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Sonntag, 24. Februar 2008

Forum:

Vom Denkmal zum Helden - Ist Goethe eine zeitgemäße Romanfigur?

Nach einer Flut von Goethe-Romanen im neunzehnten Jahrhundert, ist es nach Thomas Manns "Lotte in Weimar" in der erzählenden Literatur still geworden um den größten deutschen Dichter. Nachdem das Schiller-Jahr 2005 uns einen anderen Klassiker unerwartet nahegebracht hat, lädt nun Martin Walser zur persönlichen Auseinandersetzung mit dem Geheimen Rat beim Kuraufenthalt ein. Was gibt es an Goethe noch zu entdecken?

Beiträge

27.02.2008 | 00:50 Uhr

Manfred Osten: Beinahe unmögliche Bedingungen

Gibt es heute noch Helden? War Goethe ein Held? Möglicherweise hat er sich zumindest als ein Lebens-Held verstanden. Taugt Walsers Goethe als zeitgemäße Romanfigur? Ja, durchaus, wenn man Goethes eigene Roman-Definition ins 21. Jahrhundert transponiert.

Dass nämlich der Roman "uns mögliche Begebenheiten unter unmöglichen oder beinahe unmöglichen Bedingungen als wirklich darstellt" (Maximen und Reflexionen). In "Ein liebender Mann" gelingt Walser dieses Kunststück der Transposition. Sein Betriebsgeheimnis ist die Empathie: diese selten gewordenen Fähigkeit, die Liebe als Passion, als Erleiden zu erfahren. Goethes "Leiden des jungen Werther" werden durch Walser im 21.Jahrhundert unverhofft noch einmal zur "möglichen Begebenheit". Und dies in der Tat unter "beinahe unmöglichen Bedingungen". Das heißt, in einer zunehmend Passionen meidenden Gesellschaft erinnert Martin Walserer auf seine ganz eigene Weise an die in Vergessenheit geratene Goethesche ("Passions")-Formel im Buch Suleika des West-östlichen Divan: "Denn das Leben ist die Liebe,/ Und des Lebens Leben Geist."

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26.02.2008 | 11:09 Uhr

Terence James Reed: Walser nimmt Goethe endlich ernst

Was heißt schon "zeitgemäß"? Der Begriff ist zu vage, zu journalistisch, als dass er zum literaturkritischen Maßstab dienen könnte. Dafür ist Verliebtsein, auch im Alter, ein permanentes Thema. Zweckmäßig allerdings war die Wahl der Goethefigur, weil sie eine exemplarische, genau dokumentierte Geschichte mit sich führt, Ambiente und Figuren mussten nicht erst aus der Imagination erstellt werden, es konnte von Anfang an mit waschechten Motiven gespielt werden.

Was nichts mit "Denkmal" zu tun hat, dazu war/ist die Marienbader Episode zu menschlich ergreifend.
Gut dabei der Dreh, dass hier endlich mal Goethe selber (nachdem er seinen Geliebten wiederholt Leid zugefügt hatte) der an der Liebe Leidende ist - gleichsam eine späte Rache des Lebens.
Gut aber auch, dass Martin Walser Goethe damit endlich ernst nimmt, nachdem er ihn 1982 ("In Goethes Hand", die tragikomische Geschichte Johann Peter Eckermanns) als Mummelgreis karikiert hatte, auch dort von der Ulrike-Episode ausgehend - der Dichter zitiert sogar aus der soeben entstandenen Marienbader Elegie und trivialisiert sie mit einem "Ganz hübsch, nicht wahr?" Jetzt musste Walser gegen die Wucht der "ganz hübschen" Dichtung anschreiben, mit ihr rivalisieren.

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25.02.2008 | 20:04 Uhr

Thomas Markus Scheer: Die Leiden des alten Walser

Vielleicht mag Goethe keine zeitgemäße Romanfigur darstellen, aber das Thema erscheint doch wohl in einer immer älter werdenden Gesellschaft aktueller denn je. Zeitgenössischen Autoren scheint zum Thema "Liebe" jedenfalls immer nur dasselbe einzufallen.

Durch Vokabeln wie "Quicky", "One-night-stand" usw. entfernen diese sich mehr und mehr von der eigentlichen Liebesthematik. Umso gelungener finde ich den Versuch Walsers, sich dem Thema von einer ganz anderen Seite anzunähern. Es mag wohl den ein oder anderen jungen Leser abschrecken, wenn hier von einer Romanfigur "Goethe" die Rede ist, aber schrecken diese nicht sowieso vor diesem Namen zurück? Als Student habe ich die Erfahrung gemacht, dass die meisten Germanistikstudenten über Goethe urteilen, noch bevor sie einen Blick in sein voluminöses Werk geworfen haben. Als Liebhaber erscheint das einem suspekt. Deshalb bin ich froh, dass Goethe durch Walser wieder in aller Munde gerät und freue mich auf die Fortsetzung des Romans.

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28.02.2008 | 12:26 Uhr
Stephanie Reyntjes schreibt: "Nichts ist still...-stehend." (JWG)

Und trotzdem, wenn ich die Metaphorik des Stillens von Goethen selbst entlehnen darf - auf Alt-Liebhaber und Jung-Leser bezogen:
"So nimmt ein Kind der Mutter Brust nicht gleich im Anfang willig an." (Goethe, Faust I)



25.02.2008 | 17:34 Uhr

Christian Schärf: Historisch aufgeputzte Gespenster

Goethe ist für uns kein Denkmal mehr. Ob er ein ‚zeitgemäßer’ Held sein kann, scheint mir ebenfalls fraglich. Es gibt wohl keine zeitgemäßen Helden mehr. Dazu müsste man sagen können, was zeitgemäß wäre, und das kann niemand.

Andererseits haben inzwischen die repräsentativen Menschen der Kulturgeschichte (und nicht nur sie) ausnahmslos mehr oder weniger fiktiven Status. Ausgewandert aus den großen Erzählungen, kommen sie uns als gut konsumierbare Abbilder oder als historisch aufgeputzte Gespenster entgegen. Was einst in hehrer Souveränität den Bildungshorizont bewohnte, dient heute im Servicecenter der Bildarsenale. Die Frage ist doch, was ein Autor der Jetztzeit aus dem zahllosen und einander überlagernden Goethe-Bildern macht, welche neue Variante er entwirft und ob er dazu in der Lage ist, in die Anekdote des alten Mannes, der in eine blutjunge Frau verliebt ist, jene existentielle Dramatik zurückzubringen, die Goethe zur Niederschrift der "Marienbader Elegie" getrieben hat.
Das bedeutet keineswegs, dass ein Roman, wie ihn Martin Walser vorlegt, vor allem eine epische Form der Gedichtinterpretation wäre. Wohin könnte eine Gedichtinterpretation denn führen? Doch wiederum zu einem Bild, des Dichters, der Frau, der Situation, der Historie. In meinen Augen kommt es darauf an zu erkennen, was einen Menschen dazu bringt, aus der Fülle der Möglichkeiten, gerade dieses Bild zu setzen. Was ihn dazu geführt, was ihn gezwungen hat. Das gilt für Goethe als Liebenden wie für Walser als Schreibenden.

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25.02.2008 | 21:29 Uhr
Maximilian Breitenbach schreibt: Keine Angst

Wer soll denn hier Angst vor wem haben? Walser vor Goethe? Sicher nicht. Sonst würde er ihn nicht zum Helden (seines Romans) machen. Dann schon eher Goethe vor Walser, selbst wenn der keinen "repräsentativen Menschen" mehr darstellt, sondern nur noch einen fiktiven Schatten, wie Herr Schärf richtig feststellt.

Aber was macht das aus? Der Erfolg des amerikanischen Kinos etwa und damit auch der amerikanischen Kultur basiert doch auch auf der ständig neuen Wiederholung fiktionalisierter Repräsentationen seiner Kulturgeschichte.
Muss denn Goethe ein Denkmal sein? Vielleicht ist dieser Weg, der einzige, mit dem man Goethe retten kann.


25.02.2008 | 19:57 Uhr
Anselm Herfried schreibt: Goethe - ein Gespenst?

Bei allem Respekt vor Herrn Schärf: diese Einstellung muß verwundern, befremden. Goethe ein Gespenst? Es geht doch nicht um eine spiritistische Sitzung, sondern um echte Menschen, echte Gefühle! Gerade vor dem Hintergrund der Romantik: wenn Goethe über Vulkanismus spricht, dann ist das nicht nur Naturphilosophie, sondern auch eine Theorie 'vulkanischer' Leidenschaft, Geistesverschmelzung.

Und warum diese Angst vor dem 'Denkmal' Goethe? Goethe wurde so oft von seinem Podest heruntergeholt, daß man ihm vielmehr mal wieder heraufhelfen sollte. Vor Goethe muß niemand Angst haben! Und vor Walser übrigens auch nicht (mehr).



25.02.2008 | 16:40 Uhr

Rüdiger Görner: Das lebendigste Denkmal

An einer Stelle in Martin Walsers neuem Roman fällt das Wort vom "lebendigsten Denkmal, das je eine Zeit beherrschte". So nennt ein vornamenloser, sich als Orientale ausgebender Gast in Marienbad Goethe zu allgemeinem Beifall. Und dieses lebendigste, sich selbst vom Sockel stürzen wollende Denkmal wird denn auch in diesem mysteriösen jungen Mann einen Rivalen um die Gunst der neunzehnjährigen Ulrike von Levetzow vermuten, ob zu Recht oder nicht.

Goethe sei, so Nietzsche in einem oft zitierten Wort aus "Menschliches, Allzumenschliches", in der Geschichte der Deutschen ein "Zwischenfall ohne Folgen". Eine ganze "Cultur" sei er gewesen, derer sich "die Deutschen" nie wirklich würdig erwiesen hätten. Jedes Wort über Goethe scheint selbst denkmalsverdächtig. Was dann zu der oft verkrampften Bemühung von Schriftstellern führen kann, ihn, Goethe, um jeden Preis zu entmonumentalisieren, ihn zu trivialisieren, zu vermenschlichen.

Man kann über Goethe schreiben, ohne ihn zu nennen, Orte anführen, von denen jedermann weiss, dass sie mit Goethe ‚irgendwie’ in Verbindung stehen. Marienbad zum Beispiel, gut böhmisch. Es ist doch eigenartig, dass der Regisseur Alain Resnais und der Drehbuchautor Alain Robbe-Grillet 1960 einen der legendären französischen Filme ausgerechnet unter dem Titel "Letztes Jahr in Marienbad" geschaffen haben. Wem käme bei diesem Titel nicht Goethe in den Sinn? Und Michel Tournier arbeitete mit einer der zentralen Balladenfiguren Goethes, dem Erlkönig, aus französischer Sicht deutsche Vergangenheit auf. Mit Goethe-Figuren, mit Goethe-Inventar lässt sich also trefflich dieses und jenes illustrieren. Aber was, wenn man Goethe fiktionalisiert?

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25.02.2008 | 16:22 Uhr

Werner Frizen: Tempora mutantur

Wer siebzig Jahre nach "Lotte in Weimar" einen Goethe-Roman schreibt, muss davon ausgehen, dass der Schatten zweier Kolosse auf ihn fällt. Martin Walser weiß das: Die Zweierbeziehung Walser – Goethe gestaltet sich denn auch mehr ein als ein Dreiecksverhältnis Walser – Goethe – Thomas Mann.

Thomas Mann ist gleich mit zwei immensen Motivkomplexen in dieses Verhältnis eingebunden: Bevor nämlich überhaupt von Lotte in Weimar die Rede sein soll, ist daran zu erinnern, dass Martin Walser eine Erzählung Wirklichkeit werden lässt, die Thomas Mann exakt vor hundert Jahren plante, aber nicht ausführte. Sie sollte den Titel "Goethe in Marienbad" tragen und eben diese Liebe der greisen Exzellenz zur neunzehnjährigen Ulrike zum Inhalt haben. Das Motiv des/der liebenden Alten wurde eines der Themen, die ihn ein Leben lang verfolgten – den Plan zur Goethe-Novelle aber hat er nicht umgesetzt. Diesen Stoff hat ihm nun Martin Walser ‚aus der Hand genommen’ – so wie Thomas Mann seinerseits gerne Goethe Stoffe ‚aus der Hand nahm’ und auf seine Weise ausgestaltete.
Thomas Mann meinte viel später – in der Faustus-Zeit – aus "Goethe in Marienbad" sei Der Tod in Venedig geworden. Ob er sich da richtig erinnerte, sei dahingestellt. Auf jeden Fall steht in den Plots beider, der geschriebenen und der nicht geschriebenen Erzählung, ein Motiv im Zentrum: die Entwürdigung des alten oder alternden Nationalschriftstellers durch die Liebe. Auch "Goethes letzte Leidenschaft" hätte eine Geschichte der Entwürdigung werden sollen: "Ich sehe", schreibt Thomas Mann 1913 an Julius Bab, "wie der Alte das Kind, einen Hügel hinan, haschen will und hinfällt. Sie lacht und weint dann. Und immerfort will er sie heiraten. Schaurig." Da gehen wohl ein paar Goethe-Geschichten durcheinander (das Nachlaufen fand in Wiesbaden statt und gehascht werden sollte ein Philippine Lade) – wichtig ist daran, dass es Thomas Mann auf den Sturz Goethes ankam, und dass er ihn symbolisch verstand. Er liebäugelt schon bei seiner ersten intensiveren Annäherung an Goethe mit einem Denkmalsturz.

Auch Walsers Held stürzt, im eigentlichen wie im übertragenen Sinne, aber er wird dadurch nicht zum gefallenen Helden. Goethe, auf einem Kostümball in Wertherkleidung (!) maskiert, stolpert beim Tête-à-Tête mit Ulrike, doch "schaurig" ist das alles nicht und auch keine groteske Entwürdigung, auch wenn Goethe sein Stolpern als "Sturz aus dem Paradies" interpretiert: Am Ende des Abends stehen ein Kuss Ulrikes und eine Apotheose, eine veritable Dichterkrönung durch den Großherzog.
Walsers Goethe leidet am Gegensatz von Kunst und Leben, mehr jedoch noch an einem Altersunterschied von 55 Jahren. Und da ist ihm der Autor/Erzähler immer sehr, sehr nahe. Er lebt dessen Liebesqualen schmerzlich-genussvoll nach. Der alte Walser identifiziert sich mit dem alten Goethe, er geht in Spuren; Thomas Mann kratzte heftig an der Patina seines Denkmals – und wenn er Goethe einmal imitiert, dann nennt er das im gleichen Atemzug Hochstapelei.

Wer sich an die Diskussion über Thomas Mann in den siebziger Jahren erinnert – Martin Walser bekämpfte damals den Ironiker in vorderster Front– , reibt sich verwundert die Augen: Tempora mutantur.

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25.02.2008 | 16:15 Uhr

Thomas Anz: Ein höchst reizbarer Psychopath und Gefühlsmensch

Als strahlender, vorbildlicher "Held", wie ihn die Dichterdenkmäler und Dichterfeiern des 19. Jahrhunderts verehrten, ist Goethe, wie auch Schiller, schon längst keine zeitgemäße Romanfigur mehr. Spätestens mit der literarischen Moderne um 1900 beginnen solche Formen des Dichterkultes unglaubwürdig zu werden. Allenfalls im Kreis um Stefan George kultivierte man noch, mit Blick vor allem auf die Heroen der deutschen Klassik, die Vorstellung vom Dichter als Seher, Propheten oder gar "Führer".

Im 20. Jahrhundert identifizierten sich die jungen Autoren der Moderne eher mit Dichtern, die im Schatten von Goethes Erfolg standen, mit Lenz, Kleist oder Hölderlin, und machten sie zu Figuren ihrer Romane oder Erzählungen. "Ich liebe alle, die in sich ein zerrissenes Herz haben, ich liebe Kleist, Grabbe, Hölderlin, Büchner", schrieb der expressionistische Lyriker Georg Heym 1909 in sein Tagebuch und nannte damit einige der Namen, die in der literarischen Moderne höchstes Ansehen genießen. Ende der siebziger Jahre war es in der DDR vor allem Christa Wolf, die solche Vorlieben der Moderne immer noch gegenüber denen des Sozialistischen Realismus zu verteidigen hatte: "Die Literaturgeschichte der Deutschen, in den Händen von Studienräten und Professoren, orientiert an den retuschierten Kolossalgemälden ihrer Klassiker, hat sich leichtherzig und leichtsinnig der als 'unvollendet' abgestempelten Figuren entledigt, bis in die jüngste Zeit, bis zu dem folgenreichen Verdikt, das Georg Lukács gegen Kleist, gegen die Romantiker aussprach. Der Dekadenz, zumindest der Schwäche, der Lebensuntüchtigkeit geziehen, sterben sie zum zweitenmal an der Unfähigkeit der deutschen Öffentlichkeit, ein Geschichtsbewußtsein zu entwickeln". Die Sätze stehen in Wolfs Essay über Caroline von Günderrode.

In den fiktiven Szenen der Begegnung zwischen Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode, die Christa Wolfs "Kein Ort. Nirgends" literarisch ausphantasiert, ist Goethe nicht körperlich anwesend, aber in den Köpfen der dargestellten Figuren und in ihren Gesprächen ist er von hartnäckiger Präsenz – als Gegenbild zu den Problemen der eigenen Existenz. Als literarische Figur, zumindest als Sympathieträger, scheint Goethe in der Literatur der Moderne nicht recht zu taugen. Schon um 1900 entdeckte eben diese Moderne allerdings Möglichkeiten, die gefeierten und verklärten Heroen der deutschen Klassik anders zu sehen und darzustellen. Thomas Manns Erzählung "Schwere Stunde" von 1905 über Friedrich Schiller ist dafür ein frühes Beispiel. Er "zog hustend die Schöße seines Schlafrockes zusammen [...] und schnob mühsam durch die Nase, um sich ein wenig Luft zu verschaffen; denn er hatte den Schnupfen wie gewöhnlich." Gottfried Benn interessierte sich 1930 für Goethe als eine Person, auf die der Psychiater Paul Julius Möbius 1898 mit einer Studie "Über das Pathologische bei Goethe" einen ganz anderen Blick geworfen hatte als alle Biographen vor ihm: "Aber doch auch Goethe ist, wie Möbius nachgewiesen hat, ein äußerst empfindsamer, höchst reizbarer Psychopath und Gefühlsmensch gewesen, ja daneben lief, einwandfrei festgestellt, eine ganz leichte Form von Zyklothymie mit Depressionen, wo die Produktion völlig darniederlag, und dann wieder Perioden von Hypomanie und übertriebener Jugendlichkeit."

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26.02.2008 | 15:28 Uhr
Herold Binsack schreibt: Der Moderne Schrecken wie dem Orient befremdlich

Nicht geliebt zu werden – als Mann – der Moderne Schrecken, und doch schon fast obsolet. Im Orient ist es nach wie vor höchste Kunst in und durch die Lyrik das nicht lieben wollende geliebte Wesen mit Worten zu betören, und sich dabei die Befriedigung zu verschaffen, die die Liebe niemals gibt: (Nicht-)narzißtische Selbstbetörung, und die Macht, nicht nur die der Worte.

Wer einen Hafiz gelesen hat – und auch Goethe kannte ihn – weiß, wovon hier die Rede ist. Und schon in der Antike schauen wir auf ganz andere Idole. Eine Kleopatra mag einen Marc Anton mehr geliebt haben, gerade wegen dessen unwürdigem, schwachem Wesen (die Frau liebt die Schwäche im Mann, aber sie achtet sie nicht!), aber ein Cäsar blieb ihr vermutlich unvergessen. Die Achtung, der Respekt, ja gar die Angst ist dort ein Element des Lebens, wie der Liebe auch, der höchst einseitigen selbstredend. Goethe ist ein Opfer seiner eigenen Lyrik, am Ende überlistete er nicht das Weib, sondern sich selbst – Tragisch!


26.02.2008 | 12:52 Uhr
Max Schreiber schreibt: Andere Sichten - ein Experiment

Ich gehe auch davon aus, dass G. infolge eigener und fremder Selbstverherrlichung nicht richtig erkannt wird. Vor lauter Bäumen, von aller Welt gepflanzt und begossen, sieht man den Menschen G. nicht, der vielleicht eher ein Getriebener war von einer Schreib- und Denksucht.

Man sollte einmal folgendes Experiment wagen, um den ganzen Vorurteils-Balast loszuwerden: Taufen Sie G. einfach um, z. B. in C. Muhlhaus und dann lesen Sie Aussagen über ihn (meinetwegen in Eckermann) und ersetzen jeweils seinen Namen. Da wird dann schon sehr viel Dampf abgelasssen und G. erscheint vielleicht irgendwie neu, nicht so aufgeblasen und ordenumhängt.



25.02.2008 | 16:10 Uhr

Friederike Reents: Literarische Form von Gedichtinterpretation

Die Frage könnte auch lauten: Muss dieser alternde und liebeskranke, oder wie Walser sagt liebende Held nun ausgerechnet Goethe sein? Das Lieben und Leiden älterer Männer in Romanform ist durchaus à la mode, man denke an die Helden Philip Roths (zuletzt in "Exit Ghost") oder Louis Begleys ("Schiffbruch") oder auch den Protagonisten aus Walsers letztem Roman "Angstblüte". Zeitgemäß und zeitlos zugleich ist der Wunsch eines betagten Helden, sein Alter nicht wahrhaben zu wollen – und das gelingt am ehesten an der Seite einer jungen Frau.

Es überrascht nicht, dass der eigentliche Kern, das epische Zentrum, um das sich Walsers Roman spannt, die in der FAZ vom 22.2.08 ganzseitig abgedruckte "Marienbader Elegie" ist. Walsers Roman ist ihre erzählerische – und eben nicht wissenschaftliche – Interpretation. "Ein liebender Mann" könnte eine kunstvolle Re-Inthronisierung nicht nur des alten Goethe sein, sondern eine literarische Form von Gedichtinterpretation in heutiger Zeit. Wolfgang Iser sprach 1964 von der "Lyrik als Paradigma der Moderne". Walsers Roman könnte eine neue Form des literarischen Umgangs mit Lyrik bewirken: Die erzählerische Interpretation von Lyrik als Paradigma der Gegenwart? Damit wäre Goethe als Romanfigur auch in dieser Hinsicht äußerst zeitgemäß.

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25.02.2008 | 13:27 Uhr

Bernhard Fischer: Wer könnte besser sein?

Die brennende Liebe, die der immerhin 74-jährige Goethe für die 19-jährige Ulrike von Levetzow im Jahr 1823 empfand, mag forciert gewesen sein, auch unecht, wo der Greis sich vielleicht die Rückkehr der Jugend erhoffte, aber eben deshalb: welche Projektions- und Spiegelfigur könnte für Walsers Bild eines Künstlers als alten liebenden Mannes besser sein?

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25.02.2008 | 16:17 Uhr
Maximilian Breitenbach schreibt: Zeitlos, aberzeitgemäß?

Kaum ist Littel's uferloses Prachtwerk, dessen Umfang und natürlich Radikalität uns noch lange beschäftigen sollte, abgefrühstückt, kehrt man hier wie die Schuster zu den alten Leisten zurück.

Goethe zeitgemäß? Zeitlos ja, aber sollte die "Flut" des 19. Jahrhunderts nicht genügen? Will heute noch ein junger Mensch Goethe lesen, wenn er nicht muss? Oder über ihn? Ist nicht schon alles gesagt, nur noch nicht von Walser?


25.02.2008 | 14:54 Uhr
Werner Frink schreibt: "Zeitgemäß" immer!

Gibt es ein "Lebensthema", das seit den Anfängen unserer Kultur so gleichbleibend existentiell brisant und folgenreich geblieben ist wie die zwischenmenschliche Annäherung ("Liebe")? Walsers Stoff hat beste Chancen, vielen etwas zu sagen - auch Nicht-Künstlern oder goethefernen Postmodernen.


25.02.2008 | 14:01 Uhr
Anselm Herfried schreibt: Projektionsfigur

Es tut gut zu sehen, daß die FAZ nach einem "Schocker" wie Little in ein 'ruhigeres' Fahrwasser zu kommen scheint. Goethe ist natürlich ein Dauerbrenner der Geistesgeschichte, und die Beziehung "Alter", "Tod" und "Liebe" wohl durch niemanden besser verkörpert werden als durch den großen Liebeslyriker - und durch niemand anderen als Walser.

Mögen wir hoffen, daß sich hier zwei Dioskuren die Klinke in die Hand geben und einen Bogen schlagen zwischen Moderne und Romantik. Nur so stelle ich mir Zeitgemäßheit vor.



25.02.2008 | 12:09 Uhr

Wolfgang Frühwald: Geradezu exemplarisch

In einer Gesellschaft, in der Fragen, Probleme und Sorgen des Alters und des Alterns zunehmend mehr und wichtiger werden, ist Goethe eine hochaktuelle Romanfigur. Sein Leben gehört zu den best erforschten und dokumentierten Biographien der Geschichte und ist dabei in vielen grundlegenden Erfahrungen des Alterns geradezu zeitlos exemplarisch.

Solche Erfahrungen des Alterns sind z.B. die des Überlebens, das heißt des Verlustes von Freunden, Verwandten, Gatten und Kindern; die völlige Verkehrung der gewohnten Lebensverhältnisse; die öffentliche Ablehnung des einst gerühmten Lebensstils durch die Jungen; der Umgang mit Sinnlichkeit und Sexualität im Alter; das Verhalten bei chronischer Krankheit und plötzlich auftretenden Gesundheitsproblemen; der oft auch misslungene Versuch, die psychische Balance bei schweren Schicksalsschlägen (wie etwa dem Tod der Frau oder des Sohnes) zu bewahren. Walser hat den Umgang mit Sinnlichkeit und Liebesfähigkeit zum Thema genommen, für viele alte Menschen heute kein kleines Problem!

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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