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Mittwoch, 27. Februar 2008

Forum:

Braucht ein Schriftsteller Mut, um über das Alter zu schreiben?

Altern ist nichts für Feiglinge - braucht ein Schriftsteller Mut, um über das Alter zu schreiben? Was riskiert er, wenn er es tut? - Das Alter scheint ein ganz besonderer Stoff zu sein.

Beiträge

01.03.2008 | 15:08 Uhr

Thomas Anz: Notwendigkeit und Erleichterung

Als Brecht seine Kalendergeschichte "Die unwürdige Greisin" schrieb und mit dem Titel jene gängigen Vorurteile zitierte, gegen die er die lebenslustige Greisin verteidigte, war er ein Mann von etwa vierzig Jahren.

Als Thomas Mann, Rilke, Hofmannsthal oder Trakl ihre Dichtungen über Alter, Herbst, Tod und Verfall schrieben, waren sie erheblich jünger. Simone de Beauvoir hatte ihr sechzigstes Lebensjahr überschritten, als sie ihr Buch über "Das Alter" veröffentlichte.

Zu beachten, in welchem Alter jemand über das Alter schreibt - Wolfgang Frühwald weist in seinem Forumsbeitrag darauf hin -, ist in der Tat nicht unwichtig. Aber ob man im Alter wirklich mehr Mut dazu braucht? Vielleicht ist das Schreiben darüber für viele alternde Autorinnen und Autoren sogar eine Notwendigkeit und Erleichterung. Und gegen die Angst vor Peinlichkeiten der Selbstentblößung stehen ihnen zwei bewährte Mittel zur Verfügung: das Spiel mit Fiktionen (‚Ich bin ja nicht oder nur zum Teil derjenige, von dem ich erzähle.’) – und die Komik. Goethe hat sich in "Der Mann von fünfzig Jahren" beider Mittel bedient.

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28.02.2008 | 10:05 Uhr

Stephanie Reyntjes: ... Unvorgreifliches

Nachbegreifliches:
"Bei Unvorsichtigkeiten ist nichts gewöhnlicher, als Aussichten auf die Möglichkeit eines Auswegs zu suchen." (Maximen und Reflexionen 144)

Darin unterscheidet sich Jugend vom Alter; Mädchen vom Großvater; Mutterkind vom Künstler; die Gerte von der Wünschelrute.
"Wüschelruten sind hier, sie zeigen am Stamm nicht die Schätze; / Nur in der fühlenden Hand regt sich das magische Reis." (Weissagungen des Bakis 3)
.... > also Vorgefühltes, statt Verzweiflung beim Liebenden.

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28.02.2008 | 10:05 Uhr

Eckart Haerter: Zum Mutbegriff

Was hat denn das mit Mut zu tun, übers Alter zu schreiben? Doch genauso wenig wie ein Schauspieler Mut braucht, um den Stauffenberg zu spielen. Allenfalls sollte man fragen, was es bringt, über Erotik und Sexualität im Alter zu schreiben.

Im vorliegenden Buch geht es allerdings darum, dass ein 73-Jähriger eine 19-Jährige begehrt. Für mich zunächst einmal völlig verständlich. Aber zur Souveränität eines Mannes gehört es auch, sich klar zu machen, dass es für ein junges Mädchen eine Zumutung ist, sich ihr als Greis anzudienen. Zum Menschsein braucht es eben manchmal auch Verzicht und "holdes Bescheiden" (Möricke), besonders wenn man ein so überragender Geist ist wie Goethe.

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29.02.2008 | 01:30 Uhr
Edgar Piel schreibt: Mut?

Ich gebe Ihnen ganz und gar recht. Mut ist hier im Blick auf Schriftsteller wirklich nicht die richtige Kategorie, vielleicht sollte man von Exibitionismus sprechen. Den braucht es wahrhaftig. Und der ist - was die Erotik im Alter angeht - tausend Mal intensiver bei Philipp Roth, der damit im Guten (jetzt: Exit Ghost) wie im langweilig Schlimmen (Sabbaths Theater) lebenslang schon geschlagen war. Bei Walsers Marionettentheater mit Goethe konnte ich beide Dimensionen des extremen Exibitionismus bislang noch nicht entdecken - vielleicht zum Glück.



27.02.2008 | 15:36 Uhr

Friedemann Bedürftig: Kein platter Lustkreis

Friedrike Reents und Frizen ist rundum zuzustimmen, vor allem, was die allenfalls lose Anbindung des Geschriebenen an eine konkrete Person angeht, ob nun Ulrike oder Marianne. Deswegen erscheint mir die Walsersche Goethefizierung der "lieblichsten" Ulrike so wenig plausibel.

Als hätte der Alte nach einer Geistesverwandten und nicht vielmehr nach der Biegsamkeit der Jugend, dem Leiden an der Leidenschaft gesucht. Historisch ist das kluge, schlagfertige Kind jedenfalls nicht. Und es lässt sich auch nicht, mit Goethe zu reden, der Elegie extorquieren. Darin gewinnt es gar keine Gestalt ("schlanck Gebild aus lichtem Duft") und schon gar kein intellektuelles Profil ("kindlich – unüberwindlich") wie in Walsers, zugegeben reizenden, Plänkeleien oder Konversationen.

Wenn ich es denn aber mit Reents und der erzählenden Interpretation halte, dann wäre die Promotion Ulrikes zur Partnerin eine narrative Notwendigkeit, ohne die Walsers Schwüle nicht funktioniert. Das aber würde die Geschichte noch einen Hieb weniger plausibel machen. Es ehrt den Autor zwar, dass er seinen Goethe nicht den platten Lustgreis geben lässt (oder doch nur am Rande und am Ende). In Wirklichkeit aber packt die alten Herren weit eher der Hang zum Küchenpersonal oder meinetwegen zum Mädchenpensionat als das Sehnen nach Gleichgestimmtheit oder gar -klang, von gleicher Reflexionshöhe nicht zu reden. Nun, vielleicht soll die Geschichte den alten Verfasser ja nicht nur erlauben in die Goethe-Rolle zu schlüpfen, sondern ihn auch aus besagten Niederungen hinauf- und hinausschreiben. Wenn Walser das bezweckt hat, dann ist es nicht recht geglückt, aber mutig im Sinn unserer Frage durchaus.

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29.02.2008 | 16:16 Uhr
Werner Frink schreibt: Nur zur Klärung betr. "Arbeit"

In der Forum-Frage ging's um den Mut zum Schreiben über gewisse Brisanzen des Alterns. Und den aufzubringen, dürfte heutzutage für niemanden mehr ein Problem sein. Dass der dabei fabrizierte Text dann auch Lektüre und Respekt verdient, setzt dagegen ganz bestimmt "harte Arbeit" voraus. Nach meinem Eindruck kriegen wir allerdings häufiger (ok, menschlich authentische) platte Defizit-Lamenti vorgelegt - oder, wie von Rühmkorf, pseudofröhlich-peinliche poetische Tändeleien.


28.02.2008 | 21:21 Uhr
Stephanie Reyntjes schreibt: A r b e i t der Männer?

"... harte Arbeit..." der Männer?
Da bin ich, ohne hier spezielle Vorwürfe adressieren zu wollen, sehr skeptisch geworden, wenn man die Kraftmeier-, Show-, Sport- und "Gehirn"-Welt von Stars und Selbstischen und Gedopten unserer Tage analysiert findet.


Und wer sich informiert über Potenzmittel - oder sich ihrer zur Lendenerwärmung bedient -, weiß, dass Goethe sich noch sehr natürlich zu beleben und auszudrücken wusste:
"... wie sehr begünstigt jener Künstler gewesen, dem man Gelegenheit gab, eine Venus aus mehreren Schönheiten herauszustudieren..." (Dichtung und Wahrheit III,13)
- Ja, Goethe redete über ein ästhetisches Aphrodisiacum, das Schönheitsempfinden des jungen, auswählenden Mannes, des "Künstlers"!


27.02.2008 | 17:05 Uhr
Werner Frink schreibt: In der Tat, "Niederungen" und "Schwüle"...

... und die Zahl jener Senioren-Autoren, die sich dorthin begeben, wächst offenbar stetig. Peter Rühmkorfs Gedicht (heute auf der Rückseite von Walsers Folge 4 in der FAZ) gehört für mich in die gleiche Ecke, nur dass er es als modernisierte, geschwätzige Schäfer-Poesie präsentiert. Mut ist zu sowas wohl kaum gefordert, allenfalls, wenn es gut werden soll, harte Arbeit.



27.02.2008 | 14:48 Uhr

Terence James Reed: Aschenbach und Goethe

"Old age is not for sissies" (Altern ist nichts für Weichlinge) hat schon Marlene Dietrich gemeint. Natürlich ist Mut gefragt, um mit dem eigenen "stufenweisen Zurücktreten aus der Erscheinung" (Goethe, Maximen und Reflexionen) fertig zu werden. Die Altersphase ist aber dadurch kaum einmalig.

In welcher Lebensphase ist Mut nicht gefragt? Der Verfall kann ja auch früh eintreten - bei Schiller kündigt er sich bereits mit einunddreißig an, lange nicht das einzige Beispiel für frühen Künstlertod. Wobei "das Wissen um ein baldiges Ende" - so Gottfried Benn - "Jahrzehnte des Alterns kompensieren" und zur Reife eines sogenannten Spätstils führen könne.

Ein eigener Mut gehört aber doch wohl nicht dazu, über das Alter zu schreiben. Wie sollte der Schriftsteller, dessen Beruf es ist, die Dinge beim Namen zu nennen, gerade diesen harten Fakten nicht in die Augen schauen wollen? Aber - was eigentlich wichtiger ist - selbst ohne das Alter zum Thema zu nehmen, schreibt er unvermeidlich als Alternder, will es ja auch, oder will doch das, was er zu sagen hat, vor Torschluss noch ausgesprochen haben. Das ist die "Künstlerfurcht", wie sie Thomas Manns Gustav von Aschenbach besorgt macht, "die Uhr möchte abgelaufen sein, bevor er das Seine getan und völlig sich selbst gegeben".

Aschenbach übrigens wird schon mit dreiundfünfzig Jahren als "alternder Künstler" bezeichnet (ich habe als Mittfünfziger diese Passage im Seminar zu zitieren aufgehört!) und zwar in Bezug auf dessen Betörung durch jugendliche Schönheit: "Das war der Rausch; und unbedenklich, ja gierig hieß der alternde Künstler ihn willkommen." Das klingt nicht von ungefähr an die Betörung des alten Goethe durch die blutjunge Ulrike an. Hat doch Thomas Mann gesagt, er habe ursprünglich gerade diese "böse, schöne, groteske, erschütternde Geschichte" erzählen wollen. Das Gemeinsame der Sujets: Aschenbach und Tadzio, Goethe und Ulrike? Außerdem: Das Prekäre des Meistertums, Entwürdigung und Fall des Hochgestiegenen.

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27.02.2008 | 14:10 Uhr

Friederike Reents: Nichts für Jammerlappen

Mut braucht jeder, der Tabus bricht. Die Zeiten, in denen der Alterungsprozess ein tabuisiertes Thema war, dürften allerdings vorbei sein. Aufgrund der demographischen Verschiebungen werden nicht nur zahlreiche Ratgeber, sondern auch Titel belletristischer Literatur rund um das Thema Alter auf uns zukommen.

Gelungene Beispiele für Letzteres sind etwa der schmale Roman von Arne Roß, "Pauls Fall" (2006), der minutiös einen alten Mann bei seinen letzten, trüben Tagen bis hin zum Schlaganfall begleitet, oder auch Harald Martensteins Familienroman "Heimweg" (2007), in dem auf vertrackte Weise die halluzinatorischen Hirngespinste der alternden, psychotischen Protagonistin scheinbar real werden.

Es ist heute also keine Mutprobe mehr, über die unschönen Seiten des Alterns zu schreiben – schon der junge Gottfried Benn bedichtete 1917 die Greisin, die Nacht für Nacht ihr Bett "verkackt", und den Greis, der sich die "mürben Schenkel" zuschmiert. Die ekelerregenden Begleiterscheinungen des Alterns zählen wie Liebe, Sex, Krieg und Tod längst zum Stoffreservoir. Gewagt ist Walsers Zugriff in anderer Hinsicht: ihm geht es nicht um den körperlichen Verfallsprozess, an Goethes Beispiel führt er dem Leser in Form schmerzhafter Bekenntnisse die altersbedingte Demontage eines großen Matadors vor.
Aber ist Mut im Zusammenhang mit dem Alter überhaupt eine passende Kategorie? Mir scheint, auf diese Weise wird eine Angst geschürt, der man auch anders begegnen könnte. In Platons "Staat" fragt Sokrates den alten Kephalos, ob er "das Greisenalter für eine Bürde des Lebens" hält. Und welch Wunder: Kein Gejammer über die verlorene Jugend oder zunehmende Gebrechen, sondern eine Lobeshymne auf das Alter! Endlich habe man "heiligen Frieden und Freiheit" vor eigener und vor fremder Lust! Wenn Leute jammern, fährt er fort, dann ist in der Regel nicht das Alter schuld, sondern der Charakter, "wären sie maßvoll und verträglich, dann wäre auch das Greisenalter eine verträgliche Last". Daher passt auch das englische Sprichwort besser: Getting old is not for sissies: Das Alter ist nichts für Jammerlappen!

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28.02.2008 | 19:34 Uhr
Herold Binsack schreibt: Nicht mehr Mut – mehr Intelligenz!

Wie wir sehen, kann Mut im Alter sehr leicht zu Übermut verleiten, Intelligenz wäre da wohl angebrachter. Walser tut Goethe damit vielleicht gar keinen Gefallen und damit auch nicht den Alten/"Verliebten" - zuviel der Peinlichkeit! Was die Junge Frau bei dem Jungen Mann womöglich gnädig übersieht – vielleicht bemerkt sie auch nicht so alles, da sie gar selbst verliebt ist – nimmt sie dem älteren "Liebhaber" sehr genau.

Jedem Regelverstoß folgt die Rache. Peinlich, wie die 19-Jährige, dem 70-Jährigen gegenüber die 16-jährige Schwester verteidigt, und was für eine köstliche Ohrfeige sie ihm da verpasst. Im Übrigen scheint sie sein Wortspiel durchschaut und ihm auch keine Gelegenheit gegeben zu haben, sich irgendwelche Schwachheiten einzubilden. Sie kokettiert nur mit der Tatsache,dass dieser alte, berühmte und sprachgewandte Mann vor ihr sprachlich in die Knie geht und dabei gerade die Moral (und seine Überlegenheit) einem Sprachwitz,wie er vielleicht der Jugend angemessen ist, opfert.


27.02.2008 | 20:29 Uhr
Editha Vögel schreibt: Nicht die Etablierten

Ich glaube nicht, dass die Zeiten vorbei sind, in denen der Alterungsprozess tabuisiert wird. Dass Schriftsteller wie Martin Walser und Michael Köhlmeier über alte Männer schreiben dürfen, haben sie dem Umstand zu verdanken, etablierte Mitglieder der deutschsprachigen E-Literatur zu sein. Mir ist noch die Aussage Willi Fährmanns im Ohr, der vor fast 20 Jahren in anderem Zusammenhang sinngemäß sagte: wenn man erst bekannt ist, wird alles gedruckt.

Für junge Autoren, besonders, wenn ihre Werke der U-Literatur (leider wird diese Unterscheidung in Deutschland gemacht) zuzurechnen sind, gilt dies nicht. Solange es Lektoren gibt, die ihre Schriftsteller anhalten, Protagonisten von Anfang 60 um 20 Jahre zu verjüngen, weil sich Leser gleichen Alters entsprechend jünger fühlten, und deshalb nichts von Ihresgleichen lesen wollten, solange ist dieses Tabu nicht gebrochen.

Um so löblicher, wenn Walser, Köhlmeier und Co mit ihrem Vorgehen dieses Tabu missachten. Die Zeit ist reif.


27.02.2008 | 16:35 Uhr
Herold Binsack schreibt: Casanova war der Einzige!

Liebe ist eine Allegorie über die Beziehung von Lebenshunger und Todeswunsch - unübertroffen stilisiert in Balzacs "Die Tödlichen Wünsche" -, die auch Goethe, und Walser vermutlich auch, keine Ruhe lassen. Und nur die Liebe zum blutjungen Wesen drückt beides aus, aber: "Wenn du mich besitzt, besitzt du alles. Aber dein Leben wird mir gehören…", wie es finster auf dem Chagrin-Leder heißt.

Auch in seinem Faust hat Goethe ein Stück von dieser seiner Sorge preisgegeben. Es ist dies das Wesen der Liebe, die auch Hafiz schon umtrieben und seine Verse schaffen ließen - und doch weiß man solches (erst) mit zunehmendem Alter. Und das ist die Tragik, denn dort lauert wohl eher die Erfüllung des Todestriebes, und somit ist man versucht diesem ein Schnippchen zu schlagen. Ich denke, Casanova war da der einzige, der dies auch geschafft hat - eine Weile, bis er starb -, aber zuvor schuf er noch sein Werk, und das machte ihn unsterblich.



27.02.2008 | 10:45 Uhr

Christian Schärf: Die Erotik unter 100

Verschwörungstheoretisch gesehen, müsste man Martin Walser als einen der Wortführer des Methusalem-Komplotts bezeichnen. Mit seinen zuletzt veröffentlichten Werken, vor allem dem stark beachteten Roman "Angstblüte", könnte er zum Lieblingsautor dieser nicht mehr ganz geheimen Gesellschaft aufsteigen.

Die offen vertretene Losung, auch alte Männer hätten ein Recht auf körperliche Liebe, und die Zurückweisung des Vorwurfs der "Altersgeilheit" als perfide Stigmatisierung sinnenfroher Senioren stellt im Kern eine raffiniert vorgetragene Attacke gegen die ohnehin brüchige Phalanx der jungen Männer dar. Diese bereits durch den Feminismus, die Herd-Pauschale und die Gen-Technik bis aufs Mark verunsicherte Spezies sieht sich jetzt auch noch den kunstvoll vorgetragenen Ansprüchen der Alten auf das, was jahrmillionenlang den Jungen wie selbstverständlich zugekommen war, ausgesetzt. Der davon zu erwartenden, Gefährdung der seit unvordenklichen Zeiten eingeübten Reproduktionsabläufe dürfte von Seiten der Jungen allerdings kein echter Widerstand entgegengesetzt werden. Das Problem, das für die Erotik unter 100 jetzt schon in Sicht kommt, ist vielmehr demographischer Art: tendenziell stehen immer mehr alte Männer immer weniger jungen Frauen gegenüber. Da müssen die jungen Männer sich wieder einbringen, ob sie wollen oder nicht. Mit seiner Preisvergabe hat sie Hollywood auf den anstehenden Kampf gerade eingeschworen: No country for old men.

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27.02.2008 | 14:19 Uhr
Edgar Piel schreibt: Erotik alter Männer

Kann es sein, dass der noch relativ junge Kommentator das Problem der Erotik unter 100 ein bißchen zu sehr durch die Brille von Goethe und Walser sieht? Was heißt denn, es ständen der immer größeren Zahl alter Männer immer weniger junge Frauen entgegen?

Ich frage mal so als alter Mann: Ältere Frauen kommen für Erotik per se nicht in Betracht? Klar - dann gibt es wirklich ein Problem, bei dem für die kleine Zahl junger Frauen auch noch die jungen Männer in die Breche springen müssen (*lach*). Aber merkwürdig ist es schon, dass das Problem der Erotik unter 100 gänzlich unter Ausschluss des Gedankens diskutiert wird, dass auch Frauen über 60 heute noch ganz dolle erotisch sein und erleben können. Und - ältere Frauen gibt es deutlich mehr als ältere Männer. Wo also ist jenseits der Diskriminierung der älteren Frauen das Problem?



27.02.2008 | 10:41 Uhr

Rüdiger Görner: Das Sehnen nach Sehnsucht

In einem literarischen Kunstwerk, das den Namen verdient, ist jeder Satz ein Wagnis; jedes Sprachbild erfordert Mut; denn wirkliches Schreiben sucht seine Form während diverser Drahtseilakte – ohne Netz und doppelten Boden, wobei das Überlieferte, anknüpfungsfähige ‘Kulturgut’ das Zirkuszelt bildet. Auf das gewagteste Artistenprogramm folgt meist eine Clownnummer. Der Trapezkünstler verkörpert fliegende oder schwerelose Jugend, der Clown das in der Komik aufgefangene Alter(n).

Schriftsteller sind die Trapezkünstler und Clowns in der Sprache. Sie schwingen sich auf und veralbern. Der frühe Goethe schrieb über den programmatisch jungen Werther und den alternden Götz nahezu zur gleichen Zeit. An jeder Stelle bis zum Äußersten gehen, das verlangte Thomas Mann vom Künstler; damit hatte er Goethe gemeint und Wagner und sich selbst. Zuletzt beschlich ihn, Thomas Mann, eine große Sorge: sich überlebt zu haben.
Arbeitet der mit Bewusstsein alternde Künstler vornehmlich an der Darstellung des Alterns? Walsers Goethe fragt, wie es denn wäre, die Leiden des alten Werther zu schreiben. In der Tat wie begierig läsen wir einen kleinen Roman mit dem Titel A Portrait of the Artist as an Old Man? Die Verlagswerbung würde vor lauter Vorbehalten gegen einen solchen Titel – grau.

Altern als Problem für Künstler heißt ein Text, den Gottfried Benn ein Jahr vor seinem Tod geschrieben hat, das Gültigste, was sich zu diesem Thema lesen lässt. Es beinhaltet einen wagemutigen Angriff auf die allgemein verbreitete These, dass der so genannte Spätstil das Erstrebenswerte sei und alles das abkläre, was an jugendlichen Sturm-und-Drang-Elementen in einem noch übrig sei. Benn wendet sich gegen das Späte als der Zielvorstellung in der künstlerischen Entwicklung. Diesen Text schreibend, lebte er gleichsam gegen sein eigenes Altern an.

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28.02.2008 | 00:05 Uhr
Helmuth Kiesel schreibt: Die Leiden eines alten Werther

Wie es wäre, die Leiden des alten Werther zu beschreiben? Darauf hat der Erzaufklärer und Werther-Kritiker Friedrich Nicolai mit seiner Werther-Fortsetzung "Leiden und Freuden Werthers des Mannes" (1775) schon eine Antwort gegeben: Lottes Verlobter Albert lädt die Pistole, mit der werther sich erschießen will, mit Schwarzpulver und einer Blase Hühnerblut. Werther drückt ab und fühlt sich tot.

Albert macht ihm deutlich, dass er noch am Leben ist und tritt ihm Lotte ab. Werther darf nun Lotte heiraten, muß ein Amt annehmen und lernt dadurch, "daß mehr Stärke des Geistes dazu gehöre, bürgerliche unvermeidliche Verhältnisse [zu] ertragen, als, wenn tobende endlose Leidenschaft ruft", in der Natur herumzurennen oder sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen. So wird Werther ein guter Bürger und Familienvater, hat ein Gütchen und acht aufgeweckte Kinder, die ihm alles Leiden vertreiben. Nicolai hat recht: Die Leiden eines alten Werther wollen wir uns nicht ausdenken.!



27.02.2008 | 07:05 Uhr

Werner Frizen: "Rast ein Aetna dir empor"

Mut, um über das Alter zu schreiben? - Ach ja: die "Altmännerliteratur"…
Gestern schrieb Frau Reents – was mir sehr einleuchtete –, sie verstehe Walsers Roman als narrative Interpretation von Lyrik. Heute möchte ich den Spieß umkehren und statt einer langen Interpretation ein Gedicht hierher setzen – es strotzt geradezu von Stolz auf das Alter und auf die Altesliebe:

LOCKEN! haltet mich gefangen
In dem Kreise des Gesichts!
Euch geliebten braunen Schlangen
Zu erwiedern hab’ ich nichts.

Nur dies Herz, es ist von Dauer,
Schwillt in jugendlichstem Flor;
Unter Schnee und Nebelschauer
Rast ein Aetna dir hervor.

Du beschämst wie Morgenröthe
Jener Gipfel ernste Wand,
Und noch einmal fühlet Hatem
Frühlingshauch und Sommerbrand.

Schenke, her! Noch eine Flasche!
Diesen Becher bring ich ihr!
Findet sie ein Häufchen Asche,
Sagt sie: der verbrannte mir.

Wenn ein Ätna emporrast, vergisst auch ein "wankelmütiger Neptunist" (Walser, S. 14) seine langweiligen wissenschaftlichen Irrtümer.

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27.02.2008 | 07:05 Uhr

Wolfgang Frühwald: Die Verzweiflung dichten

Über das Alter zu schreiben, ist einfach - wenn man jung ist. Doch als alter Schriftsteller über das Altern zu schreiben, über eine Zeit ohne Zukunft, über den Skandal des Schwindens von Lust und Lebensfreude, braucht auch dann Mut, wenn ein Autor nur die eigene Erfahrung in der eines anderen Autors spiegelt. Goethe hat selten die Verzweiflung gedichtet - in der Marienbader Elegie aber hat er es getan.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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