Wolfgang Frühwald: Eine ungemein faszinierende Epoche
Das Zeitalter des Bürgertums, in dem all das entwickelt wurde, was heute noch an bürgerlicher Kultur übrig ist, war (auch im Rückblick) eine ungemein faszinierende Epoche. Das Konzert, das Konzertlied, das Vereinsleben, das Chorlied, der Gesangsverein, die Wohnkultur, die Entwicklung der bürgerlichen Kleinfamilie, der Glaube an Technik und Fortschritt, die bessere Kleidung, die hellere Wohnung, die intensive Landwirtschaft, die experimentelle Chirurgie, die Entdeckung der Bakteriologie, der Hygiene etc. etc. - was hat dieses reiche Zeitalter nicht alles hervorgebracht und angestoßen!
Und zugleich war es ein Zeitalter, in dem bürgerliches Selbstbewusstsein sich auch politisch artikulieren wollte und in wenigstens zwei Revolutionen (1830 und 1848) seine Ansprüche angemeldet hat. So wurde das 19. Jahrhundert auch das Zeitalter der Massen und der Technik und der Ideologien (des Nationalismus, der Sozialismus), in dem Dampf und Maschine das Tempo des Tages angaben.
Doch auch das bürgerliche Ethos war in diesem Zeitalter verbreitet, man lebte "wie hinter zugezogenen Scheibengardinen" und übte sich in Dezenz, in viktorianischer Prüderie, in Unterdrückung von Leidenschaften, die in unterschiedlichen Subkulturen (der Zunahme von Prostitution und Geschlechtskrankheiten) umso stärker ausbrachen. Jürgen Habermas hat darauf hingewiesen, dass die Literatur dieser Zeit all das und viel mehr noch in sich aufgenommen, entwickelt und verwandelt hat.
Die meditative Privatlektüre sei zum Königsweg der bürgerlichen Individuation geworden. Sie prallte zusammen mit dem Anspruch von Massen und Kollektiven und suchte sich gegen deren Übermacht zu behaupten. Das "ewig verdammenswerte 19. Jahrhundert" hat deshalb Goethe, der aus dem Zeitalter der Persönlichkeit gekommen ist, die nachnapoleonische Epoche genannt. Sie hatte in ihrem Reichtum und ihren Verlusten große Ähnlichkeit mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts!
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