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Mittwoch, 16. April 2008

Forum:

Wie hat Ihnen Martin Walsers "Ein liebender Mann" gefallen?

Das Ende unseres Abdrucks von Martin Walsers neuem Roman ist nah, die letzte Folge wird am nächsten Montag erscheinen. Zum Abschluss möchten wir nun gerne von unseren Experten und Lesern wissen, wie Ihnen der Roman gefallen hat. Ist das Buch als Altersroman, als Liebesgeschichte oder als Dichterporträt am stärksten?

Beiträge

21.04.2008 | 10:47 Uhr

Anne Bohnenkamp: Von der Liebe und vom Schreiben

Ein Selbstbildnis des Autors als Klassiker? Ich habe Walsers Goethe-Roman nicht als herkömmliches Dichterporträt gelesen, sondern als sehr subjektives und individuelles Goethe-Bild. Das ist nicht der Goethe der (Literar-)Historiker - und es ist auch nicht der meine.

Der Roman gibt uns entschieden Walsers Goethe. Eben darauf war ich neugierig und ich habe den Roman gerade deswegen mit Vergnügen gelesen. Gefunden habe ich neben Walser/Goethe und seiner sehr eigenständigen und lebendigen Ulrike einen raffinierten Brief-Roman, der – vor der Folie des "Werther" und in vielfältigem Bezug auf den großen Briefschreiber Goethe – zahlreiche historische und fiktive Briefe in Spiel bringt (Gedichte als "Eilpost der Seele") und nicht zuletzt vom (Brief- und Roman-)Schreiben handelt.

Im Zentrum des Romans steht dabei Goethes großes poetologisches Liebesgedicht, eben die "Marienbader Elegie", das hier zum Bestandteil eines fiktiven Briefes wird. Wie in diesem Gedicht geht es in Walsers Roman um die Liebe und um das Schreiben und vor allem darum, wie beides zusammengehört.

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21.04.2008 | 10:44 Uhr

Thomas Anz: Am Ende ein Traum

Da müsste man nun am Ende viel von dem, was im Forum schon geschrieben wurde, wiederholen. Daher nur ein Blick auf den Schluss des Romans: ein halb erblindeter, tief gekränkter Goethe, dessen Augen die Levetzows nicht mehr erkennen können, der aber erkennt, dass sie nicht ihn, sondern sein Renommee begehren, ein Goethe, der sich vor sich selbst schämt, ein Goethe, dem ist, als sollte die Scham ihn überleben, ein vom Willen zum Leben erlöster, also fast toter Goethe, ein ganz anderer als der Thomas Manns.

"S w s w", so weit sind wir: Das hatte Walsers Goethe zum ersten Mal vor dem Augenblick der größten Nähe zu der Geliebten gesagt. Am Ende bleibt der Traum davon. Und wie ein Wunschtraum nimmt sich noch die "Letzte Nachricht" aus. Ulrike liebt ihn so dauerhaft, dass sie ihn gleichsam mit ins Grab nimmt. Wie in den ersten beiden Sätzen weiß hier ein Erzähler mehr als der Protagonist, wie dort, nur viel auffälliger, ist das ein perspektivischer Bruch. Dennoch: ein bedeutungsdichtes und bewegendes Romanende.

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22.04.2008 | 12:48 Uhr
Klaus Dietrich Fiuczynski schreibt: zu: Thomas Anz

Vielen Dank für diesen treffenden Beitrag, der meine Empfindungen am Schluss der Lektüre wiedergibt. Altersroman? Liebesgeschichte? Dichterportrait? Ich denke, ein großartiges Dichterportrait, das uns Goethe näherbringt.

(Dass ein strenges Lektorat mehrmals "A" für Ausdruck und Stil hätte anmerken müssen und auch Streichungen in dieser Hinsicht durchgesetzt hätte, wurde schon in anderen Beiträgen angedeutet.)



18.04.2008 | 14:30 Uhr

Gerold Junior: Enttäuschung

Anfangs gefiel mir der Roman gut: Bildhafte Beschreibungen, lebendige Szenen und interessant geschilderte Personen ließen Anregendes erwarten. Aber dann: Nicht nur die oft unangemessenen Ausdrücke des zwanzigsten Jahrhunderts (mitkriegen, Chance u.dgl.) störten die Stimmung des neunzehnten, sondern - mit fiktiven Selbstgesprächen, inneren Monologen und Briefen - entwickelte sich auch mehr und mehr eine Art Altmännerwunschtraum, der wohl kaum noch Goethes, wohl aber Walsers Vorstellungwelt wiederzugeben scheint. Das gefällt mir nicht.

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18.04.2008 | 14:25 Uhr

Hans-Jürgen Schings: Keine Leiden des alten Werther

Wer sich auf Augenhöhe mit Goethe begibt, muss aufpassen, dass es nicht ins Auge geht. Martin Walser ist das Kunststück gelungen – und das intellektuelle Vergnügen ist groß. Dass Goethe gut wegkommt, bekommt auch Walser gut. Goethe nötigt ihn zur Höchstform.

Auf Augenhöhe – das heißt hier nicht Vereinnahmung in gutwilliger Verehrung oder gar beflissener Naivität. Zu beobachten ist vielmehr die Anerkennung höchsten Ranges, der deshalb ein Sprung über alle Distanzen und Abgründe glückt. Und das Erstaunliche: dies alles geschieht ohne Missvergnügen, ohne anxiety of influence, ohne Nörgeln oder auch nur klammheimliches Händereiben über die Schattenseiten des großen Mannes. Mit einem Wort: hier herrscht Sympathie. Und die ist offensichtlich bekömmlich für eine Prosa voller Witz, Einfallsschnelligkeit und Geistesgelenkigkeit ("Fazilität" nannte Goethe das). Liebevolle Teilnahme sei das Einzige, was Realität hervorbringt, so hatte es Goethe ausgedrückt.

Ein bedeutender amerikanischer Goethe-Forscher, der von sich sagen konnte, er habe jedes gedruckte Wort von Goethe gelesen, 150.000 Seiten Goetheschriften und Quellen, wollte als Resümee nur Bekundungen des Unglücks gelten lassen – wie die Äußerung zu Eckermann, er habe in 75 Jahren "keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt". So Heinrich Meyer im Jahr 1949. Auch um Goethe-Kritikern wie Karl Jaspers Wind aus den Segeln zu nehmen, begab man sich auf die Suche nach dem unglücklichen und dunklen Goethe. Das ist Walsers Sache nicht, obwohl er es mit dem Marienbader Unglück und dem vielleicht verzweifeltsten Satz Goethes zu tun hat: "Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren". Goethe sei Rokoko, erklärt im Roman der Sohn August. Und der Protagonist selbst spricht sich (wie Ulrike) tragische Neigungen ab. Auch der aufs gewagteste, unmöglich und deshalb unglücklich Liebende konvertiert nicht zu Hypochondrie und Melancholie.

So sehr es ihm ernst ist und so sehr er leidet, es gibt keine Leiden des alten Werther. Der junge Werther schreibt sich mit seinen Briefen in den Suizid hinein. Walsers Goethe schreibt selbsttherapeutisch (wenn auch vielleicht zu viel – war Goethe nicht auch ein großer Schweiger?). Nach meinem Geschmack billigt gleichwohl der Roman dem "Werther" ein zu großes Gewicht zu. Trotz des Interesses des europäischen Publikums (und Napoleons) war der Werther für Goethe erledigt, ein überwundenes Syndrom, ein romantischer Unglücksmensch, den man sich vom Leibe halten musste. "Wäre Werther mein Bruder gewesen, ich hätt' ihn erschlagen", heißt es in einer nicht gedruckten Elegie. Die Idee, Goethe und Ulrike beim Ball im Werther- und Lotte-Kostüm auftreten zu lassen, hat deshalb wenig für sich. Die "Exzellenz" und der Liebeselende haben sich längst kompromisslos voneinander getrennt.

Immerhin ließe sich von Werther sagen, was Goethe dem nicht weniger problematischen Eduard der "Wahlverwandtschaften" zugestanden hat: er liebe unbedingt. Und dazu ist nun allerdings auch die "Exzellenz" noch imstande. Walser macht sogar glauben, dass vor Ulrike nichts und niemand in Betracht komme. Er begeht damit sicher ein Unrecht. Ich halte es für ausgeschlossen, dass man Charlotte von Stein (die im Roman nur ganz nebenbei einmal auftaucht) so einfach aus Goethes Leben ausstreichen kann, und glaube nicht, dass irgend jemand mit ihr konkurrieren kann.

"Lieben, ohne geliebt zu werden, das dürfte es nicht geben." Gern wird Walsers Goethe mit diesem Satz vom "Schicksalspfusch" zitiert. Aber es ist ein rechter Werther-Satz, wehselig und kindertrotzig gegen die Realität anrennend. Hätte sich Goethe jemals so gehen lassen können? Immerhin gibt es ein authentisches Dementi just dieses Satzes. Es stammt von der Philine der "Lehrjahre", wird noch in "Dichtung und Wahrheit" wiederholt und lautet: "und wenn ich dich lieb habe, was geht's dich an?" Was da so leicht daherkommt, ist tatsächlich ein gelockertes Zitat aus der "Ethik" des Spinoza, dem philosophischen Lieblingsbuch Goethes. Philines kecker Satz ist jedenfalls tief in Goethes Lebenskunstökonomie verankert und mitverantwortlich für das Konzept der Entsagung. Schade, dass davon auch in Walsers Buch nur populistisch und wie von einem elenden Horror die Rede ist.

Vielleicht ist dies der einzige Punkt, an dem Walser seinen Helden entschieden unterschätzt. Gut möglich auch, dass nur so der hastig-abrupte und erkältende Schluss zu erklären ist. "Du sollst nicht lieben" – die wiederum trotzige Pointe unterbietet ihren (vermeintlichen) Autor.

Und doch: wie die "Exzellenz" zum "liebenden Mann" wird und nichts sonst, darin zumindest überbietet Walsers Goethe-Roman seinen großen Vorgänger. Täuscht der Eindruck, oder wirkt die Arbeit des achtzigjährigen Walser nicht durchaus frischer und ,jünger' als die des seinerzeit (1939) noch jüngeren Thomas Mann? Der Liebesexperte Walser nutzt seinen Vorteil und behauptet sich so neben dem Wunder an Recherchierkunst, das Thomas Mann aufzubieten weiß.

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17.04.2008 | 14:26 Uhr

Ute Frevert: Konventioneller als nötig

Ich habe mit dem Buch "gerungen", von Anfang an. Vor allem deshalb, weil mich das Hauptthema (alter Mann liebt junge Frau) in seiner ewigen Wiederkehr langweilt. Ich habe auch einiges gefunden, das mir missfällt. Die Sprache zum Beispiel hat oft irritiert und gestört. "Ulrike kriegte mit", "So schoss es polemisch durch Goethe durch", "Der Schreiber kriegte einen Auftrag" - Stilblüten noch und nöcher.

Auch die auf Goethe fixierte Erzählperspektive fand ich schnell ausgereizt. Wenn Liebe sowohl Gefühl als auch Kommunikation ist, dann gehören dazu mindestens zwei. Ulrikes Part aber bleibt völlig blind. Sie taucht nur in und durch seine Wahrnehmung auf. Dabei hat sie ihn gesehen, bevor er sie sah! Das Versprechen des ersten Satzes wird nicht eingelöst, und das ist schade. Es macht das Buch konventioneller, als es sein müsste. Das zeigt sich vor allem im dritten Teil, den ich am schwächsten fand - to say the least. Kein neuer Gedanke, quälende Selbstbespiegelung - das hätte der Autor sich und uns ersparen können.

Aber es gibt auch wunderbare Momente - allen voran die Tanzszene und das, was ihr folgt. Hier ist die Sprache so leicht wie die Bewegung, hier tanzt man mit und empfindet das Glück im Gleichklang und Wirbel. Und dann der Spaziergang und fatale Sturz - das ist meisterhaft gefasst und geschildert. Allein um dieses einsamen Höhepunkts willen lohnt sich die Lektüre des Buches. Hier kommt es auch am ehesten "zu sich". Wenn der Titel Programm ist, wollte Walser einen Liebesroman schreiben - das ist ihm in dieser Szene am besten gelungen.

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22.04.2008 | 12:01 Uhr
Stephanie Reyntjes schreibt: Ulrike als "Ich-Schablone"

Die Herren dieser Seiten haben sich wohlgefühlt und sich mit Walsers Sprechlein gefüllt. Ich bestreite mit Frau Frevert und Herrn Junior die Semantik und den Handlungsbezug (...in Liebe oder sexuellem Begehren) vieler Zeilen, Deuteleien Prophezeiungen:

Zitat...?
"...Dass sie nicht schreiben konnte: Morgen komm ich und falle Dir um den Hals und sag Dir etwas Frechböswunderbares ins Ohr! Daran war sie nicht schuld. Also lass, bitte, nichts auf Ulrike kommen!..."

"Frechböswunderbares" - nein, das habe ich im Roman nicht gelesen, sondern nur verbal erschlichen gefunden, poeto-andrologisch; ... wie frühere dolle Weibereien in vergangenen Walser-Schmecklereien (ob politisch, was er später abstreiten wollte; ob sexologisch, was er hier auch nimmer aufdecken will).

Erinnert? Z. B. das schreiende "Stridulationsorgan" einer Frau, das ihn - den kundigen Autor - so begeisterte, dass es mich langweilte.
Leistet das der Autor für uns?
... vom Kafkaesken bis zum stilösen Potenznarr.


19.04.2008 | 18:13 Uhr
Gerold Junior schreibt: Zum Beitrag von Frau Frevert

Auch im Namen meiner Frau stimme ich Frau Frevert voll und ganz zu in ihrer Kritik an Walsers Sprache. Er benutzt moderne Ausdrücke und Wendungen, die als seltsame Riffe in die Biedermeier-Landschaft hineinragen: nicht nur "(mit)kriegen", nein, die Liste ist wesentlich länger. Da heißt es toll (manchmal richtig, meist falsch im heutigen Sinne), beziehungsweise, egal, Chance, rasant u.a.m. Ich verweise auf meinen Beitrag vom 10.04. und vom 18.04.



17.04.2008 | 13:31 Uhr

Friedrich Dieckmann: Walsers Goethe-Erzählung – ein Roman?

Altersroman, Liebesgeschichte, Goethe-Porträt? Gewiss dies alles zusammen! Darin gleicht Walsers Buch einem älteren Goethe-, Alters- und Liebesroman, der, vierhundert Seiten stark, 1953 bei Schneekluth in Darmstadt (und einige Jahre später im Berliner Union Verlag) von dem vierundsiebzigjährigen Hans Franck erschien.

Thomas Mann war sehr angetan von der Lektüre; sein eigener Goethe-Roman, so schien es, lag weit hinter ihm. "Der Goethe-Roman ist nun dieser, der Ihre!" schrieb er im Januar 1954 mit wahrer Courtoisie an den ihm von früher bekannten Autor.

Aber ist Walsers Buch denn wirklich ein Roman? Ist es nicht weit eher eine Erzählung, genau besehen: eine lang geratene Novelle? Das Novellistische der Konzeption zeigt sich auch in der Ausklammerung fast alles Zeitgeschichtlichen und Politischen. Wie mit Scheuklappen blickt der Goethe des Romans ganz und gar auf die seinem Gefühl Erkorene; es gibt außer Ulrike, die es als autonome Erscheinung in dem Buch aber auch nur in Grenzen gibt, nur Nebenfiguren, in Helfer und Beistehende oder Widerstrebend-Feindliche aufgeteilt. Die Jugend der Zeit kommt als eigenwillige, eigensinnige Generation im Grunde nicht vor. Das ist eine Einschränkung des Blicks, die wir unserer Zeit anlasten müssen, nicht dem Autor!

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16.04.2008 | 15:07 Uhr

Rüdiger Görner: Macht der Mitwelt Spaß

Dieser Roman rechnet entschieden mit der Stimmung des Lesers, zählt auf diesen größten Unsicherheitsfaktor aus der Sicht eines jeden Autors. Und diese Stimmung entscheidet, ob man Walsers Roman gewordene Novelle als Werk des Alters oder Ausdeutung einer Liebe liest.

Und wenn als Porträt, dann doch als Doppelbild ohne Doppelglück, als Bildnis des späten Goethe und der frühen Ulrike, als Etüde über das Thema späte Verjüngerung und frühes Reifen. Denn das ist diese umfängliche Erzählung wohl am ehesten: eine Etüde, die immer wieder Anhaltspunkte in Gestalt von Sentenzen hervorbringt, an denen sie sich orientiert und einen neuen Anlauf nimmt, kleine Leitmotive, zu denen die Kürzelsprache unter Liebenden (wie feinsinnig vom Erzähler beobachtet!) ebenso gehört wie Maximen der folgenden Art: "Wenn die Seelen einander nicht küssen, sind die Münder tot" oder "Harmonie ist furchtbar, das ist der Friedhof des Gefühls" (warum will man für das Wort ‘furchtbar’ immer ‘fruchtbar’ schreiben?!) oder "Jedes mal sticht die Erinnerung zu und trifft einen Wehrlosen."

Wichtig die Momente der Selbstkritik; der wichtigste überhaupt, als Walsers Goethe sich eingestehen muss, dass "seine ganze Entsagung-Schau, sein komisches Verzichttheater, seine kulturelle Kulissenschieberei" nichts als eine "groteske Überschätzung der Umwelt, der Gesellschaft", zu absurder Rücksichtnahme auf die Anderen geschuldet sei.
Aus solchen Konstellationen ergeben sich Sprachwitz, freiwillige und unfreiwillige Komik; Walsers Buch bietet viel davon, viel Anlass auch, diese Episode und mit ihr deren Zeit in Erinnerung zu rufen, sich mit ihr auseinanderzusetzen und zu fragen, was dergleichen hoch kultivierte Gefühlsspiele uns heute noch bedeuten können. Allein deswegen lohnt die Beschäftigung mit Walsers kleinem Roman.

Als Thomas Mann so alt war wie Walsers Goethe, schrieb er in einem Brief: "Mich verlangt durchaus nach Komik." Das Ergebnis war "Der Erwählte", "Die Betrogene", war "Felix Krull". Und wie alles, was zuletzt noch zum Lachen ist, gebären solche Scherze (zur Selbstunterhaltung wie Mann meinte) sehr eigene Melancholien. Drängt sich somit wirklich zwingend die Frage auf, wie man später Walsers Roman lesen wird? Walser hätte die Lustige Person aus dem Faust auf seiner Seite: "Wenn ich nur nichts von Nachwelt hören sollte./Gesetzt, daß ich von Nachwelt reden wollte,/Wer machte denn der Mitwelt Spaß?" Ich denke, es gibt gute Gründe dafür, es mit dem "Liebenden Mann" ganz ähnlich zu halten.

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16.04.2008 | 14:50 Uhr

Christian Schärf: Neo-Rokoko

"Ein liebender Mann" ist ein Buch von virtuoser Sprachartistik, mit vielen reizvollen, großartig durchgearbeiteten Motiven und interessanten Figuren. Martin Walser ist mit 81 Jahren immer noch auf dem Höhepunkt seines Könnens, das ist unbezweifelbar, der Roman beweist es, seine Form ist geglückt, sein Inhalt federleicht und doch auch inhaltsschwer, an manchen Punkten mit Verdichtungen, die den Philosophen herausfordern und zugleich ratlos machen können. Warum gefällt mir das Buch trotzdem nicht?

Bei aller Anerkennung liebt man einen literarischen Text doch nicht für die Leistungen, die er präsentiert. Walsers Roman bleibt für mich in dieser Hinsicht fast ohne Ausstrahlung, er bleibt kalt und ich bleibe kalt, wenn ich ihn lese und mir sage, wie gut er gemacht ist. Das mag an mir liegen, vielleicht aber auch an dem Text selbst. Mag sein, er erscheint mir zu perfekt, zu sehr darauf hin gemacht zu zeigen, wie das aussehen muss, wenn einer schreiben kann.

Diese – nicht unverständliche, keineswegs verwerfliche - Eitelkeit des sich selbst klassisch gewordenen Autors weht mich von jeder Seite an und immunisiert das Werk gegen die Sinne, die sich ihm ganz zuwenden wollen. Das Ganze erscheint mir wie ein Spiel, das sich selbst nicht ernst nimmt, ganz im Sinne jenes Rokoko-Begriffs, den Walser in seinem Roman erklärt: " Rokoko war immer ein Betrug, der wusste, daß er ein Betrug war. Rokoko hat sich nie ernst genommen. Humor nimmt sich ernst, ist aber kein Ernst, also ist er der wirkliche Betrug." (S. 188).

In diesen Satze liegt in nuce, was mich an dem Buch überzeugt und zugleich distanziert bleiben lässt. Es ist Neo-Rokoko. Die Klosterkirche Birnau, ganz in Walsers Nachbarschaft, lässt grüßen. Wie die Putten und Madonnen, die dort freundlich und unmotiviert von der Decke hängen und uns an die Wonnen irdischer Freuden erinnern, so gibt uns Walser einen alten Goethe, dem es bei aller Last seiner Leiden so leicht wird, dass es ihn ein letztes Mal hinan zieht.

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20.04.2008 | 17:10 Uhr
Helmut Hofmann schreibt: Kühl bis ans Herz hinan

Ja, meine Erfahrungen sind ähnlich. Ich registrierte, teilweise mit einer gewissen Bewunderung, mit welcher Meisterschaft Walser zu Werke ging. Aber der Roman fesselte mich nicht. Die Bewunderung verblieb auf der Ebene des Handwerklichen.

Ich glaube, die Ursache liegt darin, dass es sich bei diesem Roman im Grunde um ein Ensemble von höchst kunstvollen poetischen Entwürfen zu den kommunikativen, diskursiven und reflexiven Prozessen einer Altersliebe handelt, bei denen sich der Autor immer wieder von einem berühmten historischen Fall inspirieren lässt, ohne diesen dem Leser wirklich nahebringen zu wollen, so dass er nacherleben, empfinden und verstehen kann.
Walsers Goethe leidet nicht (gesehen auf dem Hintergrund der Marienbader Elegie). Er redet zwar vom Leiden, aber er redet, plaudert und monologisiert ja unablässig. Zwischen den Zeilen meint man die Freude zu spüren, mit der sein Schöpfer ihn das tun lässt. Und es umgibt einen dabei die Kühle des Diagnostikers.



16.04.2008 | 10:15 Uhr

Wolfgang Frühwald: Roman einer Altersliebe

Den Roman von Martin Walser habe ich gerne gelesen, in einem Zug, ohne abzusetzen, nicht weil ich wissen wollte, wie "es ausgeht", das ist bei historischen Romanen nicht ungewiss, sondern um zu wissen, wie tief sich Martin Walser in die Psyche eines Altersgenossen aus dem 19. Jahrhundert versetzen kann.

Mir kam dabei immer wieder die Kenntnis des alten Goethe in die Quere, zu der Walsers Porträt nicht passen wollte. So habe ich den Roman – auch in der viel gerügten zweiten Hälfte und gerade dort – nicht als das Porträt eines Dichters (Goethes) gelesen, auch nicht als Altersroman, sondern als den "Roman einer Altersliebe".

Und als solcher ist er gelungen. Am besten vielleicht ist das Porträt der Ulrike von Levetzow gelungen, gerade weil es den historisch überlieferten Tatsachen nicht entspricht, sondern eine recht resolute, selbstbewusste, sich zu ihrer Liebe und Achtung für den alten Mann bekennende junge Frau beschreibt, eine emanzipierte, kurz eine moderne junge Frau.

Martin Walser hat in dieser Ulrike keine historische, aber eine so lebensechte Figur gezeichnet, dass sich beim Leser fast so etwas wie Eifersucht auf Goethe regt, weil er in ihrer Nähe sein durfte. Um dieser Figur willen ist Walsers Buch ein großer Roman.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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