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Montag, 17. März 2008

Forum:

Wie sieht Ihr Goethe-Bild aus?

Martin Walser zeigt uns in seinem neuen Roman einen verliebten, verzweifelten Goethe mit dem Mut zur Lächerlichkeit. Wie sieht Ihr persönliches Goethe-Bild aus? Sehen Sie eher den jungen oder den alten Goethe vor sich? Welche Bücher, Filme und andere Darstellungen haben Ihr Bild geprägt? - Und hat sich dieses durch die Lektüre des "Liebenden Mannes" verändert?

Beiträge

20.03.2008 | 07:18 Uhr

Werner Frizen: "Du sollst dir kein Bildnis machen"

Ist "Ein liebender Mann" überhaupt ein Goethe-Roman? Nimmt man den Titel beim Wort, handelt es sich offensichtlich nicht um einen Goethe-, sondern um einen Liebesroman. Nicht ohne Grund wird Walser weder den Namen Goethe noch irgendeinen Hinweis auf das gesamte Marienbader Szenario in den Titel aufgenommen haben.

Statt dessen wählt er mit dem liebenden Mann ein nurzumenschliches Appellativ. Mit dieser Gattungsbezeichnung verschwindet aber Goethe hinter einem Typus, der alle liebenden Männer zur Identifikation einlädt, vornehmlich die, die eine wiederholte Pubertät erleben. Dasselbe gilt für Ulrike. Walsers Goethe sieht eben "Helenen in jedem Weibe" oder umgekehrt: "in jedem Mädchen, in jeder Frau" sieht und verehrt er Ulrike (S. 195).

Walsers liebender Mann heißt nicht Goethe, sondern Werther. Deshalb die aufgesetzte Werther-Maskerade im Zentrum des Romans, deshalb das peinliche Spiel mit der blassroten Schleife, deshalb der monologische Briefroman im dritten Teil. Und hinter der Maske steckt nicht Goethe, sondern Walser.

Das alles ergibt einen hoch empfindsamen Roman, den Roman einer neuen Empfindsamkeit, aber keinen Goethe-Roman. (Beiseite gesprochen und schon mit der Bitte um Vergebung formuliert: weshalb sich Frau Heidenreich gar nicht wundern braucht, das vor allem Rezensentinnen entzückt sind).
Der Walser-Leser wird deshalb kaum dazu neigen, sein Goethe-Bild zu revidieren, vielleicht aber doch sein Walser-Bild zu bereichern.

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19.03.2008 | 14:38 Uhr

Terence James Reed: Goethe bleibt mein!

Unwahrscheinlich, dass das Goethebild, das man sich über die Jahre gemacht hat, durch einen Roman verändert werden könnte, schon gar nicht durch einen, der eine einzelne späte Episode herausgreift. Lässt man sich auf das imaginative Spiel mit Episoden und Dokumenten eines Künstlerlebens ein, hütet man sich, selbst das plausibel Scheinende für bare Münze zu nehmen.

Bekanntlich waren jene treffenden Goetheworte, die der englische Ankläger bei den Nürnberger Prozessen aus Thomas Manns "Lotte in Weimar" zitierte, Erfindungen Thomas Manns, so sehr sie, wie er sich aus der Verlegenheit zu helfen versuchte, "aus Goethes Geist" sein mochten. So dicht mit Echtem besät Manns Goethe-Roman ist, er enthält im Grunde das Bild des umständlich verkleideten Verfassers: Selbstanklage wegen der Behandlung der Opfer und Handlanger eines schöpferischen Menschen, dieser in seiner Flamme verbrannten Schmetterlinge, letztlich dennoch seine eigene Rechtfertigung, weil auch er, die Kerze, die sie verbrennt, verbrennt. Nicht etwa eine "unio mystica" mit Goethe, wie Mann in unbescheidenen Momenten gesagt hat, eher eine Vereinnahmung, die allenfalls Sachverhalte des Künstlerlebens schlechthin formulieren mag.

Ein Roman kann allerdings dem dokumentarisch Bekannten Leben einflößen, wissenschaftlich erarbeitete Materialien zusammenknüpfen, den Menschen und seinen schöpferischen Haushalt einfühlsam von innen schauen. Beim Versuch, über Hölderlin zu schreiben, war mir Peter Härtlings biographischer Roman eine große Hilfe, er hat die in Adolf Becks Dokumentenband der Stuttgarter Ausgabe enthaltenen Zeugnisse zum organischen Ganzen gemacht.

Mein Goethebild übrigens schaut mich aus dem Lips-Porträt selbstsicher-direkt an: weder der junge noch der alte, sondern der schon reife, erfahrene Mensch, Autor der "Römischen Elegien", der sich als Sohn der Aufklärung dichterisch, wissenschaftlich und philosophisch zum Diesseits bekennt und dessen Sinn auch kräftig zum Ausdruck bringt:

Sage, wie lebst du? Ich lebe! Und wären hundert und hundert
Jahre dem Menschen gegönnt, wünscht’ ich mir morgen wie heut.

Welche Bücher mein Goethebild geprägt haben? Nun Goethes, wessen denn sonst?

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19.03.2008 | 09:44 Uhr

Stephanie Reyntjes: Ein Kardinal, der einzige literarisch gebildete... - "schrieb" an Goethe:

Kardinal Albino Luciani an Goethe. Dezember 1971:
... Einen anderen Gedanken von Euch kann ich nicht teilen: Ein Genie sei nahezu ein Halbgott. Also ein Star, der über der allgemeinen Moral steht. Ihr habt diesen Gedanken besonders zu der Zeit ausgedrückt, als Ihr mit Frau von Stein Spinoza studiertet und Gott im All suchtet. Ihr glaubtet, wenn der intelligente Mensch sich mit Hilfe der Kultur immer mehr erhebe, könne er Stück für Stück von Gott aufgesogen werden, sich mit ihm verbinden und so Herr über sich selbst sein.

Heutzutage teilen nicht wenige Menschen diese Idee, zumindest in der Praxis. Leider! Die hohe Bestimmung und die enormen Möglichkeiten des Menschen gelten aber für jeden Menschen, auch für den armen, den unwissenden und leidenden...
Noch einmal: Noblesse oblige! Adel verpflichtet!
*
Johannes Paul I.: Ihr ergebener Albino Luciani. 1985. Dtv 1594. S. 46ff.
Von solchem allgemeinen Interesse ist Walsers Old-Goethe ipsatorisch entfernt. So wird er goutiert...

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20.03.2008 | 10:44 Uhr
Herold Binsack schreibt: "Hohe Bestimmung" und Horrorvision

"Heutzutage teilen nicht wenige Menschen diese Idee, zumindest in der Praxis. Leider! Die hohe Bestimmung und die enormen Möglichkeiten des Menschen gelten aber für jeden Menschen…" In der Tat, diese Ihre Befürchtung ist all zu wahr, und die Mittel liegen schon vor.

Sie denken, sie können - mit Neuroprothesen beginnend - eine neue Rasse schaffen, eine, die sich endgültig von dem schnöden Rest abtrennt, welcher im besten Falle nur noch Lieferant für Genmaterial sein wird. Literatur ist dafür da, die "hohe Bestimmung des Menschen" unter die Menschen zu bringen, denn nur so werden die "enormen Möglichkeiten" vielleicht mal Wirklichkeit und jener Horror bleibt nur eine kranke Vision, denn da wäre noch Hölderlins Hoffnung, dass das Buch zu leben beginnt.



19.03.2008 | 01:19 Uhr

Rüdiger Görner: Blicke auf Goethe

Auch ich, über die SALVE-Schwelle gehend, von Hypnos und Thanatos (oder sind es Orest und Pylades) mehr beschattet denn beäugt, auch ich im Gelben Saal am Frauenplan, im Urbino Zimmer, an seinem Arbeitstisch, den Sammlungen nahe, in Christianes wie verschoben wirkenden beiden Wohnräumen, auch ich im Garten, wo alles so maßvoll gedeiht. Goethe wirkt gegenwärtig, scheint verfügbar und entrückt in unheimliche, weite Fernen.

Zu viel wissen wir von ihm; und doch ist zu wenig von ihm in uns. Mit Goethe durch das Jahr, Ein Tag aus Goethes Leben, Mein Gott Goethe – Titel, die suggerieren, dass er doch irgendwie einer von uns war, der manische Sammler und Ginkgo-Apostel, der aufgeklärte Staatsminister, der auch dunklen Machenschaften nicht abhold gewesen sein soll, der große Liebende mit neurotischen Zügen, eine Lichtgestalt auf dem Weg zu den dunklen Urgründen des Daseins, der Wissenschaftler, der das Hinterschreiten Newtons für einen Fortschritt hielt.

Wo Goethe mir zuerst begegnete? Im Briefmarkenalbum meiner Mutter, in dem ich als Kind auch der seltsam knisternenden Pergamentzwischenblätter wegen gerne ‚las’. Das Album enthielt viele Marken des Goethe-Jahres 1949, in dem sich, wie ich später lernte, gleich zwei deutsche Staaten gründeten, einer davon mit der andere ohne Gänsefüsschen. "Fühlst du nicht an meinen Liedern,/Dass ich eins und doppelt bin?" So der Anfang und das Ende vom deutschen Lied, enthalten im "Buch Suleika" des lyrischen Wunderwerks, West-Östlicher Divan.

Wie ich Goethe sehe? Als Tasso im Glaskäfig à la Claus Peymannscher Bochum-Inszenierung anno 1980? Als Martin Walsers "liebenden Mann", dessen Unbeholfenheit Mitleid schindet? Oder als einen geradezu ungeheueren Anspruch, dem man sich nur phasenweise stellen mag? Ja, ich sehe ihn als das Inkommensurable schlechthin, auch wenn wir ihn noch so biografisch, werkanalytisch oder psychologisch mit dem Allzumenschlichen vermengen wollen.

Schon zu Lebzeiten veraltet schien er den einen; für bleibend wegweisend hielten ihn die anderen. Goethe als Ikone, Schablone und Vorlage für Karikaturen: der erhabene und ridiküle Goethe, als Lieferant geflügelter Worte immer in aller Munde, ein Kulturdenkmal, das nicht zu einem ‚steinernen Gast’ zu werden drohte und doch auch ein Dichter, dem man nicht verzieh, dass er Napoleon verehrte, lieber in Weimar residierte als in Berlin und nicht anders konnte, als jene um ihn zu einem peinlichen Epigonentum zu verurteilen.

Unsere Zeit versucht sich im schulterklopfenden Umgang mit ihm. Was sich nicht begreifen lässt, muss betascht werden und sei es in Form eines Goethe-Souvenirs. Der nivellierte Goethe. Goethe für Jedermann, gerade auch als Lebenshilfe für sogenannte "Gestresste". Mit einem Wort von Goethe gesteht jede Lippe ihre Nöte. Vermutlich kommt nach dieser Tendenz wieder eine, die einen neuen Sinn für das Distanzierende und so ganz Andere in Goethe entwickelt. Das ist, zugegeben, eher ‚mein’ Goethe, der Liebende, der sich an seinen Gefühlen für Frau von Stein abarbeitete, um in Rom eine Faustina küssen zu können; der einige der bedeutendsten Liebesdichtungen in deutscher Sprache schuf und es seiner Christiane nicht verübelte, dass sie nicht alle poetischen Wendungen verstand. ‚Mein’ Goethe ist jener Dichter, der unbegreiflich Vieles für die deutsche Sprache bewirkt und in ihr Staunenswertestes geschaffen hat. Das Weltliterarische, es atmet in allen seinen großen Dichtungen (wenn auch nicht in jedem seiner Singspiele oder Gelegenheitsverse). Wenn man an sich und der Welt (immer in dieser Reihenfolge) zu verzweifeln droht, dann kann ein par cœur präsentes Goethe-Wort (wie ein paar Takte wirklicher Musik) weiterhelfen.

Ob Walsers Roman mein Bild von Goethe verändert hat? Nein, das nun doch nicht. Er, Goethe, der immer Andere, überrascht eben beständig. Vielleicht war ja auch Walser überrascht von dem, was Goethe noch heute so alles mit sich machen lässt.

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18.03.2008 | 22:53 Uhr

Wolf Doleys: Entzauberung

Ein Siebzigjähriger verliebt sich in einen Backfisch. Na ja. Der Mann hat schon andere Albernheiten hinter sich: den "Werther" zum Beispiel, die Farbenlehre ... Aber die Lyrik, zum größeren Teil, der "Wilhelm Meister", die "Gespräche mit Eckermann", die XENIEN und vor allem und über sehr vielem natürlich der FAUST geben ihm trotzdem ganz großen Rang.-

An Eitelkeit kann es M. Walser mit G. aufnehmen, und er ist durchaus ein glänzender Formulierer – aber wie albern, sich die Albernheit eines Altvorderen zum Thema zu machen im Dienste eigener Albernheit – das hat etwas Peinliches, zumal es im Lande, in Europa und sogar global so einiges gibt, das des Schweißes auch der thematisch Enggeführten wert wäre.
Schade, so entzaubern sich die glänzenden Gestalten, "die früh sich einst dem Blick gezeigt."

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28.03.2008 | 10:45 Uhr
Gunhild Simon schreibt: Backfischliebe

Ein Siebzigjähriger verliebt sich in einen Backfisch ...
Man fragt sich, wer von beiden ist der Backfisch.
Ulrike, die Sachliche, die Souveräne, im Vollbesitz ihrer unverbogenen Ausstrahlung, der durch Herkunft, Bildung, Schönheit und Jugend alle Wege noch offen stehen. Oder der greise Geheimrat, der sich sich voller Wehmut der Ungleichzeitigkeit einer potentiellen Füreinander-Bestimmtheit, der tragischen Letztmaligkeit großer Gefühle bewusst wird.

Wer also ist der Backfisch? Wer erliegt nicht dem Strom?
Nur alte Lächsinnen, im Angesicht ihrer letzten Bestimmung schwimmen stromaufwärts.
Ein Backfisch ist ein ein Fischlein, das vom Fischer wegen seiner Unergiebigkeit zurück -"back" - ins Wasser geworfen wird.



18.03.2008 | 17:58 Uhr

Manfred Osten: Goethe der Entschleuniger

Für mich hat Martin Walser mein Goethe-Bild um eine literarisch überzeugend gestaltete Tiefendimension bereichert. Die Rede ist von jenem geheim-offenbaren Zentrum seines Romans, das den Leser mit der vielleicht abgründigsten Formel der Moderne konfrontiert, dem "Veloziferischen".

Es ist Goethes geniale Verschränkung von "velocitas", der Eile, und "Luzifer", dem Teufel, sprich Mephisto, als dem Herrscher über die selbstzerstörerische Ungeduld des Menschen. Jene Ungeduld, die nach einem Wort Kafkas den Menschen aus dem Paradies vertrieb und ihn immer weiter davon entfernt.

Walser gelingt das poetische Wunder, die Pforten des Paradieses für einen "Augenblick der Liebe" wieder zu öffnen. Er weiß, dass Goethe diese Chiffre 1825 bewusst sekretiert hatte im Postskriptum zum Brief an seinen Großneffen Nicolovius. In diesem Postskriptum ist die Rede vom "größten Unheil unserer Zeit, die nichts reif werden lässt". Und es ist dieses "größte Unheil", das Goethe hier als "alles veloziferisch" bezeichnet.

Es ist ein paradox-faszinierender Einfall, dass Walser im Roman ausgerechnet die zarteste Liebeserklärung mit diesem Wort verbindet: Es ist Ulrike, die das Veloziferische, diese Wortschöpfung Goethes, liebt und dies Goethe gesteht. Sie offenbart Goethe auf diese Weise ihre Zuneigung. Und Goethe selber erscheint Ulrike in diesem Augenblick wie das Glücksversprechen einer Gegenwelt des Veloziferischen. Denn sie hat ihn soeben am eigenen Leibe erfahren, den gewaltsamen Geist des Veloziferischen in Gestalt des brachial-rücksichtslosen Liebhabers De Ror: Er ist für Ulrike der "Vornamenlose", der "schnelle Mensch". Goethe erscheint bei Walser in diesem Moment als der Garant eines nicht-veloziferischen Liebeskosmos, als der entschleunigte, nicht von Mephisto zur schnellen Liebe verführbare Faust. "Sie sind willkommen," sagt daher Walsers Goethe zu Ulrike. Und sie antwortet ihm: "Also gerettet." Und sie ist die Gerettete, über die Goethe im Roman nach dem Kuss "ohne Willensbeteiligung" denn auch bemerkt, "dass sie die Augen geschlossen hatte, das war die innigst schönste Antwort auf das Leidenschaftstheater des Vornamenlosen De Ror)". Und Walser offenbart: "Vielleicht wären Ulrike und er einander ohne dieses Brachialtheater gar nicht so nahe gekommen."

Walsers Roman löst an dieser Stelle die Ewigkeit eines Augenblicks ein, von der es in Goethes "Elegie" heißt: "So warst du denn im Paradies empfangen,/ Als wärst du wert des ewig schönen Lebens." Es ist der nicht-veloziferische Augenblick, der alles "reifen lässt" jenseits des "größten Unheils unserer Zeit". Walser verspricht dem Leser diesen Augenblick im Namen Goethes als ein Glücksversprechen, dessen wahre Bedeutung man begreift, wenn man gleichzeitig mitliest, was Nietzsche in der Nachfolge des Veloziferischen bei Goethe der Moderne prophezeit hat (in "Menschliches Allzumenschliches"): "Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus."

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21.03.2008 | 10:33 Uhr
Thomas Anz schreibt: Kleine Korrektur: de Ror und seine Namen

"Namenlos" ist de Ror natürlich nicht, nur "vornamenlos", insofern er (wie Ulrike und wie der Roman) seinen Vornamen nicht verrät. In seiner Eifersuchtsphantasie erfindet Walsers Goethe später für ihn die sprechenden Vornamen "Don Juan" und "Adam".


20.03.2008 | 23:47 Uhr
Thomas Anz schreibt: Walsers Herr de Ror, Mephisto und die Moderne

Vielen Dank für das schöne Interpretationsangebot! Es hat einen Teil des Rätsels gelöst, das mir Walsers Figur des namenlosen de Ror aufgegeben hat. Dass dieser "veloziferische Kerl" (Walser) eine Mephisto-Figur ist, dafür habe ich beim zweiten Lesen viele weitere Hinweise gefunden. Dazu gehört, dass zu den Verführungskünsten de Rors wie bei Mephisto im "Faust" das Verschenken von Schmuck gehört.

Volker Hages Kritik im "Spiegel" an Walsers Erfindung der Figur wird damit hinfällig. Sie ist vielmehr ein weiteres Zeichen für die Artifizialität des Romans, die auch einer dritten Lektüre manche Entdeckungen verspricht. Bleibt noch die Namensgebung "de Ror" zu enträtseln...

In Walsers Roman erfindet Goethe das Wort "veloziferisch" übrigens bei der "Jungfernfahrt" der neuen, wunderbar leichten und schnellen, aber riskanten Kutsche, die "ihn und seine Schwiegertochter fast zu nahe zusammengebracht" hat. Die Dynamik der Moderne hatte wohl auch für den realen Goethe durchaus ihre Reize.



18.03.2008 | 12:34 Uhr

Eckart Haerter: Mein Mephisto

Mein Goethebild - das war am Anfang meine Mutter, die den Erlkönig mit hinreißender schauspielerischer Begabung zu rezitieren wusste. Und um den kleinen Jungen nicht zu sehr zu ängstigen, erfand sie am Schluss ein Happy End: in seinen Armen das Kind war "froh". (Heute wird z. T. auf Schulen der Erlkönig als Rap gebäbbelt).

Später lief ich beim Betreten meines Gymnasiums auf eine deckenhohe Wandbeschriftung zu: "Was du ererbt von deinen Vätern hast...". Guter alter Zeigefinger.
Egmont hat mich als Dreinzehnjährigen erschüttert. Werther ("des Champagners wurde nicht geschont"), Wahlverwandschaften habe ich später freiwillig gelesen. Faust I immer wieder. Für Faust II hätte ich der 1000-seitigen Erläuterung von Schöne bedurft. Der Totentanz ist seit Jahrzehnten mein Lieblingsgedicht. Trotzdem ist mir Goethe immer kühl entrückt geblieben, im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen Beethoven, mit dem ich täglich zusammen bin.

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18.03.2008 | 07:33 Uhr

Thomas Anz: Der politische Goethe

Walsers und das eigene Goethe-Bild: ein weites, hier vielleicht doch zu weites Feld. Daher nur Bemerkungen zu einem Aspekt, der in Walsers Liebesroman nur beiläufig und in der Diskussion über den Roman noch gar nicht zur Sprache kommt: der politische Goethe – und damit auch der politische Walser.

In dem Roman muss Goethe sich, als ihm von der "entsetzlichen Hungersnot im Erzgebirge" erzählt wird, zu einem teilnahmsvollen Gesicht zwingen. Als er in der Kutsche die Nachricht von einer Brandkatastrophe erhält, ist er nicht um Menschen, sondern um seine "Mineralien-Kisten" und um die "Kreuzbrunnen-Flaschen" in der vorausgeschickten Lastfuhre besorgt. Und über die Französische Revolution lässt Walser seinen Goethe Folgendes denken: "Dann diese törichte Revolution mit ihren Beglückungsphrasen, die nur die Phrasenmacher selbst beglückten, die Menschen aber auf Hoffnungswege schickte, die ins Unglück führten …"

Da ist mir ein anderer Goethe doch etwas lieber. Gewiss, ein Freund der Französischen Revolution war er nicht. Er war über sie entsetzt. "Ebensowenig aber", so hat der alte Goethe im Januar 1824 nach Eckermanns durchaus glaubhaftem Bericht rückblickend bekundet, "war ich ein Freund herrischer Willkür. Auch war ich vollkommen überzeugt, daß irgendeine große Revolution nie Schuld des Volkes ist, sondern der Regierung. Revolutionen sind ganz unmöglich, sobald die Regierungen fortwährend gerecht und fortwährend wach sind, so daß sie ihnen durch zeitgemäße Verbesserungen entgegenkommen und sich nicht so lange sträuben, bis das Notwendige von unten her erzwungen wird."

Von diesem Goethe, von dem Gegner des ancien régime, findet sich bei Walser keine Spur. Warum nur? Oder habe ich sie übersehen?

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27.03.2008 | 17:08 Uhr
Helmut Hofmann schreibt: Zu: Goethebild bei Walser

Goethe zum "Gegner des ancien régime" zu machen, das ist, bei allem Respekt, sehr geehrter Herr Anz, schon ein starkes Stück. Das Zitat, das Sie anführen, ist ein klassischer Fall von systemimmanenter Kritik. Goethe war natürlich ein Kritiker der Fürstenherrschaft, und es gab aus diesem Grund auch immer wieder kleinere Reibereien mit Carl August.

Vor allem fürstliche Willkür und Verschwendung waren ihm ein Stein des Anstoßes. Aber das System der fürstlichen Leitung eines Staates grundsätzlich in Frage zu stellen, das wäre ihm im Traum nicht in den Sinn gekommen.
Walser sieht Goethe in diesem Fall durchaus richtig. Die Französische Revolution (und ihr langsames Näherrücken, s. Mainz!) versetzte ihn fast in Panik.
Im übrigen ist es müßig, Walser ein einseitiges Goethebild vorzuhalten. Es geht ihm um die Probleme eines liebenden alten Mannes, wie er sie sieht und empfindet. Der Goethe der Marienbader Elegie kam ihm da gerade recht.



17.03.2008 | 14:54 Uhr

Wolfgang Frühwald: Mein neues Walser-Bild

Mein Goethebild hat sich durch Martin Walsers Roman nicht verändert - aber mein Walserbild. Denn dieser Roman ist für mich mehr ein Walser-Roman als ein Goethe-Roman, so wie Thomas Manns "Lotte in Weimar" (1939) auch mehr ein Roman über Thomas Manns Befindlichkeit in den ersten Jahren des Exils gewesen ist, als ein Goethe-Roman.

Denn - nach Heinrich Manns Behauptung - hätte das nationalsozialistische Deutschland auch Goethe ins Exil getrieben, so dass dieser Goethe Thomas Manns ein Leitbild deutscher Literatur in der Verbannung geworden ist ...

Die tiefe Verzweiflung, die sich in der "Trilogie der Leidenschaft" ausdrückt und dort Form geworden ist, kann ein moderner Roman kaum erreichen. Schließlich hat - so jedenfalls meinte Bernd Witte - Goethe in dieser Trilogie sein Lebensmuster, das über Jahrzehnte hin entwickelte Modell seines Daseins, als Künstler und als Mensch widerrufen. Die Flucht über den Fluss Lethe in das Niemandsland der Poesie ist ihm zum ersten Mal in seinem Leben nicht mehr gelungen: "Mich treibt umher ein unbezwinglich Sehnen, / Da bleibt kein Rat als grenzenlose Tränen." Das ist mehr als die Sehnsucht nach einer jungen Frau, das ist die Sehnsucht nach Leben, nach Zukunft, nach Gemeinsamkeit, und all das ist jäh zerbrochen. Die Einsicht in diese Lebenskatastrophe hatte für Goethe auch somatische Folgen, den neuen Herzinfarkt.

Dass er sich dann nochmals (vielleicht ein letztes Mal) bis zum Fluss des Vergessens schleppen konnte, zeugt nur von der kaum vorstellbaren Lebenskraft dieses damals schon sehr alten Mannes. Martin Walser hat einen anderen Goethe gezeichnet, einen, der am Rande der Lächerlichkeit - und oftmals sogar in peinlich verliebten Handlungen - sich zum Gespött der Öffentlichkeit zu machen wagt.

Das ist Walsers Goethe, nicht mein Goethe, vielleicht (oder sogar sicher nicht) der Goethe des Jahres 1823. Anders als Thomas Mann, dessen Goethe immer auch Bild für das Schicksal des Dichters im Land von Barbaren war, ist Walsers Goethe Bild für das Altern und das Alter, für ein menschentypisches Schicksal.

Sein Roman ist eher ein Beleg für das von Gottfried Benn schon 1954 benannte Problem, für "Altern als Problem für Künstler". Und insofern uns nahe und durchaus modern. Ich habe in diesem Roman einen Walser der leisen Töne kennengelernt, einen Autor, der nahezu ohne Sexualität auskommt, der zart sein kann, der verletzlich ist, auch und gerade in der Schutzlosigkeit, der er als alter Mann mit jungen Gefühlen ausgesetzt ist. Nochmals - mein Goethebild hat sich nicht verändert, mein Bild von Martin Walser sehr.

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17.03.2008 | 13:14 Uhr

Christian Schärf: Ich brauche Goethe

Wer sich mit Goethe länger und öfter beschäftigt, wird nicht nur ein Bild von ihm haben, sondern mehrere. So vielfältig produktiv wie dieser Mensch gewesen ist, hat er auf den unterschiedlichsten Gebieten Bilder von sich erzeugt, die durch die Nachwelt weiter verändert und vervielfacht worden sind.

Durch diese Facetten hindurch zu einem einheitlichen Bild zurückzukommen, ist ja eigentlich unmöglich. Und doch ergibt sich aus der Vielfalt unweigerlich auch ein grundlegendes Bild, auf das man immer wieder zurückkommt und in dem der eigene, individuelle Goethe aufbewahrt ist. Dieses Bild nun ist bei mir von einer latenten Bewunderung geprägt, die leicht manifeste Züge annehmen kann. Was ich an Goethe generell bewundere, ist seine Fähigkeit aus sich selbst, aus seiner eigenen Schaffenskraft heraus das Leben immer wieder neu bejahen zu können. Das bleibt sein Kennzeichen bis ins hohe Alter, ja vielleicht bis zu seinem letzten Tag, und auch die leidenschaftlich empfundene Liebe des Dreiundsiebzigjährigen zu einer Neunzehnjährigen kann als ein Element dieses Phänomens verstanden werden.

Wie kaum ein anderer historischer Mensch zeigt Goethe, wie die Kunst mit der Liebe und dem Leben überhaupt in einem die Zustände des Körpers und der Seele steigernden Zusammenhang stehen können; er ist in meinen Augen der einzige, dem es gelungen ist, eine Heilslehre zu stiften, die nicht religiöser Natur ist, sondern aus dem Prozess des gelebten Lebens abgeleitet ist und auf diesen zurückführt. Man braucht keine Klassikerverehrung und keinen Olympierkult, um das nüchtern festzustellen. Als ich am vergangenen Donnerstag nach langer Zeit mal wieder in seinem Gartenhaus an der Ilm stand, wurde mir klar, wie sehr ich ihn brauche und wie dankbar ich ihm bin. Am meisten schätze ich ihn als Lyriker. Meine Begeisterung für seine Gedichte speist sich aus seiner genialischen Fähigkeit, Erlebnisse, Gefühle und Bilder sprachlich so zu verdichten, dass sie beim Leser oder Hörer unmittelbare Erschütterung erzeugen können, an die man sich erinnert. Goethe gehört zu den wenigen Lyrikern, deren Verse in mir immer wieder den Wunsch erzeugen, sie auswendig zu können.

Martin Walsers Roman kann an diesem Bild nicht viel ändern. Dennoch erscheint mir der zweite Teil des Buches, was das fiktive Bild Goethes angeht, weitaus gelungener als der erste. Walser hat es hier geschafft, den alten Goethe als eine Gestalt auftreten zu lassen, die leidet, hofft und verzweifelt und die ihr eigenes Bild in der Außenwelt permanent strategisch zu steuern versucht. Zudem gelingt es Walser, Goethe im Lichte dieser psychologischen Wahrscheinlichkeit auch als Dichter der "Elegie" nachvollziehbar werden zu lassen. Dennoch meine ich, dass Walsers Zeichnung der Gestalt Goethes insgesamt zu flach geraten ist, als dass es eine nachhaltige Wirkung auf mein Goethe-Bild haben wird. Die halbe Stunde im Gartenhaus hat da mehr bewirkt.

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18.03.2008 | 15:14 Uhr
Gudrun Baldus schreibt: Ein glücklicher Mann

Allein das Gartenhaus, das Geschenk des Bleibens in idyllischer Umgebung. Und dann die respektablen Gebäude am Frauenplan. Da hat sich ein gutes Leben entwickelt. Und keine Sorge umweht die Denkerstirn. Da kann man sich gut abarbeiten am Wahren, Schönen Guten.

Für mich ist Goethe ein genialer Dichter, der es schafft, Wahrheit, Wirklichkeit und Gefühl so wundervoll zu kleiden. Dafür braucht es bestimmt dieses Lebensglücks, alles Notwendige einfach so zu erhalten und keine Sorge zu verschwenden an den nächsten Tag.
In Walsers Roman ist das zu spüren. In äußerlichen Dingen unbesorgt, gewohnt zu dirigieren wie eine 15jährige Prinzessin, kann der alternde Mann ganz in seinem Gefühl aufgehen und seine Umgebung einzig dem Zweck unterordnen, seine Liebe zu befördern. Neidvoll schwärmend kann man das lesen.
Nein, mein Goethe-Bild hat sich nicht verändert. Wo bliebe die Tiefe - ohne die Glücklichen?


17.03.2008 | 19:41 Uhr
jana jäger schreibt: Ein lebender Mann

Goethe als einheitliches Bild - wie Sie es schon sagten: unmöglich. Bei mir geht`s sogar noch weiter. Ich habe nicht einmal annähernd ein Bild von dem guten alten Herrn. Nicht mal ansatzweise, geschweige denn einheitlich. Und auch Walsers Roman hat mir dabei nicht geholfen.

Es stellt sich natürlich die Frage: ist es überhaupt möglich und wünschenswert, sich von einem Menschen ein einheitliches Bild zu machen? Bei einem Lebendigen ist das schon schwierig genug. Bei einem verstorbenen Dichter, von dem man nur noch lesen kann, ist dieses Bild-en noch viel schwieriger. Goethe vermittelt sich uns nur noch durch die Schrift. Vergessen darf man allerdings nicht, dass Goethe auch ein Mensch war - nicht also "nur" Dichter. Und da finde ich Ihren Ansatz sehr hilfreich. Goethe als lebensbejahender Mann. Vielleicht hätte Walser seinen Roman auch anders nennen können, nämlich ein "Ein lebender Mann".



17.03.2008 | 10:40 Uhr

Friedemann Bedürftig: Anfangs mehr Lyrik, später mehr Faust

Mein Goethe-Bild lässt sich auf die Formel bringen: à la Friedenthal (Goethe. Sein Leben und seine Zeit, 1963). Sicher gibt es da Abweichungen in Details und auch in der Gewichtung. Und selbstverständlich ändert sich mit dem eigenen Altern der Zugang: anfangs mehr Lyrik, später mehr Faust.

Im Kern aber habe ich Friedenthals nüchtern-bewundernden Befunden fast immer folgen können, wenn ich mich mit den Werken und der Biographie Goethes näher beschäftigt habe. Deswegen habe ich bei Walser "meinen" Goethe auch nicht wiedererkannt. Gewiss, er hatte hypochondrische Züge – man denke nur an die Brillen-Phobie –, doch die im Roman über längere Strecken ausgebreitete Larmoyanz war ihm fremd.

In der Rubrik dieses Forums "Von Walser zu Goethe" hat Volker Weidermann vermutet, der Romanautor habe den eigenen Namen mittels "suchen und ersetzen" nach Abschluss der Arbeit am Text gegen den Goethes ausgetauscht. Schlage vor, den Vorgang rückgängig zu machen. Niemand käme dann bei der Lektüre auf die Idee, es könne hier um Goethe gehen.

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17.03.2008 | 10:25 Uhr

Henrike Hagedorn: Goethes Schriften!

Im Forum wird Martin Walsers Roman durchweg überschwänglich gelobt, nur hin und wieder werden auch kritische Töne laut. Wenn ich Lob und Tadel verteile, stelle ich mich über den Autor und die LiteraturwissenschaftlerInnen des Forums. Dieses möchte ich vermeiden.

Die Frage, ob sich mein Goethe-Bild durch die Lektüre des Romans verändert hat, beantworte ich klar: nein, in keiner Weise. Die von Walser erfundene Goethe-Gestalt geht an mir vorbei, und ich vermute, dass auch viele andere Menschen die Lektüre gern und schnell zur Seite legen werden.

In Goethes Schriften dagegen zu lesen, bringt Gewinn. Dort entdecke ich immer wieder Neues und Spannendes.

Kommentare

17.03.2008 | 23:10 Uhr
Henrike Hagedorn schreibt: An die Redaktion

Es ist ja nett von der Redaktion, die Auffassung von Herrn Haerter zu teilen. Aber von einem "rein-akademischen Austausch" im Forum habe ich nie gesprochen. Hier ist wohl etwas missverstanden worden.

Meine Antwort auf die Frage, ob mein Goethe-Bild sich durch die Lektüre des Romans verändert hat, habe ich gegeben.
Ich werde schärfer formulieren und im Klartext sprechen, sollte mich nochmals der Unmut über den Roman zu einem Beitrag bewegen.


17.03.2008 | 12:37 Uhr
Uwe Ebbinghaus schreibt: Anmerkung der Redaktion

Uwe EbbinghausDie Redaktion teilt die Auffassung Herrn Haerters. In unserem Forum soll es nicht um einen rein-akademischen Austausch gehen. Uns interessieren Ihre Einschätzungen und Urteile als Leser. Vor Kunst und Literatur sind sozusagen alle Leser gleich, zumal Urteile in diesen Bereichen sich wissenschaftlich nicht erschöpfend begründen lassen.


17.03.2008 | 12:29 Uhr
Eckart Haerter schreibt: Das Urteil der Leser

Ich stimme Ihnen nicht zu, dass Sie sich "über den Autor und die Literaturwissenschaftler stellen", wenn Sie sich kritisch zu einem Werk äussern. Jeder Leserin und jedem Leser steht es doch zu, zu sagen, ob und warum ihr/ihm ein Werk gefällt oder nicht.

Auch das sensorische Urteil eines Laien (der ich auch bin) hat seine Berechtigung. Kunstwerke, gleich welcher Art, wenden sich ja nicht nur an Wissenschaftler. Und kurioserweise gehen die Urteile der hier versammelten Wissenschaftler zum Teil diametral auseinander. Also nicht ZUviel Ehrfurcht, nach dem Motto: "Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren ist ehrenvoll und bringt Gewinn..." (.. passt auch gut zur Osterzeit).



17.03.2008 | 07:33 Uhr

Michael Köhn: Opfer eines Überfalls ...

Er fährt U-Bahn - hauptsächlich durch Neukölln, Kreuzberg, Wedding, Lichtenberg. Trägt eine getönte Brille, um das künstliche Auge zu kaschieren, eine Schiebermütze, wegen der feuerroten Narbe am Haaransatz, einen Strickpullover.

Den Pullover trägt er oversize, wegen seines Bauchumfangs, der sich in Monaten nach dem überfall im Krankenhaus wie von selbst ausgebildet hat, - und für sein Gewicht findet er sich mit seiner Länge von einsfünfundsechzig nun zu klein. Doch nicht deshalb und wegen des Körpergewichts klotzt an seinem linken Fuß ein orthopädischer Schuh, den er über alles hasst. Auch erfüllt das Schuhwerk nicht immer seine Pflicht -, denn wenn er geht, und nicht darauf achtet, zieht er den Fuß nach.
Im Sitzen sieht man das nicht. Das beruhigt ihn. So wie jetzt, in der U-Bahn Linie 1, als er nach einer neuen Ragazza sucht.

Kommentare

28.03.2008 | 20:06 Uhr
Stephanie Reyntjes schreibt: Ragazza?

O.k. - Bei Goethe wollte ich nicht suchen. Im Duden (Rechtschreibung) fand ich nichts. - Sollte ich die Berliner U-Bahnen absuchen?
Ich schnüffelte im Internix, äh: -net, nach:

Deutsch Synonyme
• Balg
• Freundin
• Kind
• Mädchen
• Mädel
• Verabredung

Englische Wörter? Please:
• date
• girl
• girlfriend
• kid
• little girl
• lover
• sweetheart

Ach, italienisch..?
ragazza
= generale
= o amore - donna..?

~ ~

Mit und nach Goethe kann ich mich besser verständigen.
Als mit Michael Köln. Äh: Klön: Äh, Möhn.
Ach: Köhn. Uh: Wöhn.


17.03.2008 | 12:11 Uhr
Eckart Haerter schreibt: Eine andere Welt

Sie haben ja recht. Dies Forum hier ist eine andere Welt. Aber lassen Sie uns doch ein bisschen im 19. Jahrhundert schwelgen. Der alltägliche Dreck hat uns ja wieder, sobald wir die Strasse betreten. Herr Walser hat alles so anschaulich in Worte gefasst. So heil, so rückwärts gewandt, so überflüssig und so schön...



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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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