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Mittwoch, 09. April 2008

Auszug aus: "Ein liebender Mann"

Folge 38:

Dieser Mitteilung ging voraus, wie es zu diesem Besuchstermin kommen konnte. Graf Klebelsberg und die Mutter haben dafür gesorgt, dass der Kontakt mit Herrn de Ror nicht abriss. Jetzt meldete de Ror entweder direkt der Mutter oder auch wieder über den Herrn Finanzminister, dass er eine sensationelle Kollektion aus Brasilien zu zeigen habe. Edelsteine, wie sie Europa noch nicht gesehen hat. In Paris, in Wien, in Dresden oder, warum nicht, in Straßburg. Und die Mutter oder Graf Klebelsberg oder beide, wahrscheinlich beide, sagen. Straßburg. Ulrike wird das als Beschluss mitgeteilt. Sie kann wohl nichts dagegen haben, dass man sich bald einmal wieder sieht. Und wie herzlich Herr de Ror alle grüßen lässt. Besonders natürlich die Schönheit namens Ulrike. Er hoffe immer noch, in Ulrike eine dem Schmuck günstige Empfindung zu wecken. Ihren aphrodisischen Hals und die schwellenden Ohrläppchen so zu vernachlässigen sei eine Sünde . . .
Dann war ihm der Brief aus den Händen gefallen. Stadelmann hatte den Brief aufgehoben, hatte eine Sekunde lang gewartet, ob er den Brief seinem Herrn in die Hände geben oder ob er ihn auf den Tisch legen sollte, hatte dann schnell entschieden, ihn auf den Tisch zu legen. Da lag er jetzt. Das eilige Hin- und Hergehen hatte genützt. Er atmete wieder richtig. Er mäßigte das Tempo. Trotz dieses Inhalts hatte er, als er den Brief las, noch gedacht: Ganz und gar Ulrike. Wie auf ihren Billetts in Marienbad. Eine Sprache ohne Schmuck. Da war er wieder bei ihrem Hals, bei ihren Ohrläppchen. Ihr aphrodisischer Hals. Das fand er noch nichtssagender als die schwellenden Ohrläppchen. Der Blick des Schmuckverkäufers entdeckte natürlich, was da fehlte. Dass Ulrike aber einen Anti-Schmuck-Affekt beherbergte, weil ihre Mutter immer herumlief wie eine Schmuckwarenmesse auf zwei Beinen, das begriff ein Herr Velozifer nicht.
Er musste hin und her gehen. Das Tempo musste er wieder steigern. Er musste so schnell gehen, dass er mit Atemholen beschäftigt war. Und wenn er so hin und her rannte, wusste er auch, warum sein Herz gegen die Brustwand hämmerte und im Hals heraufschlug. Sein Herz, das gefangene Tier. Er, der Gefängniswärter. Mit welcher Uhr soll er die Sekunden von heute bis zum 31. Oktober zählen. Heute, der 24. Oktober. Er würde den Brief heute nicht mehr zu Ende lesen. Er ging zum Schreibtisch, da lag der dritte Band des Adelung’schen Wörterbuchs der Hochdeutschen Mundart. Ganz von selbst griff er nach dem großen dicken Buch und legte es auf den Brief. Konnte er aufatmen? Ja. Er atmete auf. Lächerlich. Aber von solchen Vorstellungen lebt man. Dass der Brief jetzt unter dem großen dicken Buch lag, tat ihm fast gut. Eine Art Racheempfindung. Das einzig Wichtige: Das Lavendelblau war weg, aus dem Zimmer, aus der Welt. Und merkte, wie dumm er dachte. Der große dicke Adelung-Band war ein Denkmal für den darunter liegenden Brief. Deutlicher als mit diesem Riesenbuch konnte die Anwesenheit dieses Briefs in diesem Zimmer nicht demonstriert werden. Mag der Adelung auch an nichts als an den lavendelblauen Brief erinnern, trotzdem ist er nicht dieser lavendelblaue Brief. Egal, was an was erinnert: Wenn er den lavendelblauen Brief nicht sieht, wird es leichter fallen, ihn nicht zu Ende zu lesen. Es gab keinen Grund, diesen Brief zu Ende zu lesen. Wenn er ihn wieder in die Hände nähme und die Stelle fände, bis zu der er gelesen hatte, müsste er mehr als einen dieser schlimmen Sätze noch einmal lesen, zumindest Wörtern würde er beim Überfliegen begegnen, den schwellenden Ohrläppchen, dem aphrodisischen Hals, der Schönheit namens Ulrike.
Bevor er den Brief auch nur berühren konnte, musste er verstehen, wie es Ulrike möglich gewesen war, ihm diesen Brief zu schreiben. Der Brief fängt harmlos an. Der Brief fängt sogar lieb an. Hinreißend fängt er an. Sein Herz hatte sofort schneller geschlagen, als er las, wie Ulrike ihr Elegie-Erlebnis darstellte. Das war der Herzschlag der Belebung, der sofort spürbaren Lebenssteigerung. Ihm war es so leicht geworden wie noch nie, als er las, wie sie die Elegie gelesen hatte! Gelesen, wieder gelesen, gelesen, bis sie sie auswendig konnte. Sie hat die Elegie, schreibt sie, nicht nur mit den Augen gelesen, sondern mit ihrem ganzen Körper. Mit Leib und Seele hat sie sie gelesen. Das lesend, hat er sich so glücklich gefühlt wie noch nie in seinem ganzen Leben. Noch nie war er so leicht, so lebendig, so für jede Höhe bestimmt, zu jeder Höhe fähig. Auf und ab sei sie, schreibt sie, die Elegieverse gegangen. Man darf dieses Gedicht nicht lesen, schreibt sie. Man muss es begehen. Wie man ein Fest begeht. Es könne kein Gedicht, nichts Sprachliches geben, das so zu Herzen gehe, so das ganze Schicksal enthalte. So schwer das sei, was in diesem Gedicht, was durch dieses Gedicht geschehe, das Gedicht macht es schön. Durch dieses Gedicht wird jeder Schmerz schön. Und schön zu werden ist offenbar das Höchste, was einem Schmerz geschehen kann. Sie liebe jede Zeile. Die dunklen und die hellen, alle gleichermaßen. Sie gestehe, sie sei stolz, dass sie sich ein bisschen als Adressatin dieses Gedichts fühlen könne. Und stolz, weil sie wisse, kein Mensch, in tausend Jahren wird kein Mensch dieses Gedicht so innig verstehen wie sie. Es sei ihr Gedicht. Ihr Leben. Ihr Schicksal. Ihr Gedicht.
Ja, wie hätte da sein Herz nicht schneller schlagen sollen! Wie hätten ihn diese Ulrike-Sätze nicht in jede Höhe fliegen lassen müssen! Dann die Wende. Der Sturz. Die Mutter ist schon in Straßburg. Am nächsten Tag soll der Graf kommen. Am 31. Oktober Herr de Ror. Und das wegen der Edelsteine aus Brasilien . . .
Wenn er die ersten Seiten des Briefes ohne die folgenden lesen könnte. Stadelmann bitten. Geht nicht. Alles, was du jetzt tust, kann falsch sein. Muss falsch sein. Nur hin und her rennen, so schnell, dass du kaum noch kannst, das geht. Oder hinausrennen, anspannen lassen, Stadelmann soll losfahren, so schnell wie noch nie, weg aus diesem Haus, in dem dieser Brief liegt, aus diesem Haus, in dem offenbar erwartet wird, dass er alles hinnehme, was ihm in diesem Haus passieren kann. Rannte zum Tisch, hob das Buch weg, nahm den Brief, rannte in die Schlafkammer, spürte sofort, dass das die richtige Entscheidung war, rief nach Stadelmann, keine Störung! Dann ließ er sich in den von der Gräfin Egloffstein geschenkten Ohrensessel fallen und spürte nicht einmal mehr den kleinen Protest gegen die Bezeichnung Großpapa-Stuhl, den er fast immer, wenn er in diesem Sessel Zuflucht suchte, zuerst noch wegwischen musste. Weil sie den Stuhl zur Geburt des Enkels Walther geschenkt hatte, war die Bezeichnung, die er nicht mochte, geblieben. Wahrscheinlich hatte Ottilie dafür gesorgt, dass sie blieb. Ach ja, und der 31. Oktober, der Tag des Herrn de Ror, ist Ottilies Geburtstag. Achtundzwanzig. Das ist Dramaturgie! Das wird ein Tag, der, solang er unvorstellbar ist, interessant aussieht.
Er nahm den Brief, überflog die schönen und die schrecklichen Seiten. Er fand die Stelle: also am Freitag, dem 31. Oktober. Dann las er den Brief zu Ende, dann legte er den Brief aufs Bett. Das Herz hatte wieder angefangen zu hämmern. Die Seele ist ein Organ. Das wusste er jetzt. Du kannst an der Seele sterben. In seinem Kopf wirbelte Ulrikes Botschaft. Der stürmische Schmuckmann will verkaufen, die Mutter ist schon ganz wild auf die Steine aus Übersee, Ulrike wird ihn diesmal fragen, ob sie ihrem Freund Goethe den Vornamen sagen dürfe, sie kommt doch gar nicht mit in sein Hotelzimmer, Steine interessieren sie einfach nicht, gut, beleidigen will sie den Stürmischen auch nicht, aber eine Kundin wird sie nie, dafür hat die Mutter gesorgt, de Ror hat die Nacht im Sommer vielleicht vergessen, der ist sicher immer so stürmisch, kann er ja, falls sie mit denen hingeht, um neun muss sie zurück sein im Internat, die Mutter will eine Sondererlaubnis, will sie nicht, warum auch, obwohl, wenn sie mitginge, interessant wäre, ob er, wenn man ein zweites Mal mit ihm die Mitternachtsgrenze passierte, wieder denselben Vornamen preisgäbe. Wenn sie Goethe den Vornamen sagen dürfte, würde er sofort verstehen, was sie meint. In der einen Mitternacht so, in der nächsten anders. Das würde ihr überhaupt die Vornamenlosigkeit erklären. Und wenn er dann einmal eine heiratet, bleibt der Vorname, den er sich in der ersten Mitternacht mit ihr gegeben hat. Alles Spielerei. Ein Schmuckhändler eben, bei dem alles zum Geschenk wer den soll. Auch der Vorname. Ein Übersetzer von tausend Gedichten, von denen kein einziges auch nur verglichen werden darf mit der Marienbader Elegie. Die Elegie, Exzellenz, hält uns, schützt uns, eint uns. Sie lebt. Und wir mit ihr. Ihre Ulrike.


Fortsetzung folgt

Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
Copyright © 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

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