klebten am Boden; zwischen den Dörfern erstreckten sich, so weit das Auge reichte, große flache Felder, die von Gehölzen und gedrungenen, dicht bewachsenen Hügeln unterbrochen wurden. Der Himmel färbte sich allmählich blau. »Der Boden hier muss gut sein«, meinte Popp. Ich antwortete nicht, und er schwieg. In Radziechów machten wir Halt, um zu essen. Wieder lagen Panzerwracks auf den Seitenstreifen und in den Straßengräben, niedergebrannte Isbas entstellten die Dörfer. Der Verkehr nahm zu, uns begegneten lange Lkw-Kolonnen, teils mit Soldaten, teils mit Proviant beladen. Kurz vor Lemberg zwang uns eine Straßensperre, zu halten und Panzer durchzulassen. Die Straße bebte, Staubspiralen verdunkelten unsere Scheiben und drangen durch die Ritzen ein. Höfler bot erst mir und dann Popp eine Zigarette an. Er verzog sein Gesicht, als er seine anzündete: »Wirklich Scheiße, diese Sportnixe.« – »Die geht doch noch«, sagte ich. »Sie dürfen nicht so wählerisch sein.« Nachdem die Panzer vorbeigerollt waren, näherte sich ein Feldgendarm und wies uns an, noch länger zu warten: »Es kommt noch eine Kolonne«, rief er. Ich rauchte meine Zigarette zu Ende und warf die Kippe aus dem Wagenfenster. »Popp hat Recht«, sagte Höfler plötzlich. »Es ist ein schönes Land. Nach dem Krieg könnte man sich hier niederlassen.« – »Sie würden sich hier niederlassen?«, fragte ich ihn lächelnd. Er zuckte mit den Schultern: »Kommt darauf an …« – »Auf was?« – »Auf die Bürokraten. Wenn es wie bei uns ist, lohnt es sich nicht.« – »Und was würden Sie tun?« – »Wenn ich könnte, wie ich wollte, Obersturmführer? Ich würde ein Geschäft aufmachen, wie zu Hause. Einen guten Tabakladen, auch mit einem Ausschank, und vielleicht mit Obst und Gemüse, je nachdem.« – »Und hier wäre es Ihnen lieber als zu Hause?« Er schlug mit der Hand auf das Lenkrad: »Zu Hause musste ich schließen. Schon 38.« – »Warum?« – »Nun, diese Schweinehunde von den Kartellen, von Reemtsma. Die haben festgesetzt, dass nur beliefert wurde, wer jährlich mindestens fünftausend Reichsmark umgesetzt hat. In meinem Dorf wohnen ungefähr sechzig Familien, bevor man da für fünftausend Reichsmark Zigaretten verkauft … Nichts zu machen, es gibt keine anderen Lieferanten. Ich war der einzige Tabakhändler im Dorf, unser Ortsgruppenleiter wollte mir helfen, hat für mich Briefe an den Gauleiter geschrieben, wir haben alles versucht, nichts zu machen. Es endete vor Gericht, ich habe verloren, da musste ich schließen. Gemüse allein, das reichte hinten und vorne nicht. Und dann wurde ich eingezogen.« – »Jetzt gibt’s keinen Tabakladen mehr in deinem Dorf?«, fragte Popp mit belegter Stimme. »Nee, wie du siehst.« – »Bei uns hat’s nie einen gegeben.« Die zweite Panzerkolonne kam heran, und alles begann wieder zu beben. Eine der Seitenscheiben des Admirals war schlecht fixiert und schepperte wild in ihrer Führung. Ich machte Höfler darauf aufmerksam, und er nickte. Die Kolonne zog vorbei, endlos: Offenbar kam die Front immer noch rasch voran. Schließlich gab uns der Feldgendarm ein Zeichen, die Straße war frei.

Fortsetzung folgt

Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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