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Dienstag, 01. April 2008

Forum:

Brauchen wir mehr Altersradikalität?

Wer so viel geleistet hat wie die Herren Goethe und Walser, der hat nicht mehr viel zu verlieren, aber manches zu gewinnen, wenn er sich traut - oder? Schon viele unwürdige Greise und Greisinnen haben noch viel zustande gebracht, weil sie sich um nichts mehr geschert haben. Warum sich also nicht im hohen Alter noch in eine 20jährige verlieben oder Bücher über die Liebe im Alter schreiben, die viele für peinlich halten? Wo brauchen wir die Altersradikalität?

Beiträge

05.04.2008 | 12:32 Uhr

Wolfgang Frühwald: Erfindung junger Menschen

Wenn es das nur gäbe – eine Altersradikalität, in deren Schutz einem alles egal ist, wo man nichts mehr zu verlieren, aber noch viel zu gewinnen hat! Ich fürchte nur, das ist eine Legende, erfunden von jungen Menschen, die ältere Menschen beneiden um ihre Unbekümmertheit.

Aber was hat ein alter Mensch nicht alles zu verlieren: seinen guten Ruf, sein Ansehen, sein Aussehen, die Geborgenheit, die Liebe der Kinder und der Schwieger- und Enkelkinder, seine letzten Freunde! Und sagen Sie nicht, das wäre nicht viel. Es ist viel, es ist nämlich alles, was ein alter Mensch noch hat und deshalb kämpft er darum, es sich zu bewahren.

Und bei Walser und bei Goethe war und ist das doch nicht anders? Von Altersradikalität sehe ich bei Walser sehr wenig, im Gegenteil ich finde so etwas wie Altersmilde bei ihm. Hätte er sich sonst auf den Abdruck seines Romans in der FAZ eingelassen? Ich lese Martin Walser regelmäßig und mit großem Interesse seit 1962, also seit "Eiche und Angora", und habe im Laufe dieser Lektüre schon radikale Texte gefunden, das Buch "Ein liebender Mann" gehört meines Erachtens nicht dazu.

Rückt Walser seinen Goethe nicht sogar ein wenig ins Lächerliche, wenn er ihn schmachten lässt wie einen Teenager? Und Goethe selbst: Er hat den Zweiten Teil des "Faust" nicht veröffentlicht, weil er den Spott der Zeitgenossen fürchtete, er hat sich bis zuletzt gegen öffentliche Verleumdungen gewehrt, er hat die Marienbader Elegie in der "Trilogie der Leidenschaft" versteckt und die Trilogie in den "Schriften" von 1827, er hat seinen Briefwechsel mit Schiller versiegelt in die Obhut des Staates gegeben, weil er (mit Recht) Fälschung und Verleumdung fürchtete und hat noch auf dem Sterbebett sich besorgt über diesen Briefwechsel und die Fälscher geäußert.

Wo also findet sich hier jene Radikalität, die unbekümmert ist um das, was die Leute sagen? Ist es nicht so, dass die Empfindlichkeit und die Empfindlichkeiten gegenüber öffentlicher Nachrede mit zunehmendem Alter immer größer werden?

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04.04.2008 | 09:27 Uhr

Friedrich Dieckmann: Die Jugend ist immer älter als das Alter

Ich bin nicht sicher, dass man im Blick auf Goethes Spätwerk von Altersradikalität sprechen kann. Radikalität hat einen Zug von Neuerertum, von Fundamentalismus; das Wort zielt auf das impulsive Zerbrechen vorgefundener Formen und Konventionen. Alles das trifft auf Goethes Spätwerk nicht zu; dessen Kühnheit ist nicht "radikal", sondern luzid, sie zeigt sich in einer Souveränität, die in höchster Freiheit mit gegebenen Formen spielt, sie dergestalt transzendierend.

"Faust" war so radikal, dass der Autor die erste Fassung fünfzehn Jahre lang liegen ließ, ehe er eine zweite als Fragment veröffentlichte. Sehr anders "Faust II", diese vielgliedrige Komposition, die sich von Akt zu Akt von andern formalen Mustern leiten lässt.

Lassen wir den Begriff der Radikalität doch den grundstürzenden Jugendwerken! Und sprechen wir lieber von Alterskühnheit, Alterssouveränität. Die ist, als künstlerisch produktive, nur wenigen gegeben und verträgt kein verallgemeinerndes "wir". Was ein "brauchen wir" zulässt, ist etwas anderes, es ist die das Alter im günstigen Fall auszeichnende Verbindung von Erfahrung mit jener Objektivität, die sich aus dem Heraustreten aus der Sphäre der Leidenschaften, des Interessen- und Positionskampfes ergibt.

Darum sollte sich jede politische Partei einen "Rat der Alten" zulegen, in dem die Jungen sich "Rates erholen". So auch in Parlamenten; es ist ein Unding, dort so etwas wie eine Altersgrenze einzuführen, die mit der Pensionsgrenze übereinstimmt. Wobei die Erfahrungsverhältnisse durchaus über Kreuz gehen, insofern, als die Jugend, die in einer späteren, also älteren Welt aufwuchs, immer auch älter als das Alter ist, das, von einer jüngeren Welt geprägt, nicht nur das Alter, sondern auch eine spezifische Jugend für sich hat. "Nur das Alter ist jung, ach! und die Jugend ist alt", klagte Schiller in einer Votivtafel; er hielt das für sonderbar, es liegt aber im Wesen der Dinge.

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03.04.2008 | 18:32 Uhr

Terence James Reed: "recycled teenagers"

Nun, vielen Dank, liebe Kollegen Schärf und Görner, die Ihr noch nicht im Ruhestand seid, für die ermutigenden Worte zum Potential des Alters/ der Alten! Das ist durchaus im Sinn der kürzlich in England aufgekommenen Ehrenbezeichnung für aktivere Senioren, "recycled
teenagers". Die Bescheidenheit verbietet allerdings, näher auf den eigenen Tatbestand einzugehen.

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02.04.2008 | 21:51 Uhr

Friedemann Bedürftig: "Revoltiergreise" mit "Schandmaulkompetenz"

Brauchen wir mehr Altersradikalität?
Nein, brauchen wir nicht. Haben wir längst reichlich und bekommen ganz von selbst in den nächsten Jahrzehnten immer mehr davon. Denn immer mehr Menschen werden immer älter und immer mehr davon bleiben immer länger immer gesünder. Da viele zudem ihre wirtschaftlichen Schäfchen im Trockenen haben, müssen sie nicht einmal auf so genannte Gewinner-Gewinner-Strategien setzen und dürfen Konzilianz deutlich kleiner schreiben.

Und sie werden – unserer Gesellschaft ist’s zu wünschen – den Kampf aufnehmen, den Frank Schirrmacher im "Methusalem-Komplott" skizziert hat, den gegen den Altersrassismus. Mit schwindender Lebenszeit vermindert sich obendrein der Vorrat an Geduld, was ebenfalls radikalisierend wirkt und bislang dilatorisch Behandeltes voran bringen kann. "Revoltiergreise" mit entsprechender "Schandmaulkompetenz", wie es der schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson gesagt hat, sind daher heute eher anzutreffen als früher, und sie vermehren sich weiter.

So gesehen ist Walser vergleichsweise Milde Sorte, gibt es doch längst auf die Männergeneration 70 plus spezialisierte Prostituierte ohne das ganze romantische Geglotze. Für den realen alten Goethe aber war nur der Weg des förmlichen Antrags gangbar, und sei es um den Preis eines Skandals. Den hatte er, siehe "Bettschatz" Christiane, allerdings nie gescheut, und insofern haben wir es bei ihm kaum mit Altersradikalität zu tun. Allenfalls im Sinne von Margarete Mitscherlich: Wer sich im Alter radikalisiere, sagt sie, habe die Anlage dazu schon immer in sich getragen; hinzu komme allenfalls bei ablaufender Uhr ein Hang zum Biegen und Brechen.

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02.04.2008 | 13:53 Uhr

Christian Schärf: Greisenavantgardistische Respektlosigkeit

Das Potenzial der Altersradikalität ist weitgehend ungenutzt. Nach wie vor wird der Begriff des Ruhestands viel zu wörtlich genommen. Der stille Abschied von allem, den man nach Möglichkeit an der Costa del Sol zu zelebrieren habe, scheint für die letzte Lebensphase keineswegs mehr adäquat zu sein.

Eine Gesellschaft, deren demographische Pyramide sich auf die Spitze stellt, wird ihre letzten vitalen Impulse aus der Kreativität und Radikalität der Alten beziehen. Eine ganz neue Verehrung des Alters wird entstehen, basierend auf der uneingeschränkten Bewunderung von Lebenserfahrung, Genussbereitschaft und Schaffenskraft.
Hingebungsvoll wird eine Minderzahl von jüngeren Menschen die ökonomischen Grundlagen für die Freiheiten der Alten erarbeiten, in der diese Liebe, Leidenschaft und alle Arten epikureischer Hingabe ebenso ungehemmt ausleben können, wie sie fortgesetzt durch ihr unberechenbares Verhalten die etablierten Strukturen herausfordern. Der von Märkten und Medien geschaffene gesellschaftliche Anpassungsdruck wird unter dem Gegendruck greisenavantgardistischer Respektlosigkeiten fortwährend ins Wanken kommen. Die Anarchie der Alten wird als revolutionäre Kraft das 21. Jahrhundert wie nichts anderes beflügeln und verändern. Warum sonst sind Wälder und Wiesen heute voll von Menschen, die sich joggend oder an Stöcken gehend für den Ernstfall fit halten?

Ob es das ist, worauf Martin Walsers Roman vorausweist? Oder geht es doch nur um einen Einzelfall, der erzählend gestaltet werden sollte? Und Goethe? Ist er nicht ein Solitär, ein völlig einzigartiges Phänomen in der Geschichte? Oder könnte man nicht aus seiner auch in späten Jahren ungebrochenen schöpferischen Radikalität Impulse gewinne, das Alter neu oder anders zu sehen?

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03.04.2008 | 21:15 Uhr
jana jäger schreibt: Ein offenes Buch

Wenn man sich dann über die Tragweite dieser Sprachspiele Gedanken macht, wird umso mehr deutlich, wie viel von ihnen abhängt. Die Sprache und die Spiele mit ihr, das haben wir in etwa schon vor kurzem gesagt, sind zu einem unermesslich großen Teil für die Sichtweise der gesamten Welt zuständig.

Und nicht nur dafür – viel wichtiger: die Sprache ist für die Konstruktion des eigenen Ichs verantwortlich und unerlässlich. In ihr und durch sie schlägt sich alles was wir sind nieder. Das klingt vielleicht banal, aber der Mensch definiert sich immer wieder durch Sprachspiele und könnte sich, wenn er sich dessen bewusst wäre, bis zu einem gewissen Maße selbst erklären. Der Mensch als offenes Buch - hier verschmelzen zwei Welten ineinander: der biologische Körper und der Sprachkörper. Da sind wir nicht mehr weit entfernt von dem Zitat Franz Kafkas: "Ich habe kein literarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein."


03.04.2008 | 18:34 Uhr
Christian Schärf schreibt: Der fiktionale Zugriff

Christian SchärfDas ist ein Ansatz, und zwar ein sinnvoller. Sich der Literatur wie des gesamten kulturellen Gedächtnisses kreativ zu bedienen, um unsere Denkweisen, Perspektiven und Handlungsmuster zu verändern, bezeichnet einen Weg, aus dem postmoderne Historismus herauszufinden, den sich die Wissensgesellschaft verordnet hat.

Der fiktionale Zugriff etwa auf Goethe, wie ihn Martin Walser vorführt, bewirkt etwas, das die rein sachliche Aufarbeitung von Geschichte nicht erreichen kann: Eine Vielzahl von kontrovers beantwortbaren Fragestellungen zu eröffnen, die unsere Gegenwart ebenso betreffen wie jene Vergangenheit, von der der Roman handelt. Die Zuspitzungen, Übertreibungen, Provokationen, zu denen Walser hier wie auch sonst immer bereit ist, bringen uns anders miteinander ins Gespräch, als es die monologische Aufrüstung mit stupendem Wissen je könnte. So kommen die Sprachspiele in Gang, über die wir vor kurzem gesprochen haben.


03.04.2008 | 00:59 Uhr
jana jäger schreibt: Goethe - Lektüre gegen das "Jugendmonopol"

Neue Verehrung des Alters; Anarchie der Alten als revolutionäre Kraft des 21. Jahrhunderts – das klingt zwar alles durchweg positiv für die, die in Zukunft die Alten sein werden, doch ist das nicht ein Wunschdenken, durch das man sich seine eigene Zukunft halbwegs erträglich redet?

In einer Zeit, in der die Alten eigentlich überhaupt keinen Platz mehr haben, in der alte Menschen meistens abgeschoben werden, weil keiner mehr Zeit hat, sich um sie zu kümmern, in der das Altern ein absolut Unerwünschtes, geradezu ein Makel ist (man denke nur an die steigenden Patientenzahlen in der Schönheitschirurgie) und in der ältere Menschen noch nicht einmal mehr einen Beruf finden, weil sie zu alt sind – in einer solchen Zeit ist es schwer vorstellbar, ja fast utopisch, dass plötzlich eine Verehrung des Alters oder eine Anarchie der Alten eintreten soll. Die heutige Welt streicht das Alter aus ihrem Alltag.

Dass es einige alte Menschen gibt, die durch Altersradikalität noch einiges bewirken, mag sein. Und genau das ist wünschenswert: Menschen, die auch im (hohen) Alter noch nach Goethes Grundsatz leben "Man muss sich immerfort verändern, erneuern, verjüngen, um nicht zu verstocken", daraus eine Art schöpferische Kraft entwickeln und sie, wenn es sein muss, radikal durchsetzen. Aus diesem Winkel betrachtet ist es dann auch legitim, wenn ein 73-jähriger eine 19-jährige liebt, oder wenn ein Martin Walser mit über 80 "Ein liebender Mann" schreibt.

Schockierend ist doch gerade die Tatsache, dass das in der Realität die Ausnahme bleibt. Es scheint, als hätten alte Menschen in unserer Zeit keinen Platz mehr. Wie Sie schon erwähnten ist vielleicht gerade die Goethe–Lektüre eine Hoffnung, neue Sichtweisen in Bezug auf den Begriff "Alter" zu bekommen: Die Goethe-Lektüre gegen das Jugendmonopol – wenn das nicht mal ein (alters)radikaler Ansatz ist.


02.04.2008 | 15:21 Uhr
martin randau-rudolf schreibt: todesnähe

angesichts des immer näher kommenden lebensendes kannn man es sich eher leisten, radikal zu sein - z. b. die umstrittene walserrede zum holocaust. aber das bedeutet auch, seine destruktiven seiten mehr auszuleben, z. b. mehr alterskrminalität, drogenmissbrauch etc.



01.04.2008 | 10:08 Uhr

Rüdiger Görner: Das Alter kann die Zunge lösen

"Oft geschah es mir bei der Lektüre dass ich Sie, Goethe, alles vergaß und einfach in das Rätsel des Menschen ganz und ewig verloren war", schrieb Agnes E. Meyer, Freundin, Gönnerin, Möchtegern-Geliebte Thomas Manns nach der Lektüre von "Lotte in Weimar". Dieser kolossale, fast achthundert Seiten starke Briefwechsel kreist seitens Thomas Manns unablässig um die Frage, wie "radikal" man im Alter sein und schreiben kann; in seinem Falle freilich unter den verschärften Bedingungen des Exils.

Und wenn man Novellen wie "Die vertauschten Köpfe" und "Die Betrogene", ja, Romane wie "Doktor Faustus" und "Der Erwählte" bedenkt, dann hat sich die Frage zumindest für den Fall dieses – rein zeitlich - zwischen Goethe und Martin Walser stehenden Schriftstellers sehr eindeutig beantwortet.

Das Alter kann die Zunge lösen, Abgeklärtheit und Weisheit stunden – solange eines nicht verlustig geht: Der Zauber über allem, wie ihn der späte Thomas Mann auch am alten Fontane wieder neu entdeckte.

Altersradikalität, was meint das? Der Zeit, dem Alterungsprozess an die Wurzel gehen? Souveräner werden. Wissen, dass man es sich leisten kann, etwas zu riskieren.
Nach "Der Augenblick der Liebe" und "Angstblüte" kann Walser mit "Der liebende Mann" seine Trilogie der Altersleidenschaft vollenden. "Radikal" daran ist der Bekennermut, das Plädoyer für die Alterslosigkeit der Erotik. Als weniger ‚radikal’ erweist sich dagegen der Stil, mit dem Walser in seinem jüngsten Roman operiert. (Man frage jetzt nicht, was kann danach [noch] kommen? Ich halte Walser weiterhin für einen Schriftsteller, der zu jeder Überraschung fähig ist, einschließlich jener, nicht zu überraschen.)

Und Goethe? Radikaler nie als im "Werther" und im "Faust", will sagen: im Überspannen-Können von Zeit- und Lebensdimensionen.Schreiben heißt: sich selbst immer wieder auf dem Papier Mut zusprechen – bis zuletzt. Oder ob am Ende die Schreibverweigerung eines Wolfgang Hildesheimer ‚radikaler’ war?

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01.04.2008 | 10:03 Uhr

Stephanie Reyntjes: Ordnung machen

Wo setzen die Zeichen ein? Wo fangen die Jahre an? Ab wann und wo und wie kribbelt (... oder: kribbelt es nicht mehr)? Wer solch individuelles Gefühl als Programm oder Potenz oder periculum oder Pensum aetatis anderen vorschreiben will, gehört schon zu den Pedanten.

Goethe:
"Der Kampf des Alten, Bestehenden, Beharrenden mit Entwicklung, Aus- und Umbildung ist immer derselbe. Aus aller Ordnung entsteht zuletzt Pedanterie, um diese los zu werden, zerstört man jene, und es geht eine Zeit hin, bis man gewahr wird, dass man wieder Ordnung machen müsse."

JW (Maximen und Reflexionen 346)

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01.04.2008 | 08:20 Uhr

Werner Frizen: Wie Sexualität und Kreativität sich bedingen

"O, daß es schwindet! Daß das heitere Gesicht der Tiefe sich endigt, schleunig, wie auf den Wink eines launisch gewährenden und entziehenden Dämons, in nichts zerfließt und ich emportauche! Es war so reizend! Und nun, was ist? Wo kommst Du zu dir?. . . Wie, in gewaltigem Zustande? In hohen Prächten? Brav, Alter! So sollst du, muntrer Greis, dich nicht betrüben . . ."

So erwacht Goethe, noch schlaftrunken und traumumfangen, zu Beginn des siebenten Kapitels von "Lotte in Weimar" zu seinem großen inneren Monolog. Es ist sein erster Auftritt auf der Roman-Bühne, nachdem die Weimarer Hofkamarilla sich sechs Kapitel lang das Maul über ihn zerrissen hat. Und was tut er da? Er bestaunt nicht nur seine Erektion, sondern onaniert, wobei er sich auch noch eine erotische Bildvorlage in die Erinnerung ruft.

Thomas Mann lässt Erektion und Onanie des Erwachenden vornehmlich in Zitaten aus Goethes eigenen Gedichten ("Das Tagebuch", "Phänomen") zur Sprache kommen, in denen dieser seinen Meister Iste bedichtet hat. In der Handschrift stand überdies noch zu lesen: "Kleine Frau im Mutterlande [gemeint ist Marianne von Willemer], dir bring ich’s zu." Diskret keineswegs in der Sache, sondern allenfalls der Form nach, streicht er den mehr als eindeutigen Satz ohne damit die Radikalität widerrufen zu haben, das Goethe-Monument ohne Hosen zu zeigen.

Was interessiert den Dichter-Kollegen an Goethes Glied? Es sind nicht in erster Linie Fragen der sexuellen Potenz, die Thomas Manns Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das Interesse liegt beim Schaffensprozess überhaupt, der unterschwellig bereits mit dem Erwachen beginnt. Darum schlagen die ersten Worte Goethes das organisierende Zentralthema des Romans an: das von den Bedingungen der Produktivität und den Relationen zwischen Sexualität und Kreativität.

Das ist auch Walsers Thema. Und Walser reagiert explizit auf den Prätext Thomas Manns: Er stellt den sexuellen Traum und das Erwachen der Weimarer Exzellenz überpointiert an den Schluss des Romans. Während Thomas Mann Goethes Erektion und Onanie durch seinen Zitatismus mit einer eleganten Bettdecke verhüllt, legt Walser zusätzlich den Greisenkörper bloß: "Als er aufwachte, hatte er sein Teil in der Hand, und das war steif. Da wußte er, von wem er geträumt hatte." Doch – das ist heute nun wahrhaftig kein Tabubruch mehr. Nachdem Thomas Mann es vor siebzig Jahren auf seine elegante Weise gebrochen hatte, ist das allenfalls ein Remake.

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07.04.2008 | 17:38 Uhr
Helmut Hofmann schreibt: Zur Altersradikalität bei Walser

Auch wenn Walser, sprachlich um Behutsamkeit bemüht, Goethes erigierten Penis ein "steifes Teil" nennt, so bleibt die ganze Sache dennoch peinlich. Mit literarischer Altersradikalität hat das nichts zu tun. Dafür ist es einfach zu sehr vordergründige Effekthascherei.

Den Menschen Goethe, der die fundamentale Erfahrung des Scheiterns am und im Alter durchlitten hat und sie in einem zeitlos gültigen lyrischen Kunstwerk Gestalt werden ließ, erreicht er damit nicht.
Beim Lesen des Walserschen Romans kam mir die Marienbader Elegie darin zuweilen wie ein Fremdkörper vor. In ihr wird die Begegnung mit Ulrike Levetzow von Goethe als ein Ereignis erlebt, das ihn einer "seligen Höhe teilhaft" macht, in der "Selbstsinn", "Eigennutz" und "Eigenwille" einem Gefühl des "Fromm-Seyns" weichen. Und am Ende fühlt er sich von den Göttern "zu Grunde" gerichtet.
Das ist ein anderer Mensch als der mit dem Penis in der Hand.



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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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