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Montag, 25. Februar 2008

Auszug aus: "Ein liebender Mann"

Folge 2:

Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll, sagte Ulrike ziemlich heftig. Und sagte es nur zu Goethe. Wieder mit dem Blick.
Goethe fragte, ob er mehr sagen solle, als er wisse.
Da es sich um Naturwissenschaft handle, sagte sie, und nicht um Lyrik, dürfe Entschiedenheit erwartet werden.
Oh, sagte Goethe, unsere Ulrike führt nicht weniger als die Kritik der reinen Vernunft im Schilde.
Die Mutter: Sie müssen wissen, dass sie in Straßburg inzwischen Contresse Ulrike heißt.
Für Amalie eine Gelegenheit zu beweisen, dass sie inzwischen alles mitkriege: Comtesse und contre, ist ja alles französisch in dieser Schule.
Goethe sagte, zu einer Schule, die zu solchen Entdeckungen fähig sei, gratuliere er, und gab jetzt zu, wie glücklich es ihn mache, wieder im Kreis der Familie zu sitzen und plaudern zu dürfen. Das sei in Weimar, wo bei ihm immer auf Bedeutendes gelauert werde, ausgeschlossen.
Woran der Herr Geheimrat nicht ganz unschuldig ist, sagte Ulrike.
Zugegeben, Contresse, sagte Goethe. Dort ist mein Leben mehr Theater als Leben.
Und hier, fragte Ulrike.
Hier, sagte er und sprach nicht weiter, sah einfach Ulrike an, und sie schaute ihn an und sagte:
Ja, hier?!
Hier, sagte er, merke ich wieder, dass ich zwei Weimarer Winter lang darunter gelitten habe, zu wenig zu wissen von den Levetzows.
Die aber vor zwei Jahren, sagte die immer redebereite Amalie, von Ihnen noch viel weniger wussten. Das wollen wir nicht vergessen, dass unsere ältere Schwester, die doch immerhin schon siebzehn Lenze zählte, im ersten Jahr gleich zugegeben hatte, von Goethe keine Zeile gelesen zu haben. Dafür aber, o Graus, jede Menge Schiller.
Auf dem französischen Internat in Straßburg, sagte Ulrike, habe ich eben aus dem Deutschen nur den Ehrenbürger der Französischen Revolution vorgesetzt bekommen.
Und Goethe: Ich habe mir gestattet, euch daran zu erinnern, dass ich als Muster für die Jugend weniger tauge als Schiller, Gellert, Hagedorn und Geßner.
Und Ulrike: Und die Franzosen, haben Sie gesagt, sind mehr für Idylle und Stilisierung als für Natur und Wirklichkeit.
Ja, sagte Goethe, deshalb ist Salomon Geßner dort viel bekannter als hier, der passt da hin.
Aber Voltaire auch, sagte jetzt Ulrike.
Und den hat, sagte er, nicht mein Freund Schiller, sondern den habe ich übersetzt.
Sogar zweimal, sagte Ulrike, Zaire und Mahomet.
Keine ganz tollen Stücke, sagte Goethe.
Seit ich jetzt Bücher von Ihnen lese, sagte Ulrike, quält es mich, dass ich in keinem Augenblick weiß, wer Sie sind. Immer dieses allerhöchste Geflunker. Wunderbar wird da geredet, gedacht, gefühlt, aber wer ist er? Das möchte sie endlich doch wissen. Das nämlich sei die Wirkung, wenn man ihn lese, dass in einem eine belästigende, eine gemeine Neugier wachse, ihn, wie er selber, wie er wirklich sei, kennenzulernen. Dass er in eine Art Reichweite komme, dass man, wenn man Lust habe, nach ihm greifen könne. Ja, berühren wolle man ihn. Aber wer ist er?
Aber dafür ist Scott prima, platzte Bertha herein.
Stimmt, sagte Ulrike. Scott nicht kennenzulernen tut nicht weh.
Und Bertha, die offenbar nicht so genau wusste, um was es im Augenblick ging, sagte, sobald es in diesem Sommer wieder regne, werde wieder vorgelesen. Und zwar Scott. Sie hat den Schwarzen Zwerg dabei.
Die Mutter ergänzte, dass Bertha, was Goethe ihr letztes Jahr über das Vorlesen gesagt habe, noch und noch übe.
Jetzt Bertha zu ihren Schwestern: Mich hat er einen holden Herankömmling genannt. Und dass ich beim Vorlesen immer ganz tief anfangen soll und dann steigern.
Das war heute zu hören, sagte Goethe.
Und Bertha intonierte sofort noch einmal: Wo nicht als Trank, doch als beliebte Speise.
Ja, rief Goethe, die Speise nicht, weil sie den Schluss bildet, abfallen lassen, sondern hinauf und hinaus mit ihr, geliebte Speise, beides gleich stark und höher als jedes andere Wort.
Mich hat Exzellenz nichts als kritisiert, sagte Ulrike ganz ruhig. Sie mischte sich nie jäh ein, kam aber immer, wenn sie es wollte, zu Wort.
Ja, rief Bertha, du müsstest mehr Energie und Darstellungslebhaftigkeit entwickeln.
Ich will ja auch kein Tieck werden, sagte Ulrike.
Amalie: Was soll denn das wieder?
Und Ulrike: Kein Vortragskünstler.
Amalie holte sich das Wort zurück: Dass der Geheimrat kein Muster für die Jugend ist, haben wir mitgekriegt.
Und Goethe: Jetzt sei er aber gespannt.
Ja, Ihr Spiel, sagte Amalie, einer schlägt ein Thema vor, der Nachbar muss daraus eine Erzählung machen, aber jeder hat das Recht, ein Wort einzuwerfen, das in die Erzählung hineingenommen werden muss. Und welches Wort haben Sie Ulrike in ihre Erzählung geworfen? Strumpfband, Herr Geheimrat. Ulrikchen wurde rot

Stimmt nicht, dazu ist es nicht gekommen, rief Ulrike, weil der Herr Geheimrat, als ihm dieses Wort passiert war, sofort dazufügte: Strumpfband-Orden.
So, als habe er nie etwas anderes vorgehabt, sagte Amalie, wir wissen Bescheid.
Weil es ihm doch nicht recht war, im Kreis dieser zukunftsreichen Töchter als ganz unvorbildlich zu gelten, sagte er eher vor sich hin als in den Kreis hinein, er habe keinen Tabak geraucht, nie Schach gespielt, alles vermieden, was einem die Zeit raubt.
Und Ulrike: Das klang, als bedauerten Sie, so vorbildlich gelebt zu haben.
Wenn er schließlich im Schoß der paradiesischen Familie Levetzow gelandet sei, sagte er, könne nicht alles, was er gemacht habe, falsch gewesen sein.
So war das hingegangen.
Eigentlich hatte er nur Gelegenheiten gesucht, ihrem Blick zu begegnen. Das wusste er, als er dann über der Straße drüben in seinen bescheidenen Räumen, die er liebte, am Fenster stand und hinüberschaute ins recht gewaltige Klebelsberg’sche Kurhotel, hinüber zu den Fenstern im zweiten Stock, hinter denen Ulrike jetzt stand, saß, lag, las, dachte. Wie konnte er leben mit diesem Blick? Wahrscheinlich war es schon im vergangenen Jahr zu spät gewesen. Er war krank geworden im letzten Winter, schwer krank. Er hatte ihr geschrieben. Sie hatte geantwortet. Es war etwas. Aber was es war, hatte er erst heute erlebt. Ihre paar Briefe waren schon so gewesen, dass er sie niemandem zeigen durfte. Seine Briefe an sie waren immer nur zur Hälfte dem Schreiber John diktiert worden. Jedes Mal musste er selber noch etwas dazuschreiben, was keinerlei Inhalt zeigen durfte, aber verraten sollte, was durch Inhaltslosigkeit verheimlicht wurde. Es durfte nie an Ulrike allein, es musste immer auch an die Mutter geschrieben werden. Und doch und doch, das war alles erträglich. Einem weiteren Sommergeplänkel ließ sich entgegensehen. Dann dieser Blick, der alles veränderte. Da musste Sesenheim auftauchen, Friederikes bloße Mädchenhaftigkeit. Augen, in denen es heftig zuging, aber alles immer so schnell wechselnd, als müsse jede Stimmung, wenn sie deutlich werden will, sofort verlassen werden. Friederikes Mund wusste so wenig, was er tat, dass du ganz von selbst ihre Ignoranz und Neugier durch die deine ergänztest. Und Charlotte Buff, die große Sentimentale, die das Universum in einen Seufzer fasste und es darin untergehen ließ. Er steigerte, was sie in ihm geweckt hatte, ins Allergrößte. Werthers Lotte. Mit Recht beschwerte sie sich nachträglich über das, was er in der Novelle aus ihr gemacht hatte. Werthers Lotte, das war er, genau so wie Werther. Und Christiane, das große Gefühl, das sich nicht zu groß war für jede Anpassung. Es gab keine Situation, die sie nicht durch Unterwerfung beherrschte. Dann Marianne, die ganz und gar verwandt sein wollte und es durch eine ungeheure Seelenenergie auch schaffte, sich bis zur Selbstauflösung anzuverwandeln. Aber das nur als Kostümball. Als kulturelle Sensation. Als literaturgeschichtliche Prachtsanekdote. Und Ulrike. Zwei Jahre Mädchenzauber aus lauter stimmungsvollen So-nicht-Gemeintheiten. Noch im vergangenen Jahr eine feine Unerwecktheit, ein lebhaftes Dabeiseinwollen, immer bemüht, nichts falsch zu machen, eine Landschaft, über der die Sonne noch nicht aufgegangen ist, und jetzt, die Sonne ist aufgegangen, die Landschaft lebt. Jetzt ihr Blick. Es gibt keine Gegenwehr. Du wüsstest nicht, wogegen du dich wehren solltest. Du bist gefangen. Gefangener dieses Blicks.

Fortsetzung folgt

Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
Copyright © 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

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Gemäß unserer Vereinbarung mit dem Rowohlt Verlag veröffentlichen wir auf unseren Internet-Seiten immer nur 20 Walser-Folgen in Summe: die ersten zehn (darunter sieben Folgen mit Autoren-Lesung) sowie die jüngsten zehn.

Audio-Streams mit freundlicher Genehmigung von:
NDR-Kultur


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