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FAZ.NET
Montag, 20. Mai 2013

Goethes Geist in Walsers Anmut

Joachim Kaiser im Interview

Joachim Kaiser, AP
Joachim Kaiser

Nach der Urlesung Martin Walsers aus seinem neuen Roman "Ein liebender Mann" wurde unser Reporter Edo Reents nicht mehr von den Lachsalven des anwesenden Literaturkritikers Joachim Kaiser losgelassen. Er hat ihn daher gefragt: Was ist so lustig an Walsers Goethe-Roman?

Herr Kaiser, Sie waren am Mittwochabend in Weimar, als Martin Walser in Answesenheit des Bundespräsidenten aus seinem Goethe-Roman "Ein liebender Mann" gelesen hat und haben an vielen Stellen laut aufgelacht. Was gab es da zu lachen?

Das war ein spontanes Lachen. Ich lache ja nicht, um meine Überlegenheit zu beweisen.

Wie kommt es, dass Sie so spontan lachen?

Ich bemerke Pointen anscheinend drei Sekunden früher als andere Leute. So gesehen, bin ich ein Leit-Lacher.

Aber was war denn so komisch an den Walser-Stellen, bei denen Sie gelacht haben?

Nun ja, ich finde, dass es dem Martin fast nachtwandlerisch gelungen ist, Goethes Geist in Walsersche Anmut zu verwandeln. Und es ist ein wahnsinnig gutes Konversationsbuch, vor allem werden die Mädels ja aufgewrtet und sind nicht Opfer eines Olympiers. Ich weiß nicht, ob das Absicht war, aber dieser Kunstgriff ist höchst angenehm.

Achten Sie denn bei Lesungen immer auf komische Stellen?

Nein, im Gegenteil. Bei sogenannten Humoristen - ich will hier keine Namen nennen, einer davon in Frankfurt - lache ich niemals. Ich bin auch kein Freund von Kabarett, dieser erhöhten Rechthaberei.

Wird zu wenig bei Lesungen gelacht? Immerhin war bei Ihnen der Bundespräsident dabei.

Also, irgendwie habe ich, wenn ich im Theater sitze, manchmal das Gefühl, die Leute drehen sich missbilligend nach einem um und werfen einem strafende Blicke zu. Dabei geht man doch auch ins Theater, um zu lachen.

Lachen Sie auch allein zu Hause?

Nicht so sehr. Das ist immer schwierig: alleine vor dem Fernseher zu lachen. Es muss schon lebendig sein, ich habe zum Beispiel einen irrsinnigen Sinn für Situationskomik.

Gehören Kunst/Kultur und Humor zusammen?

Es gibt diese berühmte Kortner-Pointe: Ich lache nie unter meinem Niveau. Ich habe nichts gegen Albernheit, aber etwas gegen doofe Witze. Es muss schon einen gewissen literarischen Glanz haben, sonst verziehe ich das Gesicht.

Und wie ist es bei Musik?

Da gibt es wenig zu lachen. Musik ist die Utopie, ohne Angst leben zu können.

Wie hat man denn in Weimar auf Ihr lautes Lachen reagiert? Ungehalten?Was war Ihr Empfinden?

Ich glaube, eher nein. Das Publikum erträgt mich wie ein Unwetter. Ach, mein Gott, ich bin schon so entsetzlich alt, ich werde ja dieses Jahr schon achtzig.

Aber erst im Dezember.

Die Fragen stellte Edo Reents

Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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