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Samstag, 23. Februar 2008

Auszug aus: "Ein liebender Mann"

Folge 1:

Bis er sie sah, hatte sie ihn schon gesehen. Als sein Blick sie erreichte, war ihr Blick schon auf ihn gerichtet. Das fand statt am Kreuzbrunnen, nachmittags um fünf, am 11. Juli 1823 in Marienbad. Hundert feine Gäste promenierten, das Glas mit dem jedes Jahr noch mehr gerühmten Wasser in der Hand, und wollten gesehen werden. Goethe hatte nichts dagegen, gesehen zu werden. Aber er wollte gesehen werden als jemand, der mehr im Gespräch war als auf der Promenade. In diesen Julitagen war er immer mit dem Grafen Sternberg im Gespräch. Gut zehn Jahre jünger als Goethe und Naturforscher. Goethe war es gewohnt, obwohl er es nicht gewohnt werden konnte, dass so gut wie alle Naturwissenschaftler für seine Farbenlehre im besten Fall ein spöttisches Bedauern erübrigten. Begegnete er einem, der die Farbenlehre gelten ließ, konnte er sich vor Freundlichkeit, Dankbarkeit, Rührung jeder Art oft fast nicht mehr beherrschen. Kaspar Graf Sternberg war so ein Naturwissenschaftler, hatte ein Buch über die Flora der Vorzeit geschrieben, das heißt, er konnte lesen, was die Steine bewahrt hatten. Und Steine waren inzwischen Goethes liebstes Forschungsfeld. Aber jetzt, in diesen Julitagen, war es noch ein anderer Umstand, der den Grafen über alle Naturwissenschaft hinaus für Goethe anziehend machte. Im vergangenen Jahr hatten beide in dem als Kurhotel betriebenen Palais des Grafen Klebelsberg gewohnt. Und die Levetzows wohnten da auch. In Amalie von Levetzows Salon hatten sie sich kennengelernt. Wir kennen uns doch, hatte Goethe gerufen, wir kennen uns schon aus Vorzeiten. So hatte er auf Sternbergs Buchtitel angespielt und war auf den Grafen fast eilig zugegangen und hatte ihn umarmt. Das fiel auf, weil er sonst, wenn eine Bekanntschaft zu machen war, stehenblieb und dem anderen oder der anderen Gelegenheit gab, sich ihm zu nähern. Wir haben beide den Donnersberg bestiegen, bei Teplitz droben, Baronin, und ein jeder von einer anderen Seite, und sind, das haben wir einander geschrieben, beide auf der Zinne angekommen. Sie seien überhaupt zwei Reisende, hatte der Graf gesagt, die, aus zwei verschiedenen Welt- und Geschichtsgegenden kommend, einander begegnet seien und, als sie ihre Erfahrungen verglichen, gesehen hätten, dass es ein Vorteil sei, auf verschiedenen Wegen zu ein und demselben Ziel zu gelangen.
Jetzt, auf der Promenade, ließ Goethe sich vom Grafen Sternberg berichten, dass der schwedische Chemiker Berzelius gerade festgestellt habe, das vulkanische Gestein in der Auvergne sei erstaunlich eng verwandt mit dem hier auf dem Kammerbühl.
So ein Gespräch schützt die Sprechenden, wo auch immer es stattfindet. Es war Goethe, der heute mehr als einmal über das Gespräch hinausschaute. Goethe war kurzsichtig, aber Brillen fand er entsetzlich, das wusste in seinen Kreisen jeder Brillenträger und nahm seine Brille ab, wenn er von Goethe empfangen werden wollte. Brillen verstimmen mich, hatte er gesagt, und was der berühmte Dichter sagte, wurde weitergesagt. Er hätte die, die er suchte, von weitem nicht erkannt, aber Amalie von Levetzow mit ihren Töchtern Ulrike, Amalie und Bertha, die in diesem Jahr neunzehn, sechzehn und fünfzehn Jahre alt waren, diese Gruppe würde er auf jede Entfernung und in jeder noch so bunt bevölkerten Promenade ausmachen. Das geschah. Obwohl das Verhältnis der Gestalten zueinander sich geändert hatte. Ulrike war jetzt die größte, deutlich größer als ihre Mutter.
Ohne des Grafen Vortrag über die Verwandtschaft der Steine der Auvergne und des Kammerbühls zu unterbrechen, lenkte er sich und den Grafen auf die Levetzow-Gruppe zu und begegnete Ulrikes Blick. Sie hatte ihn entdeckt, als er sie noch nicht entdeckt gehabt hatte.
Ihn durchschoss eine Bewegung, eine Welle, ein Andrang von innen, im Kopf war es Hitze. Er spürte, dass es ihm schwindlig werden könnte. Er versuchte durch Ausatmen die wie im Krampf erstarrte Stirn- und Augenpartie zu lockern, zu lösen. Er durfte, nachdem man einander ein Jahr lang nicht gesehen hatte, das Wiedersehen doch wohl nicht mit einer Grimasse aus Staunen, Schmerz und Bestürzung feiern.
Also. Die Begrüßung. Die junge Mutter war deutlich lebhafter als jede ihrer Töchter. Ulrikes steter Blick, kannte er den noch vom vergangenen Jahr? Ihr und sein Blick blieben ineinander. Als es nicht mehr auszuhalten war, als endlich etwas gesagt werden musste, sagte er: Bitte, begreifen Sie, liebe Umstehende, ich studiere nicht nur Steine, sondern auch Augen. Was verändert Augen mehr, von außen ein anderes Licht oder von innen eine andere Stimmung? Ulrikes Augen sind, weil uns das Wetter gerade eine dicke Kumuluswolke vor die Sonne schiebt, in diesem Augenblick – und ist das nicht ein köstliches Sprachangebot: Augenblick – sind in diesem Augenblick dabei, von Blau nach Grün zu wandern. Wenn die Wolke bleibt, haben wir es mit einer grünäugigen Ulrike zu tun. Graf Sternberg, dieses Doppelphänomen, ob die äußere Ursache oder eine innere überwiegt, sollte uns interessieren. Herzlich willkommen, gnädige Frau, und ihr, das liebenswürdigste Trio der Welt, herzlich willkommen.
Die sechzehnjährige Amalie, die am ehesten, was Rederaschheit angeht, der Mutter glich, sagte: Wir sind überhaupt kein Trio, wir sind Einzelne, wenn’s recht ist, Herr Geheimrat.
Und ob mir das recht ist, sagte Goethe und sah wieder zu Ulrike hin. Ulrike schaute immer noch so ruhig, so fest, wie sie ihn empfangen hatte. Er blieb in ihrem Blick. Er spielte den Augenforscher. Aber das war er nicht. Das mochten die anderen glauben. Ulrike glaubte das nicht. Und er glaubte das auch nicht. Sie schaute ihn an, nur um zu zeigen, dass sie ihn anschaue. Bevor er das Blick-Thema verließ, sagte er noch: Ulrike, manche Männer werden Ihnen später blaue Augen attestieren, andere werden sagen, Ihre Augen seien grün. Ich sage: Lassen Sie sich, bitte, nicht festlegen.
Er nahm ihn nachher mit sich auf sein Zimmer, diesen Blick. Man hatte gegessen miteinander, geplaudert, die Erinnerung an das vergangene Jahr und an das Jahr davor wieder wachgeplaudert. Im vorvergangenen Jahr, dieses miserable Wetter, da hat es doch einen Monat lang nur geregnet. Ohne die tausend Einfälle des Herrn Geheimrat hätte man das gar nicht ausgehalten. Mit seinen Steindarbietungen ist er allerdings nur bei Amalie angekommen. Extra ein Zimmer hat er gehabt mit Tischen nur für die Steine, die der Diener Stadelmann aus der ganzen Gegend zusammenklopft. Amalie ist heute noch ein bisschen beleidigt, weil der Herr Geheimrat für Ulrike zwischen die Steine ein Pfund Schokolade gelegt hat, um ihr die Steine attraktiv zu machen.
Und zwar ganz frisch aus Wien geholte Schokolade, sagte die Baronin, von der berühmten Konditorei Panel!
Und noch mit einem Gedicht, sagte Bertha, die auch zu Wort kommen musste.
Ach, sagte er, ein Gedicht. Sie kann es noch, sagte Frau von Levetzow.
Bevor Goethe noch sagen konnte, bitte, sag es mir doch, trug Bertha das, was sie ein Gedicht genannt hatte, geradezu kunstvoll vor:

Genieße dieß nach deiner eignen Weise,
Wo nicht als Trank, doch als beliebte Speise.

Ich möchte immer noch wissen, warum es hier Granitblöcke gibt, die von ockergelben Adern durchzogen sind, sagte Amalie, um wieder auf ihr Interesse für Steine aufmerksam zu machen.
Bravo, sagte Goethe, bravo.
Der Graf empfahl sich. Er wolle, was er vorher mit Goethe über Vulkanismus und Neptunismus gesprochen habe, noch ein wenig ordnen. Winkte allen zu, verneigte sich und ging.
Goethe sah ihm nach. Drei solche, und ich würde dem lieben Gott Komplimente machen.
Was ist Vulkanismus, rief Amalie ganz schnell und schaute dabei nicht den an, den sie fragte, sondern ihre Schwester Bertha, der sie zuvorgekommen war.
Dann frag ich, was Neptunismus ist, rief Bertha, die ihre ältere Schwester in allem übertreffen wollte.
Und ich, sagte Goethe, sag euch allen, dass die Gelehrten sich streiten, ob die Erdoberfläche, wie wir sie heute haben, durch Feuer gebildet wurde, das sich dann in die Tiefen zurückzog und durch Vulkane immer noch auf seine frühere Rolle aufmerksam macht, oder durch Wasser, das sich allmählich zurückzog, dass die Meere entstanden.
Und Sie, fragte Ulrike, was denken Sie.
Ich denke, dass man, was man zur Zeit nur durch Vermutung entscheiden kann, nicht entscheiden soll. Aber da man unwillkürlich doch immer irgendwohin tendiert, gesteh ich, ich bin ein wankelmütiger Neptunist.

Fortsetzung folgt

Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
Copyright © 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

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Gemäß unserer Vereinbarung mit dem Rowohlt Verlag veröffentlichen wir auf unseren Internet-Seiten immer nur 20 Walser-Folgen in Summe: die ersten zehn (darunter sieben Folgen mit Autoren-Lesung) sowie die jüngsten zehn.

Audio-Streams mit freundlicher Genehmigung von:
NDR-Kultur


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