Wer sich auf Augenhöhe mit Goethe begibt, muss aufpassen, dass es nicht ins Auge geht. Martin Walser ist das Kunststück gelungen – und das intellektuelle Vergnügen ist groß. Dass Goethe gut wegkommt, bekommt auch Walser gut. Goethe nötigt ihn zur Höchstform.
Auf Augenhöhe – das heißt hier nicht Vereinnahmung in gutwilliger Verehrung oder gar beflissener Naivität. Zu beobachten ist vielmehr die Anerkennung höchsten Ranges, der deshalb ein Sprung über alle Distanzen und Abgründe glückt. Und das Erstaunliche: dies alles geschieht ohne Missvergnügen, ohne anxiety of influence, ohne Nörgeln oder auch nur klammheimliches Händereiben über die Schattenseiten des großen Mannes. Mit einem Wort: hier herrscht Sympathie. Und die ist offensichtlich bekömmlich für eine Prosa voller Witz, Einfallsschnelligkeit und Geistesgelenkigkeit ("Fazilität" nannte Goethe das). Liebevolle Teilnahme sei das Einzige, was Realität hervorbringt, so hatte es Goethe ausgedrückt.
Ein bedeutender amerikanischer Goethe-Forscher, der von sich sagen konnte, er habe jedes gedruckte Wort von Goethe gelesen, 150.000 Seiten Goetheschriften und Quellen, wollte als Resümee nur Bekundungen des Unglücks gelten lassen – wie die Äußerung zu Eckermann, er habe in 75 Jahren "keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt". So Heinrich Meyer im Jahr 1949. Auch um Goethe-Kritikern wie Karl Jaspers Wind aus den Segeln zu nehmen, begab man sich auf die Suche nach dem unglücklichen und dunklen Goethe. Das ist Walsers Sache nicht, obwohl er es mit dem Marienbader Unglück und dem vielleicht verzweifeltsten Satz Goethes zu tun hat: "Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren". Goethe sei Rokoko, erklärt im Roman der Sohn August. Und der Protagonist selbst spricht sich (wie Ulrike) tragische Neigungen ab. Auch der aufs gewagteste, unmöglich und deshalb unglücklich Liebende konvertiert nicht zu Hypochondrie und Melancholie.
So sehr es ihm ernst ist und so sehr er leidet, es gibt keine Leiden des alten Werther. Der junge Werther schreibt sich mit seinen Briefen in den Suizid hinein. Walsers Goethe schreibt selbsttherapeutisch (wenn auch vielleicht zu viel – war Goethe nicht auch ein großer Schweiger?). Nach meinem Geschmack billigt gleichwohl der Roman dem "Werther" ein zu großes Gewicht zu. Trotz des Interesses des europäischen Publikums (und Napoleons) war der Werther für Goethe erledigt, ein überwundenes Syndrom, ein romantischer Unglücksmensch, den man sich vom Leibe halten musste. "Wäre Werther mein Bruder gewesen, ich hätt' ihn erschlagen", heißt es in einer nicht gedruckten Elegie. Die Idee, Goethe und Ulrike beim Ball im Werther- und Lotte-Kostüm auftreten zu lassen, hat deshalb wenig für sich. Die "Exzellenz" und der Liebeselende haben sich längst kompromisslos voneinander getrennt.
Immerhin ließe sich von Werther sagen, was Goethe dem nicht weniger problematischen Eduard der "Wahlverwandtschaften" zugestanden hat: er liebe unbedingt. Und dazu ist nun allerdings auch die "Exzellenz" noch imstande. Walser macht sogar glauben, dass vor Ulrike nichts und niemand in Betracht komme. Er begeht damit sicher ein Unrecht. Ich halte es für ausgeschlossen, dass man Charlotte von Stein (die im Roman nur ganz nebenbei einmal auftaucht) so einfach aus Goethes Leben ausstreichen kann, und glaube nicht, dass irgend jemand mit ihr konkurrieren kann.
"Lieben, ohne geliebt zu werden, das dürfte es nicht geben." Gern wird Walsers Goethe mit diesem Satz vom "Schicksalspfusch" zitiert. Aber es ist ein rechter Werther-Satz, wehselig und kindertrotzig gegen die Realität anrennend. Hätte sich Goethe jemals so gehen lassen können? Immerhin gibt es ein authentisches Dementi just dieses Satzes. Es stammt von der Philine der "Lehrjahre", wird noch in "Dichtung und Wahrheit" wiederholt und lautet: "und wenn ich dich lieb habe, was geht's dich an?" Was da so leicht daherkommt, ist tatsächlich ein gelockertes Zitat aus der "Ethik" des Spinoza, dem philosophischen Lieblingsbuch Goethes. Philines kecker Satz ist jedenfalls tief in Goethes Lebenskunstökonomie verankert und mitverantwortlich für das Konzept der Entsagung. Schade, dass davon auch in Walsers Buch nur populistisch und wie von einem elenden Horror die Rede ist.
Vielleicht ist dies der einzige Punkt, an dem Walser seinen Helden entschieden unterschätzt. Gut möglich auch, dass nur so der hastig-abrupte und erkältende Schluss zu erklären ist. "Du sollst nicht lieben" – die wiederum trotzige Pointe unterbietet ihren (vermeintlichen) Autor.
Und doch: wie die "Exzellenz" zum "liebenden Mann" wird und nichts sonst, darin zumindest überbietet Walsers Goethe-Roman seinen großen Vorgänger. Täuscht der Eindruck, oder wirkt die Arbeit des achtzigjährigen Walser nicht durchaus frischer und ,jünger' als die des seinerzeit (1939) noch jüngeren Thomas Mann? Der Liebesexperte Walser nutzt seinen Vorteil und behauptet sich so neben dem Wunder an Recherchierkunst, das Thomas Mann aufzubieten weiß.