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Donnerstag, 10. April 2008

Forum:

Hält Walsers Roman dem Vergleich mit "Lotte in Weimar" stand?

Martin Walser reagiert auf diese Frage immer etwas gereizt, wir stellen die Lotte-Frage trotzdem, denn die Ähnlichkeiten liegen auf der Hand: Ist es gewagt, unzulässig oder nutzlos, Thomas Manns "Lotte in Weimar" mit Walsers "Ein liebender Mann" zu vergleichen?

Beiträge

14.04.2008 | 10:16 Uhr

Terence James Reed: Vergleich mit einem Gebirgsmassiv

Ob fair oder nicht, der naheliegende Vergleich ergibt näher besehen einen fundamentalen Unterschied. Martin Walsers Roman gehört zur wachsenden Tendenz der Fiktion, auf geschichtliche Ikonen zurückzugreifen, um der Imagination einen Auftrieb zu geben – legitim genug, wenn schon mitunter recht abenteurliche Auswüchse erzeugend.

(In Robert Löhrs "Erlkönigmanöver" etwa, treten Goethe und Schiller mitsamt einer Auswahlmannschaft der kulturellen Prominenz ihrer Zeit als comicstripähnliche Helden einer antinapoleonischen Verschwörung auf.) In solchen Fällen handelt es sich höchstens um punktuelle Berührungen mit dem Original, vereinzelte Ansätze in der Karriere des jeweiligen Verfassers.

Gründlich anders bei Thomas Mann. Spätestens seit der Schiller-Skizze "Schwere Stunde" 1905 trieb er ein konsequentes Spiel mit der kulturellen Vergangenheit, die Ikonen avancierten bei ihm zu Vorgängern, mit deren Hilfe er sich selbst verstand und kaum maskiert vor der Öffentlichkeit behauptete. Bis es zu "Lotte in Weimar" gekommen war, lief bereits seit zwei Jahrzehnten die kritisch-identifikatorische Beschäftigung mit Goethe. (Auch TM wollte zur Zeit des "Tod in Venedig" kurz nach der Ulrike-Episode geschielt haben.) Das kulturelle Spiel war eine Lebensweise. Es wurde noch ernster, als die Völkischen 1932 Goethe als Gewährsmann für den nationalistischen Irrationalismus für sich reklamieren wollten.

Erst recht im Exil. Dort hätte Goethe, wie schon Joseph, zum humanen Gegenpol des Faschismus werden können. Stattdessen stellt ihn Thomas Mann, kulturkonformistische Erwartungen enttäuschend (aber gerade durch den eigenen nüchternen Blick die volle geistige Freiheit außerhalb des Landes verkörpernd), als Exemplar des künstlerischen Egoismus dar, der zu eigensinnigen schöpferischen Zwecken die ihn Umgebenden ausbeutet und aufopfert. Sich selber freilich auch: Anklage, Apologie, Aussöhnung.

Dass der kleine Ulrike-Roman es an Bezugsreichtum mit diesem Gipfel eines Gebirgsmassivs nicht aufzunehmen vermag, ist dem Autor kaum anzulasten.

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11.04.2008 | 13:02 Uhr

Werner Frizen: Was führt über Thomas Mann hinaus?

Der Plot?: Den hat er sich in Thomas Manns Werkplänen ausgeliehen.

Die Motivik?: Alter und Verjüngung, wiederholte Pubertät und künstlerische Produktivität, Vergänglichkeit und Dauer, Literatur und Leben, Entwürdigung und Entsagung, erotische Konkurrenz von Vater und Sohn, Familienkrach im Hause Goethe, das gesamte Motivinventar war schon da, selbst in den kleinsten Einheiten – vom Feldspatzwillingskristall, der Zahnlücke und dem Lehnstuhl der Egloffstein (der hier der "Egloff’sche Lehnstuhl" heißt) über Stadelmanns Kutscherkünste bis hin zur blassroten Schleife.

Die Struktur?: Thomas Mann war es, der seinen Roman durch "wiederholte Spiegelungen" zu einem intertextuellen Vexierspiel ausgestaltete. Er war es, der durch die Vernetzung von Prätexten der banalen Episode von Charlotte Kestners Weimar-Besuch neue Sinnschichten unterlegte. Es sind dieselben, die Walser ausbeutet: "Tasso", "Der Mann von funfzig Jahren" und natürlich immer wieder "Werther". So sprengt nicht einmal das Verweisungssystem den Rahmen, den Thomas Mann gesetzt hat.

Die biografischen Quellen?: Da kommen beide um Johannes Urzidils "Goethe in Böhmen" (zuerst 1932) nicht herum. Und weil es allzu genierlich gewesen wäre, sich auch noch Thomas Manns Novellentitel ("Goethe in Marienbad") zu borgen, leiht Walser sich seinen Romantitel beim Kafka-Freund Urzidil aus. "Ist er schon ein liebender Mann?" fragt dieser im Ulrike-Kapitel, um zum zweiten Marienbader Sommer überzuleiten (S. 158 der erweiterten Neuauflage von 1962).

"Die Dichter", schreibt Nietzsche, "sind gegen ihre Erlebnisse schamlos". Hier müsste es heißen: Die Dichter (vor allem wenn sie promovierte Germanisten sind) sind gegen ihre Lektüre schamlos: Sie beuten sie aus.

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11.04.2008 | 09:44 Uhr

Christian Schärf: Lichtjahre von Goethe entfernt

Vergleiche sind oft hilfreich. Fragt sich nur, wohin sie führen. Goethe bildete zeitlebens den Leitstern für Thomas Mann. Wie sehr er sich gerade auch im Exil auf ihn bezog, zeigt nicht zuletzt die Aussage in einem Brief vom Dezember 1938, noch vor Erscheinen von "Lotte in Weimar". Gegenüber Ferdinand Lion spricht Mann hinsichtlich des Produktionsprozesses dieses Romans davon, er genieße "die Intimität, um nicht zu sagen: die unio mystica, unbeschreiblich".

Thomas Manns imitatio Goethes hatte mit "Lotte in Weimar" ihren Höhepunkt erreicht. Die Bedeutung Goethes und gerade der von Thomas Mann stilisierten Goethe-Figur für das gesamte Exil ist, worauf Wolfgang Frühwald hingewiesen hat, ein weiterer entscheidender Aspekt, der diesen Zusammenhang prägt.

Schon angesichts dieser wenigen Punkte wirkt der Vergleich zwischen Martin Walser und Thomas Mann hinsichtlich ihrer fiktionalen Bezugnahme auf Goethe fragwürdig. Bei Walser scheint mir keine tiefere Identifikation mit Goethe vorzuliegen, eher eine Art von Illustrationsbedürfnis angesichts einer Thematik, die dem Autor unter den Nägeln brennt und die er in die Öffentlichkeit tragen will: dürfen, können, sollten alte Männer sehr viel jüngere Frauen lieben? Das mag manchen beschäftigen, aber eine die gesamte geistige Epoche betreffende Frage wie die der Exilautoren nach dem Goethebild ist es nicht.

Es ist in diesem Sinne ohne Bedeutung, was Walser aus Goethe macht, ob er ihn bloßstellt, parodiert oder ihn mit sanftem Mitleid bedenkt - die Gestalt des Klassikers, an dem sich unsere Zeit ausrichten würde, wird davon nicht berührt, weil es diese Gestalt nicht mehr gibt. Das humanistische Kontinuum, an dem Thomas Mann noch teilhatte, ja dessen Bedeutsamkeit er für das 20. Jahrhundert noch einmal zu erneuern verstand, ist abgerissen. Es existiert noch als museale Hintergrundstrahlung, an der wir messen können, wie viele Lichtjahre wir von Goethe inzwischen entfernt sind. Ein Autor, der heute sein Schreiben auch mit Blick auf die Geistesgeschichte ernsthaft betreibt, wird von diesem Befund ausgehen. Martin Walser weiß das; deshalb scheut er den Vergleich mit Thomas Mann und "Lotte in Weimar" zurecht.

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13.04.2008 | 16:56 Uhr
Helmut Hofmann schreibt: Walser und sein Goethe

Gewiss, es ist letzten Endes ohne Bedeutung, wie ein Schriftsteller der Gegenwart mit Goethe umgeht. Für diesen! Aber auch für den modernen Autor und die Frage nach der literarischen Qualität seines Werks?

Der Vergleich Thomas Mann - Martin Walser zeigt auf den ersten Blick: Auf der einen Seite ein großer, in einer hochartifiziellen Sprache sich ausdrückender Respekt vor einer bedeutenden Gestalt der deutschen Literatur, auf der anderen eine zuweilen fast an Unernst grenzende Lässigkeit.
Klar, der Goethe des deutschen Bildungsbürgertums ist tot, Respekt also unzeitgemäß. Aber gilt das auch für sein Werk? Immer wieder steht man staunend vor der großartig einfachen Sprache des Lyrikers.
Ein Schriftsteller, der für seinen Roman in die Gestalt des historischen Goethe der Marienbader Elegie schlüpft, setzt sich, ob er will oder nicht, einem hohen literarischen Anspruch aus. Man darf Zweifel haben, ob Walser ihn voll eingelöst hat.



10.04.2008 | 17:14 Uhr

Friedemann Bedürftig: Des Walsers neue Kleider

Nein. Manns "Lotte in Weimar" ist vor siebzig Jahren erschienen, und erst kürzlich hat der Podiumskollege Werner Frizen den Text neu herausgegeben und mit einem doppelt so starken Kommentarband flankiert. Angesichts solch einschüchternden Expertentums wagt man sich kaum an die Beantwortung der Frage.

Mut machen jedoch die genannte Zeitspanne und eben der enorme editionsphilologische Aufwand; sie erlauben ein Gedankenexperiment: Ist es vorstellbar, dass um 2080 ein Frizen-zwo sich ähnliche Mühe gäbe mit Walsers "Liebendem Mann"? Ja, wird das Buch dann überhaupt noch Leser finden, wie es bei Thomas Manns Werk bis heute und sicher auch noch über 2080 hinaus der Fall ist und sein wird? Da schon für Letzteres wenig spricht, darf die erste Frage rundum verneint werden.

Das hat natürlich mit der literarischen Bedeutung, aber auch damit zu tun, dass Manns Roman tatsächlich von Goethe handelt, während das bei Walser nur scheinbar der Fall ist. Gerade Frizens Kommentarband belegt den ungeheuren Reichtum der Anspielungen, Umformungen, neuen Arrangements, Anverwandlungen von Goetheschen Aussagen und Erkenntnissen. Sicher, auch bei Mann sagt der Text oft mehr über ihn als über seinen Helden. Austauschbar aber sind sie nicht. Goethe wird personal wie literarisch gleichermaßen dringlich beschworen als Überlebensmittel in barbarischer Zeit.

Anders im "Liebenden Mann". Da ist alles Maskerade. Kulisse und klassische Garderobe verhüllen keinerlei Blöße, im Gegenteil: Des Walsers neue Kleider sind so durchsichtig wie die des Märchenkaisers.

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10.04.2008 | 16:33 Uhr

Gerold Junior: Das Wichtigste ist die Sprache

Mann war ein Sprachkönner. Im "Faustus" liest man lutherisches Deutsch, im "Erwählten" mittelalterliches, in den Josephsromanen die blumenreiche Sprache des Orients, in "Lotte in Weimar" biedermeierlich-klassizistisches Deutsch - natürlich und unverkrampft.

Walser hat gut recherchiert und beobachtet, ihm gelingen glänzende Charakterisierungen: der "wankelmütige Neptunist" (Folge 1), die kunstvoll eingebauten Äußerungen zu Scotts Romanen (10), Knebel als "Alleskritisierer und -verdammer" (30), Ada Byron(-Lovelace) und die "programmierbaren Maschinen" (23), dann - in meisterlich treffender Verkürzung - Goethes "eher empfundene als errechnete Farbenlehre" (13). Das ist großartig.

Jedoch - für die eigentlich schriftstellerische Leistung Walsers gilt Befremdliches. So beantwortet Goethe eine Frage statt mit "Ja" mit … "Genau" (5) !! Siebenmal kommt "beziehungsweise" vor, mehrfach auch "egal", ferner "fabelhaft" im heutigen (nicht im damaligen) Sinne.

Wer zu Recht "Höchstdieselben" verwendet (7), muß aber auch im Dativ "Höchstderoselben" setzen. Der hübsche Begriff "Kürzelsprache" (20,29) klingt für das 19. Jahrhundert seltsam. Der "programmiert" ablaufende Tag stört (23), selbst als eventuelle Anspielung auf Ada Byron. Walser schreibt "Prachtsanekdote, -fassade, -frau, -helm, -weib", aber "vornamenlos" ohne Fugen-s. Soweit die Beispiele.

In summa: Thomas Manns Sprache wird dem Goethe-Thema besser gerecht.

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10.04.2008 | 12:40 Uhr

Friederike Reents: Mann sein oder nicht sein

Auch wenn Walser angeblich davon nichts wissen will – er hat die doppelte Messlatte natürlich eigens so hoch aufgelegt. Schreibt ein gerissener Autor, wie Walser einer ist, einen Roman über den alten Goethe, weiß er selbstredend, mit welchen beiden Größen er sich einlässt, mit wem er sich auf eine Stufe stellt und vor allem: mit wem er verglichen werden will. Das zu tun ist gewagt, vielleicht aber notwendig für sein dichterisches Selbstverständnis. Nutzlos oder gar unzulässig ist es nicht.

Es ist ein äußerst geschickter, ein nützlicher und damit natürlich im eigenen System äußerst zulässiger Schachzug: Die Setzung der doppelten, historisch wie personal verquickten Reihe. Was im 19. Jahrhundert Goethe, im 20. Jahrhundert Thomas Mann, ist zu Beginn des 21. Jahrhundert Martin Walser? Durch die Setzung provoziert, ja erzwingt Walser den Vergleich. Das muss er kaschieren. Und es gelingt ihm erstaunlich leichtfertig und zugegebenermaßen auch sehr kunstfertig mit seiner süßlich-schmerzlichen, mal plätschernd-tändelnden, mal tragisch-verfahrenen Geschichte vom "Liebenden Mann".

Gleichwohl beherrscht Walser auch das öffentlichkeitswirksame Kaschieren wie kein anderer: Durch sein kokettes Abwinken jedweden Vergleichs verstärkt er nur die Lust am Vergleichen. Die Frage, ob ein solcher Vergleich gewagt, unzulässig, nutzlos oder notwendig ist, interessiert schon nicht mehr, denn die Vergleichbarkeit ist schon geschaffen.

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12.04.2008 | 11:52 Uhr
Reinhard E. Karner schreibt: Wunderbar und äußerst humorig

Walsers zartestes und schönstes Buch. Das Buch 2008 - für mich. Wie schön kann ein Sich-Verstehen sein (unabhängig von Äußerlichkeiten und Alter). Wunderbar und äußerst humorig, wie Goethe den ersten Preis beim Kostümball gewinnt. Verkleidet als Werther mit echter, frischer Wunde am Kopf.



10.04.2008 | 11:30 Uhr

Wolfgang Frühwald: Sieben Jahre Unterschied sind viel im Alter

Der Vergleich liegt nahe, er ist auch notwendig, ganz fair ist er nicht. Denn Thomas Mann hatte für seinen Roman eine völlig andere Ausgangslage als Martin Walser. "Lotte in Weimar" war der erste ganz im Exil geschriebene Roman Thomas Manns, das Buch diente u.a. auch dazu, Goethe als das Leitbild des deutschsprachigen Exils, als Leitbild der Literatur des "anderen Deutschland", zu etablieren, nachdem Schiller von der nationalsozialistischen Literaturwissenschaft "als Kampfgenosse Hitlers" reklamiert worden war (1934). Sie (die Nazis), meinte damals Heinrich Mann, hätten auch Goethe vertrieben.

Hinzu kommt, dass Thomas Mann einen viel günstigeren Moment im Leben Goethes auswählt als Martin Walser, nicht das öde Badeleben in Marienbad und den Zeitpunkt, zu dem Goethe am Leben verzweifelt, sondern den tatsächlichen Besuch der Hofrätin Kestner, einstens Lotte Buff (das Urbild von Werthers Lotte), 1816 in Weimar und ihre Neugier auf den lange nicht mehr gesehenen Jugendfreund. Mit leicht zitterndem Kopf hat sie Thomas Mann beschrieben, welch ein Unterschied zu Walsers Ulrike von Levetzow! Goethe also ist 67, nicht 74 Jahre alt, als ihn die schon verwitwete Jugendfreundin besucht. Und sieben Jahre Unterschied sind viel im Alter. Thomas Mann hatte auch die künstlerische Möglichkeit, Goethe gleichsam von außen dem Leser (und Charlotte) anzunähern, im Bericht von Goethes Freunden, Mitarbeitern, seines Sohnes August. Und dann das berühmte "Siebente Kapitel", in dem Thomas Mann die "erlebte Rede" strapaziert und in die Rolle Goethes schlüpft, ihn (Goethe) selbst sprechen lässt, freilich mit einem – wie er sagte – "unverschämten Anachronismus", weil jedes Wort, das dieser Goethe Thomas Manns über die Deutschen spricht, auf die Gegenwart gezielt ist und auch so verstanden wird.

Ende 1939 ist "Lotte in Weimar" in Stockholm erschienen. Es war also gleichsam ein öffentlich-politischer Grund, der Thomas Mann in die Rolle Goethes schlüpfen ließ, nicht der stärker individuelle Grund (das bloße Altern), der Martin Walser zu diesem prekären Rollenspiel verleitet hat. Goethes Worte über die Deutschen bei Thomas Mann wurden in einer Tarnschrift (als originale Worte Goethes) in Deutschland verbreitet. Aus dieser Tarnschrift zitierte sie der britische Chefankläger beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1946 (wiederum als Worte Goethes) und wurde von der gebildeten britischen Presse darauf aufmerksam gemacht, dass es Worte Thomas Manns seien, Goethe nur in den Mund gelegt. Das britische Außenministerium hat damals bei Thomas Mann in den Vereinigten Staaten selbst nachfragen lassen, wie es sich denn verhalte, und die Antwort erhalten, dass der Chefankläger tatsächlich die Worte Thomas Manns zitiert habe, nicht originale Worte Goethes. Doch, schrieb Thomas Mann an den britischen Botschafter in den USA, er verbürge sich dafür, "dass Goethe alles, was er bei mir denkt und sagt, ganz gut wirklich hätte denken und sagen können und in einem höheren Sinn habe der Prosecutor also doch richtig zitiert". Das war – so makaber es klingt – die "Gunst der Stunde" für Thomas Manns Roman. Sie ist – und wir sollten dankbar dafür sein – nicht wiederholbar.

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10.04.2008 | 07:28 Uhr

Rüdiger Görner: Dankenswertes Wagnis

Wer einen solchen Roman schreibt, fordert diesen Vergleich geradezu heraus. Und Vergleiche bereichern. Walser hatte die Wahl. Sie hätte auf den liebenden alten Wieland treffen können und sein Verhältnis zur blutjungen Sophie Brentano, die ihn auf seinem Gut in Oßmannstedt besuchte und im Herbst 1800 "daselbst" verstarb.

Mit diesem Thema wäre Walser konkurrenzlos gewesen. Allenfalls an Wielands (heute kaum gekannten) Briefroman Aristipp hätte man seinen ‘liebenden Mann’ namens Wieland gemessen. Aber er entschied sich für Goethe und damit für den Schatten Thomas Manns.

Solche Vergleiche sind höchst zulässig und zutiefst unfair. "Kultur ist Parodie und Liebe", lesen wir in "Lotte in Weimar", und eine "hochheitere Feier der Wiederholung". Gäbe man nicht manches darum, wenn es noch möglich wäre, so zu schreiben? Aber was wäre der Preis? In ähnlich bedrückenden Umständen des Exils schreiben zu müssen wie Thomas Mann damals? Diese Heiterkeit, die aus seinem Roman spricht, es war ein Mittel zu überleben, draussen, Goethe und sein Umfeld zu reklamieren für die Humanität gegen die grimme Bestialität ‘zu Hause’. Können wir uns solche Schreibvoraussetzungen im Ernst wünschen? Woran sich dann die bekannte Frage anschliesst, ob solche artistischen Höchstleistungen sich nur dann einstellen, wenn die Zeitumstände extrem sind…

"Welche Zeit haben wir? Eine sehr späte Zeit", weiß Thomas Manns gealterte Charlotte zu sagen. Walsers Ulrike müsste analog wohl bemerken: ‘Eine sehr junge Zeit haben wir wieder. Ich habe die Uhrzeiger beim Salto überrascht’. ‘Mortale’ würde Walsers Goethe dann vielleicht ergänzen.

Thomas Mann entfaltet beinahe den ganzen Goetheschen Kosmos; der Besuch der betagten Charlotte ist ein Auslöser für Erinnerungen (die prägnantesten übrigens gelten Schiller, den er als zu wenig androgyn veranlagt erinnert); Walser versucht die Erinnerung aufzuheben, Gegenwart einzuklagen, Liebesmomente zu feiern.

Thomas Mann gibt Goethes Gedanken zu Winckelmann auffallend breiten Raum, was in der Feststellung gipfelt: "Die Verführung durchs eigene Geschlecht möchte als Phänomen der Rache und höhnender Vergeltung anzusehen sein für selbstgeübte Verführung". Dergleichen plagt Walsers Goethe nicht. Er darf es bei der Werther-Selbstparodie belassen.
Thomas Manns Goethe versucht das Liebesflackern geradezu zu ersticken, redend die Gefühle im Zaum zu halten, eine Art von self-fulfilling prophecy seitens Thomas Mann; denn das "Gefühlsproblem", die Beziehung zur Gönnerin, Seelenfreundin, Quälgeist und schliesslich von ihm schon distanzierend so genannten "Fürstin" Agnes E. Meyer begann sich zu entwickeln…
Walser kann es sich leisten, seinen Goethe noch die Entsagung lieben zu lassen.

Ja, natürlich, Thomas Manns "Lotte in Weimar" ist uneinholbar, unübertrefflich, sublim in der Art eines geradezu vornehmen Gesprächsromans (‘vornehm’ in jenem von Nietzsche geprägten Wortsinne), ein Ideenarsenal, heiter-melancholisch eingeräumt, so souverän, dass selbst Kitschmomente sogleich parodiert werden. Und Walsers Roman? Ein Goethe-Roman, der sich dazu im Titel nicht bekennt. Ein Fabulierstück, gewiss. Eine, wie schon einmal bemerkt, zu gross geratene Novelle, das auch. Aber zudem ein Beitrag zu der Frage, wie wir heute (noch) mit solchen Namen und Begebenheiten umgehen können. Wie uns zumute ist, wenn wir uns – vom Schriftsteller angeleitet – den Übergrossen anverwandeln.

Tief sei der Fall vom Weimar in Princeton zum Marienbad in Überlingen? Walsers Prosa federt durchaus und fängt unsere Erwartungen geschickt auf, zeitgemäss, wirkungsvoll auf seine Weise. Danken wir Walser dieses Wagnis.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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