Auch ich, über die SALVE-Schwelle gehend, von Hypnos und Thanatos (oder sind es Orest und Pylades) mehr beschattet denn beäugt, auch ich im Gelben Saal am Frauenplan, im Urbino Zimmer, an seinem Arbeitstisch, den Sammlungen nahe, in Christianes wie verschoben wirkenden beiden Wohnräumen, auch ich im Garten, wo alles so maßvoll gedeiht. Goethe wirkt gegenwärtig, scheint verfügbar und entrückt in unheimliche, weite Fernen.
Zu viel wissen wir von ihm; und doch ist zu wenig von ihm in uns. Mit Goethe durch das Jahr, Ein Tag aus Goethes Leben, Mein Gott Goethe – Titel, die suggerieren, dass er doch irgendwie einer von uns war, der manische Sammler und Ginkgo-Apostel, der aufgeklärte Staatsminister, der auch dunklen Machenschaften nicht abhold gewesen sein soll, der große Liebende mit neurotischen Zügen, eine Lichtgestalt auf dem Weg zu den dunklen Urgründen des Daseins, der Wissenschaftler, der das Hinterschreiten Newtons für einen Fortschritt hielt.
Wo Goethe mir zuerst begegnete? Im Briefmarkenalbum meiner Mutter, in dem ich als Kind auch der seltsam knisternenden Pergamentzwischenblätter wegen gerne ‚las’. Das Album enthielt viele Marken des Goethe-Jahres 1949, in dem sich, wie ich später lernte, gleich zwei deutsche Staaten gründeten, einer davon mit der andere ohne Gänsefüsschen. "Fühlst du nicht an meinen Liedern,/Dass ich eins und doppelt bin?" So der Anfang und das Ende vom deutschen Lied, enthalten im "Buch Suleika" des lyrischen Wunderwerks, West-Östlicher Divan.
Wie ich Goethe sehe? Als Tasso im Glaskäfig à la Claus Peymannscher Bochum-Inszenierung anno 1980? Als Martin Walsers "liebenden Mann", dessen Unbeholfenheit Mitleid schindet? Oder als einen geradezu ungeheueren Anspruch, dem man sich nur phasenweise stellen mag? Ja, ich sehe ihn als das Inkommensurable schlechthin, auch wenn wir ihn noch so biografisch, werkanalytisch oder psychologisch mit dem Allzumenschlichen vermengen wollen.
Schon zu Lebzeiten veraltet schien er den einen; für bleibend wegweisend hielten ihn die anderen. Goethe als Ikone, Schablone und Vorlage für Karikaturen: der erhabene und ridiküle Goethe, als Lieferant geflügelter Worte immer in aller Munde, ein Kulturdenkmal, das nicht zu einem ‚steinernen Gast’ zu werden drohte und doch auch ein Dichter, dem man nicht verzieh, dass er Napoleon verehrte, lieber in Weimar residierte als in Berlin und nicht anders konnte, als jene um ihn zu einem peinlichen Epigonentum zu verurteilen.
Unsere Zeit versucht sich im schulterklopfenden Umgang mit ihm. Was sich nicht begreifen lässt, muss betascht werden und sei es in Form eines Goethe-Souvenirs. Der nivellierte Goethe. Goethe für Jedermann, gerade auch als Lebenshilfe für sogenannte "Gestresste". Mit einem Wort von Goethe gesteht jede Lippe ihre Nöte. Vermutlich kommt nach dieser Tendenz wieder eine, die einen neuen Sinn für das Distanzierende und so ganz Andere in Goethe entwickelt. Das ist, zugegeben, eher ‚mein’ Goethe, der Liebende, der sich an seinen Gefühlen für Frau von Stein abarbeitete, um in Rom eine Faustina küssen zu können; der einige der bedeutendsten Liebesdichtungen in deutscher Sprache schuf und es seiner Christiane nicht verübelte, dass sie nicht alle poetischen Wendungen verstand. ‚Mein’ Goethe ist jener Dichter, der unbegreiflich Vieles für die deutsche Sprache bewirkt und in ihr Staunenswertestes geschaffen hat. Das Weltliterarische, es atmet in allen seinen großen Dichtungen (wenn auch nicht in jedem seiner Singspiele oder Gelegenheitsverse). Wenn man an sich und der Welt (immer in dieser Reihenfolge) zu verzweifeln droht, dann kann ein par cœur präsentes Goethe-Wort (wie ein paar Takte wirklicher Musik) weiterhelfen.
Ob Walsers Roman mein Bild von Goethe verändert hat? Nein, das nun doch nicht. Er, Goethe, der immer Andere, überrascht eben beständig. Vielleicht war ja auch Walser überrascht von dem, was Goethe noch heute so alles mit sich machen lässt.