26.03.2008 | 15:40 Uhr
Wolfgang Frühwald: Eine große europäische Entdeckung.
Martin Walser hat in Goethes Lob der Frauen jene Vorstellung aufgegriffen, die zu Goethes Lebzeiten von Frauen verbreitet wurde, die ihn verehrten: erst Goethe habe die Frauen entdeckt, nicht in der Eigentümlichkeit ihrer Geschlechtsrolle, sondern als Personen, als die ‚andere Hälfte’ der Menschheit, die auf dem gleichen Planeten wie die Männer leben und doch auf einer ganz anderen Erde gehen.
Wenn das zutrifft, dann ist dies kein Feminismus, sondern tatsächlich eine große europäische Entdeckung. Jim Reed hat schon vor langem darauf hingewiesen, dass Goethe zum Beispiel in den "Römischen Elegien" ausgebrochen sei aus dem europäischen Zyklus der Entsagung, der alle wahre Liebe an ihr Scheitern bindet. Goethe habe zumindest in den ‚Erotica Romana’ Glück und Erfüllung der Liebe gesungen, nicht die Klage des Abschieds, der Trauer, der Erinnerung.
Das aber ist es, was sich zum Beispiel Bettine von Arnim von Goethes Werk erhofft und erbeten und was sie in den "Wahlverwandtschaften" so schmerzlich vermisst hat. Selbst Charlotte von Stein, die nach Goethes Bindung an Christiane Vulpius nicht mehr viel Gutes an Goethe gesehen hat, hat jene Worte der Geliebten in der VI. Elegie gerühmt, die männliche und weibliche Liebe einander gegenüberstellen: "Geh! Ihr seid der Frauen nicht wert! Wir tragen die Kinder / Unter dem Herzen, und so tragen die Treue wir auch; / Aber ihr Männer, ihr schüttet, mit eurer Kraft und Begierde, / Auch die Liebe zugleich in den Umarmungen aus!"
Goethe hat in vielen Texten, in Lyrik, Prosa und Drama das männliche und das weibliche Prinzip der Welt einander entgegengestellt, im "Faust" wie in "Iphigenie", in Wilhelm Meister und in Philine, etc., so dass es nicht verwunderlich ist, wenn Rahel Varnhagen an ihren Mann am 14. September 1827 schreibt, dass Goethe als Dichter für sie so groß sei wie irgendeiner der antiken Poeten, "aber der neue, moderne par excellence ist. Verstehst Du? Die Alten hatten das Weib: die Mutter, die Tochter, die Schwester. Wir haben diese Urgestalten im Lichte der Frauen (Frauenlicht sollte es eigentlich heißen). Wir haben Frauen, und die hat Goethe beim Schopf gehalten und ihnen tief durch die Augen ins Herz geschaut, jedes kleinste Winkelchen im ‚Labyrinth der Brust’."