Als strahlender, vorbildlicher "Held", wie ihn die Dichterdenkmäler und Dichterfeiern des 19. Jahrhunderts verehrten, ist Goethe, wie auch Schiller, schon längst keine zeitgemäße Romanfigur mehr. Spätestens mit der literarischen Moderne um 1900 beginnen solche Formen des Dichterkultes unglaubwürdig zu werden. Allenfalls im Kreis um Stefan George kultivierte man noch, mit Blick vor allem auf die Heroen der deutschen Klassik, die Vorstellung vom Dichter als Seher, Propheten oder gar "Führer".
Im 20. Jahrhundert identifizierten sich die jungen Autoren der Moderne eher mit Dichtern, die im Schatten von Goethes Erfolg standen, mit Lenz, Kleist oder Hölderlin, und machten sie zu Figuren ihrer Romane oder Erzählungen. "Ich liebe alle, die in sich ein zerrissenes Herz haben, ich liebe Kleist, Grabbe, Hölderlin, Büchner", schrieb der expressionistische Lyriker Georg Heym 1909 in sein Tagebuch und nannte damit einige der Namen, die in der literarischen Moderne höchstes Ansehen genießen. Ende der siebziger Jahre war es in der DDR vor allem Christa Wolf, die solche Vorlieben der Moderne immer noch gegenüber denen des Sozialistischen Realismus zu verteidigen hatte: "Die Literaturgeschichte der Deutschen, in den Händen von Studienräten und Professoren, orientiert an den retuschierten Kolossalgemälden ihrer Klassiker, hat sich leichtherzig und leichtsinnig der als 'unvollendet' abgestempelten Figuren entledigt, bis in die jüngste Zeit, bis zu dem folgenreichen Verdikt, das Georg Lukács gegen Kleist, gegen die Romantiker aussprach. Der Dekadenz, zumindest der Schwäche, der Lebensuntüchtigkeit geziehen, sterben sie zum zweitenmal an der Unfähigkeit der deutschen Öffentlichkeit, ein Geschichtsbewußtsein zu entwickeln". Die Sätze stehen in Wolfs Essay über Caroline von Günderrode.
In den fiktiven Szenen der Begegnung zwischen Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode, die Christa Wolfs "Kein Ort. Nirgends" literarisch ausphantasiert, ist Goethe nicht körperlich anwesend, aber in den Köpfen der dargestellten Figuren und in ihren Gesprächen ist er von hartnäckiger Präsenz – als Gegenbild zu den Problemen der eigenen Existenz. Als literarische Figur, zumindest als Sympathieträger, scheint Goethe in der Literatur der Moderne nicht recht zu taugen. Schon um 1900 entdeckte eben diese Moderne allerdings Möglichkeiten, die gefeierten und verklärten Heroen der deutschen Klassik anders zu sehen und darzustellen. Thomas Manns Erzählung "Schwere Stunde" von 1905 über Friedrich Schiller ist dafür ein frühes Beispiel. Er "zog hustend die Schöße seines Schlafrockes zusammen [...] und schnob mühsam durch die Nase, um sich ein wenig Luft zu verschaffen; denn er hatte den Schnupfen wie gewöhnlich." Gottfried Benn interessierte sich 1930 für Goethe als eine Person, auf die der Psychiater Paul Julius Möbius 1898 mit einer Studie "Über das Pathologische bei Goethe" einen ganz anderen Blick geworfen hatte als alle Biographen vor ihm: "Aber doch auch Goethe ist, wie Möbius nachgewiesen hat, ein äußerst empfindsamer, höchst reizbarer Psychopath und Gefühlsmensch gewesen, ja daneben lief, einwandfrei festgestellt, eine ganz leichte Form von Zyklothymie mit Depressionen, wo die Produktion völlig darniederlag, und dann wieder Perioden von Hypomanie und übertriebener Jugendlichkeit."