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Mittwoch, 26. März 2008

Forum:

Macht Walser Goethe zum Feministen?

In der aktuellen Folge unseres Fortsetzungsromans beginnt Walsers Goethe die Niederschrift des "Liebenden Mannes" - und erstaunlicherweise hebt diese mit Gedanken über die Rolle der Frau an. So heißt es: "Wenn die Welt weltgerechter verwaltet werden soll, muss sie von Frauen verwaltet werden. Die Männer gehören in den Sandkasten und an den grünen Tisch. Die Frauen ans Ruder." Macht Walser Goethe zum Feministen?

Beiträge

28.03.2008 | 19:06 Uhr

Stephanie Reyntjes: Goethes Verstandslehre

Ja...? Verkehrung der geschlechtertypischen Rollen-Vorstellungen? Pah!, sagte Goethe lachend, als ob die Liebe etwas mit dem Verstande zu tun hätte! Wir lieben an einem jungen Frauenzimmer ganz andere Dinge als den Verstand.

Wir lieben an ihr das Schöne, das Jugendliche, das Neckische, das Zutrauliche, den Charakter, ihre Fehler, ihre Kapricen, und Gott weiß was alles Unaussprechliche sonst, aber wir lieben nicht ihren Verstand. Ihren Verstand achten wir, wenn er glänzend ist, und ein Mädchen kann dadurch in unsern Augen unendlich an Wert gewinnen. Auch mag der Verstand gut sein, uns zu fesseln, wenn wir bereits lieben.
Allein der Verstand ist nicht dasjenige, was fähig wäre, uns zu entzünden und eine Leidenschaft zu erwecken.
Goethe, laut <und eindeutig> nach Eckermann, am 2.1.1824.

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28.03.2008 | 17:15 Uhr

Friedemann Bedürftig: Der alte Goethe war Patriarch

Da Walsers Held nicht viel mehr als die Buchstaben im Namen und ihre Reihenfolge mit Goethe gemeinsam hat, kann der Autor allenfalls seinen fiktiven alten Mann probehalber als Feministen grübeln lassen. Bewunderung und Verehrung von, ja Liebe zu Frauen in Gestalt blutjunger Schönheit können gesetzte Greise schon einmal in der konservativen Grundhaltung wankend machen. Insoweit ist die Vision durchaus nicht abwegig.

Insgesamt aber macht Walsers Alt-Romeo nicht den Eindruck, als habe er sich dem Feminismus ergeben. Sein Umgang mit den Schönen liegt ganz im üblichen galanten Zielkorridor, und in seinen Phantasien hat die Angebetete vornehmlich Objektstatus, der die gesprächsweisen Elogen auf ihre Schlagfertigkeit und kluge Lebenssicht reichlich süßholzverdächtig erscheinen lassen. Alter schützt vor Turteln nicht.

Was den realen Goethe anging, so pflegte er ein patriarchalisches Frauenbild, das andere als die traditionellen Rollen von Geliebter, Mutter, Dienerin nicht vorsah. Und zahllos sind die abschätzigen Bemerkungen Goethes etwa über Intellekt und Charakter der Frauen allgemein: "Weiber scheinen keiner Ideen fähig, kommen mir sämtlich vor wie Franzosen, nehmen von den Männern mehr, als dass sie geben" (zu Riemer 30.5.1809). In der Dichtung dagegen löste sich Goethe oft von diesem Klischee und schuf Frauengestalten wie Gretchen/Helena im Faust, die über Irdisches hinausweisen, oder wie Charlotte in den Wahlverwandtschaften, die ihr Schicksal "männlicher" meistert als Eduard.

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27.03.2008 | 12:57 Uhr

Terence James Reed: Eine eindrucksvolle Stimme

Der Satz ist allerdings eine nette Provokation. So manche Leserin wird gewiss energisch dazu nicken, der eine oder andere Leser vielleicht auch. Interessiert uns aber die Frage, wozu Walser seinen fiktiven Goethe spielerisch macht, oder nicht eher die dahinter stehende, wie die Einstellung des wirklichen Goethe zu Frauen und Frauenrolle eigentlich war?

Wobei der wirkliche Goethe nicht etwa der Verwaltungsbeamte war, der bekanntlich mit zunehmendem Alter sozial konservativer – sogar konservativer als sein Herzog – wurde, sondern eben der Schriftsteller.

Als solcher hat sich Goethe wie kaum ein anderer vor ihm auf die spezifisch weibliche Seh- und Erfahrungsweise eingelassen, so dass wir die Welt durch die Augen Gretchens oder Iphigenies, aus deren glücklichen oder gefährdeten Situationen heraus sehen. Dass – so Iphigenie – "Der Frauen Zustand beklagenswert" sei, erleben wir ganz schön konkret. Nur vermag letztere ihre und ihrer Mitspieler tragische Lage intuitiv-intelligent zu entschärfen, und zwar durch eine Tat, die ganz anders "unerhört" ist, als die sämtlichen von Männern begangenen Greuel ihrer Familiengeschichte: ein exemplarischer Vorgang, der ausgerechnet eine Frau im drückenden Notfall als mündig Werdende und aufgeklärt Handelnde zeigt. "Ausgerechnet", weil die Goethezeit über Wesen und Rolle der Geschlechter noch weitgehend stereotypisch dachte, unentwegt zwischen Vernunft und Gefühl, aktivem Charakter und passiver Schönheit, Weltrolle und Häuslichkeit unterschied.

Dass in der "Iphigenie" zur Abwechslung mal eine Frau "am Ruder" ist und über den dramatischen Ausgang entscheidet, macht Goethe lange nicht zum Feministen, ebensowenig wie die "Antigone" Sophokles dazu gemacht hat. Nur (nur!) erweitern und vertiefen beide Dichter das zwischenmenschliche Verständnis, verleihen dem herkömmlich stilleren Teil der Menschheit eine eindrucksvolle Stimme – lange vor allen Ismen, diesen dennoch den Boden vorbereitend.

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27.03.2008 | 12:49 Uhr

Christian Schärf: Das Sprachspiel "Liebe"

Aus meiner Sicht ist das die stärkste Stelle des Romans. Der seine Notizen unter dem Titel "Ein liebender Mann" niederschreibende Goethe produziert scheinbar pauschale und in dieser Form kaum haltbare Statements über Frauen und Männer. Im Kern aber stellt er auf diesen drei Seiten die für den Liebenden fundamentale Frage, ob die Liebe ein Sprachspiel ist oder ob sie mehr ist als das, wenn sie erlebt wird.

Seine Ausführungen laufen auf den Punkt zu – und das ist der Witz, meine ich, des gesamten Romans – dass die Essenz des Sprachspiels Liebe darin liegt, die Liebenden fest daran glauben zu lassen, daß gerade die Liebe kein Sprachspiel sei.: "Die Liebe. Jetzt ist sie da. Es gibt sie also. Sie ist nicht bloß ein Sprachspiel. Sie ist die äußerst mögliche Bestimmung. Sie ist das Vorhandenste überhaupt. Die Ausfüllung. Die größte Sicherheit.", schreibt Walsers Goethe und feiert die Illusion des realen Glücks, die ja durch nichts als durch Sprache, also in Sprachspielen, ihre zwingende Kraft entfaltet.

Sätze wie "Frauen sind das Geschlecht der Sachlichkeit. Ein Mann erlebt alles nur als Stimmung" sind natürlich schlicht Unsinn. Aber in den Sprachspielen hat auch der Unsinn sein Recht, weil er einen pragmatischen Wert für den Spielverlauf aufweist. Goethes Spekulationen führen über solche abenteuerlichen Sätze und den aus ihnen sich ergebenden nicht weniger abenteuerlichen Folgerungen zu fundamentalen Überlegungen über die Bedeutung des Schreibens für den Liebenden. Der Schreibende bemächtigt sich des Sprachspiels 'Liebe' und versucht es zu kontrollieren, indem er den vermeintlich nichtsprachlichen Gehalt der Liebe sprachlich, nämlich schreibend, zum Ausdruck bringt. So versetzt er sich auf den höchsten Grad der Glücksillusion, der erreichbar scheint. Die im Schreiben erzeugte Illusion ist so stark, dass Goethe für sich selbst darin das Gefühl erzeugen kann, die Geliebte sei zumindest für die Zeit des Schreibens anwesend: "Solange er schrieb, war sie da. Sobald er nicht schrieb, fehlte sie."

Martin Walser ist damit in den innersten Kreis jener Sphäre vorgestoßen, in der die Liebe und das Schreiben eine für die europäische Kultur ungeheure Synergie darstellen. Kein anderer als der reale Goethe hat dies auf besonders eindrucksvolle Art und Weise vorgeführt. Liebe ist das Sprachspiel, das uns am stärksten davon überzeugen kann, dies alles sei bezwingend 'wirklich' und von Sprache kaum zu fassen. Damit ist der discours amoureux das Universum der Sprechakte, die an der Basis für unseren Glauben an eine außersprachliche Wirklichkeit, in der wir leben und an die wir uns gebunden fühlen können, verantwortlich sind. Dies auf so leichte und unangestrengte Art und Weise erzählend zu zeigen, ist ein Aspekt, den man an Walsers Goethe-Roman bewundern kann.

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31.03.2008 | 16:17 Uhr
jana jäger schreibt: Liebe als Vorstellung

Der Mittler zwischen Biologie und siebtem Himmel, das mag wirklich sein, ist das Sprachspiel. Deswegen muss es trotzdem nicht mehr als eine Illusion sein. Aber wie Sie selbst sagen: das macht nichts. Wir schaffen uns also aus Illusionen Realitäten und somit auch die Realität "Liebe". Dann sind wir wieder da angelangt, wo es heißt, die Welt sei unsere Vorstellung.

Wenn wir uns dessen bewusst sind, bekommt das Phänomen Liebe eine ganz andere Bedeutung. Wir haben unsere Vorstellung gewissermaßen selbst in der Hand. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, kann man "wählen", sich auf das Phänomen Liebe einzulassen oder es aus seiner Vorstellung zu streichen. Man kann für sich selbst wählen, der Liebe einen Platz zu geben oder sie abzulehnen. Dass sich die meisten Menschen für die Liebe entscheiden, zeigt die Literatur selbstverständlich aufs Deutlichste. Wo sonst wird dieses Thema in so vielfältiger Weise ausgebreitet und wo sonst schlägt sich das Sprachspiel bedeutender nieder.

Keine Frage also, dass Liebe existiert. Und trotzdem hat man immer die Wahl, die Welt "a thousand kisses deep" zu sehen oder eben einfach - sagen wir nicht realistischer, aber nüchterner.


29.03.2008 | 16:57 Uhr
Christian Schärf schreibt: Sprachspiele schaffen Realitäten

Christian SchärfLiebe ist nicht zuletzt deshalb eine so zähe Menschheitsillusion, weil sie etwas mit Biologie zu tun hat. Aus biochemischer und neurobiolgischer Sicht weiß man ziemlich genau, was sich im Gehirn abspielt, wenn sich Liebe einstellt. Man kann aus dieser Richtung auch erklären, warum die Liebe plötzlich wieder weg sein kann, oder warum sich solche Phänomene wie Treue ausbilden können.

Dennoch wäre dies alles reine Mechanik, wenn nicht noch etwas hinzu käme, das wie ein Mittler zwischen Biologie und siebtem Himmel fungierte. Man kann das durchaus das Sprachspiel 'Liebe' nennen. Es ist gesellschaftlich vermittelt und verändert stetig seine Regeln. Gewiss beruht es auf Illusionen, aber es schafft daraus Realitäten. Was beruht denn nicht auf solcherlei Illusionen? Aus Sicht der Gehirnforschung ist die Idee vom freien Willen nicht haltbar. Aber Kants Kritik der praktischen Vernunft hat dazu geführt, dass wir 200 Jahre lang über das Phänomen geredet haben, als sei es eine Tatsache, der man zur fortschreitenden Realisierung verhelfen müsse. Deshalb gilt der Satz, was durch Sprachspiele erzeugt wird, sind keine Illusionen, sondern Realitäten: "You live your life as if it's real / a thousand kisses deep.", singt Leonard Cohen und Goethe hätte wohl gewusst, was er damit meint.


28.03.2008 | 15:48 Uhr
jana jäger schreibt: Die Selbst-Hypnose Liebe

Wenn Liebe erst durch die Sprache ihre zwingende Kraft entfalten kann, gibt es dann keine Liebe ohne Sprache? Ist die "reale Liebe" dann wirklich eine Illusion? Im Klartext: Ohne den discours amoureux keine Liebe? Ganz im Sinne des Philosophen Paul Ricoeur also, der übrigens noch weiter geht und sagt, ohne Sprache gäbe es überhaupt keine richtige Welt, sondern nur Um-Welt.

Das ist alles schön und gut, aber wie sieht die Realität aus? Die Liebenden gehen, wie Sie hier schreiben, dem Irrtum auf den Leim, Liebe sei kein Sprachspiel. Ist sie denn aber nun wirklich ein Sprachspiel - oder etwas anderes - oder überhaupt etwas? Fragen über Fragen, die schon seit Ewigkeiten den Menschen beschäftigen und auf die niemand so recht eine Antwort weiß.
Vielleicht ist dieses ganze Liebes-Ding auch lediglich eine riesige und zähe Menschheits-Illusion. Mag sein, dass Liebe ein Sprachspiel ist. Dann ist und bleibt sie aber auf das Spiel reduziert. Sie ist nicht mehr und nicht weniger. Vielleicht sollten wir uns fragen, ob sich seit Goethe nicht einiges in Bezug zu diesem Thema geändert hat und in der heutigen Welt überhaupt noch annähernd ein Begriff von Liebe, wie Goethe ihn hatte, existiert.
Um es noch einmal zu wiederholen: Liebe ohne Sprache - scheinbar nicht möglich. Man sollte sich allerdings fragen, ob nicht auch dieses Sprachspiel der Liebenden bloß Schein ist (demnach wie die "Illusion des realen Glücks"), dem der liebende Mensch ins Netz geht – und so auch immer wieder Goethe.
Eine Selbst-Hypnose quasi, die immer wieder betrieben wird, um mit sich selbst zu spielen – und hierbei ist die Sprache das beste Werkzeug zum Selbstbetrug.



27.03.2008 | 12:10 Uhr

Manfred Osten: Goethes gute Weiber

Für seine Einschätzung Goethes als Feminist hätte sich Walser auf das zur bildungsbürgerlichen Leerformel mutierte "ewig Weibliche" berufen können. Dieses zieht uns ja bekanntlich nach Goethes Einschätzung "hinan". Walser beruft sich jedoch bei seinem Sinnieren über die Bedeutung der Frauen vielmehr auf eine Erkenntnis des Grafen Sternberg. Dieser rühmt im Roman nämlich "Ulrikes Sachlichkeit beim Zuhören" der Musik als das eigentlich "Bezwingende".

Es ist bezwingend, weil sie ganz bei der Sache ist! Walsers Goethe leitet hieraus die bezwingende Überlegenheit der Frauen ab: Sie "sind das Geschlecht der Sachlichkeit. Ein Mann erlebt alles nur als Stimmung." Das Urteil des Mannes ist daher weniger zuverlässig, weil es "weniger mit der Sache zu tun" hat.

Goethe würde dieser Einschätzung Walsers möglicherweise zugestimmt haben. Denn in Goethes von der Literaturwissenschaft bislang kaum beachtetem kleinen Prosadialog aus dem Jahr 1800 mit dem vielversprechenden Titel "Die guten Weiber" findet sich der noch vielversprechendere feministische Satz: "Es ist keine Frage, dass bei allen gebildeten Nationen die Frauen im ganzen das Übergewicht gewinnen müssen; denn bei einem wechselseitigen Einfluss muss der Mann weiblicher werden, und dann verliert er; [.....]nimmt dagegen das Weib von dem Manne etwas an, so gewinnt sie; denn wenn sie ihre übrigen Vorzüge durch Energie erheben kann, so entsteht ein Wesen, das sich nicht vollkommener denken lässt."

Also doch: "Die Frauen ans Ruder!"

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27.03.2008 | 11:22 Uhr

Gunhild Simon: mickriges Mausgesicht

In dem Abschnitt aus "Werther", den Ulrike auswendig aufsagt, wird die Pfarrfrau als galliger Blaustrumpf geschildert, die selbst den prachtvollen Nussbäumen im Pfarrhof das pralle Leben missgönnt: "Eine Närrin, die sich abgibt, gelehrt zu sein, ..."
Hier beklagt Goethe die Weltferne und Freudlosigkeit einer Frau, die sich intellektuell wähnt, während sie selbst am Leben vorbeigeht.

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27.03.2008 | 10:08 Uhr

Ute Frevert: Feminismus der Altersschwäche.

Das klingt nach verkehrter Welt: Frauen am Steuer, Männer auf der Spielwiese - Frauen als "Geschlecht der Sachlichkeit", Männer als egozentrisch und stimmungsabhängig. Goethes Zeitgenossen hätten sich gewundert. Reservierten sie doch für Frauen die Gefilde des Gefühls und der Stimmungen, für Männer die Welt des rationalen Urteils und der sachlichen Entscheidung.

Frauen, hieß es, seien schon durch ihre Körperlichkeit dem Flüchtigen, Unsteten, Eingebildeten viel näher - wie könnte man sie dann zu Staatslenkern und Weltverwaltern machen? Auch Walsers Goethe denkt darüber nicht prinzipiell anders. Als liebender Mann befindet und empfindet er sich in einer außergewöhnlichen Situation: er betet an, fühlt sich ausgeliefert, hilflos, abhängig. Und er arbeitet gegen die Zeit, die ihm davonläuft und knapp wird. Ulrike dagegen hat Zeit, alle Zeit der Welt, die Zukunft ist ihr gewiß.

In dieser Gewißheit erscheint sie dem alten träumenden, sehnsüchtigen Mann - als selbstsicher, konzentriert, jeden neuen Schritt und jede neue Erfahrung "beispielhaft gesammelt" in sich aufnehmend. Wo sich der alte Liebende verliert, findet und erfindet sie sich. Aus dieser Selbst-Beobachtung heraus formuliert Walsers Goethe die brachialen Sätze - ohne sie jedoch allzu ernst zu nehmen. Weder Walser noch Goethe ist an verkehrten Welten tatsächlich interessiert. Wenn überhaupt, ist ihr "Feminismus" einer der Altersschwäche.

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26.03.2008 | 15:40 Uhr

Wolfgang Frühwald: Eine große europäische Entdeckung.

Martin Walser hat in Goethes Lob der Frauen jene Vorstellung aufgegriffen, die zu Goethes Lebzeiten von Frauen verbreitet wurde, die ihn verehrten: erst Goethe habe die Frauen entdeckt, nicht in der Eigentümlichkeit ihrer Geschlechtsrolle, sondern als Personen, als die ‚andere Hälfte’ der Menschheit, die auf dem gleichen Planeten wie die Männer leben und doch auf einer ganz anderen Erde gehen.

Wenn das zutrifft, dann ist dies kein Feminismus, sondern tatsächlich eine große europäische Entdeckung. Jim Reed hat schon vor langem darauf hingewiesen, dass Goethe zum Beispiel in den "Römischen Elegien" ausgebrochen sei aus dem europäischen Zyklus der Entsagung, der alle wahre Liebe an ihr Scheitern bindet. Goethe habe zumindest in den ‚Erotica Romana’ Glück und Erfüllung der Liebe gesungen, nicht die Klage des Abschieds, der Trauer, der Erinnerung.

Das aber ist es, was sich zum Beispiel Bettine von Arnim von Goethes Werk erhofft und erbeten und was sie in den "Wahlverwandtschaften" so schmerzlich vermisst hat. Selbst Charlotte von Stein, die nach Goethes Bindung an Christiane Vulpius nicht mehr viel Gutes an Goethe gesehen hat, hat jene Worte der Geliebten in der VI. Elegie gerühmt, die männliche und weibliche Liebe einander gegenüberstellen: "Geh! Ihr seid der Frauen nicht wert! Wir tragen die Kinder / Unter dem Herzen, und so tragen die Treue wir auch; / Aber ihr Männer, ihr schüttet, mit eurer Kraft und Begierde, / Auch die Liebe zugleich in den Umarmungen aus!"

Goethe hat in vielen Texten, in Lyrik, Prosa und Drama das männliche und das weibliche Prinzip der Welt einander entgegengestellt, im "Faust" wie in "Iphigenie", in Wilhelm Meister und in Philine, etc., so dass es nicht verwunderlich ist, wenn Rahel Varnhagen an ihren Mann am 14. September 1827 schreibt, dass Goethe als Dichter für sie so groß sei wie irgendeiner der antiken Poeten, "aber der neue, moderne par excellence ist. Verstehst Du? Die Alten hatten das Weib: die Mutter, die Tochter, die Schwester. Wir haben diese Urgestalten im Lichte der Frauen (Frauenlicht sollte es eigentlich heißen). Wir haben Frauen, und die hat Goethe beim Schopf gehalten und ihnen tief durch die Augen ins Herz geschaut, jedes kleinste Winkelchen im ‚Labyrinth der Brust’."

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26.03.2008 | 11:49 Uhr

Rüdiger Görner: Goethe, der Anti-Dogmatiker schlechthin

Um die Frage zu beantworten, müssen wir textgenau bleiben. Walsers Goethe sucht – nicht nur an dieser Stelle des Romans - nach Verläßlichkeiten, nach Selbstvergewisserung und Halt. Er übernimmt das Argument eines Tischgenossen, Graf Sternberg, der behauptet hat, Ulrikes Sachlichkeit beim Zuhören sei bezwingend.

Walsers Goethe verallgemeinert diesen Satz, als er an seinem Manuskript "Ein liebender Mann" weiter schreibt: "Die Frauen sind das Geschlecht der Sachlichkeit." Er versucht, von Ulrike zu abstrahieren: "Die Frauen ans Ruder", gewiss, solange er das Boot und das Ruder sein kann. Danach richtet Walsers Goethe seinen Blick wieder auf Ulrike: "An ihr hört alles Ungefähre auf", befindet er nun. Das bedeutet, dieser Goethe gerät selbst ins Rudern – sozusagen zwischen den Strömungen ‚konkretes Erlebnis’ und ‚Drang zum Verallgemeinern’.

Dass die Walser-Goethesche Ulrike zur Sachlichkeit fähig ist, hat sie längst unter Beweis gestellt; das spricht sich nicht zuletzt durch ihre Neigung zu pointierten Formulierungen aus, die Emotionalität bewusst vermissen lassen, etwa wenn sie die (durchaus bedenkenswerte) These aufstellt: "Die Engländer sind die modernste Nation und haben die altmodischste Regierung."

Walsers Goethe ein Feminist? Walsers Ulrike eine Maskulinistin? "Die Frauen ans Ruder", das ist ein experimenteller Satz in Goethes vermeintlichem Manuskript, ein Satz, mit dem er spielt, der ihm beziehungsreich erscheint. Nein, von einem wie auch immer gearteten Ismus ist keine Rede. Auch bei Walser bleibt ja Goethe der Anti-Dogmatiker schlechthin. Denn wer zuletzt noch die Verse dichten wird: "Das Ewig-Weibliche/Zieht uns hinan", der bekannte sich damit, als noch immer ‚liebender Mann’ die Lebensbilanz ziehend, zum Femininen jenseits des Feminismus.

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26.03.2008 | 10:45 Uhr

Thomas Anz: Alle Kreter lügen

Eine vertrackte Frage, weil die Romanpassage, auf die sie sich bezieht, selbst so vertrackt ist: Walsers Goethe nimmt hier offensichtlich eine Verkehrung der schon zu Goethes Zeiten weit verbreiteten und noch heute vielfach anzutreffenden Einschätzungen von Geschlechtsunterschieden vor, nach denen Männer eher rational, sachlich, objektiv, Frauen hingegen emotional, stimmungsabhängig, subjektiv in ihrer Wahrnehmung und in ihrem Urteil sind.

"Die Frauen sind das Geschlecht der Sachlichkeit. Ein Mann erlebt alles nur als Stimmung. Als seine Stimmung. Die Frau erlebt immer die Sache. Die Sache selbst. Sie geht dann mit der Sache um, über die sie ein Urteil hat. Das Urteil ist mehr von der Sache bestimmt als von ihr." Diese Sätze, die in der Forderung gipfeln "Die Frauen ans Ruder", werden gleich im nächsten Absatz in Frage gestellt: "Da er ein Mann ist, sagt diese Aussage mehr über ihn aus als über den Gegenstand, dem sie gilt. Das muss er, um ein wenig Zurechnungsfähigkeit bemüht, noch dazusetzen."

Walser spielt hier (und nicht nur hier) mit Widersprüchen von Aussagen und Argumenten, die ihr berühmtes Vorbild in dem paradoxen Satz des Kreters haben, der behauptet, dass alle Kreter lügen. Nein, ein feministischer Goethe wird uns hier von Walser nicht vorgeführt, sondern ein Beispiel für seine Lust am artifiziellen Spiel mit Widersprüchen sowie seiner Skepsis gegenüber der Wahrheit einzelner Behauptungen.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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