Einsamkeit: Ein Problem des alten Goethe
Leben und Werk
Warum verliebt sich ein 73 Jahre alter Mann in eine Neunzehnjährige? In Martin Walsers Roman erfährt man nicht allzu viel über die psychischen Motive bei Goethe, aber auf S. 210 fällt immerhin ein Stichwort, das bedacht zu werden verdient: Einsamkeit. Einsamkeit ist ein Grundproblem des Goetheschen Alters – und ein Grundthema des Goetheschen Alterswerks. Es bildet auch den verschatteten Hintergrund der Marienbader Episode. Deshalb hier einige Andeutungen zum Thema der Einsamkeit im Leben des späten Goethe, die sich leicht um viele weitere Aspekte ergänzen lassen.
In einem mit den Künstlern und dem Publikum seiner Zeit bitter hadernden Rückblick auf die im Jahre 1805, dem Todesjahr Schillers, durchgeführte letzte Weimarische Kunstausstellung hat Goethe die düstere Prognose formuliert: "Die Weimarischen Kunstfreunde, da sie Schiller verlassen hat, sehen einer großen Einsamkeit entgegen." Eine große Einsamkeit: die Enttäuschung über das desaströse Scheitern seines mit Hilfe der Weimarischen Preisaufgaben unternommenen Versuchs zur Erneuerung der Kunst aus dem Geist der Antike verband sich bei Goethe mit dem Schmerz über den Tod Schillers zu einem umfassenden Verlassenheitsgefühl, das sich in dem ständig wachsenden Bewusstsein seiner grundsätzlichen Distanz zum Zeitgeist verdichtete. Dies Bewusstsein intensivierte sich in dem Jahrzehnt nach Schillers Tod durch den Verlust weiterer Weggefährten und Freunde: Herzogin Anna Amalia 1807, Carl Ludwig Fernow 1808, Wieland 1813, Goethes Frau Christiane 1816 und so fortan.
Der Preis für Goethes virtuose Fähigkeit, andere zu überleben, bestand darin, dass Einsamkeit zu einem zentralen Thema seines Alters wurde: die Einsamkeit des Zurückgelassenen und die freiwillige Einsamkeit desjenigen, der sich den Zumutungen des Zeitgeistes zu entziehen suchte. Es war dies freilich kein öffentlich verhandeltes Thema; Goethe hat dafür gesorgt, dass die Wendung von der "grossen Einsamkeit" zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht wurde. Seiner Leserschaft gegenüber hat er es vorgezogen, statt dessen lieber die Notwendigkeit der Entsagung als einer ethisch begründeten freiwilligen Resignation von einer umfassenden Lebensteilhabe dichterisch zu plausibilisieren, und die Germanistik hat, der Goetheschen Selbstdeutung wie so oft bereitwillig folgend, die Entsagung als eine Kunst des "heiteren Geltenlassens und des gelösten Verzichts" geradezu zum zentralen Glaubensartikel des Goetheschen Altersevangeliums erhoben und damit den Schmerz seiner tatsächlichen Einsamkeitserfahrung zum Verschwinden gebracht.
Strategien zur Bewältigung der Verluste
Was er an die Öffentlichkeit nicht dringen lassen wollte, hat Goethe aber den engsten Freunden gegenüber immer wieder als seine durch das Entsagungskonzept nicht zu bewältigende Empirie der Einsamkeit thematisiert, am ungeschütztesten wohl gegenüber Carl Friedrich Zelter, dem er wenige Wochen nach Schillers Tod schrieb: "Ich dachte mich selbst zu verlieren, und verliere nun einen Freund und in demselben die Hälfte meines Daseins. Eigentlich sollte ich eine neue Lebensweise anfangen; aber dazu ist in meinen Jahren auch kein Weg mehr. Ich sehe also jetzt nur jeden Tag unmittelbar vor mich hin, und tue das Nächste ohne an eine weitre Folge zu denken." Diese Sätze sind so berühmt, dass man sie in dem existentiellen Vollgewicht, die sie für ihren Autor besessen haben, kaum noch wahrnimmt. Hier bekannte immerhin ein 56 Jahre alter Mann, dass der Verlust des Freundes, der dem Verlust seines halben Daseins gleichkam, sich nur durch einen fundamentalen Wandel seiner "Lebensweise" würde kompensieren lassen, von dem er aber wusste, dass es dafür längst zu spät war – denn das Remedium der wiederholten Pubertät, das ihm seine zweifellos große Wirkung auf junge Frauen eröffnete, blieb im Falle des Verlusts eines Freundes nun einmal ausgeschlossen. Verlieben kann man sich auch in diesem und in noch höherem Alter leicht, in einer solchen Lebensphase neue Freunde von einiger Statur zu gewinnen fällt dagegen nicht nur in Provinzstädten wie Weimar vergleichsweise schwer. Es stand Goethe klar vor Augen, dass ihm, dem Minister, Familienvater und berühmten Dichter, jeder Weg zu einer grundsätzlichen Änderung seines Lebens verschlossen war; seine Lebensbahn war festgelegt, es kam jetzt nur noch darauf an, eine Strategie zur Bewältigung der Verluste zu entwickeln.
Wie die beiden Zitate zu erkennen geben, hat Goethe sich gleich nach dem Tod Schillers auf eine Doppelstrategie eingerichtet: Die eine bestand darin, die Einsamkeit für sich als eine Existenzform zu akzeptieren, die ihm zugleich den produktiven Widerstand gegen den Zeitgeist ermöglichte, die andere in der pragmatischen Erledigung des "Nächsten" im Zeichen jener verkürzten Zeithorizonte, die die konkrete Erfahrung, aber auch die Erwartung des Todes nahelegte – eine Erfahrung und eine Erwartung, die Goethe zugleich in seiner Resistenz gegenüber politischen Maximalprogrammen und geschichtsphilosophischen Globalentwürfen bestätigten: "Ich sehe also jetzt nur jeden Tag unmittelbar vor mich hin, und tue das Nächste ohne an eine weitre Folge zu denken."
Das ewige Vorbild, der ewige Gegner
Goethe hat nie in einem sozialen Sinne einsam gelebt; Familie, Amt, weite Bekanntenkreise, die Verankerung in Stadt und Region, literarische und wissenschaftliche Verbindungen weltweit haben dies ausgeschlossen. Die Einsamkeit, in die er sich mit dem Tod Schillers plötzlich versetzt fühlte, bezeichnet vielmehr die Empfindung der geistigen Isolation in seiner eigenen Zeit und den Verlust des Einklangs mit den tragenden intellektuellen Bewegungen der Epoche. Goethes "große Einsamkeit" begründet sich dreifach: In ihr verdichten sich die Erfahrungen desjenigen, der sich mehr und mehr von seinen Generationsgenossen verlassen fühlte, dessen epochale Lebensbedingungen sich massiv von denen unterschieden, unter denen er aufgewachsen war, und dessen Selbstverständnis in entschiedener Opposition zum Zeitgeist stand. Um das Jahr 1805 gelangten diese drei Dimensionen seiner Erfahrung zu entschiedener Entfaltung und riefen in ihm jenes Schwellenbewusstsein hervor, das den Beginn seines Alters markiert und im Gefühl der Vereinsamung Ausdruck fand. Für die Vertreter der jungen Generation war Goethe damals längst derjenige, der immer schon dagewesen war: das ewige Vorbild, der ewige Gegner.
Es fällt auf, dass Goethe nach Schillers Tod keine freundschaftliche Verbindung zu einem Vertreter der jüngeren Generation mehr aufgebaut hat, ja dass er in allem, was er fortan unternahm, nach neuen Bundesgenossen ernsthaft nicht mehr Ausschau hielt – bis hin zu der radikalen Entscheidung, seine ab 1816 erscheinende Alterszeitschrift Kunst und Altertum fast ganz allein zu schreiben. Dauerhaft enge Beziehungen hat er nach Schillers Tod nur noch zu bewährtesten Freunden unterhalten, aber auch diese Freundschaften standen im Zeichen des Imperativs, Distanz ertragen zu können, ja ertragen zu müssen. Sein Kunstfaktotum Heinrich Meyer, das er seit der Italienreise kannte, war ihm als Direktor der Zeichenschule dienstlich und sozial so weit untergeordnet, dass allzu große persönliche Nähe ohnehin ausgeschlossen blieb. Die anderen Freunde, Carl Friedrich Zelter etwa oder Wilhelm von Humboldt, lebten weit entfernt im von Goethe idiosynkratisch verabscheuten Berlin und kamen nur selten nach Weimar. Die großen Vertreter der jungen Generation schließlich hat Goethe nicht mehr recht an sich herangelassen und immer versucht – bei aller persönlichen Wertschätzung wie etwa im Falle Sulpiz Boisserées - , sie auf Distanz zu halten, denn er musste ständig – und dies keineswegs immer zu Unrecht – befürchten, für Absichten und Programme, die ihm nicht gemäß waren, benutzt zu werden.
Der späte Goethe war einer, der gelernt hatte, die Welt auf Distanz zu halten, und dies auch deshalb, weil, wie er aus Teplitz am 23. Juni 1813 an Zelter schrieb, "man in dieser jetzt zerrissenen Welt nicht mehr weiß wem man angehört. Schon 8 Wochen bin ich hier, lebe einsam, friedlich".
Ernst Osterkamp
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Dariusz Badura schreibt: Goethes Krankheit
Dass sich auch ein alter Mann nach Liebe sehnt, mag vielleicht nichts Ungewöhnliches sein. Verliebt sich aber ein alter Herr in ein junges Mädchen, kann das wohl als eindeutiger Hinweis der gestörten geistigen Entwicklung gedeutet werden.
Warum sehnte sich der alte Dichter nach dem jungen Mädchen, was hat ihm denn so gefehlt? und warum fühlte er sich immer so einsam?
Meine Psychoanalytische Untersuchnung hat ergeben, dass Goehte sein Leben lang an einer (lehrbuchmäßigen) Neurose gelitten hat: Geschwister in einem sehr jungen Alter leben in einer Art Symbiose. Der Verlust seiner Geschwister, war für Goethe der Anfang einer embryonalen Neurose (sein Unterbewusstsein war ständig auf der Suche nach seinen verlorenen Geschwistern: deshalb hat er sich so an seine Mutter geklammert. Seine Mutter war der erste Ersatz für seine verlorenen Geschwister. Seit seinem Pubertätsalter waren es junge Frauen statt der Mutter. Mit anderen Worten: Ulrike= Ersatz für seine verlorenen Geschwister).