Auszug aus: "Ein liebender Mann"
Folge 3:
Er musste noch an den Schreibtisch. Diese Ulrike, die Contresse Ulrike gehört in den Roman, in die höchst fällige zweite Fassung seines Wanderjahre-Romans. Hersilie ist die Figur, die er durch die Contresse bereichern kann. Aber darüber nie ein Wort zu Ulrike. Auch wenn du ihr zu gern hinplaudern würdest, dass sie in deinen Roman kommt, beherrsch dich! Man darf einer Quelle nicht sagen, dass sie eine ist. Sie wäre dann nicht mehr rein.
Er konnte nicht ins Bett. Nur jetzt nicht hinein in jene Selbstverlorenheit, die Schlaf heißt. Wenn er hoffen könnte, von ihr zu träumen, dann ja. Aber so! Eine Wachheit, in der er ununterbrochen an sie denken, sie sich vorstellen konnte, eintauschen gegen einen Schlafzustand, in dem sie höchstwahrscheinlich gar nicht vorkommen kann. Noch nicht.
Auf und ab gehen. An jedem Fenster stehen bleiben. Hinüberschauen. Hinter welchen Fenstern schläft sie? Letztes Jahr hatte auch er im Klebelsberg’schen Haus, das sowohl ein Palais wie ein Hotel genannt wurde, gewohnt. Abgesehen davon, dass die junge Witwe Levetzow die Lebensgefährtin des Grafen Klebelsberg war, hatte ihr Großvater Broesigke im Palais ein ewiges Hausherrenrecht. In diesem Jahr wollte auch der Großherzog Carl August in Marienbad kuren, und da er mit den Familien Broesigke, Klebelsberg und Levetzow seit langem befreundet war, musste er in deren Haus wohnen. Und zwar im ersten Stock, in der Fürsten-Suite, die Goethe im Jahr davor bewohnt hatte. Carl August war bald seit fünfzig Jahren Goethes Landesherr, Goethes Chef und Goethes Freund. Goethe hätte wieder im Klebelsberg-Palais wohnen können, aber er hatte die Goldene Traube gegenüber vorgezogen. Und nach dem, was jetzt passiert war, musste er sich wundern über den weisen Instinkt, der ihn ins Haus gegenüber gelenkt hatte. Jetzt mit ihr unter einem Dach, aber getrennt durch Stockwerk und Wände. Er hätte irgendein Geräusch erfinden müssen, das bis zu ihr gereicht hätte, um ihr zu melden, dass er da sei und nicht atmen könne, wenn sie nicht erfahre, spüre, höre, dass er da sei. Und nur für sie da sei. Sie hat ein kleines Gesicht. Trotzdem eine Nase, die man nicht Näschen nennen darf. Und zwetschgensteinförmige Augen, die eben die Farbe wechseln. Aber glänzen tun sie immer. Das hatte er schon aus den vergangenen Jahren mitgenommen: diese nie müden, nie matten, diese immerzu blau und grün leuchtenden Augen. Meistens sind sie doch nicht blau oder grün, sondern blaugrün. Er musste sich ihrem Mund zuwenden. Kein Lippengebirge, eine volle und ganz harmonisch verlaufende Oberlippe, die sich auf die bescheiden dienende Unterlippe verlassen kann. Fast ein bisschen einsam, dieser Mund in der unteren Gesichtshälfte. Die Nase bleibt auch für sich. Sie hat eine eher ahnbare als wahrnehmbare Brechung. Sie will einfach nicht spannungslos und langweilig gerade verlaufen. Wer nicht richtig hinschaut, glaubt, sie ende spitz. In Wirklichkeit endet sie in einer zuletzt noch gerundeten Spitze. Sie endet eben, wie eine Nase über diesem einsam schönen Mund enden muss: zu ihm hinführend, ohne ihm zu nahe zu kommen. Eine grandiose Unaufdringlichkeit hat dieses Gesicht. Hat die ganze Ulrike. Jetzt bereute er, dass er immer nur Landschaften und nie Menschen gezeichnet hatte. Dieses Ulrike-Gesicht ist allerdings auch das erste Gesicht in der Lebensgalerie seiner Gesichter, das er gern gezeichnet hätte. Es ist eine Landschaft im Licht. Wenn er kein Zeichner, sondern ein Maler wäre, hätte er gesagt: in einem überirdisch strahlenden Licht. Das könnte man malen, zeichnen nicht.
Er musste vor den großen Spiegel im Ankleidezimmer. Lampen auf beiden Seiten des Spiegels.
Der Wirt der Goldenen Traube war ortsbekannt als Lichtfanatiker. Er ließ keine Messe aus, auf der eine neue Lampenart zu erhoffen war. Das war eine Nachricht, die dem Geheimrat die Wahl dieses Hotels angenehm gemacht haben konnte. Er brachte die Hände auf dem Rücken zusammen, das ergab seine eingeübte, stattliche Erscheinung. Er musste hinüber ins Arbeitszimmer und aus einer Schublade die Wiener Zeitschrift holen, die ihm ein Herr Braun von Braunthal zugeschickt hatte, weil er, der einundzwanzigjährige Dichter, seinen Besuch bei Goethe in Weimar beschrieben hatte. Goethe lachte jedes Mal, wenn er in diesem Report den Teil las, und er las immer nur den, der sich mit seiner Erscheinung beschäftigte:
In jenem Augenblicke aber war mir das nicht die banale Hülle eines Zivilisationsmenschen; Goethe erschien mir da, indem er eine Sekunde lang bei der Türe anhielt und mich ins Auge fasste, wirklich wie ein Standbild des Zeus aus parischem Marmor. Dieses Haupt! Diese Gestalt! Diese Haltung! Schönheit, Adel, Hoheit! Bereits ein Greis von dreiundsiebzig Jahren, das wellenförmig um den starken Nacken fallende Haar weiß wie frischgefallener Schnee, die edlen Züge noch fest, die Muskeln noch stramm, die hochgewölbte Stirne glatt und rein wie von Alabaster, die Lippen mit dem unverkümmerten Ausdruck von Selbstgefühl, Würde und Milde zugleich, das kraftkündende Kinn noch ungesenkt, und endlich diese Augen, diese herrlichen himmelspiegelnden reinen blauen Miniatur-Bergseen! Von allen seinen Abbildungen, die mir bis dahin zu Gesicht gekommen, entsprach auch nicht eine dieser bewundernswerten Gesamtheit von Größe, Schönheit und Kraft; man konnte, im höchsten Aufwande der Kunst, solchen Verein wohl, wie es auch geschehen, plastisch gestalten, aber nie in einem Farbenbilde wiedergeben; dies ebenso wenig, als man den Monte Rosa oder Mont Blanc, verklärt von den Strahlen der untergehenden Sonne, zu malen vermag. So erschien Goethe, und mein Geist huldigte ihm. Wie pries ich mich glücklich, ein noch nicht bedeutender, ein angehender Mensch zu sein; wusste ich ja doch, dass er vielsagenden Männern, ganz fertigen Menschen bisweilen den Zutritt verweigerte, und sah ich ja an seinem Negligé, dass er bei mir entweder eine Ausnahme oder mit mir wenig Umstände machte. Er fasste mich ins Auge wie die königliche Boa Constrictor ein Reh. Nur zermalmte er mich nicht, sondern schritt langsam dem Diwan zu, dem "westöstlichen", mich mit sanfter Handbewegung einladend, ihm zu folgen und dann – o Wonne – an seiner Seite mich niederzulassen. Er begann mildernst das Gespräch, und dabei empfand ich durch alle Glieder einen wohltätig erschütternden elektrischen Schlag, der davon herrührte, dass der herrliche Dichtergreis meine Hand, meine vor Entzücken und Verehrung zitternde Hand, sanft erfasste und mit seinen beiden Händen weich umrahmte, wobei er, den Blick auf mir ruhen lassend, also sprach . . .
Er legte die Zeitschrift mit einander widerstreitenden Empfindungen in die Schublade zurück, ging wieder hinüber vor den Spiegel, lächelte ein wenig und sah die Lücke, in der einer seiner Vorderzähne fehlte. Seit dreizehn Jahren. Er hatte sich noch nicht daran gewöhnt. Allerdings hatte er seine Mundpartie so diszipliniert, dass die Lücke in Gegenwart von Leuten nie erschien. Hoffte er. Die Schwiegertochter Ottilie hatte er beauftragt, darauf immer zu achten und ihm, wenn die Lücke durch irgendwelchen Stimmungsübermut zu sehen gewesen war, Meldung zu erstatten. Er fand, Ottilie habe diese Meldungen immer mit etwas zu greller Lust exekutiert. Sich selber verbarg er die Lücke nicht. Wenn er allein war. Also jetzt. Es war Ulrike, die sie erscheinen ließ. Als hätte er, was jetzt passierte, vorausgewusst oder befürchtet, hatte er in seinem gerade herausgekommenen Mann von fünfzig Jahren geschrieben, mit so einer Lücke um eine junge Geliebte zu werben sei ganz erniedrigend.
Er ging ins Schlafzimmer, legte sich, wie er war, aufs Bett und suchte bei den Figuren seiner Bücher nach einem Satz, der ausdrückte, was ihn jetzt beherrschte. Es gab diesen Satz. Er hatte ihn aus dem Gedächtnis ziemlich schnell heraufgeholt. Sein Wilhelm hatte, schon als er noch jung war, gedacht: So ist denn alles nichts.
Wenn er, 74, sie, 19, heiraten würde, wäre sie, 19, die Stiefmutter seines Sohns August, 34, und seiner Schwiegertochter Ottilie, 27. Mit solchen Rechnungen fand er sich beschäftigt, als er vor dem Frühstückstisch saß, für den Stadelmann jeden Morgen alles, was man sich wünschen darf, aus dem Traiteur-Haus holte.
Stadelmann, den er schon im vergangenen und vorvergangenen Jahr zu einem Stein-Kenner ausgebildet hatte, schickte er heute auf den Wolfsberg, um Augite herauszuklopfen. Auch ein Feldspat-Zwillingskristall wäre hochwillkommen, gab er ihm noch mit. Dem Schreiber John sagte er, dass heute erst um elf diktiert werde.
Fortsetzung folgt
Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
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