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Montag, 03. März 2008

Forum:

Meisterwerk, komödiantisches Vergnügen oder hehrer Kitsch - Ihr erster Leseeindruck?

Joachim Kaiser spricht von einer "authentisch geglückten Liebes-Passion", inspirierter als "Lotte in Weimar", Volker Hage tadelt "Stilmarotten" und findet, es werde "viel behauptet und wenig erzählt": Wie fällt Ihr erster Eindruck nach begonnener Lektüre des "Liebenden Mannes" aus?

Beiträge

19.03.2008 | 12:25 Uhr

Hrair Pischdovdjian: Strukturelle Schwächen des Romans

Die erste Hälfte des Romans – bis zur Absage der Levetzows und Goethes Rückkehr nach Weimar - ist noch amüsant und aufregend. In der zweiten Hälfte – Goethe allein in Weimar, versucht sich mit seiner Situation abzufinden – verliert die Erzählung an Intensität und Spannung.

Hier wird eine gewisse strukturelle Schwäche des Romans sichtbar. Denn im Unterschied zum ersten Teil kann sich Walser nicht auf konkrete überlieferte Informationen aus diesem Abschnitt von Goethes Leben beziehen und muss sehr viel erfinden. Der Leser merkt, dass Walsers Geschichte eigentlich hier zu Ende geht und der Autor darum verlegen ist, zumal er einen Roman mit einem entsprechenden Umfang zu schreiben hat.

So erfindet Walser eine unwesentliche Handlung und dichtet Goethe mit sehr viel psychologischer Einbildungskraft bzw. stilisiertem Psychologismus eine Phantasie-Biographie an. Dies mag zum Teil mit dem Phänomen und den Erfordernissen des historischen Romans zusammenhängen. Wer einen historischen Roman liest, muss sich vermutlich damit abfinden. Der Kenner der historischen Tatsachen jedoch empfindet dabei ein gewisses Unbehagen, besonders wenn eher nach Gemeinplätzen anmutende Tatsachen als seelische Qualen eines abgewiesenen und enttäuschten Liebhabers wie des 74jährigen Goethe kunstvoll gestaltet und als solche in den Vordergrund gestellt werden, was im vorliegenden Roman von Walser oft der Fall ist. Hier spielt natürlich auch die sprachliche Gestaltung eine wichtige Rolle: Die Sprache ironisiert und verweist gleichzeitig auf die ironisierende Absicht der Darstellung.

Thomas Mann hat ebenso eine fiktive Handlung für "Lotte in Weimar" erfunden, ist jedoch zurückhaltender, wirkt vermutlich gerade deshalb glaubwürdiger und authentischer. Er begegnet Goethe – dem abwesenden - auf jeden Fall, auch sprachlich, mit sehr viel Respekt. Bei Thomas Mann erleben wir einen Goethe in den Darstellungen von anderen. Ihre Urteile und Bewertungen sind deshalb für den Leser nicht verbindlich. Goethe bleibt eine unfassbare, aber respektable Grösse.

Walser macht aus Goethe eine Comics-Figur: Goethe für die Spassgesellschaft unserer Tage – im frivol anmutenden Schlusssatz des Romans von Ulrike träumend, im Spiegel der Reflexion eines sprachlichen Unterbewusstseins, das durch körperliches Wohlbefinden und Hochgefühl geprägt ist, was aber, zumindest vom psychologischen Standpunkt aus gesehen, – Goethe ist ja bitter von Ulrike enttäuscht worden und ist ein zerknirschter alter Mann – schwer vorstellbar und deshalb befremdend ist.

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05.03.2008 | 15:52 Uhr

Helmuth Kiesel: Schön, beglückend, rührend und erhebend!

Was haben wir alle bloß für einen superben Geschmack! Mein verehrter Kollege Ernst Osterkamp musste "äußerste Strenge" gegen sich selbst aufwenden, um das Buch zu Ende lesen zu können. Mein lieber Freund Christian Schärf musste die Blümeranz, die ihn bei der Lektüre überkam, mit Nietzsche bekämpfen. Meine bis heute von mir bewunderte Schülerin Friederike Reents fand den ersten Satz grandios, den zweiten redundant. Ich bin erschüttert und kann es nicht fassen!

Ich habe fast jeden Satz mehrfach gekostet (gegen Reents), war rein beglückt von der sprachlichen Schönheit wie der gedanklichen Härte dieses Buches (gegen Schärf) und musste am Ende "äußerste Strenge" gegen mich aufwenden, um nicht darüber zu weinen, dass es nicht weitergeht (gegen Osterkamp). Welch ein schönes und beglückendes, rührendes und erhebendes Buch! Ich werde jetzt hinter jeden Satz ein Ausrufezeichen setzen; auch andere Satzzeichen sind als solche zu lesen!

Was haben wir denn vor uns? Einen weiteren Altersroman? Ja, aber einen der – noch mehr als "Angstblüte" – die derzeit international gepflegten Altersromanmuster hinter sich lässt und nicht auf eintretende Demenz, gegebene Inkontinenz und unstatthafte Konkupiszenz setzt, sondern einen Vierundsiebzigjährigen zeigt, der, was es auch geben soll, Gehschwierigkeiten nur vom Hörensagen kennt. Der insgesamt noch ganz intakt ist. Noch so, dass er der Verführung erliegt, zu glauben, er käme noch für eine sehr viel jüngere Frau als Objekt nicht nur einer platonischen Liebe, sondern auch als Sexualpartner in Frage. Sich in diese schöne Illusion eine Weile öffentlich einüben darf und sie dann in einem ernüchternden Prozess wieder abstreifen muss.

Wir sehen den routinierten Charmeur, der zunächst spielerisch um Anerkennung und Zuneigung buhlt, dann plötzlich merkt, dass es kein Spiel mehr ist, und zugleich Widerstände erfährt, innere Einreden und äußere Proteste. Die Mutter der jungen Frau, die das Paar nicht mehr aus den Augen lässt; die Schwiegertochter, die sich erkundigt, was es mit gewissen Gerüchten auf sich hat. Der Vierundsiebzigjährige, der das Leben so souverän und kunstvoll wie kein anderer gemeistert zu haben schien – : er kriegt, weil er sich über das Souveränitätsgebot "Du sollst nicht lieben" hinwegsetzt, noch einmal zu spüren, was Abhängigkeit und Unfreiheit ist.

Und muss erfahren, dass bei aller Übereinstimmung mit jener jungen Frau letztlich doch eine ungeheure Kluft zwischen ihnen war, das ganze Theater vielleicht auf einer Verwechslung von Liebe und gesellschaftlichem Kalkül beruhte. Wir sehen ihn im Hoffnungsrausch und im Ernüchterungsschmerz, hilflos Schmacht- und Bettelbriefe schreibend, zusammenbrechend, weinend, auf die menschliche Solidarität des Dienstpersonals angewiesen. Wie viel das wirklich mit Goethe zu tun hat und ob ich es bei Goethe selber adäquater hätte lesen können, ist mir völlig egal.

Ich habe diesen Roman nicht als einen Goethe-Roman gelesen, sondern als einen Roman über einen "liebenden Mann", der aus Goethes Erfahrungen gespeist wird, in der Goethezeit spielt und sie doch hinter sich lässt, Geschichtliches reproduziert, aber doch ganz gegenwärtig ist, auch sprachlich im Wechselspiel von goethezeitlicher und moderner Diktion.

Überhaupt die Sprache: so gestisch, dass man beim Lesen mitzusprechen beginnt und ins Agieren verfallen möchte. Das Lesen wird hier körperlich erfahrbar, freilich nur, wenn man sich Zeit lässt und nicht prüft, ob der eine oder andere Satz redundant ist. Dann stören auch die Lyrismen nicht: Wiederholungen, Variierungen, Inversionen, Rhythmen, Emphasen, Lakonismen – Verdichtungs- und Evokationskunst insgesamt, die auszukosten ein einziges Vergnügen ist.

Ich habe den Roman "Ein liebender Mann" wie ein einziges großes elegisches Gedicht gelesen! Wort für Wort, vielen Wendungen lange nachlauschend!

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06.03.2008 | 10:16 Uhr
Christian Schärf schreibt: Abstoßende Eitelkeit

Christian SchärfHelmuth Kiesels Replik auf die Miesmacher ist so brillant, dass ich gern ein ganzes Buch von ihm in diesem Stil gelesen hätte. Und in einem Punkt muss ich ihm zustimmen: Man tut einem Buch von vornherein Unrecht, wenn man sich nicht mit allen Sinnen seiner Sprache gegenüber öffnet.

Genau das habe ich bei Walsers Goethe-Roman auch versucht; ich habe mich darauf gefreut und fand die ersten 20 Seiten fesselnd. Aber dann, ich weiß noch nicht warum, war alles nur noch Rokoko (obwohl es doch im Biedermeier spielt), und die Spannung in den Sätzen, in den Figuren nahm mit jeder Seite ab. Und schließlich, bei aller Meisterschaft, die Walser als Sprachkünstler ja auch hier wieder zeigt, arbeitet in diesem Roman, in jeder Sentenz in jeder Szene, eine Eitelkeit, die mich zunehmend abgestoßen hat.


05.03.2008 | 17:04 Uhr
Eckart Haerter schreibt: Die geballte Macht der Koryphäen

Da bin ich ja richtig erleichtert, dass nun auch von kompetenter literaturwissenschaftlicher Seite so ein begeisterter Beitrag kommt. Ich fing schon an, vor der geballten Macht der Koryphäen immer tiefer in meinem Schreibtischstuhl zusammenzusacken, zumal ich selbst über keinerlei Sachkompetenz verfüge und mich nur auf mein sensorisches Urteil stützen kann. "Das Lesen wird hier körperlich erfahrbar", schreiben Sie. Ja, das Hören übrigens auch und besonders intensiv wenn Martin Walser selbst liest, wie zur Zeit morgens im NDR.



05.03.2008 | 15:40 Uhr

Terence James Reed: Ich suche noch nach einem Ersatz

Das Remake einer Goetheschen Lebensepisode – und ausgerechnet dieser – war ein Wagnis, es hieß, das Brett bohren, wo es am dicksten ist. Es fordert allzusehr zum Vergleich heraus: vor allen Dingen mit dem einmaligen Gedicht, das den Kern der Sache bildet, selbstverständlich auch mit Thomas Manns Lotte-Roman als kaum überbietbarem Beispiel für die Anverwandlung authentischer Materialien bei indirekter kritischer Selbstenthüllung.

Auch rächt sich der Vorteil der festen Erzählvorlage, indem man beim Lesen durch halb schon pedantische Zweifel abgelenkt wird, welche Motive und Figuren erforscht, welche hinzuerfunden worden sind (das stark aufgebauschte Moment "Rivale" etwa). So genau kennt sich nämlich auch der vermeintliche "Experte" im biographischen Kleinkram nicht aus!

Man fragt schließlich nach der eigentlichen Konzeption. Eine historisierende im engen Sinn ist sie nicht. Anders als bei "Lotte in Weimar" fehlt Walsers Rekonstruktion fast völlig die geschichtliche Patina. Die "Goetheschen" Briefe und Textentwürfe zum "Liebenden Mann" sind weit davon entfernt, Originalton Goethe zu sein. Nur bei dem einen Satz schlägt man nach, ob er in den Maximen und Reflexionen stehen könnte. ("Was ist der Neid anderes als eine zum Unglück verurteilte Form der Bewunderung.") Sonst werden lediglich ein paar Zitate und Halbzitate eingestreut, gleichsam als Puzzlestücke, deren Zwischenraum schlecht und recht erzählend gefüllt wird.

Selbst gesetzt die immerhin faktische Echtheit des Zusammengetragenen: tendiert es nicht eher dazu, die große Elegie in ihre Quellen und Entstehungsbedingungen aufzulösen? Tendenz abschwächend, das Intensive wird extensiv. Schon Goethe hat sich darüber beklagt, die Biographisten wollten seine Gedichte in die "Spezialissima" zurückverwandeln, aus denen er die allein wertvolle dichterische Aussage erst geschaffen habe.

Die Entstehung der Elegie ist sowieso längst genau erforscht – insoweit das Mysterium poetischer Kreativität überhaupt erforscht werden kann (Behrens/Michel: Elegie von Marienbad, 1991). Die Fiktion – diese Fiktion auf jeden Fall – trägt nichts Neues dazu bei. Sie trägt dafür allerdings etwas Neues nach, was den Sinn der Episode ganz umkrempelt: dass das Gedicht am Schluss als pures "Gesumms entlarvt" wird, im Sinne der früher im Text stehenden Abfertigung der Erzählung "Der Mann von fünfzig Jahren", sie sei bloß "Literaturliteraturliteratur". Auch die Liebe gar, die so vielen Werken Goethes zugrundeliegt, wird nach eingehend sympathetischer Nachzeichnung anscheinend negiert. Das seinerzeit auf dem Berg Sinaï angeblich überhörte allererste von elf Geboten soll gelautet haben: Du sollst nicht lieben. (Was aber – letzter Absatz! – sexuelle Erregung nicht ausschließt.) Damit soll sich Goethe, endgültig beruhigt, erleichtert abfinden.

Literatur gilt also nicht, Liebe ebensowenig. Insgesamt deprimierend. Von den drei "Zum Forum" angebotenen Etiketten scheint mir keines zu passen. Ich suche noch nach einem Ersatz.

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05.03.2008 | 15:20 Uhr

Ingeborg Harms: In Goethes Gegenwart wächst Walser über sich hinaus

Der Meisterstreich Walsers, sich als junge Frau an Goethes Seite zu phantasieren und in ziselierten Repliken das sprachliche Gewand des Rokoko-Esprits überzustreifen, führt die Theodizee des Walser’schen Werkes im Schilde. Befremdlich wird der Roman, wenn sich der melancholisch-verliebte Goethe in einen Jammerlappen verwandelt, die "Marienbader Elegie" ins Feuer werfen will und die "Kulturlüge" verflucht, auf die das eigene Werk gebaut ist.

Genüsslich malt Walser einen Goethe mit zitternden Händen, der spitze Schrei ausstößt, von einem Fuß auf den anderen hüpft, an der Brust seines Lakaien weint und zwei Flaschen Port in einem Rutsch aussäuft.

Zu beweisen ist die Sinnlosigkeit der Sublimationsleistung, die Goethes Dichtung von den Büchern Walsers unterscheidet. "Ein liebender Mann" legt den Akzent auf die sittlichen Umstände, die es Ulrike und Goethe verboten, ihre Liebe zu konsumieren. Damit ist der Roman nicht nur ein Plädoyer für die liberale Moderne, sondern auch für eine Literatur, in der die Erreichung des Triebziels im Zentrum steht.

Das stärkste Veto gegen Walsers Goethe sind die "Wahlverwandtschaften", ein Roman, in dem die platonische Liebe eine übersinnliche Intensität gewinnt. Vielleicht ist einem Vitalismus à la Walser die Vorstellung unerträglich, dass Goethe nicht aus Feigheit vor dem selbstverfügten Tod die Liebesschlappe überlebte, sondern weil er Kräfte besaß, die das Erlebte verarbeiten konnten.

Zwei Wahrheitssysteme treten im "Liebenden Mann" gegeneinander an, das sportliche des Glücks und der Gelegenheit, das nach Rokokomanier mit dem Schicksal spielt und in Niederlagen Haltung beweist, und das Freudianische des erbitterten Beharrens auf kreatürliche Rechte, das keinen Spaß versteht, wenn Illusionen scheitern. Sollte Goethe durch seine Liebe zu Ulrike bei Letzterem gelandet sein, so hätte Walser diese Wahrheit in seinen Büchern ratifiziert.

Aber wir sind nicht mehr so naiv zu glauben, dass alles historisch Jüngere automatisch das Wahrere ist. Im Gegenteil, solange Walser sich als Ulrike in Goethes Gegenwart versetzt, wächst er über sich hinaus und bezaubert durch einen völlig neuen Ton. Sobald er Goethe mit einem Walser-typischen Innenleben in die Gegenwart exiliert, sind wir nur einmal mehr durch einen larmoyanten Helden an unsere seelische Ressourcenlosigkeit erinnert. In der Bildenden Kunst nennt man das "Appropriation Art".

Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass Walser nicht auf die rein physische Ablehnung zu sprechen kommt, die Ulrike bei aller Liebe gegenüber dem greisen Körper empfunden haben mag. In diesem Punkt ist er ein größerer Idealist als Goethe. Man weiß nicht, wie man in dem Zusammenhang die "Letzte Nachricht" am Ende des Romans zu deuten hat, die von der Treue der ledig gebliebenen Ulrike Goethes Briefen gegenüber berichtet. Will Walser sagen, dass alles ein Versehen war und sich beide ohne gesellschaftlichen Druck noch bei Lebzeiten gefunden hätten? Oder geht es nicht eher um das Geheimnis der E. T. A. Hoffmann’schen "Bergwerke von Falun"? Ulrike mußte selbst alt werden, um Goethe ganz begehren zu können – und nahm dieses vom modernen Naturgesetz ungetrübte Verlangen mit ins Grab.

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05.03.2008 | 15:02 Uhr

Rüdiger Görner: Eine weitere Liebeserklärung Walsers an die Liebe

Bei diesem Spiel sind die Einsätze hoch. Es geht, scheinbar zumindest, ums Ganze: seitens Goethes um die letzte Liebe, das letzte große Gedicht, die letzten tiefen Blicke; aber sie wollen so authentisch wirken, als seien das alles für ihn erste Erfahrungen. Aus Ulrikes Perspektive handelt es sich um solche, um das Erwachen liebender Gefühle auf der Kurpromenade, und das für einen der ganz Großen, der eigentlich schon zum Zeitpunkt dieser Liebesgeschichte auf dem Denkmalssockel steht und eigens dafür noch einmal ins bunte Gewimmel herabsteigt.

Und der Autor Martin Walser? Er riskiert noch mehr. Wer greift heute schon als Erzähler nach Goethe? ‚Postmodern’ versatzstückhaft ist dieser Text nicht, zumindest nicht der erste ‚durcherzählte’ Teil. Walser will eine gefühlsintensive Geschichte vermitteln. Das Komische daran ist zwangsläufig und liegt in der Natur der Sache, sprich: der alters- und erfahrungsmäßig dramatisch verschiedenen Voraussetzungen zwischen Goethe und Ulrike. Allzu laut lachen sollten wir nicht darüber.

Delektierlich bis gewitzt formuliert, die Erzähltempi gut dosiert, die Orte des Geschehens wohl verteilt, so leistet sich Walser mit diesem Roman eine weitere Liebeserklärung an die Liebe und ans Schreiben über sie in der Manier einer scherzhaft-ernsten Liebesanatomie.
Sein Goethe, altersentflammt, aber doch ein bisschen weise mit zunehmender Tendenz zur unvermeidlichen Abgeklärtheit, man nennt’s in seinen Kreisen ‚Entsagung’; seine Ulrike, voll frühreifen Mutterwitzes, attraktiv natürlich, etwas Edelfräulein, etwas schamlos verschämt, man vermutet mit Taminos arienhafter Frage im Sinn: "Soll die Empfindung Liebe sein?"

Was Walsers Goethe während seiner Eskapade in Böhmen hinter sich gelassen hat, freilich nur auf Zeit, erfahren wir in Walsers Roman später, vor allem die eifersüchtig über ihn wachende, sich eigentlich mit ihm verheiratet glaubende Schwiegertochter Ottilie. Spiel sei Aufhebung der Zeit in der Zeit, hatte Goethes Freund Schiller einmal gesagt, als sie noch keine Freunde waren. Walsers Goethe wendet das jetzt auf die Liebe an: Stundung der Zeit zum Wohle der Gefühlsdauer.

Der wunde Punkt des Romans, und es kann wohl kaum anders sein, ist jedoch die Art, wie der Erzähler die Marienbader Elegie in seinen Text integriert oder vielmehr nicht integriert. Ich halte es für einen erzählkompositorischen Fehler, dass sie in extenso zitiert wird. So sehr Walser die fiktiven Briefe seines Goethes an Ulrike im wesentlichen gelingen, das gefühlsschwankende Nachgeplänkel der Liebeskur von Marienbad, wenn man so will, sein Umgang mit Goethes Elegie zeigt, dass Walser, man kennt ihn zwar als Verfasser von kleinen Tiergedichten und weiß um seine frühe Auseinandersetzung mit Hölderlin, erzählend zu wenig lyrisches Anverwandlungspotenzial aktivieren kann, um dieser übergroßen Aufgabe, Goethes Elegie gleichsam aufzulösen und novellistisch fruchtbar zu machen, gerecht werden zu können. Vielleicht wäre somit eine Novelle, bestehend aus dem ersten Teil des Romans und ein paar fiktiven Briefen, mehr gewesen.

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04.03.2008 | 19:11 Uhr

Herold Binsack: Schaurig die Prosa

Man wir hin- und hergerissen zwischen Wut und Mitleid. Wut, weil es als Zumutung daher kommt, wie hier auf lächerlichste Weise nicht nur die Zeit, sondern auch die Geduld des Lesers strapaziert wird, und Mitleid, weil es einem kaum gelingen mag, diese Wut durchzuhalten ob der unerträglichen Blamage eines einem bisher als so wichtig vermittelten Menschen.

Protestantisch ist nicht die Kritik, sondern eine Gesellschaft, die solches als die zweite Seite ihrer Moral verträgt. Nicht diese Liebelei allein ist obszön, da sie eine solche gar nicht wirklich ist, sondern viel mehr das Ganze drum herum: schön verpackte reine Konversation.

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04.03.2008 | 14:48 Uhr

Bernhard Fischer: Wo will Walser hin?

Dass Walser wie Walser schreibt, dass Walser schreibt wie Walser denkt und spricht, kann wohl nicht im Ernst verwundern, ebenso wenig, daß der "Liebende Mann" in seinen sympathetischen Blicken in die Konvulsionen des Walser-Goetheschen Innenlebens eher das Gegenteil ist von Goethes zart andeutender, raffend-ausschnitthafter, durch Anspielungen und Responsionen pointiernder Erzählweise.

Als Historienroman fehlt ihm der Takt (der viel mit einer völlig anderen Körperwahrnehmung zu tun hat), statt "Zeitkolorit" finde ich viel Schminke, und der feste Glaube, der Altersunterschied machte damals Skandal, ist wohl irrig, wenn man daran denkt, dass Carl August Goethes Werbung besorgte. Ich bin mir auch nicht sicher, wo Walser hinwill: zur einseitigen amour fou, zur Altersliebe oder schlicht zur Groteske, die allerdings den eigenen Figuren nicht gut bekommt.

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04.03.2008 | 14:02 Uhr

Gerhard Bruns-Raddatz: Seniorenparadies Traumschiff?

Aber nein - da habe ich wohl ein anderes Buch gelesen.
Der liebende Mann ist ja auch ein alter Mann - heimgesucht von Herz- und Atemattacken - also keineswegs paradiesische Zustände, die Martin Walser da schildert. Auch die zitternde Ängstlichkeit gegenüber Ulrike - wunderbar getroffen.

Der dritte Teil wird leider flach - Aber welches Buch ist schon perfekt - und dann der Schlusssatz - als er aufwachte hatte er sein Teil in der Hand, und das war steif - Völlig daneben - soll wohl an Thomas Mann erinnern und wird wohl eher die Frau Heidenreich wieder bestätigen.
Ein Buch, nicht nur für Senioren und eine wunderbare Frühlingslektüre.

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04.03.2008 | 11:43 Uhr

Ernst Osterkamp: Wie im Seniorenparadies Traumschiff

Hier hilft nur Aufrichtigkeit: Wenn ich in Zukunft an Martin Walsers "Ein liebender Mann" denken werde (dies wird sicher nicht oft geschehen), dann vor allem mit dem Gefühl quälender Langeweile. Nur mit äußerster Strenge gegen mich selbst ist es mir gelungen, dies Buch zu Ende zu lesen. Warum? Es ist dies ein komplett geheimnisloser und damit uninteressanter Roman.

Über die Begegnung Goethes mit Ulrike von Levetzow wissen wir alles, was uns zu wissen nötig ist, aus den erhaltenen Briefen, den Berichten der Freunde und vor allem aus der "Elegie". In diesen Zeugnissen entfalten sich der ganze Glanz und das ganze Elend dieser Liebe in verdichtetster Form, ohne dass die Beteiligten ihr menschliches Geheimnis jemals preisgeben und ihre Würde verlieren; deshalb werden wir sie stets aufs neue mit innerer Bewegung lesen.

Die Figuren hingegen, die Walsers Roman bevölkern und dort die Namen Goethe und Ulrike von Levetzow tragen, haben kein Geheimnis, das sie verlieren könnten; sie sind banal. Von der endlosen Suada dieses Textes wird alles menschliche Geheimnis, alles Abgründige, alles Inkommensurable, alles Unbegreifliche, alles nicht auf den Begriff zu Bringende, indiskret zerredet und fortgespült. Und dies in einer Prosa, die nur wenig von der sonst nicht genug zu bewundernden Walserschen Sprachlust und Sprachgewalt erahnen lässt. Ach ja, wir kennen sie, diese Figuren – nicht freilich aus der Welt Goethes, sondern aus den Seniorenparadiesen des Traumschiffs.

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04.03.2008 | 13:38 Uhr
Eckart Haerter schreibt: Traumschiff

Gott sei Dank, oder besser: Dank seiner Kunst ist es Walser gelungen, eben nicht "geheimnisvoll" zu schreiben und auf "innere Bewegung" zu setzen. Damit hat er auch ganz bewusst die Kitschfalle umgangen, die im Fall Goethe besonders gefährlich lauert.

"Abgründig", "inkommensurabel", "unbegreiflich" war diese Liebe ohnehin nicht. Auch heute ist es alltäglich, dass Chefarzt sich in Röntgenassistentin, Abteilungsleiter in Sekretärin, Professor in Studentin verliebt. Banalitäten, letztlich auch beim Geistesgiganten Goethe. Nur, dass die junge Ulrike von Levetzow sich auch durch Goethes Weltberühmtheit nicht hat rumkriegen lassen. Das spricht für ihr Format. Walser schreibt diese Geschichte mit ganz leichter Feder. Alles andere wäre zuviel gewesen. Warum auch nicht mal ein kleines bisschen Traumschiff?



04.03.2008 | 09:40 Uhr

Christian Schärf: Fortwährend blümerant

Die Wirkung einer Lektüre kann man oft spontan daran ablesen, zu welchen anderen Büchern man zwischendurch greift. Beim Lesen von "Ein liebender Mann" stand ich auf und zog spontan Nietzsche aus dem Regal. Dessen Unzeitgemäße Betrachtung "Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben" hat den unschätzbaren Vorteil, dass trotz aller gewundenen Argumentation ihre gesamte Aussage kompakt im Titel zusammenfasst.

An der Frische, die mir von Nietzsches in seiner Frühphase durchaus noch langatmigen Stil zunächst entgegen wehte, spürte ich, was mir an Walsers Text gefehlt hatte. Die Geschichtsseligkeit unserer sogenannten Gegenwartsautoren, die mit Kehlmanns lustigen Comicfiguren ins Stadium ihrer technischen Reproduzierbarkeit getreten war, wird von Walser nun mit einem Gefühlskitsch drapiert, bei dem es einem, ich kann's nicht anders sagen, fortwährend blümerant zumute ist.

Was ich von Opa nie erfahren wollte und ihn deshalb auch nie fragte, hier steht's. Das Buch ist eine selbstgefällige Bespiegelung der Unfähigkeit und ein Maskenball der tändelnden Neurosen. Dass Martin Lüdke in der Frankfurter Rundschau meint, Walser sei es gelungen, die Entstehung der Marienbader Elegie nachvollziehbar werden zu lassen, zeigt, dass auch die Kritik langsam ins Stadium ihrer Selbstkarikierung wechselt. Sind denn alle vom Rummel um das Buch völlig geblendet? Es scheint (danke für das Bild!) tatsächlich wie eine Pralinenschachtel, aber eine aus der Goethezeit, die man im Eckschrank der nun leider doch verstorbenen Urgroßtante gefunden hat und die die von Stadelmann handschriftlich vermerkte Notiz aufweist: Haltbar bis 22. März 1832. Greifen Sie zu!

Noch eine Fußnote aus der Klause des Walser-Lesers: Als mir in besagter Nacht Nietzsche nichts mehr gegeben hat, weil auch er noch zu viele Worte macht, habe ich, das Thema Liebe satt habend und endgültig auf Leben hoffend, nach den Gedichten von François Villon gegriffen und "Eine verliebte Ballade für ein Mädchen namens Yssabeau" gelesen. Da wurde mir wieder klar, dass auch heute noch der Nutzen der Geschichte ihre Nachteile übertreffen kann.

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04.03.2008 | 11:44 Uhr
martin randau-rudolf schreibt: Mehr Geduld mit Roth

Ich würde es so ausdrücken: mir gehen diese Altmännerfantasien bei Walser so langsam auf den Geist. Bei Philip Roth hab ich noch etwas mehr Geduld, aber lange dauerts hier auch nicht mehr.


04.03.2008 | 10:34 Uhr
Uwe Recha schreibt: Vom Nützlichkeitsdenken

Weniges ist ärger für einen Autor als ein Leser, der eigentlich gar nichts über sein Thema lesen will, es dennoch tut und anschließend lang und breit darüber lamentiert, beispielsweise darüber, dass ihm die Lektüre nichts genutzt habe, dass seine Beschäftigung mit Autor und Werk nutzlos oder gar freudlos gewesen sei. Das ist schon ein Affront.

Aber nicht weiter tragisch. Denn der Autor hat gegeben, und wie es der Leser nimmt, ist seine Sache nicht. Auch der alte Olympier hat es stets so gesehen und gehalten.
Ist es aber ein Kritiker, dann hat es eine andere Qualität. Schreibt die Kritik "was ich nie lesen wollte und deshalb auch nie fragte, hier steht's" - dann muss die Frage gestattet sein nach dem Sinn und Unsinn oder dem Nutzen und Nachteil solchen Kritisierens, das eigentlich eher das Prädikat Mäkeln und Kritteln verdient hätte.
Wer das Lesen satt hat und auf Leben hofft, dem sei geraten, weniger zu lesen und erst recht nicht auch noch übers Lesen zu schreiben, finde ich.



04.03.2008 | 07:33 Uhr

Friederike Reents: Kein köstliches Sprachangebot

Mein allererster Leseeindruck: der erste Satz ist meisterhaft! "Bis er sie sah, hatte sie ihn schon gesehen." Dieser erste Satz ist perfekt. Er ist schlicht und komplex zugleich. Sofort ist man als Leser mitten drin im Geschehen.

Beide Romanfiguren sind anwesend, die Suchbewegung ihrer Blicke ist schon Vergangenheit, der Leser stößt just in dem Moment dazu, wo ihrer beider Blicke sich treffen.

Wenn sich zwei Blicke treffen, kann das der Beginn der so genannten Liebe auf den ersten Blick sein. Liebend ist hier jedoch nur einer. Es ist nicht nur das Komma, das Goethe und Ulrike sogleich trennt: Auch wenn Goethe zuerst genannt wird, beherrscht Ulrike vom ersten Satz an die Szene. Er hat ein klein wenig länger gebraucht, sie auszumachen, ihr Blick war seinem längst vorausgegangen. Der weitere Verlauf der Romanhandlung ist vorgezeichnet, das Ungleichgewicht zwischen ihnen steht von Anfang an fest.

Der zweite Satz ist indes redundant: "Als sein Blick sie erreichte, war ihr Blick schon auf ihn gerichtet." Als bräuchte der Leser noch eine weitere Erklärung! Darauf folgt der nun kaum mehr zu verzeihende hölzerne Satz: "Das fand statt am Kreuzbrunnen, nachmittags um fünf, am 11. Juli 1823 in Marienbad."

Ulrikes Blick bleibt beherrschend. Möchte man anhand dieses Leitmotivs und auf der Grundlage der ersten Abschnitte eine Aussage treffen, ob es sich bei dem Roman um ein Meisterwerk handelt, dann muss man dies verneinen. Die Art und Weise, wie Walser das "Blick-Thema" einstreut, wirkt oft bemüht, der Ausdruck grenzt bisweilen an Kitsch: Goethe "blieb in ihrem Blick", "er nahm ihn mit auf sein Zimmer, diesen Blick" und er ist "Gefangener dieses Blicks". Walser reitet das Leitmotiv zu Tode, wenn er Goethe, der Ulrike in die Augen blickt, über das Wort "Augenblick" denken lässt: "– und ist das nicht ein köstliches Sprachangebot"? Nein, das ist es nicht!

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04.03.2008 | 13:02 Uhr
Eckart Haerter schreibt: Würze

Es kommt in der Tat darauf an, Frau Hagedorn, mit welchen Augen man etwas betrachtet. Beuys hat das seinerzeit drastisch zu verdeutlichen versucht, indem er Blutwurst auf einen Teller gelegt hat mit dem Anspruch, man könne das als Kunstwerk erkennen.

Walser hat es selbst mal, ich glaube in "Ehen in Philippsburg" gesagt: "wenn man nicht wüsste, dass es die Frau Bürgermeister ist, würde man sagen, ihr Lachen ist ordinär". Glauben Sie wirklich, Walser würde versehentlich Kitsch produzieren? Wenn ich verliebt bin, dann finde ich ihre Unbildung liebenswert, ihre Marotten (die mich später nerven) entzückend, ihren schlechten Musikgeschmack mache ich mir zu eigen, indem ich plötzlich dieselben Popplatten höre wie sie (obwohl ich bis dahin nur Klassik gehört habe). Begriffe wie Kitsch oder Kunst verlieren im Stadium der Verliebtheit völlig ihre Bedeutung. Eine Blume, die sie liebt, erkenne ich mit geschlossenen Augen am Duft. Mit eine Prise Ironie hat Walser freilich gewürzt ...


04.03.2008 | 11:27 Uhr
Henrike Hagedorn schreibt: Hehrer Kitsch

Der Beitrag von Friederike Reents trifft auf meine Zustimmung und ermutigt mich, der allgemeinen Begeisterung für Walsers "inspiriertes" und "wichtiges" Werk entgegenzutreten.

Dazu möchte ich mich auf Gottfried Benn beziehen. Benn schreibt in seiner Rede "Altern als Problem für Künstler", dass ihm, als er jung war, von Carl Sternheim empfohlen wurde, die Adjektiva zu streichen: "Es wird dann klarer, was Sie meinen."
Wie steht es mit den Adjektiva und gleichfalls den Partizipien bei Martin Walser? Als Beispiel zitiere ich eine Stelle aus der siebten Folge: "Wenn er Ulrike heimbrachte, nahmen sie oft beide noch Platz auf der erhabenen und blumenumstandenen Palais-Terrasse. Ulrike, die....,wurde von Blumen angezogen wie von einer verlorengegangenen Heimat. An den die Terrasse säumenden Blumen musste sie immer wieder entlanglaufen, den Duft einziehen und dann mit geschlossenen Augen sagen, welcher Duft welche Blume sei."
Wer würde diesen Text, wenn er unvoreingenommen gelesen würde, nicht in die Kategorie "hehrer Kitsch" einordnen?


04.03.2008 | 10:56 Uhr
Eckart Haerter schreibt: Ausdrucksfehler bei Herrn Walser

Verzeihen Sie mir, Frau Reents, als ich eben Ihren Beitrag las, dachte ich spontan, Sie seien Studienrätin, die Herrn Walser Ausdrucksfehler ankreidet. "Redundant!", "Kaum mehr verzeihlich hölzern"... Martin Walser ist viel zu gut, um nicht genau zu kalkulieren und zu wissen, wie und was er schreibt.

Das ist gewollt. Kennen Sie denn nicht aus eigenem Erleben die Bedeutung des heiligen Ortes, wo sich zum ersten Mal Ihre Blicke ineinander versenkten? Wo er Ihnen bzw. Sie ihm den ersten Kuss raubten? (Auch ich drücke das hier ganz bewusst so aus). Da muss man das Ereignis des ersten Sichwahrnehmens doch mehrmals hin und her bewegen. Ja Redundanzen gibt es in diesem Buch jede Menge. Aber so ist das beim Verliebtsein. Das alltäglich Wichtige wird unwichtig, das Banale alles beherrschend.



03.03.2008 | 23:05 Uhr

Werner Frizen: Ist Walser Goethes Iffland?

"Iffland könnte ein charmantes Stück daraus anfertigen, ein alter Onkel, der seine junge Nichte allzu heftig liebt" – mit diesem kaustischen Scherz versuchte Goethe selbst über die Marienbader Liebe "hinauszukommen". Er wusste zu gut, dass ein verliebter alter Onkel am Abgrund des Rührstücks balanciert.

Hat Goethe in Martin Walser seinen Iffland gefunden? Beinahe. Zumindest hat Walser sich selbst einen erheblichen Tort angetan. Indem er fast ausschließlich aus Goethes Perspektive erzählt, simuliert er Gefühlsunmittelbarkeit und ungebrochene Goethe-Nähe. Eine erlebte Rede nach der anderen, immer wieder Innensicht, ein Werther-Brief nach dem nächsten – das ermüdet nicht nur durch die Monotonie der Lamenti, das lässt auch dank der perspektivischen Einsinnigkeit die nötige Distanz des Autors zu seinem Helden vermissen. Denn: wer kann Goethe schon "authentisch" darstellen, wie Joachim Kaiser zu glauben scheint?
Auf die Spitze getrieben wird dieser Sentimentalismus, als Goethe und Ulrike sich die Werther- und Lotte-Maske vorbinden. Die Überreichung von Lottes blassroter Schleife an Goethes Geburtstag hätte ein Iffland nicht herzerwärmender inszenieren können.
Dabei beginnt der Roman lustspielhaft und gar nicht larmoyant – bis zum Auftritt des Rivalen. Die szenisch dargebotenen Wortwechsel, die sentenziösen, wortspielfreudigen, widerborstigen Dialoge mit der "Contresse" bringen die andere, die fremde, erfrischende Perspektive, die dem Übermaß an Empfindsamkeit Contra gibt.
Auch der Romanschluss hat es in sich. Doch davon später mehr.

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04.03.2008 | 11:40 Uhr
Uwe Recha schreibt: Kommen wir Goethe mit Walser zu nahe?

Ja, in der Tat - Liebeleien und Liebesgeschichten haben etwas Banales und auch Triviales. Den Akteuren kommen sie freilich höchst bedeutsam vor, und Tändelei ohne Überhöhung widerspricht wohl gar dem Wesen des Ganzen. Für Unbeteiligte, die Zeugen solchen Geschehens werden, kann dies amüsant bis nervtötend sein.

Die Frage ist, was man daraus macht, wenn man über solches schreibt. Goethe machte aus seinem Erleben mit Ulrike die Marienbader Elegie, aus Lotte die Leiden eines jungen Werther, aus Marianne einen umfänglichen Diwan. Ja, bei Goethe musste man damit rechnen, dass etwas hinterherkommt. Ob er aber mit einer Elegie gerechnet hat?
Bei Walser liest es sich wie ein Spiel, doch wie eines, das doch wieder mit großem Ernst durchexerziert wird.
Von guter Figur des großen alten Mannes ist wenig zu sehen, im Gegenteil - man rückt dem Monument sehr auf den Leib, es ist zuweilen gar peinlich ... und dadurch menschlich. Kommen wir Goethe mit Walser zu nahe? Nein, denn er ist hier nur Figur.


04.03.2008 | 10:35 Uhr
Eckart Haerter schreibt: Die Elegie im Auge

Doch, diese Lovestory Goethes hat auch etwas Banales, und Martin Walser lässt das auch feinsinnig durchblicken. Dieses ständige sich fragen, wo ist sie jetzt, was tut sie, wann und wo kann ich mich ihr wieder nähern und am vorteilhaftesten um sie herumscharwenzeln..., ja das ist nervig für den Zuschauer bzw. Leser, aber das alles gehört doch zu den Ritualen beim Verliebtsein.

Und es ist die Kunst Walsers, das Nervige zwar deutlich zu machen, dabei aber launig zu bleiben und nicht ins Langweilige abzukippen. Nur, dem alten Goethe glaube ich seine tiefe Ergriffenheit nicht so ganz. Der hat das alles auch ein bisschen kultiviert, zelebriert und inszeniert. Ich glaube, Goethe wusste schon, dass am Ende die Marienbader Elegie dabei herauskommen würde.


04.03.2008 | 08:27 Uhr
Uwe Recha schreibt: Pubertierendes Rührstück?

Steht die Liebe immer nur für Liebe und nichts anderes, nicht mehr? Wenn Goethe darüber schrieb, mitnichten. Und bei Walser? Ist Alter "nur" Alter? Oder haben Blicke, das "Gefangensein", die Freude daran, dass da jemand ist, der einen zu verstehen scheint, der aufnahmefähig ist, den man befruchten könnte, wenn sich nur der Abstand überwinden ließe - haben all diese Momente auch symbolisch tiefere Bedeutungen?

Ist "Ein liebender Mann" nur eine banale "love story"? Oder gibt es Bedeutungsebenen, die sich nur dem oder der erschließen, die den Autor "berühren" möchten, die erfahren wollen "wer er ist"? Was kann einer geben, der immer noch empfindsam ist, der immer noch "gelesen" werden will, etwas zu sagen hat, verstanden werden möchte, der noch lebt, auch wenn schon so viel gesagt und geschrieben ist? Welch Glück, wenn einem am Ende des Lebens noch einmal dieses Wunder wiederfährt.
Albern, banal, lächerlich, rührend, unwichtig? Mag sein. Für Goethe war es nicht so. Und für Walser?



03.03.2008 | 10:14 Uhr

Eckart Haerter: Überflüssig und köstlich zugleich

Ich stimme nicht mit Denis Scheck überein, der gestern in der ARD-Sendung "Druckfrisch" Martin Walsers Goethe- und Ulrike-von-Levetzow-Roman als ein "wichtiges" Buch bezeichnet hat. Darüber täuscht mich auch der ungeheuerliche Medienrummel über Walsers neustes Werk nicht hinweg.

Wichtig ist anderes. Dies Buch ist so überflüssig und zugleich so köstlich wie die Verpackung und der Inhalt einer altmodischen Pralinenschachtel, einer Bonbonniere. Trefflich versteht es Walser, mit Spurenelementen von Ironie, Ton und Lebensstil der damaligen Elite wieder aufleben zu lassen. "Seine Durchlaucht", "Levetzows reisen ab. Schon übermorgen!", "das lavendelblaue Briefchen", "Karlsbad, wo er schon zwölfmal der Gesundheit gehuldigt hatte". Eine vergnügliche, entspannende und unterhaltsame Lektüre, die so manches Mal auch einen herzlichen Lacher auslöst.

Kommentare

03.03.2008 | 21:35 Uhr
Wolfram Bernasch schreibt: Erfreut und amüsiert

Dem Beitrag von Herrn Harter stime ich voll zu. So viele Autoren haben sich schon an den Marienbader Ereignissen versucht, zulletzt Dagmar Gersdorff. doch wer so gekonnt mit Sprache umgeht, erfreut und amüsiert mich beim Lesen.

Walsers Einfühlungsvermögen in die Mentalität eines alten Mannes, der seine Attraktivität nochmals erproben will, ist, nach der "Angstblüte" nicht erstaunlich. Es bleibt zu hoffen, dass er diskret genug bleibt, um das Lesevergnügen nicht zu schmälern.



03.03.2008 | 08:28 Uhr

Stephanie Reyntjes: Gemüt oder Kunst

Man kann auch Ulrich Greiner zitieren ("Die Zeit"):
"'Einige Naturen erleben eine wiederholte Pubertät', lässt er Goethe einmal an Ulrike schreiben, 'während andere nur einmal jung sind. Das ist kein Künstlerprivileg. Es ist ein Geschenk der Natur.'"

Wer dieses Geschenk nie erhalten oder vergessen hat, wird mit dem Roman wenig anfangen können. Zudem liegt auf der Hand, dass der Geist des Protestantismus, der, wo immer er kann, das schlechte Gewissen promoviert, derlei als frivol empfinden muss. Dabei ist es nur lebensfroh. Muss man eine Kultur nicht seltsam nennen, in der Lebensfreude und Peinlichkeit so dicht beieinanderliegen?"

Ja, es ist nicht "Kultur" an sich, also selbstverständlich und bei jedem Schreiber oder Leser gegeben, die solche Gemütserfrischung erproben.
Goethe kannte die psychischen und ästhetischen Verhältnisse sehr genau: "Gemüt hat jedermann, Naturell mehrere; der Geist ist selten, die Kunst ist schwer."
Walser erfreut mich des Lebens: Goethes Leiden als Kunstspiel.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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