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Dienstag, 11. März 2008

Forum:

Was reizt uns am 19. Jahrhundert?

Von Thomas Manns "Lotte in Weimar" bis zu Daniel Kehlmanns "Vermessung der Welt" - immer wieder tauchen wir lesend bereitwillig in das 19. Jahrhundert ein. Was treibt Autoren und uns zurück? Warum ist es ein "Ergetzen", sich in den "Geist der Zeiten zu versetzen"?

Beiträge

13.03.2008 | 11:54 Uhr

Wolfgang Frühwald: Eine ungemein faszinierende Epoche

Das Zeitalter des Bürgertums, in dem all das entwickelt wurde, was heute noch an bürgerlicher Kultur übrig ist, war (auch im Rückblick) eine ungemein faszinierende Epoche. Das Konzert, das Konzertlied, das Vereinsleben, das Chorlied, der Gesangsverein, die Wohnkultur, die Entwicklung der bürgerlichen Kleinfamilie, der Glaube an Technik und Fortschritt, die bessere Kleidung, die hellere Wohnung, die intensive Landwirtschaft, die experimentelle Chirurgie, die Entdeckung der Bakteriologie, der Hygiene etc. etc. - was hat dieses reiche Zeitalter nicht alles hervorgebracht und angestoßen!

Und zugleich war es ein Zeitalter, in dem bürgerliches Selbstbewusstsein sich auch politisch artikulieren wollte und in wenigstens zwei Revolutionen (1830 und 1848) seine Ansprüche angemeldet hat. So wurde das 19. Jahrhundert auch das Zeitalter der Massen und der Technik und der Ideologien (des Nationalismus, der Sozialismus), in dem Dampf und Maschine das Tempo des Tages angaben.

Doch auch das bürgerliche Ethos war in diesem Zeitalter verbreitet, man lebte "wie hinter zugezogenen Scheibengardinen" und übte sich in Dezenz, in viktorianischer Prüderie, in Unterdrückung von Leidenschaften, die in unterschiedlichen Subkulturen (der Zunahme von Prostitution und Geschlechtskrankheiten) umso stärker ausbrachen. Jürgen Habermas hat darauf hingewiesen, dass die Literatur dieser Zeit all das und viel mehr noch in sich aufgenommen, entwickelt und verwandelt hat.

Die meditative Privatlektüre sei zum Königsweg der bürgerlichen Individuation geworden. Sie prallte zusammen mit dem Anspruch von Massen und Kollektiven und suchte sich gegen deren Übermacht zu behaupten. Das "ewig verdammenswerte 19. Jahrhundert" hat deshalb Goethe, der aus dem Zeitalter der Persönlichkeit gekommen ist, die nachnapoleonische Epoche genannt. Sie hatte in ihrem Reichtum und ihren Verlusten große Ähnlichkeit mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts!

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12.03.2008 | 18:49 Uhr

Eckart Haerter: Ein Traum

Das 19. Jahrhundert - ein Traum. Beethoven, Schubert, Mendessohn, Schumann, Wagner, Brahms, Bruckner

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12.03.2008 | 16:18 Uhr

Christian Schärf: Auf einer Lichtung der Geschichte

Die Vermutung liegt nahe, das 19. Jahrhundert erfreue sich vor allem deshalb so großer Beliebtheit, weil viele von uns im 20. Jahrhundert noch gar nicht angekommen sind. So wie die Russische Revolution eine Stufe im Prozess des dialektischen Materialismus übersprungen hat und vom Feudalismus theoriewidrig in den Kommunismus übergegangen ist, so könnte im Bewusstsein vieler Zeitgenossen das 20. Jahrhundert einfach ausgefallen sein.

Daher kommt es, dass die Vorstellungswelt des 19. Jahrhunderts ohne Probleme mit den Technologien und Wahrnehmungsformen des 21. Jahrhunderts in Einklang gebracht werden kann. Das 20. Jahrhundert würde bei diesen Prozeduren nur stören. Es erscheint allenfalls als desaströse Übergangsphase zwischen dem kommoden Realismus des backenbartbewehrten Bürgertums und der hektisch vollzogenen Virtualisierung der Jetztzeit, die leicht auch ohne Menschen weitergehen könnte. Der Gestresste von heute fühlt sich im 19. Jahrhundert wohl, während sich im 20. Jahrhundert niemand wohl fühlt und sich niemand je wohl gefühlt hat.

Das wissen auch unsere Romanautoren. Auf Goethe, Gauß und Humboldt ist einfach Verlass. Ihre Welt ist übersichtlich, ihre Ansichten gut vermittelbar, ihre Abenteuer bereits legendär. Auch Nietzsche-Romane und Van-Gogh-Filme erfreuen sich aus diesen Gründen großer Beliebtheit. Und war es nicht Heinrich Breloer, der kürzlich sagte, die Buddenbrooks könnten mal wieder eine Neuverfilmung vertragen?

Hinzu kommt, dass das 19. Jahrhundert noch kaum ausgebeutet ist, was seine Geschichten, Gestalten und Merkwürdigkeiten anbetrifft. Es ruht so unberührt in sich selbst auf einer Lichtung der Geschichte, mit seinen tüchtigen Turnvereinen und seinen rührenden Erfindungen im Analog-Modus. Eine Welt, die noch fest an ihre Berechtigung glaubte, an ihren Positivismus, ihre Modernität, ihre Technik, ihren Fortschritt, ja selbst an ihren Nihilismus. Vorbei die Zeit, da ein Walter Benjamin aus den Dokumenten des 19. Jahrhunderts eine Archäologie der modernen Welt herauslesen wollte. Das war ein typisches 20. Jahrhundert-Projekt. Jetzt geht es nicht mehr um Archäologie oder Rekonstruktion, jetzt geht es nur noch ums Wohlfühlen. Wie schön, dass man da das 19. Jahrhundert wiederentdecken kann. Nicht nur, dass die bürgerlichen Neurosen ausnahmslos darin ihren Ursprung haben, auch die Therapien dafür stammen von dort. Oder wie schon Thomas Bernhard wusste: "Die Deutschen nehmen Goethe ein und werden gesund." Ach, auch nur einen Tag im Biedermeier gelebt zu haben, die Gesundheit liebender Männer atmend! Die Literatur ist eine Zeitmaschine.

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12.03.2008 | 16:17 Uhr

Helmuth Kiesel: 19. Jahrhundert? Gegenwart!

Ich habe zwei Tage gebraucht, um zu überlegen, ob mich die Frage nach dem 19. Jahrhundert etwas angeht - unterstellt sie doch, dass ich als Leser von Walsers "Liebendem Mann" ein dezidiertes Interesse am 19. Jahrhundert hätte. Habe ich aber nicht.

Wenn mich die Goethezeit interessiert, greife ich nach den Büchern meiner Kollegen Borchmeyer und Osterkamp. Als Leser von Romanen gegenwärtiger Autoren ist mir das 19. Jahrhundert schnuppe.

Dass Walser einen Roman über Goethe und die Goethezeit geschrieben hat, ist zunächst einmal völlig sekundär. Er hätte seinen liebenden Mann auch ins gegenwärtige Wolfsburg oder "nach Lodz" schicken können, und ich wäre ihm gefolgt. Das Interesse gilt dem aktuellen Thema, in diesem Fall der Liebe eines alten Mannes zu einer jungen Frau. Der erscheint nun als Goethe und bewegt sich folglich im 19. Jahrhundert. Er ist aber nur der Statthalter für ein Phänomen, das es vor und nach Goethe bekanntlich auch gab, und was Walser mit ihm zur Sprache bringt, ist nicht ein Problem des 19. Jahrhunderts, sondern der Gegenwart, das nun freilich in historischer Brechung erscheint. Insofern erlangt das 19. Jahrhundert nun Bedeutung, aber nicht an und für sich, sondern nur als kontrastiver Hintergrund: Wie nimmt sich diese aktuelle Problematik im Spiegel einer vergangenen Epoche mit ganz verschiedenen Verhaltensnormen und Schicklichkeitsvorstellungen aus?
Wie sie sich gegenwärtig gestalten (oder erträumen) will, konnten wir vor zwei Jahren in "Angstblüte" lesen. Wenn da der siebzigjährige Karl von Kahn auf die fast vierzig Jahre jüngere Joni Jetter trifft, fallen sofort die Hüllen. Bei ersten Stelldichein in einem noblen Hotel ging Joni, so heißt es, zuerst einmal "ins Klo, streifte, was nötig war, hinunter, setzte sich [bei offener Tür, wohlgemerkt!] und pinkelte laut" (S. 229). Bald darauf ist man bei der Sache und begleitet sie mit einem wunderbar hemmungsloses Responsorium der Obszönität (249 f.).

Dies vor Augen und im Ohr, habe ich mich, als der "Liebende Mann" angekündigt wurde, gefragt, wohin die Kombination des forcierten Liebes- und Sexualitätsbegehrens eines alten Mannes mit Goethe und der Goethezeit führen würde. Prinzipiell sind zwei Möglichkeiten denkbar: zum einen ein Bruch mit den Schicklichkeitsvorstellungen der Goethezeit und die Verwendung von Vokabeln, die der Sturm und Drang und das zwanzigste Jahrhundert schätzten, nicht aber der klassische Goethe; zum andern das Abstreifen jener sexuellen und verbalen Obsessionen, die für die Gegenwart (oder Gegenwartsliteratur) typisch sind und in "Angstblüte" zu beobachten waren.
Diesen zweiten Weg ist Walser gegangen. Kein schneller Sex "under the boardwalk" (Angstblüte, S. 270), keine unschicklichen four-letter-words! Nur die Klage Goethes über die "Kulturschande", für ein gewisses "Teil" in seinem ganzen Dichterleben kein passables Wort zum allgemeinen Gebrauch gefunden zu haben (Ein liebender Mann, S. 72 f.). Die Schicklichkeitsvorstellungen der Goethezeit sind in dem Maße gewahrt, dass man meinen möchte, die mißtrauisch-formbewußte MAmalie von Levetzow habe das Manuskript durchgesehen. Aber ist der Roman deswegen 19. Jahrhundert? Lesen wir ihn aus Interesse am 19. Jahrhundert? Versinken wir, wenn wir ihn lesen, im 19. Jahrhundert? Man müsste, wenn man dies täte, taub sein für die Sprache der Gegenwart, die diesen Roman bestimmt.

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12.03.2008 | 13:01 Uhr

Rüdiger Görner: Zurück zur Umbefangenheit

Ganz ungeschützt geantwortet: Wir sind eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Deswegen finden wir noch so viel davon in und um uns: Der Glaube an die Wissenschaft und der Zweifel an ihr; das Aufbrechenwollen zu neuen Ufern, gepaart mit der Ahnung, dass wir das alles schon einmal erlebt haben (die Sorge, ja, Furcht vor der "ewigen Wiederkunft" des allzu Gleichen); dieses Sich-Überlagern von Gefühlswelten und ihrer rationalen Durchdringung; das Zwielichtige, das in jeder Art des ideologischen Denkens ausgeht.

Keine Ideologie, die nicht schon im 19. Jahrhundert entwickelt gewesen wäre, vom Nationalismus, Xenophobie bis zum Kosmopolitismus, aber auch terroristischen Anarchismus, vom Kommunismus bis zum Vitalismus.

Was uns am 19. Jahrhundert reizt, entspricht in etwa dem, was uns an seiner Folgzeit bestürzt: Dass sich Gesellschaft und Staat ideologisch korrumpieren lassen konnten, dass im Namen der Ideologien Massenmord betrieben wurde, dass der rückhaltloseste Analytiker seines Jahrhunderts, Friedrich Nietzsche, haargenau zu prophezeien (oder besser: zu extrapolieren) vermochte, was das Jahrhundert danach bringen würde.
Das 19. Jahrhundert, die Zeit der große Entwürfe und Systeme – und ihrer Kritiker: Hegel, Alexander von Humboldts Kosmos, Darwin, Marx – immer auf der Suche nach der einen Ursache aller Dinge: wir liefern dazu die mikroskopischen Gegenbilder, das Experiment im Subatomaren, wofür kaum noch Worte haben. Goethe hatte sie noch, diese Worte; liess nur Entdeckungen gelten, die im Sprachlichen einen kommunizierbaren Gegenwert hatten. In den "Wahlverwandtschaften" wurde er zum Analytiker der Gefühle, der Liebe, der Verhängnisse.

Was uns daran reizt? Dass wir dergleichen beinahe vorbehaltlos bewundern können, dass dies eine Zeit war, die zwar ihre Unschuld im Gefolge der Französischen Revolution und vor allem des terreur der Jakobiner auch schon verloren hatte, die sich mit dem kritischen Apparat Kants herumschlug, aber insgesamt sich doch noch eine gewisse ‘Naivität’ erlauben konnte. Findekünstler waren viele in jenem Jahrhundert; spiessige (weniger reizvolle, aber karikaturträchtige) Biedermeiers die meisten; musizieren und lesen konnten sie, die Bürgersleut, wie in kaum einem anderen Jahrhundert. Die sinnenfrohen (mitnichten prüden!) Viktorianer (man lese Thackeray, der übrigens in jungen Jahren den greisen Goethe besuchte!) haben ihren Reiz bewahrt, weil sie sich selbst auf Reize verstanden und die "grossen Liebenden" hervorbrachten, in Gestalt der Schriftstellerin Elizabeth Gaskell aber auch die ersten russgeschwärzten Industrieromane.

Was reizt uns am 19. Jahrhundert? Vielleicht am Ende nur das, dass wir glauben, mit ihm etwas unbefangener umgehen zu können als mit dem 20ten. Und dass wir, Erfindungen des 19ten, die Ursprünge unserer Probleme in jenem Jahrhundert neu (oder wieder-) finden, wobei wir irrigerweise versucht bleiben, jenes Mutterland der Moderne, unsererseits neu zu erfinden.

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12.03.2008 | 13:00 Uhr

Friedemann Bedürftig: Hilflose Maskerade zum eigenen Ruhm

Es sind wohl eher die großen Persönlichkeiten, die da reizen, als das Jahrhundert selbst - wie an Filmen, Romanen und Dramen über Luther oder Friedrich den Großen oder Zarin Katharina zu sehen. Und Goethe wird immer wieder Konjunktur haben, wenn Fragen boomen und Antworten rar sind.

Dass er und die beiden Kehlmann-Figuren, Gauß und Alexander von Humboldt, moderne Literaten beschäftigen, hat gleichwohl auch epochale Gründe. Alle drei erreichten den Gipfel ihrer Bedeutung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die große Revolution hatte die gesellschaftlichen Fundamente erschüttert, die Aufklärung nahm Fahrt auf, die aufkommenden Maschinen ließen rasanten wirtschaftlichen und kulturellen Wandel ahnen, der Nationalismus schoss ins Kraut.

Kehlmanns Interesse gilt dem wissenschaftlichen Aufbruch jener Jahre und den ersten Anzeichen dafür, dass der Mensch seinem eigenen Verstand nicht gewachsen sein könnte; das "triumphale Unheil" einer "vollends aufgeklärten Erde" (Adorno/Horkheimer) wetterleuchtet bereits. Thomas Mann hingegen stemmt sich mit Goethe gegen den drohenden "Untergangs des Abendlands" (Spengler) und den "Aufstand der Massen" (Ortega).

Verfügte Walser über ähnliche "Fühlfäden der Seele" (Goethe zu Eckermann am 7.10.1827), sähe es düster aus. Davon aber ist nichts zu spüren bei seinem Eintauchen in die Goethe-Welt und ins frühe 19. Jahrhundert. Da ist alles Staffage, und die personellen Parallelen sind hilflose Maskerade zum höheren eigenen Ruhm.

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11.03.2008 | 15:23 Uhr

Friederike Reents: Restaurative Tändelei

Tauchen wir wirklich so bereitwillig in das neunzehnte Jahrhundert, das "Jahrhundert der abgestandenen Kategorien", das "gebrochen [war] wie keines unter das Gesetz der Stilisierung und der synthetischen Funktion", in dem "aus tausend Pilatusschnauzen" nur das Geschrei: "Gesetz, Gültigkeit, Wahrheit" erschallte (so Gottfried Benn 1920)?

Derartige Herabsetzung und Schmähung des "großen neunzehnten Jahrhunderts" jedoch gehörten zu den "insipidesten", also äußerst törichten "Gewohnheiten eines modernen Literatentums" heißt es bei Thomas Mann 1929 in "Reaktion und Fortschritt" und bereitete damit indirekt den Boden für seine hoch politische (so Frizen) "Lotte in Weimar".
Walsers "Liebender Mann" ist sicher nicht politisch.

In einer Zeit, wo der letzte metaphysische Halt an den virtuellen Raum abgetreten zu sein scheint, sehnen wir uns da vielleicht gerade in der Literatur nach vermeintlich Handfestem, nach Liebeständelei, Maskenball und Kutschfahrten à la Walser oder – mit Benn gesprochen – nach Kategorien und Synthese, nach Gesetz, Gültigkeit und Wahrheit. Möglicherweise deutet der immense Erfolg von Daniel Kehlmanns Bestseller von der im neunzehnten Jahrhundert vorgenommenen "Vermessung der Welt" auf einen restaurativen Zug in der heutigen Literatur, aber vor allem von deren Rezipienten hin, denen die virtuelle Vermessung der Welt über Google Earth zwar ein detailliertes Bild liefert, aber keinen Halt.

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11.03.2008 | 13:49 Uhr

Terence James Reed: Auf zwei Hochzeiten tanzen

Meinen Sie, es liege spezifisch am neunzehnten Jahrhundert, nicht vielmehr an der Attraktion der Vergangenheit schlechthin, also an der Tendenz des Publikums, sich auch beim Genuss des Fiktiven nicht allzuweit vom Faktischen entfernen zu wollen? Im Englischen hat man sogar den Begriff der ‘faction’ geprägt, das heißt der Fakten verarbeitenden Fiktion.

Mit dem Wunsch nach derlei Kompromiss kommt man dem Autor entgegen, dessen Einbildungskraft der Unterstützung durch eine vergangene Wirklichkeit bedarf. Man mag es für "ein albernes Unterfangen" halten, "wenn ein Autor, wie es jetzt Mode werde, eine schon entrückte Vergangenheit zum Schauplatz wählt" – so Daniel Kehlmann mit netter Selbstironie, die Aussage allerdings seinem Alexander von Humboldt in den Mund gelegt. (Die Vermessung der Welt, S. 27) Aber der Leser sieht sich eben gern historischen Menschen gegenübergestellt, in etwa so, wie wenn auf den Plätzen Göttingens Georg Christoph Lichtenberg lebensklein vor einem steht, der eben auch bei Kehlmann auftaucht. Im Roman meint man historische Figuren intimer kennenzulernen, als dies in der Biographie möglich ist. Der biographische Roman will über alles Bescheid wissen, bis hin zu Goethes Erektionen, die sowohl bei Thomas Mann als auch bei Martin Walser stehen.

Im Grunde geht es um die alte Frage des Aristoteles, was "philosophischer" sei, Geschichte oder Dichtung. Was bringt uns der wahren Wirklichkeit näher, der nüchterne Bericht über das, was passiert ist, oder die freie Vorstellung, wie etwas passieren könnte? Indem sich aber der Autor tatsächlich Passiertes vornimmt und plausibel ausbaut, wie es hätte passieren können, will er auf beiden Hochzeiten tanzen. Wir eben auch. Dass es wohl nicht unbedingt genau so war, stört uns nicht: wir genießen die Wirklichkeit des Möglichen, die Möglichkeit des Wirklichen.

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11.03.2008 | 13:00 Uhr

Herold Binsack: Goldene Zeiten

Das 19. Jhrdt. ist das Jahrhundert der Entdeckungen, der naiven, muss man hinzufügen, denn die Quantenphysik war noch nicht entdeckt und damit noch nicht die Ungewissheit, die hinter all diesen Gewissheiten so lauert. Es war das Jahrhundert der Revolutionen, der schon nicht mehr bürgerlichen aber auch noch nicht ganz proletarischen.

Denn letztere lauerte in der Wartestellung. Es war alles so schön klar und einfach. Selbst der dümmste Rassismus und Kolonialismus hatten die Aura des Überlegenen noch nicht verloren. Und der Faschismus schlummerte noch einstweilen hinter dem virulenten Antisemitismus. Das Bürgertum war noch bürgerlich, auch dann, wenn es dem alten Adel entstammte. Eine Hoffnung für das Proletariat gab es nicht, aber eine nachproletarische – vielleicht. Und die Liebe? Wir sehen es ja, im Bürgertum war sie nicht zuhause, wenn auch als Rest der Romantik dort noch verklärt. Und ein Marx konnte noch an die wahre Geschlechtsliebe im Proletariat glauben. – Goldene Zeiten!

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12.03.2008 | 20:22 Uhr
Edit Vladár schreibt: Parenthese zur Parathese

Entschuldigung, ich würde noch gerne hinzufügen:
In Parenthese zur Parathese: Der (nichtexistierende) Kommunismus war eine Art von Barbarei...


12.03.2008 | 20:12 Uhr
Edit Vladár schreibt: Die Wirklichkeit selbst

Warum denn "Helden", wenn sie gebrochen sind? Pure Hauptdarsteller, das wäre ja realistischer... so eine Brecht'sche Art und Weise. Ich glaube, man dürfte Walser nicht besser aktualisieren, da sein Werk - auch dieses - sowieso aktuell ist.

Ich denke z. B. an die Liebessituation, und wie sie von der Gesellschaft empfangen wurde, auch an den Charakter von Ulrike.
Und nochmals zum Stil: Verfeinert, sublimiert, feinsinnig ist es, doch der Realismus selbst. Wenn es besser gefällt: Die Wirklichkeit selbst ist es.


12.03.2008 | 14:08 Uhr
Herold Binsack schreibt: "Geschliffener Realismus"?

Von dem "Idealisten" stammt auch die Parathese: Kommunismus oder Barbarei! Niemand hat das wirklich ernst nehmen wollen, insofern wurde Marx wohl eher idealisiert, wenn überhaupt verstanden. Und was den Walser angeht, da bin ich noch auf der Suche, ob das denn wirklich "geschliffener Realismus" ist. "Gebrochene Helden" darzustellen, das wäre sicherlich eine aktuelle realistische Sicht - ohne Zweifel!


12.03.2008 | 10:47 Uhr
Edit Vladár schreibt: Der geschliffenste Realismus

Obwohl es für Paradoxie gehalten werden kann, der Herr Marx war ein Idealist ersten Ranges. Demgegenüber Walsers Goethe-Buch ist der geschliffenste Realismus, mit Geschichte, Gegenwart und seiner Persönlichkeit durchwebt.

Was wir heute für Gegenwartsgeschichte haben, wurzelt grundsätzlich im 19. Jh., wo "es alles so schön klar und einfach /war/".



11.03.2008 | 11:55 Uhr

Werner Frizen: Alles nur Staffage

Die Frage ist falsch gestellt – mit Absicht, vermute ich. Walsers Roman ist nicht "19. Jahrhundert". Walser hat historische Kostüme geschneidert und Kulissen aufgestellt, er hat das Goethe-Personal aus der Versenkung geholt und das Ambiente des mondänen Kurortes nachgestellt – so anmutig das alles wirkt, letztlich ist es Staffage für sein Beziehungsdrama.


Ein bisschen Napoleon, ein bisschen Rhein-Donau-Kanal, ein bisschen Byron und griechischer Freiheitskrieg – das alles vermittelt noch kein 19. Jahrhundert. Walser setzt solche Farbtupfer, um Atmosphäre zu schaffen. Und weil er sich einen historischen Helden gewählt hat, zu dem seine Quellen das Kolorit gleich mitliefern. Aber die Tupfer ergeben kein Gemälde. ---
Da die Frage den Vergleich zu "Lotte in Weimar" – wieder einmal – provoziert, auch dazu noch eine Bemerkung: Auch Thomas Mann interessierte zunächst einmal das Beziehungsdrama – in seinem Fall die groteske Alte, die nach Weimar reist, sich wie Lotte maskiert und meint, sie könnte den Witwer Goethe aufs neue für sich begeistern. Auch Thomas Mann interessierte sich daneben zunächst einmal nur für den Komplex der Verjüngung des verliebten Alten und holt den gesamten Marianne-von-Willemer-Komplex in den Roman mit hinein.

Doch dann legt er in diesen Entwurf eines psychologischen (oder gar psychopathologischen) Romans eine Erzählung ein, die jeder zweite Leser für einen Kompositionsfehler und für Klatsch und Tratsch hält: Adele’s Erzählung. Gewiss, Thomas Mann hat diese Herz-Schmerz-Novelle aus dem Hause Goethe mit allen Mitteln des Trivialen inszeniert. Tatsächlich ging es ihm aber um etwas ganz anderes: Er schreibt 1937, und die Deutschen sind gerade dabei, von der Humanität über die Nationalität in die Bestialität abzustürzen.

Den Parallelismus zwischen dem nationalen Wahn von 1813 und dem von 1937 hat er sich nicht entgehen lassen. und er gibt seinem Roman Kontur und Struktur. Auch Thomas Mann "reizt" nicht das 19. Jahrhundert um seiner selbst willen, sondern er entdeckt im 19. Jahrhundert die Strukturen, die zu seiner Zeit zu dauern nicht aufgehört haben. Durch diese konsequent herausgearbeiteten Analogien wird aus den Beziehungs- und Familiendramen im Hause Goethe ein hochpolitischer Roman. Ein – wie soll ich es nennen? – buchenswertes Ereignis.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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