Wolfgang Frühwald: Erfindung junger Menschen
Wenn es das nur gäbe – eine Altersradikalität, in deren Schutz einem alles egal ist, wo man nichts mehr zu verlieren, aber noch viel zu gewinnen hat! Ich fürchte nur, das ist eine Legende, erfunden von jungen Menschen, die ältere Menschen beneiden um ihre Unbekümmertheit.
Aber was hat ein alter Mensch nicht alles zu verlieren: seinen guten Ruf, sein Ansehen, sein Aussehen, die Geborgenheit, die Liebe der Kinder und der Schwieger- und Enkelkinder, seine letzten Freunde! Und sagen Sie nicht, das wäre nicht viel. Es ist viel, es ist nämlich alles, was ein alter Mensch noch hat und deshalb kämpft er darum, es sich zu bewahren.
Und bei Walser und bei Goethe war und ist das doch nicht anders? Von Altersradikalität sehe ich bei Walser sehr wenig, im Gegenteil ich finde so etwas wie Altersmilde bei ihm. Hätte er sich sonst auf den Abdruck seines Romans in der FAZ eingelassen? Ich lese Martin Walser regelmäßig und mit großem Interesse seit 1962, also seit "Eiche und Angora", und habe im Laufe dieser Lektüre schon radikale Texte gefunden, das Buch "Ein liebender Mann" gehört meines Erachtens nicht dazu.
Rückt Walser seinen Goethe nicht sogar ein wenig ins Lächerliche, wenn er ihn schmachten lässt wie einen Teenager? Und Goethe selbst: Er hat den Zweiten Teil des "Faust" nicht veröffentlicht, weil er den Spott der Zeitgenossen fürchtete, er hat sich bis zuletzt gegen öffentliche Verleumdungen gewehrt, er hat die Marienbader Elegie in der "Trilogie der Leidenschaft" versteckt und die Trilogie in den "Schriften" von 1827, er hat seinen Briefwechsel mit Schiller versiegelt in die Obhut des Staates gegeben, weil er (mit Recht) Fälschung und Verleumdung fürchtete und hat noch auf dem Sterbebett sich besorgt über diesen Briefwechsel und die Fälscher geäußert.
Wo also findet sich hier jene Radikalität, die unbekümmert ist um das, was die Leute sagen? Ist es nicht so, dass die Empfindlichkeit und die Empfindlichkeiten gegenüber öffentlicher Nachrede mit zunehmendem Alter immer größer werden?
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Das ist ein Ansatz, und zwar ein sinnvoller. Sich der Literatur wie des gesamten kulturellen Gedächtnisses kreativ zu bedienen, um unsere Denkweisen, Perspektiven und Handlungsmuster zu verändern, bezeichnet einen Weg, aus dem postmoderne Historismus herauszufinden, den sich die Wissensgesellschaft verordnet hat. 
