Thomas Anz: Notwendigkeit und Erleichterung
Als Brecht seine Kalendergeschichte "Die unwürdige Greisin" schrieb und mit dem Titel jene gängigen Vorurteile zitierte, gegen die er die lebenslustige Greisin verteidigte, war er ein Mann von etwa vierzig Jahren.
Als Thomas Mann, Rilke, Hofmannsthal oder Trakl ihre Dichtungen über Alter, Herbst, Tod und Verfall schrieben, waren sie erheblich jünger. Simone de Beauvoir hatte ihr sechzigstes Lebensjahr überschritten, als sie ihr Buch über "Das Alter" veröffentlichte.
Zu beachten, in welchem Alter jemand über das Alter schreibt - Wolfgang Frühwald weist in seinem Forumsbeitrag darauf hin -, ist in der Tat nicht unwichtig. Aber ob man im Alter wirklich mehr Mut dazu braucht? Vielleicht ist das Schreiben darüber für viele alternde Autorinnen und Autoren sogar eine Notwendigkeit und Erleichterung. Und gegen die Angst vor Peinlichkeiten der Selbstentblößung stehen ihnen zwei bewährte Mittel zur Verfügung: das Spiel mit Fiktionen (‚Ich bin ja nicht oder nur zum Teil derjenige, von dem ich erzähle.’) – und die Komik. Goethe hat sich in "Der Mann von fünfzig Jahren" beider Mittel bedient.
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