Die Geburt der Weltliteratur in einer Kutsche
Der Erstentwurf von Goethes Marienbader "Elegie"
Einer der wohl bedeutendsten Ankäufe des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt gelang im Jahr 1980, als ein Exemplar des "Großher. Weimarischen Schreib-Calenders für das Jahr 1822" aus dem englischen Autographenhandel erworben werden konnte.
Das schmale Büchlein mit jeweils leeren Seiten zwischen den Kalenderblättern - ein so genanntes durchschossenes Exemplar - enthält Eintragungen Goethes, die sich als Entwurf zu einer seiner bedeutendsten Altersdichtungen, der Marienbader "Elegie", entpuppten. Die krakelige Bleistiftschrift zeigt, dass Goethe die Gedichtzeilen in der Kutsche niederschrieb, als er nach dem 5. September 1823 von Karlsbad nach Weimar zurückfuhr. Seine Werbung um Ulrike von Levetzow, die er während seiner Badeaufenthalte in Marienbad kennengelernt hatte und in Karlsbad erneut aufsuchte, war erfolglos geblieben.
Von den 23 Strophen der endgültigen Fassung sind in der Urschrift schon neun entworfen. Einige Verse wurden später ausgeschieden, so die anrührenden - er träumt von Porträtlithographien der Geliebten:
O könnt ich wie vom Stein die Bilder drucken
Welch eine liebe Sammlung würd es geben
oder:
Und hör ein Wort das schönste dich zu fassen
Du wirst mich finden wie du mich verlassen.
Andere Strophen stehen zwar auf verschiedenen Blättern verteilt, erscheinen jedoch wenig verändert im Druck. Der Abgewiesene regeneriert sich beim Anblick der Natur, die als Bild der aufblühenden Liebe erscheint:
Ist denn die Welt nicht übrig? Felsen Wände
Sind sie nicht mehr gekrönt von heilgen Schatten
Die Erndte reift sie nicht ein grün Gelände
Zieht sichs nicht hin am Fluss durch Busch und Matten
Und wölbt sich nicht das unermesslich grosse
Gestaltet jetzt und bald gestaltenlose
Wie schlanck und zierlich, fein und zart gewoben
Schwebt Seraph gleich aus ernster Wolcken Chor,
Als glich es Ihr am blauen Aether droben
Ein zart Gebild aus weissem Duft empor.
So sahst du sie im frohen Tanze walten
Die lieblichste der lieblichsten Gestalten
Die Überarbeitung einer anderen Strophe zeigt, wie Goethe durch wenige Änderungen den Gedanken in eine spannungsreiche Form bringt. Zunächst sind in den ersten vier Versen zwei Aussagen aneinandergereiht, die Überarbeitung fügt sie in einen Satz und verdeutlicht so ihre Opposition. Die beiden Schlusszeilen bringen seine psychologische Beobachtung geistreich auf den Punkt. Er schrieb zunächst:
Die Fähigkeit zu lieben. das Bedürfen
Von Gegenliebe waren fast verschwunden
Die Hoffnungs Lust zu freundigen Entwürfen
Entschlüssen, rascher That ist neu gefunden,
Und wie sie je den liebenden begeistet
Hat liebe an mir geleistet
Die spätere Fassung lautet:
War Fähigkeit zu lieben, war Bedürfen
Von Gegenliebe weggelöscht, verschwunden;
Ist Hoffnungslust zu freudigen Entwürfen,
Entschlüssen, rascher That sogleich gefunden!
Wenn Liebe je den Liebenden begeistet,
Ward es an mir auf's lieblichste geleistet;
Und zwar durch Sie! –
So leitet Goethe nun zur nächsten Strophe kunstvoll über.
Renate Moering
Bild: Freies Deutsches Hochstift
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