29.02.2008 | 12:46 Uhr
Rüdiger Görner: Gegen die Satzhoheit
Man gäbe schon so einiges, um der Walserschen Ulrike zu begegnen und mit ihr bacchantisiertes Brunnenwasser zu trinken. Sie, die für ihre jungen Verhältnisse auffallend reife Sprach-und Verhaltenskritikerin, würde natürlich sogleich fragen, was das denn sei, "bacchantisiertes Brunnenwasser", so wie sie eines der Lieblingswörter des Walserschen Goethe, "unvorgreiflich", hinterfragt, nein, es beinahe hintergeht.
Sie klopft Goethe nicht auf seine Finger, sondern auf seine Sätze ("Ihre Sätze wirken auf mich immer so endgültig"); sie konstatiert seine "Satzhoheit" und prägt damit selbst ein Wort, das sie, wäre es aus Goethes Mund gekommen, sogleich kritisch beäugt hätte. Ist "Satzhoheit" jedoch das Wort einer Neunzehnjährigen, damals? Wäre es ein solches heute?
‚Nassforsch’ (auch so ein Wort!) ist die Walsersche Ulrike; sie muss es sein, sonst wäre sie nur Projektionsfläche des Weltkindes in und über allen Mitten gewesen und damit novellistisch unbrauchbar. Die Blicke, die diese Ulrike mit diesem Goethe wechselt, sind übrigens – nach allem, was wir lesen – weniger forsch-fordernd oder keck als so manches ihrer Worte.
Bliebe die Frage: Wie ‚liebend’ ist Walsers Ulrike? Hat sie am Ende die "Marienbader Elegie" verdient, jene von Stefan Zweig so benannte "Sternstunde" der dichtenden Menschheit?
Oder verließ hier den Erzähler Walser der Mut, als er die "Marienbader Elegie" in seinem Roman in extenso zitiert, ohne mit ihr zu arbeiten, sie umzuwandeln, zu variieren, aufzubrechen? Ulrike bei der Elegie der Elegien, sieht man von Goethes "römischen" ab, ein Wörtchen mitreden zu lassen - das wäre ihre ultimative Forschheit gewesen, um die sie Walser, soll man sagen: wohlweislich? gebracht hat.