Ulrike von Levetzow
Goethes letzte Liebe
Die junge Frau, die 1804 geboren wurde, stammte aus wohlhabender mecklenburgischer Familie und war aufgrund der Scheidung der Mutter vaterlos aufgewachsen. Die für Frauen damals als schicklich angesehene Bildung und die weiblichen Fertigkeiten erwarb sie sich daheim und auf vornehmen Internaten, zuletzt auf einem in Straßburg. Die nächsten Schritte sollten, wie zu ihrer Zeit üblich, Ehefrau und Mutter sein. Daraus wurde nichts. Ulrike blieb unverheiratet, verwaltete ein ererbtes Gut in Trziblitz bei Leitmeritz in Böhmen, betrieb eine Spinnschule, ging auf die Jagd und starb im Alter von 95 Jahren am 13. November 1899. Über ihre nicht vorgesehene literarische Karriere durch Goethes Neigung und Dichtung hinterließ sie wenige Seiten Memoiren, deren Titel alles sagt und zum Nennwert genommen werden darf: "Keine Liebschaft war es nicht."
An der Aussage ändert auch die von manchen als "entlarvend" interpretierte doppelte Verneinung nichts. Diese ist eher als eine Verstärkung des Gemeinten anzusehen. Daraus spricht wohl auch eine gewisse ärgerliche Verwunderung über die ewig bohrende Fragerei der Zeitgenossen, was denn da wirklich war seinerzeit 1823 in Marienbad. Soviel lässt sich ohne großes Spekulieren sagen: Da war eine anmutige, fast noch mädchenhafte Dame, die Männerblicke anzuziehen vermochte, sich ihrer Wirkung selbst aber wenig bewusst gewesen zu sein scheint. "Lust zu heiraten", erinnerte sie sich, hatte sie jedenfalls keine, und eine solche stellte sich auch später offenbar nicht ein. Dafür das Goethe-Erlebnis verantwortlich zu machen, wie zuweilen geschehen, mag für romantisch Veranlagte verlockend sein. Dass es der tatsächliche Grund war, bleibt indes höchst unwahrscheinlich.
Was wir an Bildern der jungen Ulrike haben, lässt eher auf ein gebremstes Temperament schließen, das sie möglicherweise auch vor ehelichen Verpflichtungen zurückscheuen ließ. Ihre jüngeren Schwestern Amalie und Bertha, so liest man, galten als deutlich lebhafter. Und die verheiratete Bertha lebte später ganz in der Nähe von Ulrike, die eine enge, fast mütterliche Bindung zu ihren Neffen und Nichten entwickelte. Sie bildeten für die uralte Frau nach Berthas Tod 1884 dann auch die Familie, der sie ihr Leid klagte, wenn neugierige Goethe-Verehrer gar nicht locker lassen wollten mit ihrem eindeutig zweideutigen Interesse.
Den Hauptansturm gab es im Vorfeld von Goethes 150. Geburtstag im Jahr 1899. Entnervt schrieb Ulrike der Nichte Theodore Ruperti, wie sie Goethe-"Gesellschaften" und -"Schwärmer" mit Post und Besuchen überhäuften, um sie zur Teilnahme an den Weihefeiern am und um den 28. August herum zu überreden. Die Greisin, die nur zweieinhalb Monate nach dem Großjubiläum sterben würde, war sichtlich überfordert. So reiste ein Philologe mit der Bahn an, die ihn erst drei Stunden später wieder entführte, was Ulrike beinahe nicht durchgestanden hätte. "Auch wenn ich jung wäre, wär’s nicht möglich all die Wünsche zu erfüllen", seufzte sie in einem Brief.
Vermutlich hat Ulrike von Levetzow nie recht begriffen, wie es sie in die Weltliteratur hatte verschlagen können. Und Goethe seinerseits meinte (im Sinn von minnen) wohl auch nur vom Impuls her die konkrete Ulrike mit den Strophen seiner Elegie. Die blühende Jugend, die sie für ihn buchstäblich verkörperte, riss ihn hin und in die tiefe Verzweiflung am Abend seines Lebens, der schon die Nacht erahnen ließ.
Friedemann Bedürftig



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