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Mittwoch, 05. März 2008

Auszug aus: "Ein liebender Mann"

Folge 10:

Jetzt sahen alle hin. De Ror schleuderte Ulrike förmlich herum. Er hatte sie manchmal nur noch an einer Hand. Ihr freier Arm flog dann frei durch die Luft. Wieder wurde sichtbar die fabelhafte Unabhängigkeit aller ihrer Gelenke. Selbst ihr Kopf schien an ihrem langen, schlanken Hals auf einer Extra-Umlaufbahn mitzufliegen. Und Herr de Ror war der Herr, der sie fliegen ließ und dabei selber verhältnismäßig ruhig blieb. Inzwischen schauten immer mehr diesem Paar zu. Auch Paare, die noch tanzten, gaben
auf, blieben stehen und schauten zu. Dann stellte sich ein junger, eher untersetzter Mann in die Quere und klatschte. Aber Herr de Ror reagierte nicht. Da stellte der Untersetzte dem Herrn de Ror ein Bein, der sprang drüber, nahm dabei wunderbarerweise Ulrike mit und verhinderte so, dass beide stürzten. Er hielt Ulrike weiter an der linken Hand, schlug aber mit der rechten Faust dem Störer so unters Kinn, dass der nach rückwärts fiel und auf dem Boden liegen blieb. Die Kapelle intonierte einen flotten kaiserlichen Marsch, die Paare gingen im spielerischen Marschtritt zu ihren Plätzen, vier Kellner hatten den Ohnmächtigen schon aus dem Saal getragen, Dr. Rehbein rannte hinter ihnen her.
Der Arme, sagte die Ulrike-Mutter.
Kennt man ihn, fragte Goethe.
Der Graf hat ihn heute in seinem Wagen aus Wien mitgenommen. Ein junger Dichter, den er protegiert.
Dichter, sagte Goethe.
Braun von Braunthal, sagte sie.
Goethe sprang auf, sah zur Tür, zu der der junge Dichter gerade hinausgetragen worden war. Braun von Braunthal, der Schwärmer, dessen Beschreibungshymnus er gerade wieder gelesen hatte. Der wollte Ulrike zurückerobern. Für uns. Goethe setzte sich und warf es sich vor, dass er nichts für den Niedergeschlagenen tat.
Herr de Ror kam mit Ulrike zurück. Da der Stiefsohn Napoleons nicht bemerkte, auf welchem Platz er saß, setzte sich Ulrike jetzt auf einen Stuhl neben Herrn de Ror.
Ulrike sagte: Das tut mir so arg leid.
Und de Ror: Immer noch gilt, den, den man abklatschen will, lässt man zuerst das Stück, das gerade dran ist, zu Ende tanzen. Oder gilt das nicht mehr.
Alle bestätigten ihm, dass das immer noch gelte. Ulrike sagte noch einmal, wie arg ihr das sei. Zum Glück hatte sich Graf Klebelsberg ans Klavier gesetzt, hatte durch ein paar virtuose Glissandi die Aufmerksamkeit aller auf sich und das Klavier gelenkt und gab nun mit seiner schönen Stimme bekannt, er wolle die neueste Vertonung eines der allerschönsten Gedichte unseres Meisters hier vortragen, weil er annehme, ja eigentlich sicher wisse, dass das, was Franz Schubert mit Goethes Sehnsucht komponiert habe, hier noch nicht gehört worden sei. Ja, vielleicht ist sogar dem Meister selbst noch nicht bekannt, was in Wien einem Genie zu Goethe eingefallen ist. Und sang:

Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh’ ich an’s Firmament
Nach jener Seite.
Ach! der mich liebt und kennt
Ist in der Weite!
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide.
Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!

Zuerst war es vollkommen still, dann brachen, als habe ein Dirigent den Einsatz gegeben, alle auf einmal in einen gewaltigen Beifall aus. Zum Grafen Klebelsberg hin. Zuerst. Dann aber zu Goethe. Der stand auf, verbeugte sich, hob beide ineinander verschränkte Hände und dankte so dem Sänger. Gegen diese Stimme konnte er sich nicht wehren. Er sah, dass Ulrike Tränen in den Augen hatte, ihre Mutter auch. Er dachte an Zelters Vertonung dieses Gedichts. Schubert, der Name wurde jetzt öfter genannt von Besuchern, die aus Wien kamen oder in Wien gewesen waren. Er war mit Zelters Vertonungen durchaus zufrieden. Seinetwegen hätten seine Gedichte nicht vertont werden müssen. Jetzt war er doch irritiert. Das ging sehr weit, was da mit ihm veranstaltet wurde. Graf Klebelsberg gab bekannt, dass er noch den Erlkönig singe. Wen dieses Lied nicht mitreiße, der dürfe sich getrost im Museum in die Abteilung Pyramidenschrott legen lassen.
Gelächter. Er begann, er sang, Goethe merkte, dass er sich nicht wehren konnte. Ihm war es nicht recht, dass diese Musik sich des Textes so bemächtigte, dass der Text nur noch ein Anlass war für ungeheure, eigentlich dämonische Gesten. Tongesten. Schmerzraserei. Wieder dachte er an Zelters einfache Dienlichkeit. Zelter wollte den Text vortragen. Dieser Schubert wollte einem die Seele aus dem Leib reißen, und dazu war ihm der Text nichts als ein Anlass. Der kam ihm gerade recht.
Noch einmal, rief Klebelsberg, auf innigen Wunsch einiger Zuhörerinnen, die so etwas noch nie gehört haben, die Sehnsucht.
Das fand Goethe raffiniert. Die Wirkung war zehnmal so stark wie nach der ersten Darbietung. Manche Frauen fielen einander um den Hals und weinten laut heraus. Goethe hob wieder seine in einander verschränkten Hände und
bewegte sie herzlich zu Graf Klebelsberg hin. Der Beifall wollte nicht aufhören.
Und jetzt, Exzellenz? Sagte Amalie von Levetzow.
Goethe nickte. Deutete auf Ulrike hinüber, die jetzt weiter von ihm weg saß als vorher, aber dass sie Tränen in den Augen hatte, war deutlich genug. Er hat aber auch eine Stimme wie sieben paradiesische Bienenschwärme, sagte Goethe dann, um die schwere Stimmung zu verscheuchen. Sie machen mich glücklich, sagte sie. Sie werde es dem Grafen ausrichten, er werde wahrscheinlich umkommen vor Stolz und Freude.
Da stand die Hohenzollern-Prinzessin am Tisch und sagte an dem goldgleißenden japanischen Fächer, für den sie bekannt war, vorbei, falls noch ein Tanz folge, bitte sie um das Vergnügen, mit ihm walzen zu dürfen.
Er stimmte mit Gesten zu, die er konnte. Es waren Gesten aus dem vergangenen Jahrhundert.
Napoleons Stiefsohn hatte sich mit der Bemerkung entfernt, er werde dem Herrn Geheimrat auf den Fersen bleiben. Goethe hatte nicht reagieren können, wie es sich gehört hätte. Er hätte gern gewusst, worüber am anderen Tischende gesprochen wurde. Ulrike benutzte den frei gewordenen Stuhl nicht, sich wieder Goethe gegenüber zu setzen. Sie blieb Herrn de Ror und den mit ihm Debattierenden zugewendet. Sogar Amalie von Levetzow, die doch direkt neben Goethe saß, zeigte, dass sie jetzt auf de Ror und die, die mit ihm sprachen, gerichtet war.
Und Ulrike! Wie bei einer Sonnenblume hat sich jetzt bei ihr nicht nur der Kopf, sondern der ganze Oberkörper, ja einfach ihre Existenz auf die neueste Sonne zugedreht. Er sieht sie gerade noch halb von hinten. Denen ging es um Literatur, das hörte er. Ob in Wien oder Marienbad, nur noch zwei Namen: Byron und Scott. Da waren alle einer Meinung. Byron und Scott waren die einzigen Autoren, die man noch las.
Frau von Levetzow rief in die Debatte hinein: Und was hat Byron gesagt, meine Herren, und zwar über unseren Goethe: Er sei der undisputed sovereign of European literature.
Herr de Ror fand, das sei ein zweischneidiges Kompliment. Sovereigns, das seien doch die, die auf ihren Thronen einschlafen, während ein Byron nach Griechenland zieht, in den Befreiungskampf gegen die Türken, obwohl, nein, weil seine minderwertige Regierung auf dem Kongress in Verona per Veto verhindert hat, dass die europäischen Nationen den Befreiungskampf der Griechen gegen die osmanische Herrschaft unterstützen.
Byron hat Goethe gerade noch seinen Sardanapal gewidmet, sagte Frau von Levetzow mutig.
Das ist doch überhaupt keine Frage, Exzellenz, Sie sind das lebendigste Denkmal, das je eine Zeit beherrschte. Dieser Satz de Rors wurde von allen beklatscht.
Goethe fand es nötig, noch einen Satz zur Scott-Verehrung zu sagen. Dessen Zauber stammt, meine Herren, aus der Herrlichkeit der drei britischen Königreiche, aus dem Reichtum ihrer Geschichte. Und was haben wir vom Thüringer Wald bis zu den Sandwüsten Mecklenburgs, nichts. In Deutschland wird ein guter Roman immer die Ausnahme bleiben. Er habe für seinen Meister-Roman nur den allerelendesten Stoff gehabt, eine Vagantentruppe, die bei Provinzadeligen herumtingelt.
Dem wurde nicht widersprochen, aber daran weitermachen wollte auch keiner. Goethe ärgerte sich sofort darüber, dass er den Ruhm und Glanz der Scott-Romane auf Verhältnisse zurückführte, die nicht Scotts Verdienst waren.

Fortsetzung folgt

Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
Copyright © 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

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