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Montag, 23. November 2009

Der späte Goethe

Die Zeit nach Schillers Tod

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Zwar ist sich Goethe schon nach Schillers Tod (1805) selbst historisch geworden, doch stellte er sich erst nach dem qualvollen Tod seiner Frau Christiane 1816 bewusst dem Alter. Denn nun folgten Schlag auf Schlag Erfahrungen, die ihn zu dem Klageruf verleiteten, das Schicksal meine wohl, er sei aus Draht zusammengeflochten.

1827 starb Charlotte von Stein, 1828 der lebenslange Freund, der Weimarer Großherzog Carl August. Im Februar 1830 starb Louise, die Großherzogin von Weimar, am 26. Oktober des gleichen Jahres, unerwartet, in Rom, August, Goethes einziger Sohn. Wenige Tage nachdem ihn diese Todesnachricht erreicht hatte, erlitt Goethe einen Blutsturz, der ihn dem Tode nahebrachte. Als die Einsamkeit des Alters um ihn wuchs, meinte er, lange leben, heiße viele überleben. Doch musste er schon in den zwanziger Jahren des neuen Jahrhunderts erfahren, dass die jungen Kritiker urteilten, nicht nur er selbst, der "Stabilitätsnarr", sei als das (politische) Relikt einer lange vergangenen Zeit gealtert und veraltet, auch sein Werk habe sich überlebt. Heinrich Heine stand (wie er behauptete) am 2. Oktober 1824 in Weimar vor einem zahnlosen alten Mann. Die naturwissenschaftlichen Schriften, die Goethe selbst als die andere Hälfte seines Lebenswerkes gesehen hat und im Alter weiter förderte, fielen der Vergessenheit anheim. Selbst wohlmeinende Freunde, wie Achim von Arnim oder Carl Gustav Carus, hatten für die geologischen Studien, die ihn im Alter besonders beschäftigten, wenig Verständnis. Die Zeitgenossen konnten der Artistik seines Sinnlichkeit und Reflexion mischenden Spätstils kein Interesse abgewinnen. Doch so sehr Goethe ein Mensch des 18. Jahrhunderts gewesen ist, so sehr war er den Zeitgenossen in Denken und Visionen voraus. Er überschritt bewusst die Schwelle zur Moderne, auch wenn ihm die Verluste durch die sich rasant beschleunigende Zeiterfahrung deutlich vor Augen standen.

Schon Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften" (1809), in dessen Mittelpunkt ein "weiblicher Werther" steht, wurde als die Himmelfahrt der bösen Lust diffamiert. Das ästhetische Experiment, eine naturwissenschaftliche Versuchsanordnung auf das Leben der Menschen zu übertragen und die beiden sich fast explosiv voneinander trennenden Wertbereiche von Kunst und Wissenschaft noch einmal aneinander zu binden, wurde in seiner Modernität erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts verstanden.
Wie Liebe und Tod sich verschwistern, war seither das große Thema von Goethes poetischem Werk. Doch für den "West-östlichen Divan" (1819), in dem ein als Hafis maskiertes Ich die vom Krieg verwüstete Welt (und die Liebe zu Marianne von Willemer) islamisch verwandelt, hatte (Heine diesmal ausgenommen) das beginnende viktorianische Zeitalter nur wenige nebensächliche Bemerkungen übrig. Die unaufgeschnitten Exemplare der Erstausgabe des "Divan" waren noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts beim Originalverleger zu erwerben. Die Aneignung des Orients im Gedicht war aber mehr als "Kostümball" und literarhistorische Sensation, nämlich der Versuch, ein ästhetisches Gegengewicht gegen die rationale Entzauberung der Welt zu schaffen. Und Marianne von Willemer ist Goethe in diese poetische Verzauberung gefolgt. Den Zweiten Teil des "Faust" hat Goethe versiegelt der Nachwelt übergeben. Die Fabel vom gnädigen gemeinsamen Tod des Philemon und der Baucis wird darin brutal aus der antiken Idylle in die neue Zeit übersetzt: die beiden Alten, die dem "Fortschritt" und der Besitzgier im Wege stehen, werden erschlagen. Nur den Briefwechsel mit Schiller hat Goethe wegen der aufkommenden Eifersuchtsgerüchte, die sich bis zu einer Mordtheorie steigerten, noch selbst sorgfältig ediert (1828/29) und seiner sogar in der Todesstunde am 22. März 1832 gedacht.

Das ist der historische Rahmen, in dem Martin Walsers Roman "Ein liebender Mann" zu lesen ist, die Episode von der Liebe des 74 Jahre alten Goethe zu der neunzehnjährigen Ulrike von Levetzow. Über einen Abgrund von mehr als 180 Jahren hinweg spiegelt ein achtzigjähriger Autor das eigene Dasein in Glanz und Elend der vielleicht leidenschaftlichsten und zugleich schmerzlichsten Verse, die Goethe je geschrieben hat. Im Reisewagen hat sie Goethe im September 1823 wie in einem Fieberanfall entworfen. Die Bleistiftzeilen dieser (Marienbader) "Elegie" halten jeden Stein fest, über den die Kutsche holpert. Sie beschreiben lapidar das Ende, den Verlust der Fähigkeit zu lieben: "Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren, / Der ich noch erst den Göttern Liebling war."
Wahrhaftig: Altern ist nichts für Feiglinge!

Wolfgang Frühwald

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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