Ist’s Kitsch, ist’s Kunst? Bei welcher Liebesszene in der Literatur (oder großen Oper oder auf schmachtenden Gemälden) stellt sich diese Frage nicht? Walser lässt Goethe als Werther und Ulrike als Lotte auftreten beim königlich-württembergischen Kostümball in Marienbad. Beide kamen sie unabhängig voneinander auf diese Idee, die vielleicht für Ulrike etwas näher lag als für Goethe, der ja bekannt dafür war, dass er seinen "Werther" lieber floh als verkörperte.
Und doch hat Walser auch hier Goethe auf seiner Seite, denn bekanntlich erinnerte der Dichterfürst in der die "Marienbader Elegie" aufrundenden "Trilogie der Leidenschaft" eben auch wieder des armen Werthers.
Walsers Goethe steht der Sinn danach, "verwechselt" zu werden. Als Schmetterling will er, der Verwandlungskünstler, liebesbeschwingt in diesem Kapitel erscheinen, als "glühende Lupine". Warum also nicht auch als sein eigener Werther. Freilich, wer zu viele Rollen spielt, kann sich leicht selbst aus dem Blick verlieren. Aufschlussreich wäre gewesen, wenn Walsers Goethe im Werther-Gewand unverhofft auf einen Spiegel gestoßen wäre ... Aber dafür geschieht ja sonst so manches. Walsers Goethe redet sich in eine Art Liebesekstase, allein, vor dem Ball. Er gesteht sich selbst, wobei es ihm eigentlich zu gehen scheint, um einen Roman nämlich, den er unter dem Titel "Ein liebender Mann" schreiben will. Er liebt also um zu schreiben. Und zwar über das Lieben.
Was noch geschieht? Der Ball findet statt, jeder führt seine Rolle auf, Werther und Lotte gehen nach draußen, um regengereinigte Abendluft zu atmen. Goethe gleitet auf feuchtem Grund aus, taumelt, rudert hilflos mit den Armen, fängt sich nicht, stürzt und verletzt sich, aber geschickt, so geschickt, dass selbst die kleine Verletzung an Stirn und Nase später bei der Kür der Paare als Teil seines Werther-Kostüms wahrgenommen wird: die Schussverletzung des auferstandenen Werther, sein Wundmal. Diese Pointe ist schlicht grandios. Auch die Art, in der Walser, pardon, der Erzähler, die Kuss-Szene zwischen dem verletztem Werther-Goethe und seiner unbeholfen besorgten Lotte-Ulrike schildert, dezent erotisch und doch Traumeslängen weit entfernt von jener gewollten Liebesekstase zu Anfang des Kapitels. Diese Kuss-Szene gehört in der Tat zum Subtilsten, was wir von Walser an Berührungsprosa kennen. Altertümelnd möchte man sentenzieren: In solchem Kusse sieht der Mund,/woran das Aug’ erblindet wär’.
So ganz nebenbei übrigens montiert Walser eine für ihn typische Handbewegung in den Text und schreibt sie Goethe zu: "Er wischte mit der Hand quer durch die Luft, um ihren Blick zu zerstreuen."
Walser gelingt in diesem Kapitel viel, sehr viel - etwa Gedankensequenzen wie diese, die seine autosuggestive, grotesk überspannte, nie unkomische Liebesekstase illustrieren: "Sobald Ulrike sein ist, wird er den Weltfrieden stiften ... Wer die Welt retten will, muss ihm Ulrike geben. Wenn er etwas berührt, blüht es...Plato hat, weil er das Schöne verloren hat, die Erinnerung erfunden. Ich werde die Erinnerung verlieren, weil ich das Schöne gefunden habe."
Es gelingen ihm aber auch bezeichnende Aussparungen, etwa die Art betreffend, in der Ulrike-Lotte mit Werther-Goethe tanzt. Über den eigentlichen Tanz erfahren wir rein nichts. Und das ist gut so. Wäre dies ausgeführt, das Kitschmoment hätte bedenklich überhand genommen. So hält der Erzähler den Gefühlskitsch im Zaume, nein, er vermag mit ihm zu spielen, ihn vorzuführen. Und das glückt dem Erzähler in diesem Kapitel bis zuletzt. Der Schlusswendung möchte man applaudieren. Sie gilt dem wieder einsamen Goethe nach dem Ball, ernüchtert, vom Schmerz der Fall-Werther-Wunden um den Schlaf gebracht: "Der von Stirn und Nase ausstrahlende Schmerz wurde zu einem Schmerzhelm, der fest auf seinem Kopf saß und die ganze Nacht garantierte, dass das Pathos ihn nicht verließ." Diese Verbindung von Betroffenheit, gewitzter Wortbildung ("Schmerzhelm") und ironischer Distanzierung seitens des Erzählers verrät den bedeutenden Autor.