Auszug aus: "Ein liebender Mann"
Folge 37:
Größte Vorsicht, wenn erwähnt wird, wer auf dem Weg von Dresden nach Paris in Weimar Station macht, wie neulich der Komponist Lecerf.
Größte Vorsicht bei Unterhaltungen über Musik: Ob Musik seelische Wunden heile oder verschlimmere. Vorgestern ganz verkehrt, Madame Szymanowska für ihr großartiges Klavierkonzert zu danken als eine Heilung seelischer Wunden. Ottilies Blickwechsel mit August.
Peinlichster Fehler gestern, als beim Abendessen ein Toast auf die Erinnerung ausgebracht wurde, harmlos, absichtslos von der Mutter Egloffstein. Dann mein Zornausbruch gegen dieses Wort, gegen er-innern, als sei das nötig, wo doch alles schon in uns ist, und wie! Ein törichtes Wort: Er-innerung! Mein Ausbruch verriet alles, was ich sorgfältig verberge. Blickwechsel rundum.
Allergrößte Zurückhaltung beim Thema Schmuck. Weder dafür noch dagegen.
Gefährliche Sekunde neulich. Der junge Dichter Platen zitierte eine Stelle aus den Wanderjahren: Der Reisende mit geborgtem Namen. Hat ihm gefallen, obwohl so etwas sicher nie vorkomme. Ich habe den Vornamenlosen, der überhaupt nicht hergehörte, nicht unterdrücken können. Kanzler von Müller, der Einzige, der vielleicht etwas ahnte. Die anderen befremdet.
Sobald jemand von Kupferstichen anfängt, bin ich nicht mehr da, weil Ulrikes Mutter deutlich gesagt hat, am schönsten finde sie es, wenn Ulrike und ich nebeneinandersitzen und Kupferstiche aus Raffaels Zeiten anschauen.
Riemer gestern: Etwas sicher wissen und sich selber danach richten ist zu viel verlangt. Das ging gegen mich. Ottilie hat auch sofort versucht, mich hineinzuziehen. Ich bin ausgewichen: So simpel sind wir eben nicht verfasst, das Wissen lenkt uns weniger als das Glauben. Ottilie kniff ihren sowieso nicht vorhandenen Mund zusammen.
Gefährlich: Wenn der Nebel über den Wäldern hängt wie in Marienbad nach den Regennächten. Wie soll ich nicht daran denken, dass ich zu Ulrike gesagt habe: Sieht aus, als söffen die Tannenspitzen im Nebelmeer. Söffen hatte Ulrike noch nie gehört. Damit hatte ich gerechnet. Solange nach Regennächten Nebel verhängt ist, muss ich mich hüten.
Aufpassen: Den Ekel vor Paaren nicht beherrschend werden lassen.
Sobald das Wort Kissen vorkommt, mit aller Kraft die sich aufdrängende Erinnerung an den Vormittag verundeutlichen: Wie sie auf dem Sofa Platz nahm und dabei den linken Arm mit einer ganz unnötig weit ausholenden Bewegung auf dem großen gelben Kissen landen ließ.
Aufpassen, der Mund! Jedes Mal, wenn ich an einem Spiegel vorbeikomme, seh’ ich, mein Mund ist verkniffen. Der linke Mundwinkel. Verzerrt. Regelmäßige Lippenbewegungen. Entspannung der ganzen Mundpartie. Nichts passt so wenig zum edel Entsagenden wie dieser nach links abwärts gezerrte Mund.
Aufpassen, sobald eine Nachricht eintrifft, die mit Heirat zu tun hat! Dreimal hinschauen, dass nicht mehr so eine Blamage passiert wie mit Knebel! Nicht der fünf Jahre ältere Knebel hat geheiratet, sondern sein Sohn!!!
weimar, 19. oktober 1823
Liebe Ulrike,
Ein liebender Mann.
Als wir Du sagen durften, habe ich Dir auf der Waldwiese die Lupine gepflückt, die auf uns gewartet hat. Unter blauen und roten Lupinen habe ich diese eine gepflückt, die rote. Das düster glühende Lupinenrot liebe ich. Bevor ich sie Dir habe geben können, bist Du in die Wiese hinausgegangen. Du trittst, wie Du durchs Gras gehst, nichts nieder. Ich habe Dir zugeschaut, wie Du Dich gebückt hast, wie leicht Du Dich gebückt hast, wie schön Du warst, als Du Dich gebückt und Deine Lieblingsblumen gepflückt hast. Und bist zurückgekommen mit dem Arnikastrauß und hast den dichten gelben Strauß geöffnet für meine Lupine. Die ließ ihr Düsterrot in Deinem Schwall Gelb untergehen. Wir haben dazu gelacht. Nicht laut. Aber Gesichter von Lachenden haben wir gehabt, als wir dann zurückmarschierten in die Welt, die Karlsbad heißt.
Was soll ich noch, als sagen, was war. Weißt Du, Du kannst es nicht wissen, ich muss es sagen, was der Abbé, meine Pädagogikschublade Nr. 1 in Wilhelm Meisters Lehrjahren, sagt: Alles ist relativ. Du wirst es noch erleben, dass nach all den absolutistischen, dogmatistischen, nationalistischen und humanistischen Schwärmereien ein paar Besonnene auf diesen Satz kommen werden. Der Satz ist unfertig. Das macht ihn nicht weniger brauchbar. Wer aber seine Unfertigkeit erfährt, soll es doch sagen. Sonst gilt der Satz mehr, als er gelten soll. Alles ist relativ, ausgenommen die Liebe. Das ist eine Erfahrung. Meine Erfahrung durch Dich. Du musst Dir gefallen lassen, dass ich es Dir sage. Du bist einzigartig. Mit Deiner Einzigartigkeit beherrschst Du mich. Tag und Nacht. Gibt es nicht tausend Mädchen, Frauen, so und so gewachsen, so und so lachend, gehend, tanzend, schauend, ja, auch schauend, gibt es nicht Wunderwerke von Mädchenblicken, Frauenaugen, tiefe Märchenseen, wartend auf den Sturm, der ihren Reichtum zur Welt bringt? Kann sein, kann sein, kann sein. Für mich ist keine einzigartig. Vielleicht bin ich der Einzige, der Deine Einzigartigkeit erlebt. Vorstellbar ist es nicht. Aber denken tu ich das gern. Wenn ich der Einzige bin, der Deine Einzigartigkeit erlebt, dann musst Du doch mein sein. Das ist die schönste, die platonische Märchenvorstellung: Jeder Mensch ist einzigartig, aber nur für einen einzigen Menschen. Und der bist Du für mich. Ich muss mir dafür nicht aufzählen, was Eigenschaft heißt oder Haarfarbe. Wenn ich der Einzige bin, für den Du einzigartig bist, bleibt nur noch zu fragen: Bin ich einzigartig für Dich? Ich bin’s nicht. Sonst wärst Du längst hier. Eingebrochen, hereingeklettert bei Regen und Sturm, ohne Rücksicht auf jede Art von entgegenstehender Ordentlichkeit. Du bist trotzdem einzigartig für mich. Diese Asymmetrie ist die Schere, die das Unglück misst. Dafür weiß ich, was Liebe ist. Vorschnell habe ich mir im Divan den Einlass ins Paradies erschrieben. Das Leben hatte mich borniert gemacht. Großgetönt habe ich:
Nein! Du wählst nicht den Geringern!
Gib die Hand, daß Tag für Tag
Ich an Deinen zarten Fingern
Ewigkeiten zählen mag.
Diese tändelnde Gewissheit ist mir jetzt zerschlagen worden. Ich verwünsche die kulturelle Wünscherei. Aber die Utopie, vermag sie nichts? Wenn Sie wieder überdeutlich abwesend sind, lande ich bei der Neuen Héloïse und dergleichen, flüstere vor mich hin: Und zu den Füßen seiner Geliebten sitzend, wird er Hanf brechen, heute, morgen und übermorgen, ja sein ganzes Leben.
Wird er? Sag es ihm. Bald.
Es gibt das Paradies: Zwei für einander. Es gibt die Hölle: Einer fehlt.
Liebe Ulrike, Dir mute ich zu, was ich den armen, von naturlosen Traditionen Betäubten meiner Kreise nicht zumuten kann. In Karlsbad, wo man dichter aneinander vorbeiflanierte, hat einer, als er uns eng nebeneinandergehen sah, herübergewitzelt: Sie probieren wohl Ihre Unsterblichkeit aus. Das ist Kulturgeschwätz. Dir, die denkt und nie nachäfft, kann ich sagen, was ich, weil ich aufgepasst habe, weiß: Einige Naturen erleben eine wiederholte Pubertät, während andere nur einmal jung sind. Das ist kein Künstlerprivileg. Es ist kein Geschenk der Natur. Es will erworben sein durch Arbeit. Diese Arbeit ist moralfrei. Wie Muskulatur, Augenkraft, Gehör, Stimme, Herzklopfen, Hufeland nennt’s Lebenskapazität. Das war die Epistel von dem, was wirklich ist.
III
Brief von Ulrike.
Ulrikes Brief glitt ihm aus den Händen. Er hatte ihn nicht zu Ende lesen können. Jetzt lag der Brief vor ihm auf dem Boden. Ein Brief auf blauem, gerändertem Glanzpapier. Er durfte sich nicht bücken. Stadelmann. Der kam sofort. Goethe zeigte auf den Brief. Stadelmann hob den Brief auf und ging deutlich rücksichtsvoll aus dem Zimmer. Er hatte den lavendelblauen Brief mit der heutigen Post gebracht. In Marienbad und Karlsbad hatte er öfter lavendelblaue Briefe zu bestellen gehabt. Goethe sah, seine Hände zitterten. Sein Herz hämmerte. Er musste atmen. Er atmete nicht von selbst. Immer erst, wenn es zu spät war. Dann japste er nach Luft. Dann wieder nichts mehr. Bis es wieder zu spät war. Er versuchte zu atmen, bevor er wieder japsen musste. Nur ganz flach anatmen konnte er. Hin und her gehen. Ja, er ging hin und her. Sogar ziemlich rasch. Er beeilte sich. Es musste entschieden werden, ob er Ulrikes Brief zu Ende lesen konnte. Gelesen hatte er bis zu dem Satz, in dem mitgeteilt wurde, Herr de Ror werde am 31. Oktober in Straßburg erwartet. Im Ulrike-Stil. Kurz, knapp, ohne Verzierung.
Fortsetzung folgt
Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
Copyright © 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Gemäß unserer Vereinbarung mit dem Rowohlt Verlag veröffentlichen wir auf unseren Internet-Seiten immer nur 20 Walser-Folgen in Summe: die ersten zehn (darunter sieben Folgen mit Autoren-Lesung) sowie die jüngsten zehn.



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