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Donnerstag, 06. März 2008

Forum:

Alter Mann, junges Mädchen - peinlich oder zeitgemäß?

Älterer, doch vitaler Herr, angesehen und gut situiert, sucht junge Dame zwecks
wohlproportionierter Gesellschaft am Lebensabend: Martin Walser hat sich dieser Kombination immer wieder angenommen, und immer wieder wurde ihm dieses "Lustgreisentum" vorgehalten. Aber gibt der alte Mann mit dem jungen Mädchen wirklich ein peinliches Motiv ab - oder bilden sie nicht vielmehr ein zeitgemäßes Paar?

Beiträge

10.03.2008 | 14:32 Uhr

Ute Frevert: Sowohl peinlich als auch unzeitgemäß

Ungleiche Paare, große Altersunterschiede zwischen Eheleuten sind kein Novum – weder in der Goethezeit noch heute. Was allerdings jeweils als "alt" gilt, unterliegt dem historischen Wandel. Aus heutiger Sicht befindet sich der 73- oder 74jährige Goethe im dritten Lebensalter – einem Alter, in dem Männer (und Frauen!) bei entsprechender geistiger und körperlicher Pflege durchaus noch fit, (sexuell) aktiv und lebensbejahend sind.

Die Probleme, sagt uns die Altersforschung, kommen erst später, ab der Neunzig. Niemand also würde Goethe heute einen Greis nennen; diese Bezeichnung bleibt dem vierten Lebensalter vorbehalten. Und auch Lust würde ihm nicht abgesprochen, im Gegenteil: sexuelle Aktivität – auch das wissen wir aus der gegenwärtigen Altersforschung – ist wichtig für "gelingendes" Altern.

Dass das "Lustobjekt" jedoch über ein halbes Jahrhundert jünger ist, stimmt bedenklich. Mit einem Vierteljahrhundert möchte es ja noch angehen, dafür steht die zeitgenössische Variante der "trophy wives". Reiche, beruflich erfolgreiche Männer um die 55, sechzig heiraten hübsche, unbeschriebene 25- bis Dreißigjährige. Hier wird eine Generation übersprungen, aus durchsichtigen Motiven. Die Männer wollen Jugend, die Frauen Reichtum und Macht. Die Rechnung scheint aufzugehen, jeder kommt auf seine Kosten – nicht erst heute.

"Peinlich" wird es offenbar, wenn gleich zwei Generationen übersprungen werden. Hier scheint die Symmetrie arg gestört. Aber warum eigentlich? Welche soziobiologischen Konzepte geistern uns im Kopf herum und führen uns die Feder, wenn wir solche Beziehungen als problematisch empfinden? Viel interessanter wäre es, ihnen auf den emotionalen Grund zu gehen. Leider, leider tut das Walser nicht. Sicher, er zeichnet Goethes Träume und Projektionen nach, in zuweilen bestürzender Nähe. Aber was ist mit Ulrike, mit ihren Wünschen und Sehnsüchten? Es ist eben keine Paar-Geschichte, sondern, wie so oft, eine bloße Männergeschichte. Das ist sowohl peinlich als auch unzeitgemäß.

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10.03.2008 | 23:39 Uhr
Peter Hennes schreibt: Weder peinlich noch unzeitgemäß

Warum sollen Gefühle vom Alter abhängig sein? Wir Alten (ich bin bald 71) dürfen fit und aktiv sein, aber uns nicht für Jugend interessieren. Warum setzen wir Liebe immer mit Erotik und Sexualität gleich? Kann man nicht auch von Zuneigung und davon sprechen, dass ich ein junges Mädchen einfach nur in mein Herz geschlossen habe.

Und wenn sie mit ihren "Raubtierkatzenaugen" einen Wunsch deutlich macht, dann ist das weder peinlich noch unzeitgemäß, sondern lässt über den Altersunterschied hinweg den Weg zu einem freundschaftlichen Umgang miteinander offen. Walsers Goethe mag in den Augen seiner Ulrike nach der Intention des Autors mehr gesehen haben - aber darum sind nicht alle älteren Männer, die ein jüngeres Mädchen gern haben, mit unfairen Schlagwörtern abzuqualifizieren.



09.03.2008 | 17:14 Uhr

Manfred Osten: Idee und Liebe, lebenslänglich

Für Friedrich Nietzsche, den Verfasser der "Unzeitgemäßen Betrachtungen", war Goethe offenbar schon immer "unzeitgemäß". Jedenfalls war er für ihn in der Geschichte der Deutschen ein "Zwischenfall ohne Folgen". Immerhin nicht ganz folgenlos als "liebender Mann" – zumindest nicht für Martin Walser.

Aber auch dieser scheint heute noch als peinlich-unzeitgemäß empfunden zu werden. Zumindest von denjenigen, die in diesem Roman nichts anderes erblicken können als abstrus-geschmackloses "Lustgreisentum", das obendrein auch noch für höchst unwahrscheinlich gehalten wird. Dabei hat schon lange vor der Erfindung des Begriffs der "aging society" und vor seiner späten Leidenschaft zu Ulrike v. L. Goethe Walsers "liebendem Mann" unzeitgemäß die Wege geebnet.

Denn schon rund zehn Jahre vor der "wiederholten Pubertät" in Marienbad war Goethe als (nach damaliger Auffassung) "alter Mann" liebend einem "jungen Mädchen" begegnet: Marianne von Willemer, der Suleika in seinem "West-östlichen Divan". Entwaffnend offen musste er damals schon feststellen: "Die Jahre nahmen dir, du sagst, so vieles: / Die eigentliche Lust des Sinnenspieles...." Goethe hat aus dieser Erfahrung für die Frage "peinliches Paar oder zeitgemäßes Motiv" die Konsequenz gezogen mit den zeitgemäß formulierten Worten: "Nun wüßt ich nicht, was dir Besondres bliebe?" Goethes unzeitgemäße Divan-Antwort hierauf aber lautet: " Mir bleibt genug! Es bleibt Idee und Liebe!"

Goethe hat im Übrigen auch nicht gezögert, unzeitgemäß die eigene späte Liebeserfahrung zu offenbaren: "Unter Schnee und Nebelschauer / Rast ein Ätna dir hervor." Den Vorwurf des Lustgreisentums hat Goethe allerdings für gegenstandslos erklärt, indem er, wie gesagt, ausdrücklich Idee und Liebe verschränkt. Und zwar lebenslänglich. Denn von Goethe stammt auch der unzeitgemäße Gedanke, dass Idee und Liebe Verjüngungstherapeutika des Alters seien. War doch für ihn die Idee das begeistend Begeisternde, das ohne die Liebe nicht zu haben ist. Und es war dieses begeistend Begeisternde, wodurch das Unmögliche für ihn auch im Alter immer wieder möglich wurde: die Überwindung der Zeit, des Alterns, des Alters. Eine Erfahrung, die Goethe denn auch verbunden hat mit der Einsicht, dass es der Geist sei, "der das Alter verjüngt".

Und Martin Walsers liebender Mann kann daher durchaus für sich in Anspruch nehmen, ein Bruder zu sein im Geiste dieser Einsicht.

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08.03.2008 | 16:12 Uhr

Rüdiger Görner: War Goethes Schwäche Ulrikes Stärke?

Woran denkt man bei dieser Frage? An Nabokov und sein "Lolita"-Syndrom? An Picasso oder Casals? Gehört Lewis Carroll noch hinzu oder waren seine Alice-im-Wunderland-Liebeleien nicht von ganz anderer Qualität? Wie wäre es mit Arthur Schnitzler, der ja auch in vorgerückterem Alter seine Anziehungskraft an der Reaktion gewisser Wiener "süßen Maderln" erprobte. Samuel Johnson, der Gelehrte für alle Lebenslagen unter den englischen Aufklärern, prahlte damit, dass er auch als Greis bei Bedarf irgendeine Frau zu verführen verstehe.

Dem einen ist’s gegeben, dem anderen wird’s genommen. Und man spürt: Goethe-Ulrike, das war eben etwas doch sehr Besonderes. ‘Zeitgemäss’ bleibt das Thema fraglos, so lange es ein Liebesempfinden gibt. Vielleicht war ja die wichtigste Nachricht in dieser Woche jene, dass es in einem kalifornischen Labor gelungen ist, durch ein so genanntes "functional Magnetic Resonance Imaging (fMRI)" Gedanken- und Traumbildungen vermittels eines Gehirnscanners sichtbar zu machen. Vermutlich werden wir demnächst denn auch farbige Impulszeichen im Gehirnbild von Greisen haben, die sich in jüngere Wesen gleich welchen Geschlechts verliebt haben.

Alter Mann und junges Mädchen, junger Mann und ältere Frau – novellenträchtig ist dergleichen immer. Ob der Feminismus dagegen Front macht oder der Maskulinismus sich missverstanden fühlt, braucht einen Schriftsteller nun ganz und gar nicht zu kümmern. Das Feminine fehlt dem rakidalen Feminismus ja nicht selten – zum Schaden der allgemeinen Umgangsformen! Aber genau darauf kommt es eben auch an: den (liebenden, auch verstörten) Umgang der verschiedenen Lebenalter miteinander neu zu lernen; und dieser lässt sich oft an ungewöhnlicheren Fällen exemplarischer studieren.

War Goethes ‘Schwäche’ Ulrikes ‘Stärke’? Wie wirkt sich das Verhältnis zu einem erheblich älteren Menschen auf die Entwicklung vom jungen Mädchen zur jungen Frau aus? Wie empfindet sie den stark gealterten Menschen ihr gegenüber? Will sie in ihm nur das Jugendlich-Gebliebene sehen? Kann sie die Lebenserfahrenheit des "Alten" überhaupt erfassen, für sich aktivieren oder kann sie gar nicht anders, als damit überfordert sein? Und noch eine Frage stellt sich: Altert ein junger Mensch an der Seite eines "Greises" in dem Masse, wie ein alter Mensch an der Seite eines jungen sich zu verjüngen scheint? Welche Rolle spielt die Eitelkeit bei alle dem? Fühlt sich der erheblich Ältere nicht unendlich geschmeichelt, wenn ihm die Aufmerksamkeit, gar Liebe, eines jüngeren Menschen zuteil wird?

Zum Ausgleich der mittlerweile wohl etwas überbeanspruchten Goethe-Ulrike-Geschichte wäre es freilich schön, von Martin Walser eine Fortsetzung dieses Genres zu erhalten, etwa am Beispiel der Droste-Hülshoff und ‘ihres’ Levin Schücking, zudem noch eine Bodensee-Geschichte – und was für eine!

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07.03.2008 | 12:03 Uhr

Ingeborg Harms: Der Reiz der Ungleichzeitigkeit

Heinrich von Kleist war ein junger Mann, als er den lüsternen Dorfrichter Adam erfand, der das blutjunge Evchen mit Tricks und Drohungen in sein Bett zu manövrieren versucht. Wenn Martin Walser sich mit 80 Jahren demselben Stoff zuwendet, wird daraus kein Lustspiel.

Das muss nicht heißen, dass nur ein reifer Autor den Ernst einer Generationen überspringenden Verliebtheit zu erfassen vermag. Denn sie enthält Elemente, die zu fast jeder dramatischen Liebe gehören: die Anziehung der Gegensätze und das sie umgebende, gesellschaftliche Tabu. Das ist in Zeiten des Jugendkults stärker denn je. Ein altersungemäß Liebender, der optisch nicht mehr viel her macht, wird daher in Hollywood höchstens in Clint Eastwood-Filmen toleriert oder in Mafiastreifen, wo die junge Frau an der Seite des Paten mehr Machtattribut als Herzenssache ist.

Für die reizvollen Verwirrungen der Seele und den seltsamen Magnetismus, der zwischen Jugend und Alter wirkt, ist seit Sappho und den platonischen Dialogen die Literatur zuständig. Sie breitet die Dimensionen aus, in denen die verbotene Liebe der Alten existentiell nachschwingt. In Gestalt des Knaben Tadzio begegnet Thomas Manns Aschenbach der Tod als sinnlich gewordenes Prizip ästhetischer Vollkommenheit. Das Leben stellt sich dem deutschen Gelehrten in Venedig als Labyrinth dar, in dem das Objekt der Sehnsucht nur für Augenblicke sichtbar wird und ihn wie ein Hadesführer über die Prosa der Wirklichkeit hinausgeleitet. Es ist interessant, dass Colin Higgens diese Konstellation in "Harold und Maude" keck herumgedreht hat und die achtzigjährige Maude gerade in ihrer suizidalen Hellsicht zur Lebensführerin für den depressiven, zwanzigjährigen Harold macht.

Ganz ähnlich geht es in David Grossmans Novelle "Das Gedächtnis der Haut" zu. Auf dem Sterbebett erzählt eine Yogalehrerin ihrer Tochter von einer großen Liebe, zu der es kam, als ein Fremder sie aufforderte, seinen halbwüchsigen Sohn in die Sexualität einzuführen. Sie lehnte spröde ab und gab dem verstörten jungen Mann stattdessen Yogastunden. Ohne miteinander zu schlafen oder auch nur zu sprechen, geraten sie Schritt für Schritt in eine Ekstase, die ganz auf der körperlichen Vertrautheit, der Taktilität und der Kühnheit beruht, mit der sie sich zu immer komplexeren Yogastellungen herausfordern. Während Grossmans Sterbende ihre mysteriöse Erfahrung erst im letzten Moment preisgibt, macht die zweite Pubertät männliche Liebende meist sehr gesprächig.

In Gabriel García Márquez’ "Erinnerung an meine traurigen Huren" verwandeln sich die Zeitungskolumnen des neunzigjährigen Erzählers in Liebesbriefe an seine vierzehnjährige Freundin. Dabei geht es ihm wie der Yogalehrerin in "Gedächtnis der Haut": obwohl er das Mädchen im Bordell besucht, legt er sich Nacht für Nacht nur keusch zur Schlafenden ins Bett. Aus den einseitigen Zärtlichkeiten, die er ihr zukommen lässt, entwickelt sich eine große seelische Intimität und Feinfühligkeit für das Wesen der ihm im sozialen Sinn völlig Fremden, die er bei Tag auf der Straße mit anderen Mädchen verwechselt. Und doch sind die jungen Partner für die Yogalehrerin und den Kolumnenschreiber nicht nur leere Gefäße, die sie mit ihrer Lebenserfahrung füllen. Vielmehr scheint ein Austausch stattzufinden: Vom Eros beflügelt werden die Alten wieder schön und rufen in den jungen Geliebten eine Einzigartigkeit herauf, die deren kurzes Leben kaum schon rechtfertigen kann.

Die junge Consuela kehrt in Philip Roths "Ein sterbendes Tier" zu ihrem dreiundsechzigjährigen Liebhaber zurück, als man Brustkrebs bei ihr diagnostiziert hat. Denn er ist der einzige Mann, der sie in ihrer vergänglichen Schönheit ganz erkannt hat. Auch Walsers Ulrike scheint vor allem die Möglichkeit, die Goethe in ihr sieht, zu lieben. Im Umgang mit ihm erlernt sie eine Freiheit, die in ein späteres Jahrhundert gehört. Wenn der Stoff, den Walser gewählt hat, seine Anmut entfalten soll, muss er bis zu diesem Punkt vordringen, wo der Ältere dem Jüngeren so unverzichtbar wird, wie es umgekehrt der Fall ist. Die Gründe sind ganz verschieden, doch immer geht es um den Handel zwischen archaischen Mächten, Leben und Tod, Schönheit und Geist, Leidenschaft und Gefühlsarmut. Der größte Reiz liegt in der Ungleichzeitigkeit der Biographien. Was immer zwischen den beiden Liebespartnern geschieht; einer von ihnen hat ein Leben lang Zeit, dessen Bedeutung für sich zu entfalten.

Insofern hat die Generationen überspringende Liebe auch mit einem humanen Vermächtnis zu tun, das die junge Geliebte im Alter wie Higgins’ Maude an einen lebensmüden Harold von 20 Jahren weitergeben kann.

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07.03.2008 | 11:55 Uhr

Wolfgang Frühwald: Der bittersüße Ernst von Walsers Erzählung

Nein, als "Lustgreis" kommt das erzählende Ich von Martin Walsers Roman durchaus nicht einher. Auch wenn Goethe (nicht nur in Walsers Buch) gerade von diesem Vorwurf - der Weimarer Klatschgesellschaft - am stärksten getroffen wird. Unter allen Büchern Martin Walsers, die ich kenne, ist dieses Buch dasjenige, das sich dem Vorwurf der Erotisierung oder gar der Sexualisierung nicht aussetzt.

Wem solch jugendfrische Szenen gelingen, wie die hier beschriebene Begegnung Goethes mit der jungen Lili Parthey, der ist ein großer Erzähler, auch wenn ihm die historische Vorlage, Lili Partheys eigener Bericht, hier eine Basis geschenkt hat, wie sie die erhaltenen Dokumente der etwas trägen Ulrike von Levetzow nicht hergaben. Allein die Variation des Goetheschen "Ach ja", das schon bei Lili Parthey überliefert ist, macht aus einem historischen Bericht eine kleine, lebensvolle Komödie mitten in der Tragödie.

Wer hinzunimmt, dass diese Lili Parthey bald darauf, mit 29 Jahren, gestorben ist, kann den ganzen aus einer einzigen Episode des Buches herausschmecken. Die von Walser beschriebene Paarung ist nun einmal eine historisch exakt belegbare Paarung, einschließlich des Herzinfarktes, den Goethe anschließend noch 1823 erlitten hat und der Tröstung durch den Freund Zelter, der aus Berlin nach Weimar eilte, um den Freund aus seiner Lebenstrauer zu reißen. Walser hat unglaublich gut recherchiert - und wegen einer solchen Paarung nun all die vielen Paare zu denunzieren, die trotz eines großen Altersabstandes glücklich zusammenleben, schiene mir bare Ideologie.

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07.03.2008 | 11:27 Uhr

Terence James Reed: Tragisch, nicht peinlich

Ach, da kommen Sie uns wieder mit dem Begriff ‚zeitgemäß’! Ist das normativ oder statistisch zu verstehen? Dass Martin Walser nacherzählt, wie der alte Goethe sich in eine Siebzehnjährige verknallt hat, soll doch wohl kein Modell fur das Verhalten heutiger Senioren sein? Andererseits ist die faktische Anzahl älterer Herren kaum amtlich zu erfassen, die eine bloße jugendliche Frische dem facettenreicheren Charme reifer Weiblichkeit vorziehen.

Interessanter allemal ist die Frage, worin die Macht dieser jungen Frau über den alten Mann besteht, die ihn beschwingt und ihm eine ‚Zufuhr’ an Vitalität gewährt, dass ‚unbestechliche Zeugen’ meinen, ‚er sehe so gut aus, so strahlend, so kräftig, ja wirklich schön’ – eine denkwürdige Passage!

Die Wirkung Ulrikes lässt sich vom Erzähler nicht restlos ergründen, vom Elegiker Goethe übrigens auch nicht. Mit dem von Walser erdichteten schnippischen Gesprächstalent des Mädchens allein war es sicherlich nicht getan, wichtiger – auch bei Goethe, siehe die Elegie – war die zierliche schwebende Bewegung, die Grazie beim Tanz, eine zarte Körperlichkeit, die weder beim einen noch beim anderen Autor eindeutig sexuell ist. Vielleicht enthielt diese Erscheinung und vor allem deren Zuwendung in und trotz seiner absteigenden Lebensphase eine (illusorische) Verheißung neuen Lebens?
Damit wäre die junge Frau ein Symbol, ein solches jedoch, das der alte Mann partout als Wirklichkeit besitzen will.

Das ist das Herbe an der ganzen Episode: der allseitig erfahrene Mann, der alle Erscheinungen längst symbolisch wahrnimmt, will das nicht mehr wahrhaben, will plötzlich nicht mehr bloß von hoher Warte zusehen, sondern ein letztes Mal zugreifen – ‚wo fass ich dich, unendliche Natur?’ Eine schwer errungene Lebensweise stürzt ein.
Nicht peinlich, tragisch.

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09.03.2008 | 11:32 Uhr
Eckart Haerter schreibt: Goethe als solcher

Es hat immer etwas Peinliches, wenn ein alter Mann einem jungen Mädchen nachsteigt. Insbesondere auch dann, wenn sich tatsächlich eine Beziehung ergibt. Dann ist es nämlich so gut wie klar, dass es nicht die erotische Anziehungskraft war, die dazu geführt hat, sondern etwas anderes.

Dass Goethe in Walsers Roman demontiert wurde, sehe ich keineswegs so. Goethe war eben nicht nur der Geistesgigant, das Sprachgenie, der grosse Psychologe, sondern auch ein normaler Mensch, bei dem die Fähigkeit zur Selbsttherapie versagte. Ja, der deutsche Dichterfürst hat menschliche Schwäche gezeigt und sich sogar ein bisschen lächerlich gemacht. Und trotzdem blieb er, der er war: "Goethe als solcher" (Tucholsky).


08.03.2008 | 15:27 Uhr
Herold Binsack schreibt: Tragisch und peinlich!

Tragisch ist die Geschichte, peinlich das Drumherum, wie ich es in meinen Kommentaren versucht habe darzustellen: "schön verpackte reine Konversation" – nicht bei Walser, sondern bei Goethe durch den Mund Walsers. Es ist mir leider nicht gelungen herauszufinden, was Walser damit beabsichtigt.

Vergessen wir nicht, dass Walsers Metier die verlorenen oder gar gebrochenen Helden sind. Ist das nun hehrer Mut oder der Mut der Verzweiflung eines (gar selber gebrochenen) Walser, dies mit Goethe zu versuchen? Schön zu lesen ist solches für mich nicht, es ist anstrengend, und peinlich ist es, einen Goethe auf diese Weise demontiert zu sehen. Ich hätte es anders gemacht! – Und daher stelle ich dies auch als Frage an Herrn Walser: Was bezwecken Sie?



07.03.2008 | 10:41 Uhr

Uwe Ebbinghaus: Wie peinlich darf eine literarische Figur sein?

Ist Peinlichkeit - die man vielleicht als aus den Fugen geratene Positionalität in der Welt bestimmen kann - nicht ein zutiefst menschlicher Zustand, der in die Literatur gehört wie kein zweiter oder sagen wir besser dritter? Man denke nur an Parzival, Hamlet, den Idiot von Dostojewski, Madame Bovary und viele mehr. Neu bei Walser und Roth ist in dieser Intensität freilich das Motiv des alten, auf junge Frauen fixierten Mannes - aber warum soll diese Figur per se einen Grad der Peinlichkeit erreichen, der einen Roman literarisch scheitern lässt? Oder ist Walsers Goethe in besonderer Weise peinlich?

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06.03.2008 | 16:53 Uhr

Friederike Reents: Die Pein guter alter Herren

Über vermeintlich Peinliches berichtet zu allererst der Boulevard: Die durchsichtige "Lovestory" zwischen dem über achtzigjährigen Ölmilliardär J. Howard Marshall und dem vollbusigen Playmate und Marilyn-Monroe-Verschnitt Anna Nicole Smith füllte in den Neunziger Jahren ganze Seiten der Yellow Press. Auf typisch amerikanische Art, nämlich im grotesken Extrem, wurde die Geschichte des in jeder Hinsicht ungleichen Paars vor allem für die geifernde und lechzende Öffentlichkeit erlebbar gemacht.

Peinlich ist es nicht, dass es solche Paare gibt, die sich aus ergänzenden Motivlagen zusammentun; es ist kleinbürgerlich, sich darüber aufzuregen. Die Motive einer solchen Liebe in ihrer vielschichtigen Abgründigkeit zu beschreiben kann literarisch wunderbar gelingen, wie dies etwa Italo Svevo in seiner 1926 erschienenen "Novelle von dem guten alten Herrn und dem schönen Mädchen" gezeigt hat (bei Wagenbach übrigens, auch als Hörbuch, wiederaufgelegt).

Peinlich wird es, wenn ein alternder Schriftsteller nicht mehr anders kann, als immer und immer wieder das Thema vom alten Mann und dem Mädchen durchzudeklinieren. Was für eine Qual, was für eine Last von amputierter Lust muss ihn schon seit Jahren umtreiben! Beschämend ist es wohl für seine Angehörigen, vor allem für die langjährige und inzwischen auch älter gewordene Frau an seiner Seite. Aber das sind wohl Kollateralschäden, die eine Schriftstellergattin ihrerseits dann zu ertragen hat.

Kommentare

08.03.2008 | 14:32 Uhr
Max Griesmeier schreibt: "amputierte Lust"

Mir ist das "amputierte" in "amputierter Lust" unverständlich. Woher weiß die Autorin so genau Bescheid?


07.03.2008 | 12:32 Uhr
Edit Vladár schreibt: Kollateralschäden

Eine Schriftstellergattin muss solche "Kollateralschäden" ertragen, zugleich damit rechnen. Frau Walsers Meinung kennen wir nicht, und ich glaube, dass man sich nicht über ihre Gefühle äußern sollte -- keineswegs mit einem Anspruch von Literaturkritik.


(Bitte, Verzeihung für die eventuelle Stil- und Grammatikfehler, Deutsch ist nicht meine Muttersprache. Ich bin aber für deutsche Sprache und Literatur begeistert, sowie fürs Werk von Martin Walser!)


07.03.2008 | 11:21 Uhr
Eckart Haerter schreibt: Unter der Gürtellinie

Selbstverständlich haben Sie das Recht, einen Roman zu verreissen, wenn das Ihre ehrliche Meinung ist. Für mein Gefühl ist es aber unprofessionell, dabei in kränkender Weise ins Persönliche abzugleiten und unter der Gürtellinie zu schlagen.


07.03.2008 | 11:07 Uhr
Edit Vladár schreibt: Zu Friederike Reents

Die Kunst ist nicht peinlich. Peinlich ist, wenn das Privatleben eines Schriftstellers mit seinem Werk durcheinandergebracht wird. Es ist fast eine Art von Voyeurismus -- meiner Meinung nach. Andererseits, woher könnte der Schriftsteller das Material seines Werkes schöpfen, wenn nicht aus seinem, durch die Kunst filtrierten Leben?

Es geht da nicht um bloße Sexualität, vielmehr um Gefühle, die nicht von Sexualität getrennt werden dürfen. In seinen Büchern, wo die Liebe/Sexualität auftaucht -- und ich stelle fest, dass beide sehr oft auftauchen -- ist die Darstellung immer leidenschaftlich, gefühlvoll, sogar zärtlich - auch in den Beschreibungen, die man eventuell für drastisch oder gar für "Schweinerei" halten würde, wie es Genazino in seinem F.A.Z.-Interwiew geschrieben hat.
Genazino sagt: "Die Sexualität ist großartig, unüberschaubar und in ihrer Darstellbarkeit und Undarstellbarkeit eine Welt für sich."
Ich bin von Walser begeistert!


07.03.2008 | 08:42 Uhr
Michael Köhn schreibt: Was heißt hier ...

Schriftstellergattin, Angehörige? Ich möchte nicht mal 100 Goethe sein, geschweige 2-5 Walser.


06.03.2008 | 21:18 Uhr
Helmuth Kiesel schreibt: Neues Kriterium

Oh, ein neues Kriterium der Literaturkritik: Es ist seiner Frau peinlich!



06.03.2008 | 15:46 Uhr

Karl Wilhelm Goebel: Das Fräulein von Levetzow

Goethe und der von ihm hoch verehrten Ulrike von Levetzow scheint der Dichter Walser für alle Zeit ein zumindest literarisches Denkmal geschaffen zu haben.
Ich hätte ergänzend ganz gerne gewusst, ob die im Leserkreis mancherorts beobachtbare Aufgeregtheit evt. nicht viel geringer wäre, gäbe es eine lesbare Würdigung der sexuellen Veranlagungen oder Vorlieben dieser mit 95 ¾ Jahren nach Klosterleben verstorbenen Ulrike.

Oder wird das gegenteilige Wissen unterschlagen, um dem weit verbreiteten Vorurteil Nahrung zu geben, wonach jeder zu wissen meint, ein Siebzigjähriger könne sich so ein junges "Ding" ja nur (alttestamentarisch) zum Wärmen seiner Füße ins Bett holen. Und die "blutjunge" Frau würde keinesfalls allein aus moralischen Zeitgeistbehinderungen den Gedanken an eine gefühlvolle, muntere Lebensabschnittsliaison nicht hegen, sondern eine Beziehung nur dann beenden, wenn "der Tod" sie scheidet.
Da sie Goethe nach (späteren) eigenen Aussagen nur "wie einen Vater" mochte, nährt einerseits die Mehrheitsmeinung, schließt aber nicht aus, dass diese Frau von Levetzow ganz gut ohne Männer zu leben wusste.

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06.03.2008 | 12:56 Uhr

Eckart Haerter: Sexy senior citizens?

Es dürfte wohl zu allen Zeiten so gewesen sein, dass ein reifer Mann sich eine Neunzehnjährige im Bett erträumt. "Dirty old men are sexy senior citizens" (deutsch etwa: Lustgreise sind sexy Senioren). Diesen scherzhaften Aufkleber fand ich mal an einem Auto. Zeitgemäss ist das Problem also allemal.

Peinlich ist es auch nicht, wenn eine Neunzehnjährige sich in einen Siebzigjährigen verliebt oder umgekehrt ein neunzehnjähriger Junge eine siebzigjährige Frau begehrt. Peinlich wird es erst, wenn ältere Herren ihr morgendliches Spiegelbild im Badezimmer verdrängen. Die wahre Attraktivität eines Mannes dürfte nicht unwesentlich davon abhängen, ob er seine Manneswürde bewahrt - in jedem Alter.

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07.03.2008 | 11:16 Uhr
Eckart Haerter schreibt: Genau das wollte ich sagen...,

lieber Herr Chiba, und glaubte, es auch verständlich gesagt zu haben, obwohl dieser Beitrag von den Moderatoren gekürzt wurde. Ich habe mich aber ähnlich auch in meinen anderen Beiträgen geäußert. Ein selbstkritischer und auch selbstbewusster alter Mann, der sich nicht scheut, sein morgendliches Spiegelbild anzuschauen, wird es sich selbst verbieten, einem jungen Mädchen nachzustellen.


07.03.2008 | 04:39 Uhr
Heinz Dieter Chiba schreibt: Eines wird sich niemals ändern

Vom Gerontology Centrum Florida, Fort Lauderdale, vorgestern zurück und ich garantiere Ihnen, lieber Herr Haerter, dass old men & old women ... eben keine sexy senior citizens kreieren. Ich sage es kurz: Goethe hatte das Geld und den Ruhm, so musste er sich nicht an die normalen Regeln halten - nur er hätte es tun sollen.

Die Zeiten haben sich geändert, richtig, aber eins hat sich nicht geändert und wird sich nicht ändern: ein junges Mädchen will nichts mit senior citizens zu tun haben, will ganz sicher keinen Sex! Alles andere ist doch reine Fantasie.



06.03.2008 | 11:29 Uhr

martin randau-rudolf: irgendwie inkonsequent

Das war schon immer zeitgemäß, je nach kultur, in verschiedenen Formen auch polygam und für manch Moralisten ein Ärgernis, in der Tierwelt etwas Normales. Mein Bedauern bei Walser ist: dass ihm nichts sonst mehr einfällt. Mich langweilt dieses Thema - oder doch nicht? Schliesslich beteilige ich mich in diesem Forum - irgendwie inkonsequent.

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06.03.2008 | 10:20 Uhr

Friedemann Bedürftig: Brünstige Vergegenwärtigung

Selbst ein Altersunterschied von zwei Generationen wurde zur Goethezeit sicher nicht von vornherein als skandalös angesehen. Gerade hochgestellte Persönlichkeiten, also Männer, legten sich gern eine Pflegerin für ihre letzen Jahre zu.

Ulrike selbst dürften auch nicht so sehr die fünfeinhalb Jahrzehnte zwischen ihr und dem Bewerber gestört haben, sondern eher Überlegungen, sie könne in seine Familie Unfrieden bringen als Stiefmutter des Goethesohnes August, der anderthalb Jahrzehnte älter war als sie.

Dass sich der Großherzog höchstselbst zum Brautwerber für Goethe hergab, belegt ebenfalls, dass an der gewünschten Verbindung nichts "Unmögliches" war. Heute fiele das Kopfschütteln über 55 Jahre Altersdifferenz zwischen Mann und Mädchen schon erheblich deutlicher aus - aber wohl ebenso wenig wegen unterstellter physischer Zumutungen, sondern eher aus Anteilnahme für Ulrike, die im Begriff stünde, ihre Zukunft für einen Greis zu opfern.

"Peinlich" wird die Sache erst durch die Walser’sche brünstige Vergegenwärtigung und die Art, in der die einseitige "Beziehung" durchgekaut und buchstäblich bespiegelt wird. Stellen wir uns den umgekehrten Fall vor: Eine Frau schreibt in Walsermanier über die Entflammtheit der 73-jährigen Bettina von Arnim 1858 für einen lockigen Leutnant. Übersetzt man dazu Walsers – zurückhaltend gesagt – Liebäugeleien unverkürzt ins Weibliche, entfalten sie ihr entwürdigendes Aroma. Woran der erwachenden Bettina dann am Schluss aufginge, von wem sie geträumt hat... Nein, danke.

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06.03.2008 | 19:53 Uhr
Bernhild Vögel schreibt: Danke!

Ein paar halbstündige Ausschnitte auf NDR Kultur vom Autor selbst verlesen: Es war unerträglich.



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