Hrair Pischdovdjian: Strukturelle Schwächen des Romans
Die erste Hälfte des Romans – bis zur Absage der Levetzows und Goethes Rückkehr nach Weimar - ist noch amüsant und aufregend. In der zweiten Hälfte – Goethe allein in Weimar, versucht sich mit seiner Situation abzufinden – verliert die Erzählung an Intensität und Spannung.
Hier wird eine gewisse strukturelle Schwäche des Romans sichtbar. Denn im Unterschied zum ersten Teil kann sich Walser nicht auf konkrete überlieferte Informationen aus diesem Abschnitt von Goethes Leben beziehen und muss sehr viel erfinden. Der Leser merkt, dass Walsers Geschichte eigentlich hier zu Ende geht und der Autor darum verlegen ist, zumal er einen Roman mit einem entsprechenden Umfang zu schreiben hat.
So erfindet Walser eine unwesentliche Handlung und dichtet Goethe mit sehr viel psychologischer Einbildungskraft bzw. stilisiertem Psychologismus eine Phantasie-Biographie an. Dies mag zum Teil mit dem Phänomen und den Erfordernissen des historischen Romans zusammenhängen. Wer einen historischen Roman liest, muss sich vermutlich damit abfinden. Der Kenner der historischen Tatsachen jedoch empfindet dabei ein gewisses Unbehagen, besonders wenn eher nach Gemeinplätzen anmutende Tatsachen als seelische Qualen eines abgewiesenen und enttäuschten Liebhabers wie des 74jährigen Goethe kunstvoll gestaltet und als solche in den Vordergrund gestellt werden, was im vorliegenden Roman von Walser oft der Fall ist. Hier spielt natürlich auch die sprachliche Gestaltung eine wichtige Rolle: Die Sprache ironisiert und verweist gleichzeitig auf die ironisierende Absicht der Darstellung.
Thomas Mann hat ebenso eine fiktive Handlung für "Lotte in Weimar" erfunden, ist jedoch zurückhaltender, wirkt vermutlich gerade deshalb glaubwürdiger und authentischer. Er begegnet Goethe – dem abwesenden - auf jeden Fall, auch sprachlich, mit sehr viel Respekt. Bei Thomas Mann erleben wir einen Goethe in den Darstellungen von anderen. Ihre Urteile und Bewertungen sind deshalb für den Leser nicht verbindlich. Goethe bleibt eine unfassbare, aber respektable Grösse.
Walser macht aus Goethe eine Comics-Figur: Goethe für die Spassgesellschaft unserer Tage – im frivol anmutenden Schlusssatz des Romans von Ulrike träumend, im Spiegel der Reflexion eines sprachlichen Unterbewusstseins, das durch körperliches Wohlbefinden und Hochgefühl geprägt ist, was aber, zumindest vom psychologischen Standpunkt aus gesehen, – Goethe ist ja bitter von Ulrike enttäuscht worden und ist ein zerknirschter alter Mann – schwer vorstellbar und deshalb befremdend ist.
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Helmuth Kiesels Replik auf die Miesmacher ist so brillant, dass ich gern ein ganzes Buch von ihm in diesem Stil gelesen hätte. Und in einem Punkt muss ich ihm zustimmen: Man tut einem Buch von vornherein Unrecht, wenn man sich nicht mit allen Sinnen seiner Sprache gegenüber öffnet. 






