Heinrich von Kleist war ein junger Mann, als er den lüsternen Dorfrichter Adam erfand, der das blutjunge Evchen mit Tricks und Drohungen in sein Bett zu manövrieren versucht. Wenn Martin Walser sich mit 80 Jahren demselben Stoff zuwendet, wird daraus kein Lustspiel.
Das muss nicht heißen, dass nur ein reifer Autor den Ernst einer Generationen überspringenden Verliebtheit zu erfassen vermag. Denn sie enthält Elemente, die zu fast jeder dramatischen Liebe gehören: die Anziehung der Gegensätze und das sie umgebende, gesellschaftliche Tabu. Das ist in Zeiten des Jugendkults stärker denn je. Ein altersungemäß Liebender, der optisch nicht mehr viel her macht, wird daher in Hollywood höchstens in Clint Eastwood-Filmen toleriert oder in Mafiastreifen, wo die junge Frau an der Seite des Paten mehr Machtattribut als Herzenssache ist.
Für die reizvollen Verwirrungen der Seele und den seltsamen Magnetismus, der zwischen Jugend und Alter wirkt, ist seit Sappho und den platonischen Dialogen die Literatur zuständig. Sie breitet die Dimensionen aus, in denen die verbotene Liebe der Alten existentiell nachschwingt. In Gestalt des Knaben Tadzio begegnet Thomas Manns Aschenbach der Tod als sinnlich gewordenes Prizip ästhetischer Vollkommenheit. Das Leben stellt sich dem deutschen Gelehrten in Venedig als Labyrinth dar, in dem das Objekt der Sehnsucht nur für Augenblicke sichtbar wird und ihn wie ein Hadesführer über die Prosa der Wirklichkeit hinausgeleitet. Es ist interessant, dass Colin Higgens diese Konstellation in "Harold und Maude" keck herumgedreht hat und die achtzigjährige Maude gerade in ihrer suizidalen Hellsicht zur Lebensführerin für den depressiven, zwanzigjährigen Harold macht.
Ganz ähnlich geht es in David Grossmans Novelle "Das Gedächtnis der Haut" zu. Auf dem Sterbebett erzählt eine Yogalehrerin ihrer Tochter von einer großen Liebe, zu der es kam, als ein Fremder sie aufforderte, seinen halbwüchsigen Sohn in die Sexualität einzuführen. Sie lehnte spröde ab und gab dem verstörten jungen Mann stattdessen Yogastunden. Ohne miteinander zu schlafen oder auch nur zu sprechen, geraten sie Schritt für Schritt in eine Ekstase, die ganz auf der körperlichen Vertrautheit, der Taktilität und der Kühnheit beruht, mit der sie sich zu immer komplexeren Yogastellungen herausfordern. Während Grossmans Sterbende ihre mysteriöse Erfahrung erst im letzten Moment preisgibt, macht die zweite Pubertät männliche Liebende meist sehr gesprächig.
In Gabriel García Márquez’ "Erinnerung an meine traurigen Huren" verwandeln sich die Zeitungskolumnen des neunzigjährigen Erzählers in Liebesbriefe an seine vierzehnjährige Freundin. Dabei geht es ihm wie der Yogalehrerin in "Gedächtnis der Haut": obwohl er das Mädchen im Bordell besucht, legt er sich Nacht für Nacht nur keusch zur Schlafenden ins Bett. Aus den einseitigen Zärtlichkeiten, die er ihr zukommen lässt, entwickelt sich eine große seelische Intimität und Feinfühligkeit für das Wesen der ihm im sozialen Sinn völlig Fremden, die er bei Tag auf der Straße mit anderen Mädchen verwechselt. Und doch sind die jungen Partner für die Yogalehrerin und den Kolumnenschreiber nicht nur leere Gefäße, die sie mit ihrer Lebenserfahrung füllen. Vielmehr scheint ein Austausch stattzufinden: Vom Eros beflügelt werden die Alten wieder schön und rufen in den jungen Geliebten eine Einzigartigkeit herauf, die deren kurzes Leben kaum schon rechtfertigen kann.
Die junge Consuela kehrt in Philip Roths "Ein sterbendes Tier" zu ihrem dreiundsechzigjährigen Liebhaber zurück, als man Brustkrebs bei ihr diagnostiziert hat. Denn er ist der einzige Mann, der sie in ihrer vergänglichen Schönheit ganz erkannt hat. Auch Walsers Ulrike scheint vor allem die Möglichkeit, die Goethe in ihr sieht, zu lieben. Im Umgang mit ihm erlernt sie eine Freiheit, die in ein späteres Jahrhundert gehört. Wenn der Stoff, den Walser gewählt hat, seine Anmut entfalten soll, muss er bis zu diesem Punkt vordringen, wo der Ältere dem Jüngeren so unverzichtbar wird, wie es umgekehrt der Fall ist. Die Gründe sind ganz verschieden, doch immer geht es um den Handel zwischen archaischen Mächten, Leben und Tod, Schönheit und Geist, Leidenschaft und Gefühlsarmut. Der größte Reiz liegt in der Ungleichzeitigkeit der Biographien. Was immer zwischen den beiden Liebespartnern geschieht; einer von ihnen hat ein Leben lang Zeit, dessen Bedeutung für sich zu entfalten.
Insofern hat die Generationen überspringende Liebe auch mit einem humanen Vermächtnis zu tun, das die junge Geliebte im Alter wie Higgins’ Maude an einen lebensmüden Harold von 20 Jahren weitergeben kann.
Peter Hennes schreibt: Weder peinlich noch unzeitgemäß
Warum sollen Gefühle vom Alter abhängig sein? Wir Alten (ich bin bald 71) dürfen fit und aktiv sein, aber uns nicht für Jugend interessieren. Warum setzen wir Liebe immer mit Erotik und Sexualität gleich? Kann man nicht auch von Zuneigung und davon sprechen, dass ich ein junges Mädchen einfach nur in mein Herz geschlossen habe.
Und wenn sie mit ihren "Raubtierkatzenaugen" einen Wunsch deutlich macht, dann ist das weder peinlich noch unzeitgemäß, sondern lässt über den Altersunterschied hinweg den Weg zu einem freundschaftlichen Umgang miteinander offen. Walsers Goethe mag in den Augen seiner Ulrike nach der Intention des Autors mehr gesehen haben - aber darum sind nicht alle älteren Männer, die ein jüngeres Mädchen gern haben, mit unfairen Schlagwörtern abzuqualifizieren.