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Montag, 23. November 2009

Martin Walser

Ein Porträt

Martin Walser braucht man nicht vorzustellen, so wenig wie man einen Sturm vorstellen muss: Er bricht über einen herein. Seine Bücher beginnen gern mit einem gewaltigen Donner, gefolgt von Blitzeinschlägen und tosendem Gewitter, und enden mit einem Wetterleuchten. Am 24. März dieses Jahres feiert er seinen einundachtzigsten Geburtstag, und dass man Widdern gern nachsagt, sie wollten immer mit dem Kopf durch die Wand, passt da ganz gut.

Martin Walser hat sich immer mit dem Alter beschäftigt, aber die Radikalität und Unerbittlichkeit, mit der es im letzten Roman "Angstblüte" (2006) und jetzt in "Ein liebender Mann" geschieht, ist von existentieller Dramatik. Von außen betrachtet, mutet das erstaunlich an. Denn wer ihn liest und hört und sieht, stellt fest: Das Alter steht ihm, aber es passt nicht zu ihm. Es ficht ihn an. Die Energie seiner Revolte gegen das Undwenn und das Alsob, gegen alles, was vor-gedacht und -gefühlt und -behauptet daherkommt, scheint gesteigert statt gebrochen. Unmittelbar teilt sich das durch seine Sprache mit, jenem Walserschen Ton, den man sofort erkennt: alles auf den Punkt bringend, dabei schwingend, nachdenklich und um Wahrhaftigkeit ringend - und seit dem Debütroman "Ehen in Philippsburg" vor fünfzig Jahren geprägt von Drastik, Pathos und mancher Pose. Aber immer von einer Stärke und Vitalität, die weniger Intellektualität denn Lebensnähe, ja Urtümlichkeit atmete. Walser ist der deutsche Schriftsteller, der uns den Spiegel vorhält. Ein ganzes Land hat stets hineingeschaut, mal belustigt, mal geschmeichelt, mal erschrocken - aber immer gebannt. Und immer schaute Walser ihm dabei über die Schulter und musterte sich selbst.

Versuche der Selbstbestimmung durchziehen Walsers Werk, das mit gut zwanzig Romanen, zahlreichen Novellen, Erzählungs- und Essaybänden, Theaterstücken, Hörspielen und Tagebüchern von einer Ausdehnung ist, die allein schon etwas über den ausufernden, überschäumenden, neugierigen und sich keine Grenzen setzenden Charakter seines Verfassers verrät. Martin Walser ist ein Fragezeichen, kein Punkt. Ein Gedankenstrich, kein Semikolon. Doch was äußerlich wie geballte Kraft, Pumperlgesundheit und Lebenstüchtigkeit anmutet, findet seine innere Entsprechung in einer ausgesprochenen Abneigung gegen all die Starken, Gesunden, Erfolgreichen, die Karrieremacher und Anpasser. Martin Walser, dieser demütige Bewunderer von Hölderlin, Kafka und Robert Walser, hat stets schwache Helden geschaffen, Männer (und Frauen), die am Abgrund entlangschlittern und sich nie sicher sind, dass sie nicht stürzen werden. Sein Anselm Kristlein ist dem täglichen Existenzkampf letztlich ebensowenig gewachsen wie Helmut Halm ("Ein fliehendes Pferd", 1978) oder Susi Gern ("Der Lebenslauf der Liebe", 2001). Selbst Karl von Kahn aus "Angstblüte", der als ein Münchner Anlageberater, rein äußerlich betrachtet, höchst erfolgreich ist, entpuppt sich als schwach - und gerade deswegen als enorm lebensfähige literarische Figur.

Ohne Zentrum, weil ohne Schwerpunkt

"Wahrscheinlich lebt man gar nicht, sondern wartet darauf, dass man bald leben werde; nachher, wenn alles vorbei ist, möchte man erfahren, wer man, solange man gewartet hat, gewesen ist", heißt es in "Ein springender Brunnen" (1998). Der pointiert formulierte Lebens- und Selbstzweifel, Walsers Identifikation mit den Schwachen, Suchenden ist die rührende Seite einer Zutraulichkeit, die mit Vorliebe als Trotz daherkommt. Martin Walser ist zu ungeduldig, um es lange als Wartender auszuhalten; er marschiert dem Leben entgegen, nein: er schwimmt in ihm. In der Aufsatzsammlung "Die Verwaltung des Nichts" von 2004 gibt es in "Aufgeschriebene Zeit" eine Meditation über jene amphibienhaften Bewegungen, ohne die der Mensch untergehen und ertrinken müsste: "Schwimmend sind wir vollkommen im Jetzt. Sind etwas Schwebendes, Leichteres, Nirgendwohingehöriges. Allerdings sind wir doch äußerst verfügbar ... Ohne Zentrum, weil ohne Schwerpunkt. Endlich der Gleichgewichtsverpflichtung enthoben."

So befreit und zugleich bestimmt, wie er schwimmt, schreibt Walser, wenn er in Hochform ist - was zumal in den kürzeren Prosaformen der Fall ist. Derselbe Essay enthält eine Liebeserklärung an die sanfthügelige Bodenseegegend, die ihn hervorgebracht hat und wo er lebt und schreibt, den See vor Augen. "Seine eigentliche Stärke ist, dass er alles mitmachen kann, was der Himmel gerade will ... Alles aufzunehmen und sich zu eigen zu machen und dann so darzustellen, dass, wer nicht wirklich vertraut ist mit ihm, glaubt, die jeweilige Produktion sei nun wirklich er selber, der See. Temperaturen, Farben, Strömen und Ruhen, Wildheit und Schwere - er hat alles irgendwoher, kann aber daraus einen unerschöpflichen Reichtum an Zuständen und Stimmungen machen ... Er ist eine unendliche Naturbegabung, denn alles, was er spielt, wirkt, als sei er das, was er jeweils spielt, ganz und gar." Dieses Seeporträt darf man durchaus als Idealbild Walsers von sich selbst lesen.

Seinen Themen und seinem Ton ist er so treu geblieben wie seiner Natur; seit "Ehen in Philippsburg" ist die Ehe als andauernder Ernstfall in seinem Werk etabliert, ebenso wie die Lächerlichkeit, die für Walsers Männer so oft mit der Liebe verbunden ist. Hinzu kam die vergehende Zeit, die sich zum Alter verdichtet hat, und die ewige Kluft zwischen der eigenen Wahrnehmung seiner selbst und des Blickes anderer - ebenso wie all das, was die sogenannte "bundesrepublikanische Befindlichkeit" ausmacht, die bei ihm immer mit der individuellen verbunden ist.

Per Du mit Goethe

Walser fegte wie ein Wirbelwind in den Muff der fünfziger und sechziger Jahre. Endlich schrieb da einer unverkrampft über Sexualität und andere Alltagsnöte, sprach Geldsorgen ebenso an wie die Frustrationen, die Büroarbeit mit sich bringt. Nichts war ihm zu profan, aber auch nichts zu heilig. Ein weiteres, ganz anderes großes Thema kündigte sich damals erst an: der Komplex von Gewissen und Erinnerung, dem "Gedächtnis als Instrument zur Ermessung der Verluste", der in den neunziger Jahren zum gefeierten Kindheitsroman "Ein springender Brunnen" und zur umstrittenen Friedenspreisrede führte. Die Wunden von damals wirken bis heute nach, wie sein Band "Das geschundene Tier" (2007) eindringlich demonstriert. Walser hat es immer verstanden, die Würde seiner Helden zu bewahren, selbst und gerade, wenn sie entgleisen. Er selbst hat sich nie ausgenommen von dieser Erfahrung, ja hat sie sogar gesucht - und dabei nicht immer so viel Geschick bewiesen wie seine Figuren. Dass er seine Fehler inzwischen ebenso offensiv eingesteht und öffentlich bedauert, wie er sie einst begangen hat, zeugt davon, dass er des Streitens überdrüssig ist.

Dass er sich in seinem neuen Roman "Ein liebender Mann" ausgerechnet Goethe als Folie für eigene Sehnsüchte, Ängste und Erkenntnisse ist keine Anmaßung und kein Anfall von Größenwahn. Immer wieder hat er über diesen seinen "Literaturheiligen" geschrieben, und nach einem langen Leben miteinander scheint er mit ihm gewissermaßen per Du zu sein. Für seine höchst persönliche Marienbader Elegie, die so ganz und gar unelegisch endet, hat Walser sich Goethe zum Wahlverwandten erkoren, um auch in dessen Namen erneut an den Stäben zu rütteln, die die Biologie uns setzt: "Sein Herz führte sich auf wie ein Gefangener, der an die Zelltür schlägt, um befreit zu werden, weil dieses Eingesperrtsein ein Unrecht ist." Martin Walsers Literatur ist nicht wahrer als das Leben, und sie wollte das bessere Leben auch nie sein. Aber in ihrem Temperament und ihrer Vielfalt, in ihrem Eigensinn und ihrem Trotz, in ihrer Wildheit und Schwere, in den Schwächen ihrer Figuren und ihres Autors gehört sie zum Stärksten, was wir haben.

Felicitas von Lovenberg

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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