Terence James Reed: Vergleich mit einem Gebirgsmassiv
Ob fair oder nicht, der naheliegende Vergleich ergibt näher besehen einen fundamentalen Unterschied. Martin Walsers Roman gehört zur wachsenden Tendenz der Fiktion, auf geschichtliche Ikonen zurückzugreifen, um der Imagination einen Auftrieb zu geben – legitim genug, wenn schon mitunter recht abenteurliche Auswüchse erzeugend.
(In Robert Löhrs "Erlkönigmanöver" etwa, treten Goethe und Schiller mitsamt einer Auswahlmannschaft der kulturellen Prominenz ihrer Zeit als comicstripähnliche Helden einer antinapoleonischen Verschwörung auf.) In solchen Fällen handelt es sich höchstens um punktuelle Berührungen mit dem Original, vereinzelte Ansätze in der Karriere des jeweiligen Verfassers.
Gründlich anders bei Thomas Mann. Spätestens seit der Schiller-Skizze "Schwere Stunde" 1905 trieb er ein konsequentes Spiel mit der kulturellen Vergangenheit, die Ikonen avancierten bei ihm zu Vorgängern, mit deren Hilfe er sich selbst verstand und kaum maskiert vor der Öffentlichkeit behauptete. Bis es zu "Lotte in Weimar" gekommen war, lief bereits seit zwei Jahrzehnten die kritisch-identifikatorische Beschäftigung mit Goethe. (Auch TM wollte zur Zeit des "Tod in Venedig" kurz nach der Ulrike-Episode geschielt haben.) Das kulturelle Spiel war eine Lebensweise. Es wurde noch ernster, als die Völkischen 1932 Goethe als Gewährsmann für den nationalistischen Irrationalismus für sich reklamieren wollten.
Erst recht im Exil. Dort hätte Goethe, wie schon Joseph, zum humanen Gegenpol des Faschismus werden können. Stattdessen stellt ihn Thomas Mann, kulturkonformistische Erwartungen enttäuschend (aber gerade durch den eigenen nüchternen Blick die volle geistige Freiheit außerhalb des Landes verkörpernd), als Exemplar des künstlerischen Egoismus dar, der zu eigensinnigen schöpferischen Zwecken die ihn Umgebenden ausbeutet und aufopfert. Sich selber freilich auch: Anklage, Apologie, Aussöhnung.
Dass der kleine Ulrike-Roman es an Bezugsreichtum mit diesem Gipfel eines Gebirgsmassivs nicht aufzunehmen vermag, ist dem Autor kaum anzulasten.
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