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Montag, 23. November 2009

Goethes erotischer Mythos

Entwürfe der Liebe

Bild: FDH - FGM
Angelika Kauffmann: Amor und Psyche

Als ein Mann, der die Frauen liebte, ist Goethe legendär. Die Kette seiner Liebesbeziehungen prägt den Lebenslauf des Klassikers mindestens ebenso deutlich wie seine poetischen und wissenschaftlichen Leistungen. Gewiss sind diese biografischen Aspekte an Goethe heute noch weitaus lebhafter im Gedächtnis einer interessierten Öffentlichkeit als etwa die Gestaltung der Pädagogischen Provinz in "Wilhelm Meisters Wanderjahren".

Von der Gastwirtstochter Katharina Schönkopf, die er als Student in Leipzig umworben hat, über die Pfarrerstochter Friederike Brion in Sesenheim und die Fabrikantentochter Lili Schönemann in Offenbach bis zu der großen Liebe zu Charlotte von Stein in Weimar, der vielleicht gar nicht so fiktiven Faustina in Rom und schließlich (aber nicht endlich) Christiane Vulpius, die Goethe 1790 kennenlernte und 1806 heiratete – die Liste ließe sich leicht erweitern und zwar – wir können es jetzt bei Martin Walser lesen - bis ins hohe Alter hinein.

Aber hier soll es nicht um eine Liste gehen, auch nicht darum, welche psychische Struktur Goethe zu dieser Sammlung getrieben haben könnte. Auch die Besorgnis früherer Biografen, die wechselnden Liebesbeziehungen des Olympiers könnten seinen Marmorsockel beschädigen, beschäftigt uns nicht mehr. Was uns mit Goethes literarisch auf vielfältigste Weise gestalteten Liebesleben vor Augen steht, weist ganz andere Dimensionen auf. Goethe hat etwas kulturgeschichtlich Einmaliges vollbracht: Er hat mit seiner erotischen Biografie der Liebe in seiner Epoche eine neue Semantik gegeben; er hat sie literarisch zu einem erotischen Mythos ausgeformt, der das 19. Jahrhundert nachhaltig beschäftigt und beeinflusst hat. Diese Bedeutungslehre beruht keineswegs auf einer Definition oder einer Theorie; sie wurzelt vielmehr in der dynamischen Verbindung von Leben und Schreiben. Erotik, das zeigt Goethe in der unausgesetzten Verschränkung beider Ebenen, ist eine Frage produktiver Gestaltung des Spannungsfelds von Erlebnis und Bedeutung.

Die Möglichkeiten der Liebe

Goethe ist sicherlich der Dichter der Liebe schlechthin, und zwar in einem europaweiten Maßstab. Niemand, weder Dante noch Petrarca vor ihm, noch Stendhal oder Heine nach ihm, hat von den Autoren, die in ihrem Werk zentral das Thema Liebe gestalteten, einen solchen weit reichenden Horizont des Phänomens geschaffen wie Goethe. Von Anfang bis zum Ende geht es bei ihm um die Steigerung des Vitalen im Erotischen und um den Ausdruck für die dabei entstehenden Gefühle und Situationen. Doch sind es nicht nur aneinander gereihte Szenen der Liebe, die sich in seinem literarischen Werk finden. Vielmehr ist eine ständige Erweiterung und Vertiefung der Komplexität und der Vielfalt der Interpretationen zu beobachten, die sich von Lebensstufe zu Lebensstufe fortschreibt.

Die Sesenheimer Lieder, die Goethe 1771 als Straßburger Student der Rechte für Friederike Brion geschaffen hat, gelten als Dokumente des Umbruchs im emotionalen Ausdrucksrepertoire der Neuzeit. In "Willkommen und Abschied" etwa wird die Begegnung und die Trennung der Liebenden in ganz individueller Art und Weise beschrieben und aus den Mustern des Rokoko vollständig gelöst. "Der Abschied wie bedrängt, wie trübe! / Aus Deinen Blicken sprach dein Herz. / In deinen Küssen welche Liebe, / O welche Wonne, welcher Schmerz!"

Die Geburt des bürgerlichen Individuums im kulturellen Selbstverständnis erfolgte zu nicht geringen Teilen aus der Neugestaltung des erotischen Bezugsfeldes in Goethes frühen Gedichten. Stets geht es um das konkrete Gefühlsleben des Ichs, nicht um die Aktualisierung kulturell bereits sanktionierter Modelle. Die Liebe, und in der literarischen Gestaltung, die Erotik waren Instrumente zur Konstruktion solcher kultureller Modelle für das bürgerliche Zeitalter. Goethe hat sie virtuos genutzt. Viele Gesichtspunkte, die sich in seinen Liebesgedichten finden, wurden zu Topoi oder gar selbst zu Zeit übergreifend gültigen Modellen. Man denke etwa an solche uns durchaus trivial erscheinenden Dinge wie an die unlösbare Verschmelzung von Liebesempfinden und dem Frühling als Jahreszeit. Oder an sentenzhafte Gewissheiten, die sich bis heute im Schlager erhalten haben und dort keinerlei Alterungsprozess unterworfen zu sein scheinen: "Neue Liebe, neues Leben." Das sind die Anfänge einer Erkundung von Möglichkeiten der Liebe und ihrer Darstellung, die in späteren Jahren bei Goethe ungeahnte Ausmaße annehmen sollte.

Traum von einem Traum der Liebe

Das Briefgedicht an Frau von Stein "Warum gabst Du uns die tiefen Blicke" von 1776 scheint uns auch heute noch von einer nicht mehr zu steigernden Intimität. Auch auf dieser Stufe gestaltet Goethe das Erotische wieder anders und fügt dem individuellen Erleben den metaphysischen Aspekt des Schicksalshaften hinzu: "Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle, / Uns einander in das Herz zu sehn, / Um durch all' die seltenen Gewühle / Unser wahr Verhältnis auszuspähn?" Es handelt sich um eine Form von Intimität, die der geistigen Verschmelzung zwischen den Liebenden gleichkommt. Auch das ist ein Bewusstsein, das historisch erst wirklich vorhanden war, als es eine sprachliche Form gefunden und sich damit in die kulturellen Archive eingetragen hatte: "Kanntest jeden Zug in meinem Wesen, / Spähtest, wie die reinste Nerve klingt, / Konntest mich mit einem Blicke lesen, / den so schwer ein sterblich Aug durchdringt."

Die "Römischen Elegien" von 1790, verfasst nach der Rückkehr von einem zweijährigen Aufenthalt in Rom, erzeugten einen veritablen Skandal in Weimar, weil in ihnen der Bildungshorizont der klassischen Antike mit der Vorstellung konkreter Liebeshandlungen verquickt dargestellt sind, noch dazu im antiken Versmaß. Goethe beginnt nun auch, das Sexuelle in seine literarische Konzeptionen der Liebe einzubringen und erweitert das Spektrum des Darstellbaren abermals. Gewiss gab es sexuelle Bezüge in der Lyrik zu allen Zeiten, bei Goethe findet das Geschlechtliche aber im Rahmen einer vertrauten Zweisamkeit statt und geradezu maßlos überhöht in eine römisch-antike Traumwelt. Damit provozierte der Italienheimkehrer zweifach: die ehrenwerten Hüter der Doppelmoral ebenso wie die marmorkühlen Bewahrer einer antiken Bildungskulisse.
In Goethes erotischem Mythos, der spätestens hier als eine eigenständige, aus der Literatur geborene Welt zu erkennen ist, verwirklicht sich das Individuum schrittweise in seinen Aspekten und führt diese über die poetische Gestaltung einer Verfeinerung zu. Damit werden immer wieder neue ästhetische Formen und neue Vorstellungsfelder geschaffen. Es entsteht ein geistiger Kosmos, der seine Fundamente Goethes Arbeit am Eros hat.

Und dann der "West-Östliche Divan", dieser Traum von einem Traum der Liebe im persischen Paradies, zusammen mit Marianne von Willemer kongenial geschaffen und zu einem vollkommenen Kunstwerk gestaltet – da war Goethe auch schon über sechzig. Hier nun erscheint sein erotischer Mythos perfekt, nämlich so, dass nicht nur die beiden Liebenden umstandslos an dieses Traumland glauben können, sondern dass auch die Leser, wenn sie einmal in dieses Reich eingetreten sind, gar nichts anderes mehr wollen, als eben daran zu glauben. Nie, auch hier nicht, geht es nur um das persönliche Erleben der Liebe in einer konkreten Begegnung. Es handelt sich bei diesen Schöpfungen immer auch und vor allem um eine ästhetische Überformung des Erlebten, aus der der Reiz des Erlebten eine dauerhafte Gestalt gewinnen konnte. Schließlich bringt Goethe im Fokus des Erotischen Formgebilde hervor, die eine autonome Spiritualität bergen und bewahren.

Bis zum letzten Atemzug

Schließlich die "Marienbader Elegie" - wenn man die Reihe, die durch zahllose gelungene Liebesgedichte dieses poetischen Genies ergänzt werden könnte, und die mit den hier nicht erwähnten epischen und dramatischen Werken zusammen zu einen wahren Kosmos des der Liebe anheim gegebenen, ihr aber auch ausgelieferten Menschen (man denke an die "Wahlverwandtschaften") ausgebaut werden könnte – wenn man also diese Reihe ansieht, dann erkennt man, dass die Liebe zu Ulrike von Levetzow wahrscheinlich nicht in erster Linie nur die Schwäche eines alten Mannes angesichts der ewig lockenden Weiblichkeit darstellt, sondern als Ereignis zutiefst seiner persönlichen Haltung dem Leben und der Literatur gegenüber entsprungen sein muss.

Aus der Liebe bis zum letzten Atemzug die Kraft zu hoffen und zu leben zu beziehen, war zweifellos Goethes Credo. Aber Liebe musste stets auch ästhetisch transformiert werden in eine Form gebracht werden. Aus den Formen, die Goethe geschaffen hat, ergibt sich aufs Werk hin betrachtet ein Kaleidoskop des Erotischen als dem prinzipalen Lebensprinzip. Daher darf man die "Marienbader Elegie" nicht nur als Dokument einer Bewältigung des Schmerzes einer letzten, aber unerwiderter Liebe lesen, sondern zudem als Fortschreibung des erotischen Mythos, in dessen Raum Goethe geistig existierte: Fortschreibung auf die letztmögliche Ebene hin, nämlich die einer Wiedererweckung des jungen, alle Aspekte des Erotischen noch einmal Genießenden im alten Mann. Doch die blieb aus.

Goethe hat mit seiner Sprache der Liebe nicht zuletzt ein für seine Zeit neues Menschenbild entworfen, das Maßstäbe setzen sollte und sie bis in unsere Tage zu setzen vermag. Der produktive Typus des bürgerlichen Zeitalters, dessen Wirkung sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein erstreckt, findet sich in seinen Werken derart umfassend geprägt, dass die größten ihm nachfolgenden Künstler und Schriftsteller über zweihundert Jahre hinweg ein wegweisendes Vorbild in ihm sehen konnten. Auf der Ebene künstlerischer Produktivität hat Goethe einen erotischen Mythos geprägt, in dem wir vielleicht nicht mehr restlos eintauchen können, dessen Ausstrahlung uns aber bis heute auf faszinierende Art und Weise erreicht. Schon die Romantiker haben sich, bereits zu Lebzeiten des Meisters, der sie alle schuf, daran abgearbeitet. Sie haben den Entwurf von Erotik in eine christlich-religiöse Dimension gestellt und sich damit vom individuell wirkenden Steigerungsimpuls der schöpferischen Tätigkeit wegbewegt. Zuletzt verlieren sich die Romantiker zwischen ihren Marmorbildern und werden leichte Beute des Ironikers Heinrich Heine (der als Erotiker in der deutschen Literatur allerdings gleich nach Goethe genannt werden muss).

Spirituelle Liebe

Goethe aber hat diese die Psyche ebenso wie den Physis des Individuums betreffenden Energien dynamisch auf die eigene Person hin gelebt und erscheint eben darin immer noch von einer nicht geringen Aktualität zu sein. Wie sonst hätte sich Martin Walser derart intensiv mit der Liebe des Alten zu der jungen Frau beschäftigen können? Nicht, weil es um Goethe geht und auch nicht, weil es sich um diesen enormen Altersunterschied handelt, der beinahe ein ganzes Menschenleben umfasst, ist das Thema von großem Interesse. Das eigentlich Bewegende an Goethes Liebe zu Ulrike liegt in der alle Hindernisse überspringenden und alle Vorbehalte abweisenden Spiritualität, die die Hoffnung auf Liebe Goethe noch im hohen Alter eingab. Dieser Glaube an die zumindest geistige Unauslöschlichkeit des liebenden und schaffenden Ichs muss gerade in einer Epoche wie der unseren bestürzend wirken, die ganz andere, fast ausnahmslos jenseits aller Spiritualität liegende Begriffe von Liebe aufweist.

Auch nach Marienbad, auch nachdem die Elegie ihre heilende Wirkung auf den Liebeskranken getan hatte und die tröstende Musik der polnischen Pianistin Maria Szymanowska im Haus am Frauenplan verklungen war, hielt Goethe seinen erotischen Glauben aufrecht. Am Ende seines Lebens verdichtete sich bei ihm dieser lebenslang entwickelte und zum Ausdruck drängende Geist zu einem Lebensmythos. Davon zeugt das 1824 entstandene Gedicht "Der Bräutigam". Goethe hat es nur einmal veröffentlicht, nämlich in der von seiner Schwiegertochter Ottilie herausgegeben Zeitschrift "Chaos", ein zu Zeiten recht marginaler Publikationsort. Sonst hat er es nie wieder erwähnt, es auch nicht aufgenommen in die Ausgabe letzter Hand. Das Gedicht enthält Goethes Vermächtnis auf die Liebe als auf eine Ursituation hin, die dem Leben als Ganzem Sinn und Bedeutung gibt:

Der Bräutigam

Um Mitternacht, ich schlief, im Busen wachte
Das liebevolle Herz, als wär' es Tag;
Der Tag erschien, mir war, als ob es nachte,
Was ist es mir, so viel er bringen mag.

Sie fehlte ja, mein emsig Tun und Streben
Für sie allein ertrug ich's durch die Glut
Der heißen Stunde, welch erquicktes Leben
Am kühlen Abend! Lohnend war's und gut.

Die Sonne sank, und Hand in Hand verpflichtet
Begrüßten wir den letzten Segensblick,
Und Auge sprach, ins Auge klar gerichtet:
Von Osten, hoffe nur, sie kommt zurück.

Um Mitternacht! der Sterne Glanz geleitet
In holdem Traum zur Schwelle, wo sie ruht.
O sei auch mir dort auszuruhn bereitet,
Wie es auch sei das Leben es ist gut.


(Zitierte Texte nach der Hamburger Ausgabe)


Christian Schärf

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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