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Donnerstag, 13. März 2008

Forum:

Goethe und Ulrike auf dem Kostümball - Walsers schönste Liebesszene?

In der 17. Folge des Romanvorabdrucks erleben wir Goethe und Ulrike im Glück - er als Werther verkleidet, sie als Lotte, und das Ganze ohne Verabredung. Er vergisst im Tanz sein Alter, sie die respektvolle Distanz zum Geheimen Rat. Eine solche Liebesszene hat man bei Walser noch nicht gelesen - ist es seine schönste?

Beiträge

14.03.2008 | 10:06 Uhr

Wolfgang Frühwald: Es fehlt an Ironie

Goethe und Ulrike tanzend auf dem Kostümball – ich habe die Szene als peinlich empfunden. Goethe mit 74 Jahren verkleidet als die unglückliche Gestalt seiner Jugend, Ulrike – ohne davon zu wissen – verkleidet als Lotte und beide treffen für jedermann sichtbar als unglückliches Liebespaar öffentlich zusammen und gewinnen sogar noch den Preis für das schönste Kostüm?

Mir waren die Schleifen an Lottes Kleid schon immer unangenehm (auch in Goethes Jugendroman). Thomas Mann hatte wohl das gleiche Gefühl, als er die alte Lotte Kestner (1816), die mit leicht zitterndem Kopf das Treffen mit dem Jugendfreund erwartet, sich mit den Symbolen der Jugend schmücken lässt. Und nun gar bei Walser, wo Ulrike mit diesen Schleifen auftaucht?

Thomas Mann hat die eigentlich vertraute Begegnung der Charlotte Kestner, geb. Buff . mit dem Jugendfreund in Goethes Kutsche (nach dem Theaterbesuch) verlegt und dort ist diese Begegnung ein Traum, eine starke Wunsch-Vision. Walser hat das alles sehr direkt (vielleicht zu direkt) in Handlung übersetzt und dabei noch versäumt, das Ganze in ironische Distanz zu rücken. Goethe hat sich im Alter durchaus (in wiederholter Pubertät) lächerlich gemacht, aber so deutlich, in aller Öffentlichkeit, vor einem sensationslüsternen Badepublikum?

Die "Trilogie der Leidenschaft", deren Kernstück die Marienbader Elegie ist, beginnt mit den 50 Versen "An Werther", die Goethe als Einleitung für eine Neuausgabe des Jugendromans 1825 geschrieben hat. In diesen wenigen Versen spiegelt sich ein anderes Verhältnis zu der Gestalt des Jugendromans als es Walser beschreibt. Dort nämlich spricht Goethe seinen Werther an, als sei er eine historische Gestalt, die ihm im Alter neu erscheint und ihn an alle Qualen der Liebe erinnert, die ihm jemals im Leben begegnet sind: "Zum Bleiben ich, zum Scheiden du, erkoren, / Gingst du voran – und hast nicht viel verloren."

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14.03.2008 | 10:04 Uhr

Rüdiger Görner: Beim Tanz und im Kuss zeigt sich der bedeutende Autor

Ist’s Kitsch, ist’s Kunst? Bei welcher Liebesszene in der Literatur (oder großen Oper oder auf schmachtenden Gemälden) stellt sich diese Frage nicht? Walser lässt Goethe als Werther und Ulrike als Lotte auftreten beim königlich-württembergischen Kostümball in Marienbad. Beide kamen sie unabhängig voneinander auf diese Idee, die vielleicht für Ulrike etwas näher lag als für Goethe, der ja bekannt dafür war, dass er seinen "Werther" lieber floh als verkörperte.

Und doch hat Walser auch hier Goethe auf seiner Seite, denn bekanntlich erinnerte der Dichterfürst in der die "Marienbader Elegie" aufrundenden "Trilogie der Leidenschaft" eben auch wieder des armen Werthers.

Walsers Goethe steht der Sinn danach, "verwechselt" zu werden. Als Schmetterling will er, der Verwandlungskünstler, liebesbeschwingt in diesem Kapitel erscheinen, als "glühende Lupine". Warum also nicht auch als sein eigener Werther. Freilich, wer zu viele Rollen spielt, kann sich leicht selbst aus dem Blick verlieren. Aufschlussreich wäre gewesen, wenn Walsers Goethe im Werther-Gewand unverhofft auf einen Spiegel gestoßen wäre ... Aber dafür geschieht ja sonst so manches. Walsers Goethe redet sich in eine Art Liebesekstase, allein, vor dem Ball. Er gesteht sich selbst, wobei es ihm eigentlich zu gehen scheint, um einen Roman nämlich, den er unter dem Titel "Ein liebender Mann" schreiben will. Er liebt also um zu schreiben. Und zwar über das Lieben.

Was noch geschieht? Der Ball findet statt, jeder führt seine Rolle auf, Werther und Lotte gehen nach draußen, um regengereinigte Abendluft zu atmen. Goethe gleitet auf feuchtem Grund aus, taumelt, rudert hilflos mit den Armen, fängt sich nicht, stürzt und verletzt sich, aber geschickt, so geschickt, dass selbst die kleine Verletzung an Stirn und Nase später bei der Kür der Paare als Teil seines Werther-Kostüms wahrgenommen wird: die Schussverletzung des auferstandenen Werther, sein Wundmal. Diese Pointe ist schlicht grandios. Auch die Art, in der Walser, pardon, der Erzähler, die Kuss-Szene zwischen dem verletztem Werther-Goethe und seiner unbeholfen besorgten Lotte-Ulrike schildert, dezent erotisch und doch Traumeslängen weit entfernt von jener gewollten Liebesekstase zu Anfang des Kapitels. Diese Kuss-Szene gehört in der Tat zum Subtilsten, was wir von Walser an Berührungsprosa kennen. Altertümelnd möchte man sentenzieren: In solchem Kusse sieht der Mund,/woran das Aug’ erblindet wär’.

So ganz nebenbei übrigens montiert Walser eine für ihn typische Handbewegung in den Text und schreibt sie Goethe zu: "Er wischte mit der Hand quer durch die Luft, um ihren Blick zu zerstreuen."

Walser gelingt in diesem Kapitel viel, sehr viel - etwa Gedankensequenzen wie diese, die seine autosuggestive, grotesk überspannte, nie unkomische Liebesekstase illustrieren: "Sobald Ulrike sein ist, wird er den Weltfrieden stiften ... Wer die Welt retten will, muss ihm Ulrike geben. Wenn er etwas berührt, blüht es...Plato hat, weil er das Schöne verloren hat, die Erinnerung erfunden. Ich werde die Erinnerung verlieren, weil ich das Schöne gefunden habe."

Es gelingen ihm aber auch bezeichnende Aussparungen, etwa die Art betreffend, in der Ulrike-Lotte mit Werther-Goethe tanzt. Über den eigentlichen Tanz erfahren wir rein nichts. Und das ist gut so. Wäre dies ausgeführt, das Kitschmoment hätte bedenklich überhand genommen. So hält der Erzähler den Gefühlskitsch im Zaume, nein, er vermag mit ihm zu spielen, ihn vorzuführen. Und das glückt dem Erzähler in diesem Kapitel bis zuletzt. Der Schlusswendung möchte man applaudieren. Sie gilt dem wieder einsamen Goethe nach dem Ball, ernüchtert, vom Schmerz der Fall-Werther-Wunden um den Schlaf gebracht: "Der von Stirn und Nase ausstrahlende Schmerz wurde zu einem Schmerzhelm, der fest auf seinem Kopf saß und die ganze Nacht garantierte, dass das Pathos ihn nicht verließ." Diese Verbindung von Betroffenheit, gewitzter Wortbildung ("Schmerzhelm") und ironischer Distanzierung seitens des Erzählers verrät den bedeutenden Autor.

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14.03.2008 | 12:14 Uhr
Friedrich Paff schreibt: Wo Sprache fehlt

Ob eine neue Liebe sich darin beglückt, in alte Romanfiguren, Vorlagen und Rollen schlüpfen zu wollen, sich darin nur zu verkleiden? Aus einem Hallali ein Hallala zu machen, nur damit es sich auf Ophelia reimt? Die Beschreibung einer Liebe gelingt Walser da am meisten, so denke ich, wo er alte Gefühlsvorstellungen und Rollen durchbricht, eingesteht, wo Sprache noch fehlt, neue Horizonte, Tiefen auch in sich selber zulässt und findet, beglückend schmerzhaft zugleich.



14.03.2008 | 08:24 Uhr

H. Neuer: Klopstock!

Walsers Kostümball ist wunderbar, aber im Vergleich zu der Original-Szene mit Lotte und Werther gibt sie - typisch Walser - ein bisschen zu viel. Dort reicht ein "Klopstock!" - hier wird doch ein bisschen arg räsoniert. Beide Male zeigt sich jedoch die verbindende Kraft der Literatur. Schön.

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13.03.2008 | 11:03 Uhr

Stephanie Reyntjes: Vom Gärtner, der auch tanzen mag

Ist es dem Germanisten und Dichter und Goethe-Inszenator Martin Walser möglich, zu überprüfen, ob diese zwei Ströphchen die Variante von Wielands Eroticon sind, die der Gernaufrichter murmelte, als Ottilie ihm anmerkte: "Dein erzwungenes Dichaufrichten wirkt nicht angenehm…" – und er sich, die Stirn wischend, fragte, welche herzklopfende Bemerkung sie, die gern antwortende Ulrike, hätte machen können oder mögen; als "still getanzte Post des Gärtners" auf dem "Ball der Herzen":

Dein Höfle, still vom Busch umhegt,
Das jeden Monat Rosen trägt,
Das gern den Gärtner sieht und grießt,
Der es bestaunt und es beniest,
Es lebe hoch!

Und ich als Tänzer, hehr und wohl begeigt,
Der auf Schritt und Tritt vor dir sich neigt,
Der immer tänzelt, immer liebt,
Bis er erhört - bis sie besiegt.
Er lebe hoch.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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